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Die Frage nach der Technik Reloaded. Auf der Suche nach den Grenzen der Maschine

Eine Rezension von Michael Bartel

Stiegler, Bernard: Denken bis an die Grenzen der Maschine. Hrsg. v. Erich Hörl. Zürich, Berlin: diaphanes, 2009.

Der Band Denken bis an die Grenzen der Maschine versammelt Radiogespräche, die der französische Philosoph und Medientheoretiker Bernard Stiegler auf France Culture führte. Die von Erich Hörl erstmals auf Deutsch herausgegebenen Interviews geben Einblick in Stieglers Versuch, die Technikfrage zu reformulieren. Sie streifen dabei die in diesem Kontext bekannten Debattenschlachtfelder vom Verhältnis des Menschen zu seinen Maschinen über die technische Kondition des Menschen bis hin zur Technizität des menschlichen Gedächtnisses. Stieglers Entwurf erweitert bzw. korrigiert den tradierten Argumentationsbestand um seine Theorie der "industriellen Zeitobjekte" (S. 11), um so zu einer "Analytik der Gegenwart" (S. 9f.) und, wie es im Klappentext programmatisch heißt, zu einer "neuen Kritik der Programmindustrien und Technowissenschaften" zu gelangen. Dieses ambitionierte Ziel scheitert jedoch an den notwendigen Redundanzen und inhaltlichen Verkürzungen, die die Form des (Radio-)Interviews notgedrungen mit sich bringt. 


Die Frage nach der Technik ist und bleibt eine unendliche Geschichte. Wurde der Technikbegriff im antiken Griechenland noch in einem handwerklichen Sinne gebraucht, hat sich das Verständnis in der Folge immer wieder grundlegend gewandelt. Die begriffliche Auseinandersetzung mit der Technik – also jenen Artefakten, die der Mensch durch sein originäres Können und Wissen der Natur hinzufügt – folgt seitdem den unterschiedlichsten Narrativen. In den 1990er Jahren wurde in dieser Geschichte ein neues Kapitel aufgeschlagen: Der französische Philosoph, Medientheoretiker und Direktor der Abteilung "Kulturelle Entwicklung" am Centre Georges-Pompidou, Bernard Stiegler, hat mit seinem selbst so bezeichneten dreibändigen Grundlagenwerk La technique et le temps (1994-2001, dt. Technik und Zeit, Bd. 1, Der Fehler des Epimetheus, 2009) begonnen die Technikfrage zu reformulieren. Dass es sich dabei nicht um das abschließende Kapitel handelt, kann an dieser Stelle schon verraten werden.

Nach Fertigstellung von Technik und Zeit stand Stiegler dem Radiosender France Culture in einer längeren Interviewreihe Rede und Antwort. Unter Federführung von Erich Hörl wurden diese Gespräche jetzt unter dem Titel Denken bis an die Grenzen der Maschine auf Deutsch herausgegeben. Auch aufgrund dieses Entstehungskontextes erhebt der Band für sich den Anspruch, eine Einführung in das wissenschaftliche Programm Stieglers zu bieten. Die Lektüre der Interviews allerdings – und dies gilt es ausdrücklich zu betonen – ist voraussetzungsvoll. Denn Stieglers Entwurf zur Reformulierung der Technikfrage geht einher mit einem Parforceritt durch die Philosophie- und Technikgeschichte. Sie nimmt ihren Anfang bei Platons Technikkritik, um sich schließlich auf die jüngeren philosophischen Auseinandersetzungen mit der Technik bei Karl Marx, Edmund Husserl, Martin Heidegger und André Leroi-Gourhan zu konzentrieren. "Die technische Frage durchströmt auf ebenso intensive wie untergründige Weise das Denken des 20. Jahrhunderts. [...] Diese auffällige diskursive Unruhe ist als eine durch und durch technische Unruhe zu begreifen", so Hörl zu Recht im Vorwort (S. 7).

Jedoch stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob ein Interviewband die richtige Form ist, um diese Unruhe fass- und darstellbar zu machen. Schließlich versucht Stiegler mit seinem Ansatz nicht nur die Technikfrage vom Kopf auf die Füße zu stellen, sondern die Philosophie gleich mit. "Die ganze Schwierigkeit meines Unternehmens liegt genau darin, zu zeigen, dass die Philosophie mit der Verdrängung ihrer eigentlichen Frage beginnt" (S. 28). Und damit nicht genug. Denn Hörl reserviert Stieglers Anliegen für einen noch größeren Kontext. "Wenn er die philosophischen Schwierigkeiten mit dem technischen Objekt und das philosophische Unbehagen in der technischen Welt untersucht, so zielt Stiegler dabei letztlich auf die Klärung dessen, was uns heute widerfährt, auf die Bestimmung der Situation, in der wir jetzt leben" (S. 9). Für den Leser hat dieses Verhältnis von Inhalt und Form zwei Konsequenzen:

Erstens bleibt Stieglers Theoriekonzeption an vielen Stellen notgedrungen unterbelichtet. Besonders deutlich wird das an Stieglers Versuch, ein neues Narrativ für die Beantwortung der Technikfrage zu entwickeln bzw. eine Erklärung für den "Prozess der technischen Exteriorisierung des Lebendigen" (S. 50, Hervorhebung im Original) zu finden. In einem ersten Schritt greift er dafür auf die Arbeiten des Paläonotologen und "Ethnographen der Technik" (S. 50), Leroi-Gourhan, zurück. Denn in diesem, durch ihn begründeten "Exteriorisierungsprozess markiert der Mensch einen Bruch in der Geschichte des Lebens und stellt einen neuen Typus von Lebewesen dar, wobei das progressive Erscheinen dieses Typus qua technischer Exteriorisierung die Hominisation als solche bezeichnet" (S. 50 f.). Für Stieglers weitere Argumentation ist entscheidend, dass hierbei die "Technik als Gedächtnisträger" fungiert und so wiederum mit der Kultur kurzgeschlossen wird. "Deshalb ist es absurd, Technik im Gegensatz zur Kultur zu denken. Technik ist vielmehr die Bedingung der Kultur, insofern als sie deren Weitergabe und Übertragung allererst ermöglicht" (S. 60). Dass sich Kultur und Technik in einem interdependenten Verhältnis befinden, mag außer Frage stehen, doch eine stichhaltige und nachvollziehbare Erklärung dieses Zusammenhangs, die sich nicht in Zirkelschlüssen verliert, bleibt die Interviewreihe schuldig. Gerade wenn es darum geht, nachvollziehbar zu machen "warum Technik untrennbar mit dem menschlichen Gedächtnis verbunden ist" (S. 52), warum dieses Phänomen "im Tierreich ausgeschlossen" (ebd.) und wieso dadurch das menschliche Gedächtnis "unter die Kontrolle der Industrie geraten" (S. 70) sei, ist ein erneuter Blick in das kontextualisierende Vorwort des Herausgebers Erich Hörl unerlässlich.

Damit im Zusammenhang steht die zweite Konsequenz: Das vermeintlich dialogische Interview entwickelt sich über weite Strecken zum Monolog. Denn obwohl Stieglers Interviewpartner, Elie During, an vielen Stellen nachhakt – dabei eher subtil als renitent vorgehend –, ist seine Funktion doch die eines Stichwortgebers. Und so entwickelt sich das Interview zum dozierenden Vortrag. Gerade gegen Ende erliegt Stiegler nicht nur seinen Affekten – er ist ein großer Kritiker des zeitgenössischen Fernsehens –, sondern auch der Effekthascherei. Sicherlich ist dies auch ein Tribut an das Publikum von France Culture. Jedoch ist es enttäuschend, wenn groß angelegte Theoriekonzeptionen in wenig aussagekräftigen Gemeinplätze resultieren: Konkret laufen demnach die Bestrebungen der Bewusstseinsindustrien, mit ihrer Einflussnahme auf die Gedächtnisse, darauf hinaus, "das philosophische Vermögen zu ersticken" (S. 87). Damit werde laut Stiegler einer "Faulheit" zum Sieg zu verholfen, "zu der jedes Bewusstsein aufgrund seiner primordialen, unhintergehbaren Dummheit neigt. Denken heißt, seine eigene Faulheit zu bekämpfen. Dieser Kampf wird immer schwieriger, weil die Medien unsere Faulheit ausnutzen, ausbeuten und sogar systematisch befördern." (S. 88). Kurz: 'Die Medien' machen dumm. Wenn dies die Quintessenz von Stieglers Entwurf ist, dann bekommt der Titel vom Denken bis an die Grenzen der Maschine eine wenig schmeichelhafte Komponente.


Stiegler, Bernard: Denken bis an die Grenzen der Maschine, hrsg. v. Hörl, Erich. Zürich/Berlin: diaphanes, 2009. 153 S., paperback, EUR 19,90. ISBN 978-3-03734-057-8



Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers 7

Denken bis an die Grenzen der Maschine – Gespräche mit Élie During

Der Philosoph und die Technik 23

Technik als Gedächtnis 43

Das Bewusstsein in der Epoche industrieller Zeitobjekte 60

Bewusstsein, Unbewusstes und Unwissen 89

Derrida und die Technologie 111

The Question of Technology Reloaded: Searching for the Limits of the Machine

Denken bis an die Grenzen der Maschine (Thinking to the Limits of the Machine) consists of interviews with the French philosopher and media theorist Bernard Stiegler, which were first broadcast on France Culture. Edited by Erich Hörl, this collection provides insight into Stiegler’s attempt to rethink the question of technology. In so doing, the interviews touch upon subjects much discussed in this field: from the relation between man and machine to his technological condition to the technicity of consciousness. Stiegler’s concept extends – or rather, corrects – this set of approaches with his theory of "industrielle Zeitobjekte" (p. 11, 'industrial time objects'), thus coming to an "Analytik der Gegenwart" (p. 9, 'analytics of the present') and, as announced in the blurb, a new criticism of programme industries and technosciences. This ambitious aim, however, fails because of the inevitable redundancies and edits in terms of content which result from the texts being (radio-)interviews – with all their formal (dis-)advantages.


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