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Erkundungsreisen in 'Wortlandschaften' Mittel- und Osteuropas

Eine Rezension von Katharina Bauer

Marszałek, Magdalena; Sasse, Sylvia (Hg.): Geopoetiken. Geographische Entwürfe in den mittel- und osteuropäischen Literaturen. Berlin: Kadmos, 2009.

Dem von den beiden Literaturwissenschaftlerinnen Magdalena Marszałek und Sylvia Sasse herausgegebenen Sammelband gelingt es in elf sehr anschaulichen Beiträgen, Geopoetik von bereits bestehenden literatur- sowie kulturwissenschaftlichen Raumkonzepten abzugrenzen und die Produktivität und interdisziplinäre Anwendbarkeit von Geopoetik als Analysewerkzeug vor Augen zu führen. In präzisen Studien zu Texten aus der russisch-, polnisch-, ukrainisch-, georgisch-, bosnisch- und deutschsprachigen Literatur, einer Film- und einer intermedialen Analyse machen die Beiträger_innen unterschiedliche geopoetische Verfahren sichtbar, die zum einen das mediale Hergestelltsein von Geographie reflektieren und zum anderen die Frage, inwieweit ein spezifischer geographischer Raum Einfluss auf die künstlerische und kulturelle Entwicklung haben kann. 


"Die Grenze verläuft in den Köpfen derer, die sie ziehen; jenseits ihres Willens zur Grenze gibt es keine Grenze." (S. 298). Dies postuliert Michael Ryklin in seinem Essay zur russischen Europa- und westeuropäischen Russlandwahrnehmung, der im vorliegenden Sammelband enthalten ist. Ebenso arbiträr und historisch wandelbar wie diese konstatierte Grenzziehung sind auch die "verbalisierten Differenzierungsmerkmale" (ebd.), mit denen die Abgrenzung vom Anderen markiert wird.
Die ausnahmslos sehr gelungenen Beiträge des Bandes Geopoetiken legen durch die Fokussierung auf die spezifischen geopoetischen Verfahren in literarischen Texten, Filmen und der Malerei genau jene "Schreibweisen, Verfahren, Narrative, Symbole und Motive" frei, mit denen "Raum-Poetiken hervorgebracht, semantisch aufgeladen und an bestimmte Orte, Landschaften und Territorien gekoppelt werden" (S. 9).
Wie die beiden Herausgeberinnen in der Einleitung feststellen, gehen in Bezug auf die politische Neuordnung Europas seit 1989 dabei die literarische "Relektüre von Territorien" und das – im Zuge des spatial turn verstärkte – Interesse an raumtheoretischen Forschungen Hand in Hand (vgl. S. 7). Der Begriff Geopoetik datiert jedoch bereits früher und geht auf den 1987 von Kenneth White verfassten Essay "Éléments de géopoétique" zurück. White versteht Geopoetik als ein "Projekt an der Grenze zwischen Poesie und Wissenschaft, zwischen konkreter Geographie und 'geistigem Raum'" (S. 7).

Im Rahmen des Bandes wird der Gedanke Whites noch um J. Hillis Millers Verständnis von textuellen Topographien als performativen Akten erweitert (vgl. S. 9 f.). Die geopoetische Analyse und Beschreibung "unterschiedlicher Korrelationen und Interferenzen zwischen Literatur und Geographie" kann dadurch sowohl das "mediale Hergestelltsein von Geographie" sichtbar machen, als auch "die Rolle geographischer 'Einstellungen', 'Wahrnehmungen' oder 'Materialitäten' […] in der literarischen Praxis" (S. 9).
In Abhängigkeit vom jeweiligen literarischen Text kann der analytische Schwerpunkt auf die Verfahren der poiesis bzw. der graphie, also der Produktion von Räumen gelegt oder aber die geo-Komponente betont werden. Dann rücken zum einen die Berührungspunkte zwischen Geopoetik und Geopolitik ins Blickfeld, zum anderen stellt sich die Frage, inwiefern die Kreativität des Künstlers durch den geographischen Ort beeinflusst wird, an dem er schreibt (vgl. S. 11).

Beiden zuletzt angesprochenen Aspekten widmet sich Susi K. Frank in ihrem Beitrag. Der Autorin gelingt es, einen bemerkenswerten Bogen von der Begriffsgeschichte der Geopoetik und der – außerhalb Russlands fast unbekannten – Geokulturologie über deren Differenzierung zu schlagen und darin zwei kurze Textanalysen zu integrieren. Eine Stärke der Geopoetik besteht Frank zufolge darin, dass sie keine Unterscheidung zwischen 'realen' und 'fiktiven' Räumen fordere, sondern gerade "den Blick auf die Durchlässigkeit, die Überschneidungen zwischen beiden Kategorien" eröffne (S. 30 f.).
Geokulturologie könne dagegen als "ein Wissensdiskurs bezeichnet werden, der Geo-Räume bzw. Regionen als geokulturelle Einheiten voraussetzt, postuliert, sie als gegebene Objekte analysiert und sie gleichzeitig semantisch und semiotisch konstruiert und damit nicht zuletzt auch ideologische und politische Ziele verfolgt" (S. 31). Die differenzierte Gegenüberstellung der Begriffe plausibilisiert Franks Fazit, in dem sie vorschlägt, Geokulturologie "zur Benennung der mithilfe geopoetischer Verfahren verfolgten Darstellungsziele" zu verwenden und damit "die geopolitische Dimension von Geopoetik in den Blick zu bekommen" (S. 41).

Um genau diese geopolitische Dimension geht es im Beitrag von Magdalena Marszałek zur Essayistik Jurij Andruchovyčs und Andrzej Stasiuks, deren neue literarische Topographien Ostmitteleuropas dezidiert 'Geopoetik' genannt werden und die auf ihre je eigene Weise versuchen, "das Politische ins Poetische umzukehren oder aber das Poetische zum Mittel des Politischen werden zu lassen" (S. 66). Renata Makarska und Annette Werberger widmen sich ebenfalls Ostmitteleuropa und schlagen vor, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit national-kulturellen Begrifflichkeiten nicht fassbare Region über das Stilmittel des ethnographischen Erzählens als geopoetischen Raum zu konturieren.

Miranda Jakiša macht in ihrem Beitrag auf eine sehr spezifische Variante geopoetischer Verfahren aufmerksam. Sie führt anhand der Analyse so genannter 'Bosnientexte' von Ivo Andrić, Meša Selimović und Dževad Karahasan anschaulich vor Augen, wie der prekäre Status Bosniens als Nicht-Ort und/oder Trans-Bosnien selbstreflexiv kompensiert wird, indem die Texte einerseits mithilfe einer hoch verdichteten Intertextualität die "fiktive Realität Bosniens" beglaubigen und andererseits durch die Art und Weise, wie sie die "Literatur als Teil der Realität inszenieren" (S. 89), zugleich verunsichern.

Die Berührungspunkte von Geopoetik und Geopolitik werden erneut in drei Beiträgen deutlich, die (anti-)koloniale und imperiale Diskurse und Kartographien in literarischen Werken freilegen. Auch Torben Philipp und Sylvia Sasse, die in ihren Beiträgen ausführlich den Zusammenhang von poiesis und aisthesis bei der künstlerischen Herstellung von Räumen in den Blick nehmen, blenden im Rahmen der Analyse der darstellungstechnischen Konsequenzen des untersuchten Perspektivwechsels immer wieder den zeitpolitischen Kontext mit ein.

Dem besprochenen Band gelingt es, sowohl Geopoetik theoretisch von anderen Begriffen abzugrenzen und als literatur- und kulturwissenschaftliches Analysewerkzeug methodisch zu konturieren als auch anhand unterschiedlichster Beispiele dessen Anwendung zu exemplifizieren. Aufgrund der sehr guten Nachvollziehbarkeit und hervorragenden Verständlichkeit der Beiträge, die auf die sorgfältige und kohärente Strukturierung der Texte zurückzuführen ist, kann der Band auch als anregende Einführung für fachfremde Leser_innen dienen. Als methodische Alternative und Ergänzung zu bisherigen topographischen Begriffe, welche es ermöglicht, die "Komplexität und den historischen Wandel der symbolischen Konstruktion von Kulturregionen" (S. 41) in den Blick zu nehmen, wird es interessant sein zu sehen, inwiefern sich geopoetische Verfahren auch in anderen Literaturen jenseits des (süd)ostmitteleuropäischen Raums herausarbeiten lassen. In diesem Sinne ist die Lektüre allen zu empfehlen, die sich mit der Beziehung zwischen einem geographischen Raum und dessen künstlerischer Darstellung auseinandersetzen (müssen) und nach alternativen Beschreibungskategorien suchen.


Magdalena Marszałek, Sylvia Sasse (Hg.): Geopoetiken. Geographische Entwürfe in den mittel- und osteuropäischen Literaturen. Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2010 (TopographieForschung Bd. 1; LiteraturForschung Bd. 10). 303 S., broschiert, 24,90€. ISBN: 978-3-86599-106-5


Inhaltsverzeichnis

Magdalena Marszałek und Sylvia Sasse
Geopoetiken 7

Susi K. Frank
Geokulturologie – Geopoetik. Definitions- und Abgrenzungsvorschläge 19

Magdalena Marszałek

Anderes Europa. Zur (ost)mitteleuropäischen Geopoetik 43

Miranda Jakiša
Bosnientexte. Über-Leben im literarischen Text 69

Renata Makarska und Annette Werberger

Die ethnographische Narration als mitteleuropäische Erzählweise 93

Sandro Zanetti
Orte/Worte – Erde/Rede. Celans Geopoetik 115

Kristin Kopp Gustav Freytags
Soll und Haben als imperiales Kartenwerk 133

Harsha Ram und Zaza Shatirishvili
Romantische Topographie und imperiales Dilemma. Der Kaukasus im Dialog der georgischen und russischen Dichtung 159

Matthias Schwartz

Die Kinder des Kapitän Grant. Zur Geopoetik des Abenteuers in Vladimir Vajnštoks Verne-Verfilmung von 1936 189

Torben Philipp
»Ringsum ist nichts zu sehen, überall nur Nebel und Schnee…« Geoaisthesis im russischen Realismus 225

Sylvia Sasse
›Geographie von unten‹. Geopoetik und Geopolitik in Sergej Tret’jakovs Reiseskizzen 261

Michail Ryklin
Russisches Schibboleth 289

Die Autorinnen und Autoren 301


Expeditions in Selected ›Word Landscapes‹ of Middle and Eastern Europe

Editors Magdalena Marszałek and Sylvia Sasse as well as the other authors of the anthology Geopoetiken (Geopoetics) successfully locate and distinguish 'Geopoetik' theoretically in the field of existing concepts for analysing space in literature/art, and show the concept's productivity and interdisciplinary operability for textual analysis. Eleven very precise articles, most of them analysing texts from south- and mideastern European literatures, depict and reflect on, on the one hand, the medial production of geography and on the other hand the relationship between creativity and the geographical space where an artefact is produced.

© bei der Autorin und bei KULT_online