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Rewriting Memory: Die neue Ästhetik afroamerikanischer Erinnerungskultur

Eine Rezension von Manuela Grasse

Basseler, Michael: Kulturelle Erinnerung und Trauma im zeitgenössischen afroamerikanischen Roman. Theoretische Grundlegung, Ausprägungsformen, Entwicklungstendenz. Trier: WVT, 2008 (CAT - Cultures in America in Transition, Bd. 1).

Michael Basselers Studie zeitgenössischer afroamerikanischer Literatur und Kultur beschäftigt sich mit der vielschichtigen Beziehung zwischen Literatur und Erinnerung. Um bestehende Forschungslücken der gegenwärtigen Literatur- und Kulturwissenschaft zum Thema Erinnerung zu schließen, unternimmt Basseler den Entwurf einer kulturalisierten, afroamerikanischen Narratologie. In diesem Zusammenhang zeigt er das erinnerungstheoretische und soziale Potential der Erzählliteratur für eine kulturspezifisch afroamerikanischen Erinnerungskultur auf. Angesichts der Entstehung einer new black bzw. post-soul Ästhetik entwirft er die These des memorial rewriting – eines generationell veränderten Umgangs der African Americans mit ihrer kollektiven Vergangenheit sowie der kulturellen Erinnerung daran. Veranschaulicht wird diese These anhand eines exemplarischen aber breit gefächerten close reading von Romanen renommierter und weniger bekannter Autoren wie Toni Morrison, Charles Johnson, Edward P. Jones, Colson Whitehead und Paul Beatty. 


Mit seiner Studie Kulturelle Erinnerung und Trauma im zeitgenössischen afroamerikanischen Roman widmet sich Michael Basseler der Inszenierung von Erinnerung und Trauma im afroamerikanischen Gegenwartsroman. Ausgehend von der Fragestellung, wie sich die Gruppe der African Americans mit ihrer ganz eigenen Vergangenheit auseinandersetzt und diese literarisch repräsentiert und sie erinnert, unternimmt Basseler den Entwurf einer kulturspezifisch afroamerikanischen Theorie kultureller Erinnerung.

In dem ersten, theoretisch orientierten Teil seiner Arbeit schlägt sich Basseler zunächst durch den Forschungsdschungel vorherrschender, vornehmlich europäischer, gedächtnistheoretischer Konzepte und unterzieht sie einer kritischen Betrachtung. So problematisiert er beispielsweise den Begriff des kulturellen Gedächtnisses und plädiert stattdessen für die Verwendung des Begriffs der kulturellen Erinnerung bzw. der Erinnerungskultur(en). Gleichzeitig überprüft er Erinnerung hinsichtlich ihrer Kulturspezifität und hinterfragt die Übertragbarkeit der Erinnerungskonzepte von z.B. Jan und Aleida Assmann auf andere Kulturen und Bevölkerungsgruppen. Im Gegensatz zu der ausführlichen Beschäftigung mit verschiedenen Erinnerungs-Konzepten wird der Trauma-Begriff in Basselers Studie jedoch leider etwas knapp abgehandelt.

Die Auseinandersetzung mit dem häufig als Gegensatz verwendeten Begriffspaar Geschichte/Gedächtnis führt Basseler schließlich zu seiner These, dass in der afroamerikanischen Erinnerungskultur, also im Umgang der African Americans mit ihrer kulturellen Vergangenheit, ein Paradigmenwechsel erfolgt ist. Hier versteht Basseler Geschichte und Gedächtnis nämlich nicht als Gegensatzpaar, sondern als Entwicklungstendenz eines generationell bedingten Wechsels vom historical rewriting zum memorial rewriting. Auslöser für diese Veränderung sei unter anderem das neue Vergangenheitsbewusstsein der Afroamerikaner seit dem Black Power und Civil Rights Movement der 1960er und 1970er Jahre gewesen sowie ein wachsendes Bedürfnis, sich mit tabuisierten Themen der Sklavenvergangenheit (z.B. schwarze Sklavenhalter) auseinanderzusetzen. So wird der berühmte postkoloniale Begriff des rewriting zu einem der wichtigsten Schlüsselkonzepte in Basselers Untersuchung und erfährt zugleich eine erinnerungskulturelle Reinterpretation: Im zeitgenössischen afroamerikanischen Roman wird nicht mehr die Geschichte, sondern die Erinnerung neu beschrieben. Die Literatur spielt hierbei jedoch weiterhin eine entscheidende Rolle. Sie dient nicht nur der Inszenierung und Rekonstruktion eines kollektiven Gedächtnisses, sondern kann selbst als eine Form kultureller Erinnerung begriffen werden.

Diesbezüglich lassen sich typische narrative Strategien zur Darstellung von kultureller Erinnerung und Trauma in der afroamerikanischen Gegenwartsliteratur feststellen die Basseler im dritten und zentralen Teil seiner Arbeit beleuchtet. So weisen die besprochenen Werke kulturspezifische Darstellungsverfahren wie intertextuelle Verweise auf andere afroamerikanische Werke, die Verwendung historisch und kulturell bedeutender Erinnerungsorte, der Einsatz des vernacular als Medium kultureller Erinnerung sowie die Herausbildung musikalischer Strukturen des Blues und Jazz (sog. musicalized fiction) auf. Des Weiteren lassen sich laut Basseler spezielle Gattungstypen wie das neo-slave narrative feststellen, welches im Zusammenhang mit der neuen schwarzen Generation und ihrer post-soul Ästhetik paradigmatisch ist. 

In seinem breit gefächerten Analyseteil stellt Basseler schließlich eine gelungene Mischung repräsentativer Beispiele renommierter und weniger bekannter afroamerikanischer Schriftsteller des 20. und 21. Jahrhunderts vor. Die Anordnung der besprochenen Werke folgt hierbei Basselers Anliegen, die von ihm attestierte Fokusverlagerung von Geschichtsneuschreibung hin zu einem veränderten, gedächtnisreflexiven Umgang mit Erinnerung im afroamerikanischen Gegenwartsroman aufzuzeigen.

Fazit: Auf den ersten Blick erinnert Basselers Hauptanliegen – der Entwurf einer typisch afroamerikanischen Literaturtheorie – doch sehr stark an Henry Louis Gates’ bekannte Studie des Signifying Monkey (1988). Es zeigt sich jedoch, dass sich ein zweiter Blick wie so oft lohnt, denn im Gegensatz zu Gates’ Ansatz erweitert Basseler die Auseinandersetzung mit Eigenheiten der afroamerikanischen Literatur um eine kulturwissenschaftliche Dimension. Die genannten Repräsentationsstrategien in den Romanen (z.B. Intertextualität) werden also als literarische und erinnerungskulturelle Phänomene verstanden. Somit gelingt es Basseler gleich zwei Mängel der gegenwärtigen Forschung auszugleichen: Er ergänzt nicht nur die defizitäre literaturwissenschaftliche Forschungslage zu kultureller Erinnerung im zeitgenössischen afroamerikanischen Roman, sondern widmet sich zudem dem Manko der kulturwissenschaftlichen Gedächtnis- und Erinnerungsforschung bezüglich afroamerikanischer Erinnerungskultur(en) und leistet so einen insgesamt gelungenen Beitrag zum Verhältnis von Literatur und Erinnerung. Lediglich eine stärkere Einbindung kultureller Traumatheorie(n) wäre wünschenswert gewesen – zumal der Trauma-Begriff im Titel der Studie auftaucht.


Inhaltsverzeichnis


I Einleitung 1

1. Die Vergangenheit – ein alter Hut? Zur Aktualität von kultureller Erinnerung und Trauma im afroamerikanischen Roman der Gegenwart 1
2. Zur Forschungslage 6
3. Theoretische Prämissen, Zielsetzung, Methode und Struktur der Arbeit 11

II Grundriss einer Theorie afroamerikanischer Erinnerungskultur(en): Zur Kulturspezifität und (Problemen der) Übertragbarkeit eines ‚kulturwissenschaftlichen Paradigmas’ 17

1. Der Forschungsbereich des kollektiven Gedächtnisses: Eine problemorientierte Perspektivierung 19
1.1 Kollektives, kulturelles und kommunikatives Gedächtnis 19
1.2 Kulturelle Erinnerung 25
1.3 Erinnerungskultur(en) 27
2. Kollektive Amnesie – Gegengedächtnis – Erinnerungskonkurrenzen: Kulturhistorische Voraussetzungen und Rahmenbedingungen afroamerikanischer Erinnerungskultur(en) 31
3. Strukturprinzipien – Medien – Orte: Kulturspezifische Fragestellungen und Modifikationen 42
3.1 "Twin Demons": Geschichte und Gedächtnis 42
3.2 "My whole life’s geography": Afroamerikanische Erinnerungsorte 46
3.3 Das vernacular als Medium kultureller Erinnerung 54
3.4 Wiederholung als (erinnerungs)kulturelles Strukturprinzip 60
4. "Der leere Kreis": Kulturelles Trauma und afroamerikanische Identität 66
5. Die New Black Aesthetic: Das Ende der kulturellen Erinnerung? 77

III Formen und Funktionen der Inszenierung von kultureller Erinnerung und Trauma im zeitgenössischen afroamerikanischen Roman 83

1. Narrative Darstellungsverfahren von kultureller Erinnerung 83
1.1 Der Forschungsbereich der erinnerungskulturellen Narratologie 85
1.2 Intertextualität und/als kulturelle Erinnerung 91
1.3 Jazz, Blues und die Musikalisierung narrativer Texte 100
2. Literarische Gattungen und die Inszenierung kultureller Erinnerung 111
2.1 Typen des historischen Romans 112 2.2 Typ(ologi)en des Erinnerungs- und Gedächtnisromans 114
2.3 Das neo-slave narrative als paradigmatische afroamerikanische Erinnerungsgattung 118
3. Die Aushandlung erinnerungskultureller Interessen und Konflikte im zeitgenössischen afroamerikanischen Roman: Funktionspotentiale und Themenschwerpunkte 124

IV Zwischen Rekonstruktion und Dekunstruktion kultureller Erinnerung: Literarische Fallbeispiele 137

1. "Re-memory": Erscheinungsformen und zentrale erinnerungskulturelle Themen in der afroamerikanischen Erzählliteratur am Beispiel von Toni Morrisons Romanen Song of Solomon (1977), Beloved (1987) und Jazz (1992) 137
2. Die geschichts- und erinnerungsphilosophische Rekonstruktion des Erinnerungsortes middle passage in Charles Johnsons Middle Passage (1990) 160
3. Das moralische Dilemma der Sklaverei in der afroamerikanischen Erinnerungskultur: Edward P. Jones’ revisionistischer historsicher Roman The Known World (2003) 172
4. Die (Ent-)Mythisierung und Fragmentarisierung des kulturellen Gedächtnisses in Colson Whiteheads John Henry Days (2002) 184
5. Die satirische Dekonstruktion kultureller Erinnerung und Identitätsentwürfe in Paul Beattys The White Boy Shuffle (1996) 200
6. Weitere Tendenzen der Thematisierung, Inszenierung und Problematisierung von kultureller Erinnerung und Trauma im afroamerikanischen Gegenwartsroman: Alice Walker, John Edgar Wideman, Charles Johnson, Xam Wilson Cartiér, John A. Williams, Alice Randall 213

V Vom historical rewriting zum memorial rewriting: Schlussbetrachtung 219

VI Bibliographie 225

1. Primärliteratur 225
2. Sekundärliteratur 226

Rewriting Memory: The New Aesthetic of African American Cultural Memory

Michael Basseler's study of contemporary African American literature and culture shows the complex relations and interconnections between memory and literature. To compensate for existing shortcomings of both the fields of literary and cultural studies, Basseler develops a specifically African American cultural narrative theory. In this connection he demonstrates the theoretical and social potential of novels for African American cultural memory. Basseler's argument for a "memorial rewriting" stems from his assumption of a change in how the contemporary generation of African Americans remembers, represents, and deals with the legacies of the African American past. His close reading of a great range of contemporary African American novels by Toni Morrison, Charles Johnson, Edward P. Jones, Colson Whitehead, Paul Beatty, and others in the second part of the work builds the practical complement to his theoretical foundation.


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