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Polizistin, Fürsorgerin, KZ-Aufseherin: weibliche Täterschaft während des Nationalsozialismus

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Kompisch, Kathrin: Täterinnen. Frauen im Nationalsozialismus. Köln, Weimar: Böhlau, 2008.

Welche Rolle haben die Frauen in der NS-Diktatur gespielt? Diese Frage stellt sich die Autorin der vorliegenden Studie und beantwortet sie, indem sie, sich den aktuellen Erkenntnissen der Forschung anschließend, diese Frauen als aktiv handelnde Täterinnen identifiziert. Eine der Thesen von Kathrin Kompisch besagt, dass Frauen im „Dritten Reich“ über weitaus größere Handlungsspielräume verfügten, als man sich nach Kriegsende eingestehen wollte. Sie fanden sich nicht nur in Verwaltung und Wirtschaft: In Frauenorganisationen wie der Nationalsozialistischen Frauenschaft oder dem Bund Deutscher Mädel übernahmen sie Führungsaufgaben und übten so direkten Einfluss aus. Im Terrorapparat des Regimes waren sie ebenfalls überall vertreten: als Büroangestellte tippten sie für die SS Berichte über Massenexekutionen ab, als Aufseherinnen bewachten sie in den KZs weibliche Insassen, als Sekretärinnen protokollierten sie Folterverhöre. Mit diesen und vielen weiteren Bereichen setzt sich die Historikerin in ihrem Buch ausführlich auseinander und zeigt auf, dass der weibliche Teil der deutschen Bevölkerung nicht nur von den Verbrechen gegen die Menschlichkeit wusste, sondern auch aktiv daran beteiligt war. 


Die Forschung der Nachkriegszeit legte die Rolle von Frauen im „Dritten Reich“ auf die von unbeteiligten Zeitgenossinnen fest. In Frauen, die ganz eindeutig als Täterinnen zu identifizieren waren, wie Ilse Koch oder Irma Grese, sah man bedauerliche Einzelfälle. Eine kritische Betrachtung der Frauen des NS-Regimes fand so lange Zeit gar nicht statt. Dass diese Frauen alles andere als unschuldig waren, zeigt die vorliegende aus acht Kapiteln bestehende Studie von Kathrin Kompisch. Indem sie nicht nur die „typischen“ Täterinnen, wie KZ-Aufseherinnen, ins Blickfeld nimmt, sondern auch auf andere Gruppen, wie Verwaltungsangestellte, schaut, zeichnet sie auf 277 Seiten ein differenziertes Bild der weiblichen Täterschaft während des Nationalsozialismus.

Um die realen Handlungsspielräume verschiedener Frauengruppen in der NS-Zeit beurteilen zu können, widmet sich die Autorin nach der Einleitung der Situation der weiblichen Bevölkerung im Dritten Reich (Kapitel 2). Sie betont, dass das Regime die "arische" Frau (S. 19) als Mutter "erbgesunder" (S. 19) Kinder verherrlichte, und verweist auf die Förderung erwünschter und die Verhinderung unerwünschter Ehen sowie die zwangsweise Sterilisation von "erblich Belasteten" (S. 27). In diesem Kapitel thematisiert Kompisch des Weiteren die Arbeitswelt von Frauen und legt dar, dass sie von 1933 bis 1939 nachgeordnete Tätigkeiten ausübten. Die typischen Berufe waren Verkäuferin, Sekretärin, Hausangestellte, Lehrerin. Frauen arbeiteten in der Konsumgüter-, Textil-, Nahrungsmittel- und Papierindustrie. Der Frauenanteil in Berufen mit akademischer Ausbildung war gering. Die Autorin stellt fest, dass die Kriegszeit (1939-1945) besonders jüngeren Frauen die Gelegenheit bot, in NS-Organisationen, bei der Wehrmacht und der SS, in Wirtschaft, Handwerk und Produktion zu wirken.

Thema des dritten Kapitels sind Polizistinnen und weibliche Verwaltungsangestellte, und im vierten Kapitel setzt sich die Historikerin mit Frauen im Sozial- und Gesundheitswesen auseinander. Im dritten Kapitel gibt Kompisch an, dass sich ab 1933 auch die Weibliche Kriminalpolizei (WKP) der Kontrolle und Erfassung rassisch und anderweitig unerwünschter Frauen und Kinder widmete. Kripobeamtinnen trugen ebenso wie die für die bürokratische Abwicklung von NS-Herrschaft und Völkermord zuständigen weiblichen Angestellten und Beamtinnen maßgeblich zum Holocaust bei.
Ein wichtiger Aspekt des nationalsozialistischen Sozial- und Gesundheitswesens (Kapitel 4) war die NS-Euthanasie: die planmäßige Ermordung von Insassen der Heil- und Pflegeanstalten und anderen 'Bewahrungseinrichtungen' wie sogenannten Arbeitshäusern, sowie von Gefängnisinsassen und KZ-Häftlingen. An der Euthanasie waren Frauen in medizinischen Berufen, wie Krankenschwestern, Pflegerinnen und Ärztinnen, aktiv beteiligt. Die Autorin vermeidet es aber, alle daran beteiligten Frauen pauschal als kaltblütige Mörderinnen abzutun. Viele hatten moralische und religiöse Bedenken. Manche zweifelten in einigen Fällen, in anderen töteten sie in der Überzeugung, den Kranken eine Gnade zu erweisen. Kompisch stellt fest, dass nur wenige Täterinnen aus medizinischen Berufen juristisch zur Verantwortung gezogen wurden. Die Verfahren endeten meist mit Freisprüchen oder geringen Haftstrafen. Für ihre Schilderungen führt die Autorin konkrete Beispiele an, wie die Vergasungen in Grafeneck oder die Morde in der Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein/Pirna.

Thema im fünften Kapitel sind die SS-Aufseherinnen, das weiblichen Bewachungspersonal in den Frauenkonzentrationslagern. Die Historikerin stellt fest, dass sich die Frauen durch den Dienst im KZ veränderten. Überlebende Insassinnen berichten, dass Anfängerinnen manchmal halbwegs menschlich handelten, sich aber im Laufe der Zeit zunehmend brutaler verhielten. Ihre Macht über Leben und Tod und die Tatsache, dass sie selbst für Übergriffe so gut wie keine Konsequenzen fürchten mussten, trugen zum menschenverachtenden Umgang mit den inhaftierten Frauen bei. Wie Kompisch darlegt, nahmen Frauen vor Gericht hingegen die Opferrolle an. Dass die Aufseherinnen sich jedoch auch manchmal nachsichtig zeigten, beweist, dass sie durchaus über Handlungsspielräume verfügten und nicht nur Befehle ausführten.

Mit den Ehefrauen von SS-Männern setzt sich die Autorin im sechsten Kapitel auseinander und betont, dass sie es ihren Männern vor allem als Unterstützerinnen im Hintergrund ermöglichten, den mörderischen Geschäften nachzugehen. Sie hielten den Männern den Rücken frei und schufen mit einer Familie den Entspannungsraum vom Völkermord. Aber Kompisch unterstreicht, dass nicht alle SS-Ehefrauen bereit waren, sich ihren Männern unterzuordnen, und nimmt neben berühmten Beispielen, wie Lina Heydrich oder Margarete Himmler, zugleich auch die weniger bekannten Ehefrauen von SS-Männern in den Blick. Anschließend widmet sich die Autorin den Kriegsdienst leistenden Frauen und betont, dass sie im Zweiten Weltkrieg nicht nur für die Heimatfront aktiviert wurden, sondern ebenfalls bei der Wehrmacht und der SS Dienst taten (Kapitel 7). Das achte und letzte Kapitel schließlich beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung der deutschen Nachkriegsgesellschaft mit der weiblichen Täterschaft im Dritten Reich.

Fazit: Kathrin Kompisch stellt mit ihrem Buch die neuen Forschungsergebnisse zu Frauen im Nationalsozialismus zusammen und zeichnet so ein genaueres Bild der NS-Vergangenheit. Mit ihrer Arbeit bricht sie die auch heute noch weit verbreitete Vorstellung auf, Frauen als unpolitische Objekte von Männergewalt ganz aus der Betrachtung des Nationalsozialismus auszunehmen. Zu diesem Zweck spricht sie nicht von 'der' Frau im Dritten Reich, sondern nimmt die unterschiedlichen Handlungsspielräume und Verantwortungsbereiche verschiedener Frauengruppen in den Blick.
Mit 277 Seiten ist das vorliegende Buch im Umfang überschaubar, die acht Kapitel sind in weitere Subkapitel unterteilt, was den Überblick und das Verständnis des jeweiligen Kapitelthemas erleichtert, die Verwendung der Fußnoten ist sparsam. Positiv herauszustellen ist weiterhin, dass Kompisch auf angrenzende Themen übergreift, z.B. wenn sie im fünften Kapitel die Arbeitsorganisation für das zentrale Frauenkonzentrationslager Ravensbrück herausarbeitet. Die überall eingestreuten Biographien einzelner Frauen ermöglichen einen persönlicheren Bezug zu ihren Verantwortungsbereichen. Die fundierte und gut lesbare Studie Täterinnen ist für jeden an den Themen Gender und/oder Nationalsozialismus Interessierten regelrecht ein Muss.


Kathrin Kompisch: Täterinnen. Frauen im Nationalsozialismus. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2008. 277 S., 22,90 Euro. ISBN: 978-3-412-20188-3


Inhaltsverzeichnis

1 Nur Opfer, Zuschauerinnen, Mitläuferinnen: Wo sind die NS-Täterinnen? 7

2 Mutterkult und Rüstungseinsatz: Frauen im Nationalsozialismus 19

Das NS-Eherecht: Reform im Zeichen rassischer Auslese 21
Positive und negative Eugenik: "Lebensborn" und Zwangssterilisation 27
Frauen in der Arbeitswelt 1933 bis 1939 37
Weiblicher Kriegsalltag 1939 bis 1945: Die Vereinbarkeit von Gegensätzen 42
Die organisierte Einbindung von Frauen in das NS-Regime 47
"Alte Kämpferinnen": Frühe NS-Führerinnen 49
Die Ära Gertrud Scholtz-Klink 53
Elite und Sammelbewegung: NS-Frauenschaft und Deutsches Frauenwerk 58
Der weibliche Arbeitsdienst: Von Freiwilligkeit zur Pflicht 62
"Sei wahr, sei klar, sei deutsch": Der Bund Deutscher Mädel 65

3 Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung: Polizistinnen und weibliche Verwaltungsangestellte 74

Die Polizei im "Dritten Reich" 74
Die Weibliche Kriminalpolizei: Erfassung zur Aussonderung 77
Frauen im Dienst der Gestapo 84
Schreibtischtäterinnen: Weibliche Verwaltungsangestellte 91
Denunziation - typisch weiblich? 95

4 Auslese und Ausmerze: Frauen im Sozial- und Gesundheitsdienst 100

Die Fürsorge im Nationalsozialismus 101
Von der Fürsorgerin zur NS-Volkspflegerin 105
Erfassung und Aussonderung "Minderwertiger" durch die Gesundheitsämter 109
Die "Braunen Schwestern" 112
Frauen und "Euthanasie"-Morde 123
Vergasungen in Grafeneck 129
Die Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde 130
Die Krankenmorde in der Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein/Pirna 134
Hebammen im Dienst der NS-Rassenpflege 136
Karrieren von Akademikerinnen im Rassestaat 142

5 Das weibliche SS-Gefolge: Frauen als KZ-Aufseherinnen 155

Verharmlosungsstrategie "Dienstverpflichtung" 162
Frauenkonzentrationslager: Geschichte und Organisation 169
Erste Frauenkonzentrationslager bis 1939 170
Ravensbrück: Zentrales Frauen-KZ ab 1939 171
Lebensbedingungen 173
"Euthanasie" 175
Krankenrevier 177
Vergasungen 178
Eine ganz normale Arbeit: Aufseherinnen in Ravensbrück 180
Vom Jugendschutzlager zum Vernichtungslager: Das Außenlager Uckermark 185
Die Frauenabteilung in Auschwitz-Birkenau 188
Lublin (Majdanek): Frauenabteilung mit Kinderlager 189
Die Frauenlager in Bergen-Belsen 192
Juristische Aufarbeitung: SS-Aufseherinnen vor Gericht 195

6 Stützen der Massenmörder:
SS-Ehefrauen 203

Die Rolle von Ehefrauen im SS-Sippenverband 204
SS-Ehefrauen an den Orten des Völkermords 210

7 "Blitzmädel" und Flak-Helferinnen: Frauen leisten Kriegsdienst 214

Wehrmachtshelferinnen an der Front und im Reich 216
Frauen bei der Landesverteidigung: Die "Arbeitsmaiden" des Reichsarbeitsdienstes 228
Weibliche Elite: Die SS-Helferinnen 231

8 Apologetische Bilder nach 1945: Opfer, Widerstandskämpferinnen und unpolitische Hausfrauen 236

Stilisierung einzelner Täterinnen zu "widernatürlichen Bestien" 240
Terror als Karriereoption und Selbstverwirklichung 241
Die Mörderinnen sind unter uns: Karrieren von NS-Täterinnen nach 1945 243
Das zwiespältige Verhältnis der Frauenbewegung zu NS-Täterinnen: Belastete Vorbilder und weibliche Erinnerungskultur 245

Anmerkungen 247
Quellen- und Literaturverzeichnis 264
Bildnachweis 272
Abkürzungsverzeichnis 272
Register 274


Policewoman, social welfare worker, guard: Female culpability during National Socialism

Which roles did women play in the national socialist dictatorship? This question is posed by the author of the present study, and she answers it, following current insights in the field, by identifying women as actors and perpetrators. One of Kathrin Kompisch's theses is that woman in the 'Third Reich' had a much wider sphere of influence than one wanted to admit in the aftermath of the war. They were not only part of administration and economy: in women's organizations such as the Nationalsozialistische Frauenschaft or the Bund Deutscher Mädel, they assumed leading functions and thus had direct influences. They were also present everywhere in the terror apparatus of the regime: as office employees they typed reports about mass executions for the SS, as custodians they guarded female inmates of the concentration camps, as secretaries they took minutes of questionings under torture. Historian Kompisch in her book treats these and many other areas in detailed ways and shows that the female part of the population not only knew of the crimes against humanity, but they took part actively in them.


© bei der Autorin und bei KULT_online
Aktualisiert am 6.9.2011