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Soziologie als Prozess: Geschichte der Interdependenz von Wissenschaft, Akteuren und Gesellschaft

Eine Rezension von Dirk H. Medebach

Kruse, Volker: Geschichte der Soziologie. Konstanz: UVK, 2008.

Der Soziologe Volker Kruse zeichnet die Geschichte der Soziologie aus zwei Jahrhunderten (seit 1820) prägnant und spannend nach. Vielschichtige Wechselwirkungen zwischen Personen, Institutionen und Gesellschaft über fünf Epochen hinweg werden in diesem Band aufgezeigt. Soziologie als Wissenschaft entwickelte sich parallel zu ihren Protagonisten unter interdisziplinären Einflüssen. Deshalb erläutert der Verfasser viele soziologische Klassiker mit ihren Biografien und Theorien vor dem Hintergrund sozialer Entwicklungen vor, nach und während des Zweiten Weltkrieges. 


Soziologie nicht nur als Sammelsurium von Personen oder Theorien zu verstehen, sondern Beziehungen zu historischen Geschehnissen aufzuzeigen, ist besonders reiz- und sinnvoll. Die vorliegende Geschichte der Soziologie tut dies und zeigt die vielfältigen Wechselwirkungen der Geschichte, Personen und Theorien einer Wissenschaft mit der Gesellschaft auf. Der deutsche Soziologieprofessor Volker Kruse richtet sein Werk in erster Linie an Studierende, die Grundlagenwissen verständlich und (chronologisch) strukturiert vermittelt bekommen wollen. Auf knapp 300 Seiten werden zwei Jahrhunderte Soziologiegeschichte teils ausführlich, teils kurz und prägnant erläutert.

Der Band besteht aus fünf mehrfach untergliederten Großkapiteln. Schon im Vorwort zeigt der Autor exemplarisch, wo er welche idealtypischen Zusammenhänge über die 'Geschichtsepochen' (1820 bis heute) hinweg sieht. Das erste Kapitel dient in erster Linie einem kurzen Überblick über die 'Fünf-Epochen-Struktur' des Buches; eine chronologische Tabelle bedeutender Soziologen schließt es ab (S. 26 ff.).

Das zweite Kapitel behandelt die Anfänge der Soziologie von 1820 bis 1890. Der Verfasser thematisiert die prägenden Persönlichkeiten dieser Zeit wie Comte, Spencer sowie Marx und Engels. Er folgt dabei einem festen Schema: Biografie, Theorien und Rezeption. Soziologie sollte als Wissenschaft etabliert werden, weshalb in dieser Epoche Analysen der Gesamtgesellschaft und wissenschaftsmethodische Diskussionen im Fokus standen. Die Einsichten von Marx und Engels versteht Kruse als Reaktion auf die durch die industrielle Revolution entstandenen sozialen Probleme.

Die Zeit bis zum Dritten Reich stellt der Verfasser anhand verschiedener nationaler Forschungssituationen vor. Emile Durkheim mit Themen wie Soziologie als Wissenschaft, Solidarität und Arbeitsteilung ist das beste Beispiel der französischen Soziologie jener Zeit (vgl. Kap. 3.1). Daran schließt sich die "italienische Elitensoziologie" an, wobei Wechselwirkungen von Elite, Gesellschaft und Faschismus thematisiert werden. Kapitel 3.3 stellt die Chicago-School und George H. Mead als Zentren amerikanischer Soziologie vor. In den folgenden Unterkapiteln 3.4 bis 3.7 behandelt Kruse die deutsche Soziologie von den Anfängen (Tönnies, Simmel), über Max Weber und die Soziologen der 1920er Jahre (z.B. Geiger, A. Weber) bis hin zur Wissenssoziologie von Mannheim und Scheler.

Der Nationalsozialismus prägte nicht nur die Geschichte Deutschlands und der gesamten Menschheit, sondern auch das konkrete Leben vieler, nicht nur jüdischer Soziologen. Sie emigrierten und mussten sich ein neues (Exil-)Leben, vornehmlich in den USA, aufbauen. Dies bildet den Schwerpunkt in Kapitel 4 zur "Soziologie zwischen 1933 und 1950". Parsons' Strukturfunktionalismus steht exemplarisch für die (US-amerikanische) Suche nach Antworten in dieser Zeit. Die theoretisch geprägte Soziologie Deutschlands kommt hingegen fast vollständig zum Erliegen.

Die Neuorientierung, Kriegs- und Rechtsextremismusbewältigung beschäftigt in besonderer Weise die neue, empirisch geleitete deutsche Sozialforschung. Kruse fasst die Entwicklungen der Nachkriegszeit im fünften Kapitel auf 50 Seiten zusammen. Dahrendorf, Schelsky und König sind nur einige frühe Protagonisten dieses Traditionsbruchs (vgl. Kap. 5.1). Darauf folgend kommt die Kritische Theorie der Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno und Marcuse) nicht zu kurz: Die Dialektik der Aufklärung als zentrale Theorie ist in einer verständlichen Form aufbereitet. Die "Entwicklungstendenzen der Soziologie seit den 1970er Jahren" sind in Kapitel 5.3 auf wenigen Seiten zusammengefasst: Während sich die Soziologie als Lehrfach etabliert und spezialisiert hatte, verbreitete sich in der differenzierten, modernen Gesellschaft aufgrund der Ölkrise und Rezession neue Zukunftsunsicherheit. Die Sozialforschung (insbesondere Schütz, Berger und Luckmann) konzentrierte sich in dieser Zeit auf die subjektive Erfahrungswelt und Interpretationen der Menschen: der sogenannte cultural turn. Die letzten Seiten widmet der Autor überblicksartig neueren Forschern und Theorien: z.B. Bourdieu, Habermas, Luhmann (Systemtheorie), Modernisierungs- sowie Rational-Choice-Theorien (Becker, Coleman).

Musterhaft sind Struktur, Inhalt und die vielschichtigen (historischen) Interdependenzen des zweiten Kapitels. Weniger 'narrative' Ausführungen zu Elias (Kap. 4.2) wären erfreulich gewesen; das Gesamtwerk und die Folgebedeutung Elias' werden nicht prägnant genug herausgearbeitet. Gelungen ist das Kapitel über Max Weber, wobei die Ausführlichkeit über das Werk Die protestantische Ethik und Geist des Kapitalismus der Präferenz des Autors geschuldet sein dürfte. Inhaltlich wären ebenfalls umfangreichere Darstellungen zur Soziologie zwischen 1970 und 2010 in Relation zu einschneidenden Ereignissen wie dem Mauerfall oder der globalen Finanzkrise wünschenswert gewesen.

Fazit: Das vorliegende Buch ist ein leicht verständliches, ansprechendes Lehrbuch für Studierende. Aufgrund der Tabellen, Zusammenfassungen, Definitionen und Verzeichnisse ist es ebenfalls ein geeignetes Nachschlagewerk für den (historisch) interessierten Leser. Layout, Struktur und Gliederung sind überschaubar und recht gut, bei kleinen formal-strukturellen Ungereimtheiten. Insgesamt muss man aber nur wenig Inhaltliches vermissen, wenngleich die Schwerpunktsetzung teils recht subjektiv erscheint. Die aufgezeigten vielfältigen Verflechtungen sind höchst interessant, so dass die Geschichte der Soziologie mit diesem Band viel Freude macht und zur Vertiefung einlädt – eine Empfehlung auch für Nichtsoziologen.


Kruse, Volker: Geschichte der Soziologie. Konstanz: UVK, 2008. 320 S., broschiert, 19,90 Euro. ISBN: 978-3-8252-3063-0


Inhaltsverzeichnis



Vorwort 11 

1 Einführung - Zwei Jahrhunderte Geschichte der Soziologie 13
1.1 Was ist Geschichte der Soziologie? 13
1.2 Warum beschäftigen sich Soziologen mit der Geschichte ihrer Disziplin? 15
1.3 Wann beginnt die Soziologie? 17
1.4 Die Anfange der Soziologie im 19.Jahrhundert (1820 – 1890) 18
1.5 Soziologie während der industriellen Moderne und der Krisenjahre um den Ersten Weltkrieg (1890 – 1933) 20
1.6 Soziologie während des Faschismus, des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs (1933 – 1950) 21
1.7 Soziologie während der Nachkriegsprosperität (1950 – 1975) 23
1.8 Soziologie seit Mitte der 1970er Jahre 24 

2 Soziologie im 19. Jahrhundert 29
2.1. Auguste Comte - Die Begründung einer positivistischen Gesellschaftswissenschaft 29
2.1.1 Zur Biografie von Auguste Comte 30
2.1.2 Das Dreistadiengesetz 33
2.1.3 Theorie der industriellen Gesellschaft 35
2.1.4 Positivismus als geistige Grundlage der industriellen Gesellschaft 36
2.1.5 Versöhnung von Ordnung und Fortschritt 37
2.1.6 Positivismus als Religion 38
2.1.7 Auguste Comte heute 39
2.2. Herbert Spencer - Gesellschaft und Evolution 40
2.2.1 Zur Biografie von Herbert Spencer 41
2.2.2 Was ist Gesellschaft? 41
2.2.3 Fortschritt als soziale Evolution 44
2.2.4 Gesellschaftstypen nach Spencer 46
2.2.5 Herbert Spencer heute 49
2.3 Karl Marx und Friedrich Engels - Der »wissenschaftliche Sozialismus« 51
2.3.1 Zur Biografie von Karl Marx und Friedrich Engels 51
2.3.2 Utopischer Sozialismus und wissenschaftlicher Sozialismus 53
2.3.3 Die Grundprinzipien der Marxschen Gesellschaftslehre - Historischer Materialismus 55
2.3.4 Marx' Analyse der modernen kapitalistischen Gesellschaft - Das Kapital 62
2.3.5 Zur Rezeption der Lehren von Marx und Engels in den Sozialwissenschaften 70

3 Soziologie zwischen 1890 und 1933 74
3.1 Die französische Soziologie - Emile Durkheim und seine Schule 75
3.1.1 Zur Biografie von Emile Durkheim 76
3.1.2 Durkheim und die Dritte Republik 76
3.1.3 Durkheims Grundlegung der Soziologie als Wissenschaft 78
3.1.4 Der Selbstmord als sozialer Tatbestand 81
3.1.5 Das Gedächtnis als sozialer Tatbestand - Maurice Halbwachs 83
3.1.6 Durkheims Theorie der Arbeitsteilung 84
3.1.7 Solidarität in der modernen Gesellschaft 86
3.1.8 Die Durkheim-Schule und der Solidarismus 88
3.2 Die italienische Elitensoziologie - Robert Michels, Gaetano Mosca, Vilfredo Pareto 91
3.2.1 Zur italienischen Elitensoziologie allgemein 91
3.2.2 Robert Michels' Theorie der Oligarchisierung 92
3.2.3 Vilfredo Paretos Elitensoziologie 94
3.2.4 Die italienische Elitensoziologie aus heutiger Sicht 100
3.3 Frühe amerikanische Soziologie - Die Chicago-Schule und George Herbert Mead 103
3.3.1 Historische Bedingungen der amerikanischen Soziologie 103
3.3.2 Die Anfange amerikanischer Soziologie 105
3.3.3 Die Chicago-Schule 107
3.3.4 Der »Sozialbehaviorismus« von George H. Mead 110
3.4 Die Anfange der deutschen Soziologie - Ferdinand Tönnies und Georg Simmel 119
3.4.1 Was heißt eigentlich »deutsche Soziologie«? Der österreichische Beitrag 120
3.4.2 Wann beginnt Soziologie in Deutschland? 121
3.4.3 Ferdinand Tönnies 122
3.4.4 Georg Simmel 127
3.5 Max Weber 138
3.5.1 Zur Biografie von Max Weber 138
3.5.2 Historische Nationalökonomie und Methodenstreit 140
3.5.3 Max Webers Konzept einer »historischen Sozialwissenschaft« 143
3.5.4 Begriffe und Idealtypen 147
3.5.5 Protestantische Ethik und der »Geist« des Kapitalismus 149
3.5.6 Soziologische Grundbegriffe - Theorie sozialen HandeIns 155
3.5.7 War Max Weber ein Soziologe? 160
3.5.8 Zur Weber-Rezeption 161
3.6 Deutsche Soziologie der 1920er Jahre 164
3.6.1 Allgemeine Lage der deutschen Soziologie in den 1920er Jahren 164
3.6.2 Franz Oppenheimer - Die Gegenwartskrise als Gesellschaftskrise 168
3.6.3 Alfred Weber - Die Gegenwartskrise als Kulturkrise 173
3.6.4 Emil Lederer - Neue sozialstrukturelle Tendenzen 178
3.6.5 Theodor Geiger - Von der Klassengesellschaft zur geschichteten Gesellschaft 180
3.6.6 Eduard Heimann - Sozialpolitik und Kapitalismus 183
3.7 Die deutsche Wissenssoziologie - Karl Mannheim und Max Scheler 187
3.7.1 Zur Biografie von Max Scheler und Karl Mannheim 187
3.7.2 Der Problemhorizont der Wissenssoziologie - Die geistige Krise der 1920er Jahre 189
3.7.3 Max Schelers Lehre der Wissensformen 191
3.7.4 Mannheims Wissenssoziologie als Revolution im menschlichen Denken 192
3.7.5 Ideologie und Utopie 195
3.7.6 Die Wissenssoziologie und die »geistige Synthese«- Mannheims Lehre von der »freischwebenden Intelligenz« 200
3.7.7 Die Konsequenzen der Wissenssoziologie für das wissenschaftliche Erkennen 203
3.7.8 Zur Wirkungsgeschichte der Wissenssoziologie 205 

4 Soziologie zwischen 1933 und 1950 208
4.1 Soziologie im Dritten Reich 209
4.1.1 »Innere Emigration« 209
4.1.2 »Deutsche Soziologie« 211
4.1.3 Nationalsozialistische Soziologie 213
4.2 Soziologie im Exil - Das Beispiel Norbert Elias 217
4.2.1 Was bedeutete das Exil für die Emigranten? 217
4.2.2 Die Exil-Biografie von Norbert Elias 218
4.2.3 »Die höfische Gesellschaft« 220
4.2.4 »Der Prozess der Zivilisation« 223
4.3 Talcott Parsons und der Funktionalismus 227
4.3.1 Zur Biografie von Talcott Parsons 228
4.3.2 Wie ist soziale Ordnung möglich? - Das Hobbes'sche Problem 229
4.3.3 Parsons' Handlungstheorie I - Der Handlungsakt 231
4.3.4 Parsons' Handlungstheorie II - Die Pattern Variables 233
4.3.5 Der Funktionalismus 235
4.3.6 Parsons' Theorie sozialer Systeme 238
4.3.7 Zur Rezeption von Talcott Parsons in der Soziologie 241
4.3.8 Robert K. Mertons Weiterentwicklung des Funktionalismus 244
4.4 Talcott Parsons und die Deutschlandpolitik der USA gegen Ende des Zweiten Weltkriegs 247 

5 Soziologie in der Nachkriegszeit 252
5.1 Empirische Soziologie in Deutschland - Rene König, Helmut Schelsky, Ralf Dahrendorf 252
5.1.1 Neuanfang und Traditionsbruch - Empirische Soziologie als Wissenschaftskonzept 253
5.1.2 Empirische Soziologen der Nachkriegszeit 257
5.1.3 Soziologie und »Vergangenheitsbewältigung« 262
5.1.4 Diagnosen zur Entstehung des Dritten Reichs 263
5.1.5 Ralf Dahrendorfs Konfliktsoziologie 266
5.1.6 1st die Nachkriegsgesellschaft noch eine Klassengesellschaft? 267
5.1.7 Die gesellschaftspolitische Bedeutung der Empirischen Soziologie in der Nachkriegszeit 273
5.2 Die Kritische Theorie 275
5.2.1 Die Anfange des Instituts für Sozialforschung 276
5.2.2 Vertreter des Instituts für Sozialforschung 277
5.2.3 Das Institut für Sozialforschung im Exil 279
5.2.4 Traditionelle und Kritische Theorie 281
5.2.5 Dialektik der Aufklärung 284
5.2.6 Rückkehr nach Frankfurt 287
5.2.7 Die Frankfurter Schule in den 1950er und 1960er Jahren 287
5.2.8 Der »Positivismusstreit« 289
5.2.9 Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch 290
5.2.10 Die Kritische Theorie und die Studentenbewegung 292
5.3 Entwicklungstendenzen der Soziologie seit den 1970er Jahren 296
5.3.1 Soziologie und Gesellschaft 297
5.3.2 Die institutionelle Entwicklung der Soziologie 298
5.3.3 Alfred Schütz und die kulturwissenschaftliche Wende in der Soziologie 299
5.3.4 Die antipositivistische Wende in der Wissenschaftstheorie 302
5.3.5 Zur Entwicklung soziologischer Theorie seit den 1970er Jahren 304 

Personenindex 310
Sachindex 314


Sociology as a Process: The Historical Interdependence of a Science, its Actors, and Society

In his book Geschichte der Soziologie (History of Sociology) German sociologist Volker Kruse gives a concise overview of the development of sociology during the last two centuries (since 1820). He describes the complex interactions between individuals, institutions, and society over five epochs. Arguing that sociology as a science developed alongside its protagonists, he uses biographies and theories to elucidate many sociological classics in light of societal developments before, during, and after the Second World War.

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