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Konstruktion, Dekonstruktion oder Rekonstruktion? Schweizer Mythen in der Gegenwartsliteratur

Eine Rezension von Martina Kopf

Barkhoff, Jürgen; Heffernan, Valerie (Hg.): Schweiz schreiben: Zu Konstruktion und Dekonstruktion des Mythos Schweiz in der Gegenwartsliteratur. Tübingen: Niemeyer, 2010.

Dem Spannungsverhältnis von Konstruktion und Dekonstruktion von Schweizer Mythen in und durch Literatur widmet sich der von dem deutschen Germanisten Jürgen Barkhoff und seiner irischen Kollegin, Valerie Heffernan, herausgegebene Band. Dieser versammelt die Beiträge der Tagung "Mythos Schweiz. Zu Konstruktion und Dekonstruktion des Schweizerischen in der Gegenwart", die an den Germanistischen Abteilungen der National University of Ireland Maynooth und des Trinity College, University of Dublin, stattgefunden hat. Auslandsgermanisten und Schweizer Autoren wie Adolf Muschg nehmen in ihren Beiträgen nicht nur die Mythenbildung in den Blick, sondern die Funktion sämtlicher Mythen in den schweizerischen Identitäts- und Selbstverständigungsdebatten. Als aus geographischer Perspektive relativ kleines Land stellt die viersprachige Schweiz, welche mehrere Kulturen vereint, einen ganz besonderen Fall dar. Thematische Schwerpunkte des Bandes sind deswegen neben dem "Mythos Schweizerliteratur", "Mythos Alpen" und "Mythos Eidgenossenschaft" auch "Mythos Sonderfall" und "Mythos Multikulturalität" sowie schließlich "Mythos literarischer Gegendiskurs" und "Mythos Irland". 


In einem schweizerischen Werbeslogan für Bündner Käse heißt es: "Die Sagen und Mythen der Bergwelt können Sie lesen. Oder in unserem Käse geniessen" (vgl. S. 8). Es ist nicht nur häufig von einem "Mythos Schweiz" die Rede, sondern die Schweiz scheint – wie der Slogan deutlich macht – mythengeladen. Neben den Alpen und dem Käse ist der Rütli-Schwur als National- und Gründungsmythos der Eidgenossenschaft dafür ein weiteres Beispiel. Dass diese Mythen nicht nur in die Literatur eingegangen sind, sondern durch sie erst aufleben bzw. wiederbelebt werden, zeigt spätestens Schillers Wilhelm Tell. An der Konstruktion von Mythenbildung, ihrer Entwicklung und Durchsetzung ist Literatur also maßgeblich beteiligt. Ebenso an ihrer Umschreibung, Kritik und Dekonstruktion wie die Schweizer Gegenwartsliteratur zeigt. "Mythenrevisionen" haben vor allem in den letzten 20 Jahren stattgefunden (vgl. S. 13), so dass die von 'Mythenzertrümmerer' Max Frisch aufgeworfene, provokante Frage an dieser Stelle erneut gestellt werden darf: Hat die Schweiz, die heutige, eine Idee?

Ihre Langlebigkeit und Wirkungsmacht verdanken Mythen der Tatsache, dass sie identifikatorisch wirken. Aus Mythen wird nicht nur nationale Identität, politische Legitimität und historische Kontinuität geschöpft, sondern sie verknüpfen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (vgl. S. 9). Darüber hinaus regen sie dazu an, das Besondere und Einmalige einer Gemeinschaft zu formulieren und befriedigen somit ein kollektives Distinktionsbedürfnis (vgl. S. 10). Doch Mythen sind auf aktualisierende Um- und Fortschreibungen angewiesen, wie Barkhoff und Heffernan in ihrer Einleitung feststellen (vgl. S. 12). Außerdem sei gegen einen "unkritischen Genuss" von Mythos unter Rückgriff auf Blumenberg die "reflexive Arbeit am Mythos" zu setzen (vgl. S. 8).
Die Mythenlastigkeit der Schweiz gründet sich nach Peter von Matt auf ihre prekäre Position zwischen den europäischen Großmächten. Der Zusammenhalt der Schweiz sei wegen der konfessionellen, sprachlichen und ökonomischen Differenzen stets gefährdet gewesen. Von Matt stellt fest, dass die Literatur eines Landes zu seiner politischen Identität immer in einer komplizierten Beziehung steht (vgl. S. 32). Es ist deswegen nicht erstaunlich, dass Autoren wie Jeremias Gotthelf, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch das "schuldhaft handelnde Kollektiv" (S. 36) zu einem für die Schweizer Literatur besonders bedeutsamen Motiv auserkoren haben.
Der Alpen-Mythos macht sich nach Peter Utz in einer Katastrophenkultur bemerkbar, an der die Literatur aus der Schweiz partizipiert. Dies steht in starkem Kontrast zu dem kollektiven Mythos der Solidarität unter den Alpen, den die Schweiz bis heute ständig beschwört (vgl. S. 66). Dies zeigen Autoren wie Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller und Charles Ferdinand Ramuz. Vor allem Ramuz' Romane verdeutlichen, dass der helvetische Mythos der Solidargemeinschaft hohl ist (vgl. S. 73): (Berg-)Katastrophe und Zwietracht gehen hier stets Hand in Hand. Besonders anschaulich wird das Wechselspiel von Konstruktion, De- und Rekonstruktion des Alpen-Mythos in der Literatur anhand von Thomas Feitknechts Beitrag zum Wandel des Bergbildes. Im Mittelpunkt der zeitgenössischen Schweizer Literatur steht weder Hallers Alpenidylle noch Ludwig Hohls literarischer Alpinismus, sondern ein imaginierter Berg, der Berg im Kopf. Diesen Bruch mit der literarischen Tradition demonstriert Feitknecht anhand Urs Richles Roman Mall oder Das Verschwinden der Berge von 1993. Dass das Berg-Motiv in der Literatur jedoch nicht ausschließlich eine Schweizer Angelegenheit sei, betont Feitknecht abschließend: "Es gibt in der deutschsprachigen Literatur der Schweiz Berg-Motive, die Bestandteil der Weltliteratur sind und nicht zwangsläufig einen 'Mythos Schweiz' begründen" (S. 104).
Valerie Heffernan greift in ihrem Beitrag die Behauptung auf, in der Schweizer Gegenwartsliteratur sei die Schweiz kein Thema mehr. Sie relativiert diese These jedoch anhand der Romane von Ruth Schweikert, Peter Stamm und Zoë Jenny. Die Flucht in die Ferne als Ersatz zum Schauplatz Schweiz kann nicht als Abkehr von dem Thema Schweiz verstanden werden, sondern das Ausland dient als Projektionsfläche für Kritik an der Heimat. Ebenso lassen sich auf den zweiten Blick schweizerisch etablierte Vorbilder und Motivkomplexe erkennen, so zum Beispiel das Sterben im Schnee – bekannt aus Robert Walsers Geschwister Tanner – in Peter Stamms Roman Agnes. Deutlich wird, dass die Autoren weniger dekonstruieren als rekonstruieren, wie Heffernan schlussfolgert: "Durch ihre Literatur schreiben sie an und über die Schweiz – und sie schreiben sie neu" (S. 295). 

Fazit: Ob der Mythosbegriff für all die genannten Aspekte der Schweiz mehr oder weniger zutreffend ist, mag fraglich sein. Trotz Hochkonjunktur in sämtlichen Disziplinen wird der Begriff nach wie vor schwammig gebraucht und diesem Problem kann auch der vorliegende Band nicht aus dem Weg gehen. Doch eine einheitliche Definition für den Mythosbegriff zu formulieren, das ist auch nicht sein Anliegen, sondern nach dem Phänomen Schweiz in der Gegenwartsliteratur zu fragen – was ihm durchaus gelungen ist: Der Band zeigt auf beeindruckende Weise, wie komplex und vor allem reichhaltig das Thema Schweiz in und außerhalb der Literatur nach wie vor ist, unabhängig davon, ob es nun Mythen sind oder vielmehr identitätsfördernde Schweizer Themen, welche für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen relevant waren oder noch sind. Der Titel Schweiz schreiben macht bereits das deutlich, was alle Beiträge auf spannende Weise vermitteln: Mythen und Literatur als Grundform symbolischer Präsentation sind eng miteinander verknüpft. Den "Mythos Schweiz" zu konstruieren, nicht nur das war und ist u.a. Aufgabe der Literatur, sondern auch ihn zu re- oder dekonstruieren – vor allem letzteres macht sie sich gegenwärtig zum Ziel.


Barkhoff, Jürgen; Heffernan, Valerie (Hg.): Schweiz schreiben. Zu Konstruktion und Dekonstruktion des Mythos Schweiz in der Gegenwartsliteratur. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2010. 321 S., gebunden, 59,95 Euro. ISBN: 978-3-484-10812-7 


Inhaltsverzeichnis 

Adolf Muschg: Wie die Schweizer Literatur in Dublin zu sich selbst kam 1
Jürgen Barkhoff, Valerie Heffernan: Einleitung: "Mythos Schweiz". Zu Konstruktion und Dekonstruktion des Schweizerischen in der Literatur 7

Teil I – Mythos Schweizerliteratur
Peter von Matt (Zürich): Was bleibt nach den Mythen? Plädoyer für einen neuen Blick auf das literarische Nachdenken über die Schweiz 31
Michael Böhler (Zürich): Gefängnis Schweiz oder Bergnebel Seldwyla? Zur Frage von Raum- und Zeitbindung der Schweizer Literatur 45

Teil II – Mythos Alpen
Peter Utz (Lausanne): Der Kitt der Katastrophen 65
Hans-Jürgen Schrader (Genf): Hallers Die Alpen, mythenkritisch reflektiert in Brandstetters Almträume 77
Thomas Feitknecht (Bern): Der Berg – das Hirn. Wandel des Bergbildes in der Gegenwartsliteratur der deutschen Schweiz 95
Andrew Liston (Giessen): Bergzauber. Franz Bönis mythische Bergwelten 105

Teil III – Mythos Eidgenossenschaft
Hans-Georg von Arburg (Lausanne): Nation aus dem Sumpf. Pfahlbauergeschichten oder literarische Konstruktionen eines anderen "Mythos Schweiz" 117
Reto Sorg (Lausanne/Fribourg): Der Rote Pfeil oder Die bewegte Nation. Vom literarischen Mehrwert der Eisenbahn bei Peter Bichsel und Peter Weber 139
Richard R. Ruppel (Wisconsin): Performing Swiss Heimat. Zu Geschichte und Funktion des traditionellen Bundesfeierspiels 159
Michael Butler †: Zur Entmythologisierung des Schweizer Selbstbildnisses. Die Schweizer Stücke von Herbert Meier 177

Teil IV – Mythos Sonderfall
Jürgen Barkhoff (Dublin): Europa wird entweder untergehen oder verschweizern. Konjunkturen einer Diskursfigur 197
Charlotte Schallié (Victoria): Par distance und aus der Engelperspektive. Thomas Hürlimanns entstellte Schweiz 215
Malcolm Pender (Strathclyde): Otto Marchi und die Vergangenheit 231

Teil V – Mythos Multikulturalität
Sabine Haupt (Fribourg): Mythos Kulturgraben. Literaturpolitische Diskurse und Realitäten innerhalb und jenseits der Sprachgrenzen 243
Christa Baumberger (Bern): An den Kreuzungen der Sprachen. Texte von Yusuf Yeşilöz und Dragica Rajčić 255 Moray McGowan (Dublin): Milch – Migration – Mythos. Beat Sterchis Roman Blösch (1983) 269

Teil VI – Mythos literarischer Gegendiskurs
Valerie Heffernan (Maynooth): Unschweizerische Schweizerliteratur? Ruth Schweikert, Peter Stamm, Zoë Jenny 283
Martin Zingg (Basel): Sprachgier und Sprachskepsis. Über Jürg Laederach 297

Teil VII – Mythos Irland

Siobhán Donovan (Dublin): Ein keltisch-helvetisches Netz. Mythen, Märchen und Magie in Gabrielle Alioths Kinderromanen 309

Construction, Deconstruction or Reconstruction? The Swiss Mythos in Contemporary Literature

This volume edited by Jürgen Barkhoff, a native German scholar, and his Irish colleague, Valerie Heffernan, examines the field of tension between the construction and deconstruction of Swiss myths in and through literature. It is a collection of papers that were presented at the conference "The Mythos of Switzerland: On construction and deconstruction of the Swiss in the Present-day" which took place at National University of Ireland Maynooth and at Trinity College, University of Dublin. Germanists from abroad and Swiss authors like Adolf Muschg not only focus in their papers on the constitution of myths but also on the function of several myths in Swiss self-identity and -understanding debates. From a geographical point of view Switzerland is a little country, but there are four languages spoken and several cultures melded, so this country has to be regarded as a special case. Main topics of the volume are, therefore, alongside the mythos of Swiss literature, the mythos of the Alps, and the mythos of the Swiss Confederation, also the mythos of a special case and of multiculturalism, and finally, the mythos of literary counter-discourse and the mythos of Ireland. 


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