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Stichgrabungen in das Museumsfeld

Eine Rezension von Antje Coburger

Dröge, Kurt; Hoffmann, Detlef (Hg.): Museum revisited. Transdisziplinäre Perspektiven auf eine Institution im Wandel. Bielefeld: transcript, 2010.

Die Herausgeber des Sammelbandes
Museum Revisited, der Volkskundler Kurt Dröge und der Kunsthistoriker Detlef Hoffmann, sind ausgewiesene Kenner der theoretischen wie praktischen Museumsarbeit. Sie haben im seit dem Jahr 2000 eingerichteten Masterstudiengang "Museum und Ausstellung" an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg gelehrt und legen nach zehn Jahren eine vielseitige Bilanz vor.
Der im transcript Verlag Bielefeld in der Programmreihe "Museum und Kulturmanagement" erschienene Band verbindet 30 Beiträge von Absolventen dieses interdisziplinären Studiengangs, deren Masterarbeiten zwischen 2002 und 2009 entstanden. Anhand von ausgewählten Beispielen überwiegend der deutschen Museumslandschaft schafft das Sammelwerk einen multiperspektivischen Blick auf eine Einrichtung, die sich stetig verändert.
 
 


Die immer wieder auftauchenden W-Fragen (Was?, Wie?, Warum?) in Bezug auf Museen stellen sich gerade dann, wenn Haushaltslöcher größer werden und Besucher andere Formen der Freizeitgestaltung bevorzugter wahrnehmen. Zwischen den Forderungen nach 'Entsammlung', ja gar Verkauf von Depotgut und verbesserten, den neuen Anforderungen an Museumsarbeit angepassten Ausbildungswegen sehen die Experten einem Wandel der Institution Museum entgegen. Dass die Lehrer, deren Ausbildung (Fachstudium, Museumsvolontariat, Kuratorentätigkeit) noch im 'alten Stil' erfolgte, hier der jüngeren Generation die Möglichkeit geben, ihre Befunde vorzustellen, kann hilfreich sein für all jene, die auch im 'Museumsgeschäft' Arbeit finden wollen.

Der Sammelband ist in sechs Themenfelder gegliedert. Der Abschnitt Ausstellungskonzepte im Wandel stellt Energiemuseen und Textilmuseen als besondere Formen der Technik- und Industriemuseen vor. Daneben ist dem italienischen Architekten Carlo Scarpa mit seinen Ansätzen zur Restaurierung historischer Museumsgebäude im Wechselspiel mit neuen Ausstellungskonzeptionen ein Aufsatz gewidmet.
Der Beitrag von Karen Aydin stellt exemplarisch das Dilemma von archäologischen Museen vor, die zwischen Tradition, d.h. einer typo-chronologischen Präsentation, und Innovation, die in extremen Fällen zur "Disneyisierung" (S. 65) gerät, schwanken. Als Beispiele, die aus diesem status quo ein innovatives Ausstellungsprofil machen, sind hier zu nennen: das Neandertalmuseum im Mettmann und das Museum und Park Kalkriese. "Was ihr wollt!" ist der Titel eines Beitrages über das 2004 veranstaltete Ausstellungsprojekt der Kunsthalle Wilhelmshaven, bei dem die Einwohner der Stadt ihr "Lieblingsbild in der Kunsthalle" (S. 81) präsentieren konnten. Inwieweit die Bevölkerung bereit war an solch einem Ausstellungskonzept zu partizipieren und sich auch auf Vermittlungsangebote wie Leihgebergespräche oder Schulworkshops einließ, zeigt der Text von Antje Neumann.

Ein anderer Abschnitt ist überschrieben mit Museumssammlungen und Institutionengeschichte. Darunter fällt der Text von Ulfert Tschirner, der sich dem Bilderrepertorium des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg sammlungsarchäologisch nähert. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde dieses Repertorium angelegt, verwaltet und gepflegt. Im 20. Jahrhundert geriet es in Vergessenheit und blieb als "Ruine der Museumsgeschichte" (S. 107) bis zu einem Perspektivwechsel der musealen Konzeption, die das Repertorium zum "Fundament einer photohistorischen Sammlung" (S. 107) werden ließ, in der Versenkung.
In zwei Beiträgen wird die Kunsthalle Bremen thematisiert, zum einen die Gemäldesammlung des Kaufmanns Theodor Gerhard Lürman (1789-1865) zum anderen die Tätigkeit des Direktors (1914-1932) Emil Waldmann. Theoretischer wird die Wissensvermittlung in und durch Schule und Museum, mit Hinblick auf Schulmuseen als Form eines "kulturgeschichtlichen Spezialmuseums" (S. 141) dargestellt.

Im Teil Innenansichten – Analysen, Novationen, Vergleiche blicken vier Autorinnen hinter die Kulissen. Den Anfang macht ein Beitrag zur Eingangssituation von Museen, der nach der Analyse von etwa 40 Museen bundesweit zu einer "intensiveren Diskussion" (S. 145) über dieses Phänomen anregen möchte. Dass Schaudepots die musealen Dauerausstellungen sinnvoll ergänzen können, beweist der Beitrag von Vera Beyer. Sie untersuchte dazu beispielsweise das Jüdische Museum Wien, das Focke-Museum Bremen, das Historische Museum Luzern und den Kunstfonds Dresden. Mit Modemuseen und speziell mit dem ModeMuseum in Antwerpen beschäftigt sich ein weiterer Aufsatz. Die Untersuchung von Produktpolitik und Marketingstrategien in zwei Kunstmuseen ist Thema des letzten Beitrags in diesem Abschnitt. Dabei werden die Sonderausstellung zu Edvard Munch in der Kunsthalle in Emden und die Schau Monet und Camille in der Kunsthalle Bremen hinsichtlich produktpolitischer und marketingstrategischer Vorgehensweisen verglichen.

Unter Ausstellungen im Medienkontext und -konflikt beschreibt Tobias Müller die Doppelausstellung "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962-1806" an ihren Standorten Magdeburg und Berlin und hinterfragt, ob Museum und Eventkultur vereinbar gemacht werden können. Müller konstatiert einen Widerspruch zwischen den Maßnahmen zu Bewerbung und Besucheraktivierung und dem Aufwand der eigentlichen Ausstellungsgestaltung inklusive dem Medieneinsatz. Die Aussteller setzten vorrangig auf international bedeutende Objekte, die man als Besucher wohl einmal gesehen haben muss. Das Konzept der Doppelausstellung scheint hier nicht aufgegangen zu sein, wenn zwei Drittel der befragten Besucher in Magdeburg den Berliner Teil nicht sehen wollten.
Der Titel "Magazinfiktion im Objektlabyrinth" benennt zwei Pole, zwischen denen sich die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin bewegt. Dass dabei die politische Aufladung, die das historischen Zeughaus als Ausstellungsraum in den Epochen vom preußischen Absolutismus bis zum Ende der DDR erfahren hat, in ihrer Anmutung nicht in die aktuelle Dauerausstellung eingeflossen sind, sieht die Autorin als Manko.

Insgesamt reiht sich der Sammelband in die aktuelle Forschungsdebatte um zeitgemäße Objektpräsentationen oder die Ausstellbarkeit von Literatur oder Musik ein und gibt durch die genauen Innenansichten der Beiträge Anstöße zu weiteren Fragen. Durch die Themenvielfalt bietet der Band eine kurzweilige Lektüre und einen abwechslungsreichen Überblick, in dem jeder Leser seinen Interessen folgen kann – von Mode bis zum Topkapi-Dolch, von niederländischer Malerei des 17. Jahrhunderts bis zu Fotografien der innerdeutschen Grenze.


Kurt Dröge; Detlef Hoffmann (Hg.): Museum revisited. Transdisziplinäre Perspektiven auf eine Institution im Wandel. Bielefeld: transcript, 2010. 382 S., broschiert, EUR 34,80. ISBN 978-3-8376-1377-


Inhaltsverzeichnis

Einführung 9

Ausstellungskonzepte im Wandel


Tobias Deterding: Ausstellungen und Museen der Elektrizitätswirtschaft zwischen Museumsanspruch und Corporate Communication 15
Anja Otten: Textilindustriemuseen und ihre Ausstellungsmethoden 31
Eleni Tsitsirikou: Carlo Scarpas Projekte für Dauerausstellungen. Der Umgang mit Bausubstanz und Kunstpräsentation in historischen Museumsgebäuden 49
Karen Aydin: Archäologische Museen zwischen Tradition und Innovation 63
Anette Dittel: Zwischen Wunderkammer und Pictorial Turn. Zum Umgang mit Naturkunde im Museum am Beispiel Oldenburg 73
Antje Neumann: "Was Ihr wollt!" Partizipatorisches Ausstellen aus der Perspektive der Kunstvermittlung 81

Museumssammlungen und Institutionengeschichte

Ulfert Tschirner: Sammlungsarchäologie. Annäherung an eine Ruine der Museumsgeschichte 97
Andreas Weniger: "Der Sammler und die Seinigen". Die Gemäldesammlung des Aeltermann Lürman in Bremen 113
Verena Borgmann: Die Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit der Kunsthalle Bremen unter Emil Waldmann 1914-1932 119
Christina Pössel: Zur Wissensvermittlung in Museum und Schule 133

Innenansichten – Analysen, Novationen, Vergleiche

Melanie Richter: Eingangssituationen in deutschen Museen. Geschichtliche, analytische und kritische Anmerkungen 143
Vera Beyer: Schaudepots. Zu einer ergänzenden Form der musealen Dauerausstellung 153
Katrin Rief: Selectie 1: achter de schermen – Annäherungen an Modemuseen 167
Bettina Kratz: Produktpolitik als Instrument des Marketings an Kunstmuseen am Beispiel ausgewählter Sonderausstellungen 179

Ausstellungen im Medienkontext und -konflikt

Tobias Müller: Museum contra Eventkultur? Zur Doppelausstellung "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962 bis 1806" in Magdeburg und Berlin 195
Aikaterini Dori: Museum und nationale Identität. Überlegungen zur Geschichte und Gegenwart von Nationalmuseen 209
Susanne Ruth Hennig: Magazinfiktion im Objektlabyrinth. Die aktuelle Dauerausstellung des DHM 223 Antje Havemann: Die Fotografie der deutsch-deutschen Grenze in den Präsentationen ausgewählter Grenzmuseen 235
Ulrich Müller: Flucht ins Museum? Flucht im Museum? Das Ostpreußische Landesmuseum Lüneburg zwischen Mythos, Erinnerung, Geschichte und Gegenwart 249
Karina Probst: "Maikäfer flieg..." Kindheitserfahrungen, Erinnerungsobjekte und Dinggeschichten 261
Sibylle Tura: Topkapi. Zur Geschichte der Orient-Rezeption im Museum 267

Umgang mit Kunst und Künstler

Katja Schoene: "Damit jeder Fürst was sonders habe". Überlegungen zum Pommerschen Kunstschrank und zu seiner musealen Präsentation 277
Ulrike Steffen: Heimatmalerei, Lebensreform und Museum. Hugo Duphorn als widersprüchlicher Künstler um 1900 und um 2000 291
Anke Otto: Zur strukturellen Entwicklung von Künstlerhäusern in Norddeutschland 295
Linda Reiner: Zur Ausstellungsinszenierung der documenta 12 (2007) im Museum Fridericianum 303 Magdalena Ziomek-Beims: Über das Kuratieren im OFF-Bereich 317

Museums- und Gedenkstättenlandschaften

Annika Hossain: Die Musealisierung der Landschaft in den Abruzzen. Stillstand oder Chance für die Zukunft? 323
Heike Hummerich: Die Freilichtbühne "Stedingsehre" Bookholzberg im Kontext vergleichbarer NS-Kultstätten. Ein Konzept für ein zukünftiges Dokumentationszentrum 337
Stephanie Buchholz: Regionale Museumsberatung in Deutschland. Institutionalisierte Betreuung von Museen 349
Swantje Heuten: Heimatmuseen mit Leitbild und Entwicklungskonzept? Das Beispiel Leer 365
Verzeichnis der Masterarbeiten 371
Autorinnen und Autoren 375

Excavations in Museology


The publishing editors of the anthology Museum revisited, Kurt Dröge and Detlef Hoffmann, are specialists in theoretical and practical questions of museum work. Together – Dröge as an ethnologist and Hoffmann as an art historian – they founded the interdisciplinary master course "Museum und Ausstellung" (Museum and Exhibition) at the Carl von Ossietzky University in Oldenburg in 2000. Graduates who took their exams between 2002 and 2009 gave a short introduction to the topic of their master thesis. With a number of examples, mostly from the German museum landscape, the book gives a multiperspectival view of a changing institution.

© bei der Autorin und bei KULT_online