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Über Leben schreiben. Metzlers Handbuchserie entdeckt die Biographie als literarische Gattung

Eine Rezension von Gerrit Lembke (Kiel)

Klein, Christian (Hg.): Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien. Stuttgart: Metzler, 2009.

Das Handbuch Biographie stellt in 59 Beiträgen die Vielfalt der biographischen Praxis in verschiedenen Medien aus soziologischer wie literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive dar. Biographik nimmt als "kulturelle Universalie" (S. XII) einen großen Raum in unserer Gesellschaft ein, wenn man bedenkt, wie präsent die Darstellung fremden und eigenen Lebens in Buchhandlungen, im Fernsehen und im Internet ist. Trotz der gelegentlichen 'Ecken und Kanten', die solche breit angelegten Handbuchprojekte unvermeidlicherweise mit sich bringen, kann dieses als 'rundum' gelungen gelten. 


Mit dem vorliegenden Handbuch Biographie des Wuppertaler Literaturwissenschaftlers Christian Klein steigt die Flut an Handbuch-, Einführungs- und Überblicksliteratur weiter an. Nicht erst seit der zunehmenden Verschulung der akademischen Lehre, sondern bereits seit der zunehmenden Öffnung des Faches gegenüber den Nachbardisziplinen und -philologien, anderen Medien und lange Zeit tabuisierten Trivialformen wächst das fachinterne Bedürfnis, in Form von breit angelegten Kompendien über das Wichtigste im Datendschungel informiert zu werden. Christian Klein hat sich bereits in mehreren Herausgeberschaften (Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens 2009 und Grundlagen der Biographik. Theorie und Praxis des biographischen Schreibens 2002) mit Narrativität und Biographik beschäftigt. 

Im ersten der acht nun vorliegenden Kapitel werden "Bestimmungen und Merkmale" (S. 1–43) biographischen Schreibens dargestellt. Hier beleuchten die Autoren/Beiträge nach begriffsgeschichtlichen Ausführungen über die Gebrauchsgewohnheiten von "Vita", "Porträt" oder "Lebensbeschreibung" vor allem gattungskonstitutive Problemfelder wie "Narrativität" oder "Biographiewürdigkeit". Sven Hanuschek ("Referentialität") stellt mit Bezug auf Hans-Jürgen Goertz und Hayden White die Objektivität historischer Fakten generell in Frage, ohne allerdings die 'biographischen Fakten' zu leugnen: Die Fakten sind evident, aber die Referenz ist nur mehr sprachliches Konstrukt, das – so die Lehre aus der radikalen Kritik Hayden Whites – keine Objektivität mehr beanspruchen könne, sehr wohl aber Plausibilität, die damit zum entscheidenden Kriterium biographischer Praxis wird. Insofern nimmt Hanuschek, selbst Verfasser einiger Biographien (Elias Canetti 2005; Erich Kästner 2004), keine radikale Position ein, sondern vertritt eine kritische Haltung zu Möglichkeiten und Grenzen historischer Referenz.

Das zweite Kapitel fasst unter der vagen Überschrift "Zentrale Fragen und Funktionen" (S. 45–102) recht heterogene Fragestellungen zusammen, die das Spektrum von "Inszenierung und Authentizität" bis zum Zusammenhang von "Biographie und Anthropologie" abdecken. Astrid Erll ("Biographie und Gedächtnis") versteht Biographien als Erinnerungsorte, die ein kulturelles Gedächtnis zugleich stiften, aber auch kritisch reflektieren können. Sie stellen im Gegensatz zu Autobiographien eine "kulturelle Mnemotechnik" (S. 80) dar, die ein 'Weitererzählen' selbstbiographischer Erinnerungsleistungen praktizieren, das immer an den Bedürfnissen der jeweiligen Gegenwart ausgerichtet ist und insofern ebenso viel über den Biographen (und seinen kulturellen Ort) verrät wie über den Biographierten. Als biographische Funktionen im Hinblick auf das kollektive Gedächtnis können die Speicherung und Zirkulation den Vergangenheitsversionen und Gedächtnisbildung sowie -reflexion gelten, deren Untersuchung das Ziel einer literatur- und kulturwissenschaftlich orientierten Biographieforschung sein könnte.

Die Beiträge des dritten Kapitels widmen sich "Formen und Erzählweisen" (S. 103–198) biographischen Erzählens. Dabei werden sowohl mediale als auch diskursive Differenzierungen vorgenommen, wenn Biographik auf der Bühne oder in audiovisuellen Medien untersucht und zwischen literarischer und wissenschaftlicher Biographik unterschieden wird. 

Das vierte Kapitel ist der "Analyse biographischer Erzählungen" (S. 199–219) in literaturwissenschaftlicher Perspektive verpflichtet, wenn "Kontext", "Histoire" und "Discours" im Fokus stehen. Christian Klein ("Kontexte") fragt nach den Legitimationsstrategien und Motivationen von Biographien, die häufig in den Paratexten (Klappentext, Vorwort etc.) an den Schwellen (seuils) des Textes formuliert werden. Während in wissenschaftlichen Biographien die Distanz zum Biographierten die Legitimation des Verfassers erhöht, verbürgt im Falle populärer Biographien die persönliche Nähe die Authentizität der "Wirklichkeitserzählung" (S. 199). Motiviert sind Biographen durch konkrete Anlässe (zum Beispiel Jubiläen), den Wunsch, einen biographischen Diskussionszusammenhang zu etablieren oder ihn neu zu akzentuieren.

Mit Kapitel fünf (S. 221–264) werden die bisher synchron und systematisch angelegten Kapitel um einen diachronen Durchgang durch die Biographik von der Antike bis in das 20. Jahrhundert ergänzt. Hier mag zu hinterfragen sein, ob die Biographik des Mittelalters mit einem weniger als drei Seiten umfassenden Beitrag angemessen repräsentiert ist. Der chronologischen Perspektive folgt in Kapitel sechs eine topographisch differenzierende Fokussierung (S. 265–330), wobei hier der Schwerpunkt ganz deutlich, entsprechend der expliziten Intention des Handbuchs, auf westlichen und speziell europäischen Traditionen liegt: Neben den wesentlichen Sprach- und Kulturkreisen Westeuropas (deutsch, französisch, britisch, italienisch, spanisch, skandinavisch) werden die "Russische und sowjetische" sowie die "US-amerikanische Biographik" berücksichtigt. 

Im vorletzten Kapitel ("Biographisches Arbeiten als Methode", S. 331–418) werden die je fachintern diskutierten Erkenntnispotentiale und historischen Entwicklungen von literaturwissenschaftlicher bis soziologischer Biographik untersucht. Abschließend beschäftigt sich das Handbuch mit der "Praxis des biographischen Schreibens" (S. 419–460), wo sowohl stilistische als auch rechtliche Fragen verhandelt werden. Stephan Porombka widmet sich beispielsweise dem Zusammenhang von "Biographie und Buchmarkt". 

Fazit: Das Handbuch leidet in struktureller Hinsicht unter einigen – im Hinblick auf den Umfang und die Vielfalt der je fachspezifischen Zugänge kaum zu vermeidenden – Redundanzen. So verhandeln die Beiträge "Referentialität" (I.3), "Fiktionalität, Faktizität, Metafiktion" (I.5), "Biographisches Erzählen zwischen Wahrheit und Lüge, Inszenierung und Authentizität" (II.2) und "Fiktionale Metabiographien" (III.4) sicherlich verschiedene Phänomene (mit unterschiedlichen Perspektivierungen), von denen man in einem Handbuch, das Ordnung in den Diskurs bringen sollte, allerdings erwarten könnte, dass sie nicht beziehungslos nebeneinander stehen. Davon abgesehen stellt sich das Handbuch als höchst polyphones – und in dieser Vielstimmigkeit äußerst gewinnbringendes – Nachschlagewerk für den Komplex der 'kulturellen Universalie' Biographik dar.


Klein, Christian (Hg.): Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien. Stuttgart: Metzler, 2009. 485 S., kartoniert, 64,95 Euro. ISBN: 3-4760-2263-3 


Inhaltsverzeichnis

Handbuch Biographie – einleitende Überlegungen (S. XII)

I. Bestimmungen und Merkmale (S. 1–43)
1. Begriffsgeschichte: Biographie und verwandte Termini (Falko Schnicke, S. 1)
2. Biographie als Gattung? (Rüdiger Zymner, S. 7)
3. Referentialität (Sven Hanuschek, S. 12) 4. Narrativität (Matthias Aumüller, S. 17)
5. Fiktionalität, Faktizität, Metafiktion (Ansgar Nünning, S. 21)
6. Poetizität/Literarizität (Matthias Aumüller, S. 28)
7. ‚Biographiewürdigkeit’ (Hannes Schweiger, S. 32)
8. Biographie vs. Autobiographie (Michaela Holdenried, S. 37)

II. Zentrale Fragen und Funktionen (S. 45–102)
1. Biographie und Performanz – Problematisierungen von Identitäts- und Subjektkonstruktionen (Doris Kolesch, S. 45)
2. Biographisches Erzählen zwischen Wahrheit und Lüge, Inszenierung und Authentizität (Bernhard Fetz, S. 54)
3. Biographie und Anthropologie (Christian von Zimmermann, S. 61)
4. Biographie und Wissen (Carsten Kretschmann, S. 71)
5. Biographie und Gedächtnis (Astrid Erll, S. 79)
6. Biographie – Genealogie – Generation (Stefan Willer, S. 87)
7. Biographie zwischen sozialer Funktion und sozialer Praxis (Michael Corsten, S. 95)

III. Formen und Erzählweisen
(S. 103–198)
1. Literarische Biographik (Anita Runge, S. 103)
2. Wissenschaftliche Biographik (Anita Runge, S. 113)
3. Populäre Biographik (Stephan Porombka, S. 122)
4. Fiktionale Metabiographien (Ansgar Nünning, S. 132)
5. Biographische Kleinformen (Myriam Richter/Bernd Hamacher, S. 137)
6. Biographische Erzählungen auf der Bühne (Franziska Schößler/Melanie Unseld, S. 143)
7. Biographische Erzählungen in audiovisuellen Medien (Christian Klein/Lukas Werner/Diana Weilepp/Knut Hickethier, S. 154)
8. Biographisches Erzählen und digitale Medien (Britt-Marie Schuster, S. 182)
9. Intermediale Biographik (Caitríona Ní Dhúill, S. 190)
10. Kollektivbiographische Ansätze (Levke Harders/Hannes Schweiger, S. 194)

IV. Analyse biographischer Erzählungen
(S. 199–219)
1. Kontext (Christian Klein, S. 200)
2. ‚Histoire’: Bestandteile der Handlung (Christian Klein, S. 204)
3. ‚Discours’: Das ‚Wie’ der Erzählung – Darstellungsfragen (Christian Klein/Matias Martínez, S. 213) 

V. Historischer Abriss
(S. 221–264)
1. Antike (Detlev Dormeyer, S. 221)
2. Mittelalter (Walter Berschin, S. 227)
3. Frühe Neuzeit (Ruth Albrecht, S. 230)
4. 18. Jahrhundert (Falko Schnicke, S. 234)
5. 19. Jahrhundert (Falko Schnicke, S. 243)
6. 20. Jahrhundert (Christian Klein/Falko Schnicke, S. 251)

VI. Regionale Entwicklungen (S. 265–330)
1. Deutschsprachige Biographik (Lukas Werner, S. 265)
2. Französische Biographik (Joseph Jurt, S. 278)
3. Britische Biographik (Michael Jonas, S. 289)
4. Italienische Biographik (Deborah Holmes, S. 298)
5. Spanische Biographik (Werner Altmann, S. 302)
6. Skandinavische Biographik (Michael Jonas, S. 307)
7. Russische und sowjetische Biographik (Hans-Christian Petersen, S. 313)
8. US-amerikanische Biographik (Levke Harders, S. 321)

VII. Biographisches Arbeiten als Methode (S. 331–418)
1. Geschichtswissenschaft (Wolfgang Pyta, S. 331)
2. Literaturwissenschaften (Sven Hanuschek, S. 339)
3. Kunstgeschichte (Karin Hellwig, S. 349)
4. Musikwissenschaft (Melanie Unseld, S. 358)
5. Religionswissenschaft (Detlev Dormeyer, S. 366)
6. Soziologie (Martin Schneiser, S. 373)
7. Politikwissenschaft (und Zeitgeschichte) (Alexander Gallus, S. 382)
8. Erziehungswissenschaft (Thorsten Fuchs, S. 388)
9. Medizin und Psychologie (Brigitte Boothe, S. 394)
10. Gender Studies (Anita Runge, S. 402)
11. Postcolonial Studies (Hannes Schweiger, S. 408)
12. Jewish Studies (Marcus Pyka, S. 414)

VIII. Praxis des biographischen Schreibens (S. 419–460)
1. Lehre des biographischen Schreibens (Caitríona Ní Dhúill, S. 419)
2. Grundfragen biographischen Schreibens (Christian Klein/Thomas Karlauf/Bernhard Fetz, S. 424)
3. Abbildungen in Biographien (Josef Schmid, S. 439)
4. Biographie und Buchmarkt (Stephan Porombka, S. 444)
5. Rechtsfragen des Biographieschreibens (Andreas von Arnauld/Stefan Martini, S. 451)

Verzeichnis der AutorInnen und Autoren (S. 461)
Namenregister (S. 463)
Sachregister (S. 475)


Life Writing: Metzler’s Handbook Series Discovers Biography as a Literary Genre

In 59 articles, Handbuch Biographie (Biography Handbook) captures the wide variety of the biographical praxis in different media from sociological, philological, and cultural perspectives. The handbook regards 'biography' as a 'cultural universal' (cf. p. XII) which is an important part of our society, as can be seen in bookstores, on television, and on the Web. Despite the unavoidable 'rough edges' inherent to any project of such wide scope, the Handbuch Biographie marks a roundly successful approach to the genre.


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