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Vom Kleinbürger zum Massenmörder

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Longerich, Peter: Heinrich Himmler. Biographie. München: Siedler Verlag, 2008.

Im Fokus des vorliegenden Buches steht einer von Hitlers wichtigsten Helfern. Der renommierte NS-Forscher Peter Longerich unternimmt den Versuch, die schwer zugängliche Persönlichkeit Heinrich Himmlers und die Motive hinter seinen Taten zu enträtseln. Dabei geht er über das Muster einer „politischen Biographie“ hinaus und blickt auf das gesamte Leben Himmlers in seinen einzelnen Phasen und in seinen unterschiedlichen politischen und privaten Bereichen. Der Autor verbindet Strukturgeschichte und Biographie. Er zeichnet chronologisch und synoptisch die unterschiedlichen Aktivitäten nach, die Himmler als Reichsführer-SS, Chef der Deutschen Polizei, Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, Reichsinnenminister und Befehlshaber des Ersatzheeres initiierte und kommt zu der Einsicht, dass die einzelnen Politikfelder, für die Himmler Verantwortung trug, viel stärker miteinander verbunden waren, als man bis dato angenommen hatte.  


Himmlers widersprüchliches Verhalten in seinen letzten Tagen beschreibend, betont Longerich, dass sich der Reichsführer-SS, im Gegensatz zu vielen anderen hochrangigen Nazis, die Selbstmord begingen, am Ende des Krieges versteckte. Als er von den Alliierten gefasst wurde, sagte er ihnen, wen sie vor sich hatten und entzog sich schließlich der Verantwortung, indem er sich das Leben nahm. Der Historiker macht deutlich, dass Himmler nicht für sein Handeln einstand, was seine ehemaligen Anhänger zutiefst enttäuschte, da er dadurch die von ihm gepredigten Tugenden mit Füßen trat. Himmlers Ende erscheint genauso rätselhaft, wie seine Karriere im Nationalsozialismus, der sich Longerich in der vorliegenden Arbeit ausführlich widmet. Die Biographie besteht aus sechs Kapiteln und gliedert sich thematisch in zwei Teile. Im ersten Teil geht es um den privaten Himmler und sein Leben vor der Karriere in der SS, der zweite Teil handelt sein politisches Wirken ab.

Im ersten thematischen Teil verweist Longerich auf Himmlers wohlbehütetes, katholisch-konservatives Elternhaus des wilhelminischen Bildungsbürgertums und seine Schwächen sowie die Gegenmaßnahmen, die er zu deren Überwindung ergriff: Der körperlich schwächliche Heinrich war emotional gehemmt und im sozialen Verhalten zurückgeblieben, denn er litt unter einer Bindungsstörung, die es ihm nicht erlaubte, persönliche Beziehungen zu anderen aufzubauen. Der Autor macht darauf aufmerksam, dass der Reichsführer diese Defizite kompensierte, indem er sich zu Selbstkontrolle zwang und sich Umgangsformen und soziale Techniken antrainierte. Wie Longerich ausführt, wuchs der 1900 geborene Himmler in die sogenannte Kriegsjugendgeneration hinein, die den Ersten Weltkrieg zwar erlebt hatte, selbst aber unter dem Komplex litt, zu jung gewesen zu sein, um aktiv daran teilzunehmen. Himmler sah sich als ein an der Berufsausübung verhinderter Offizier. Der Autor erklärt so Himmlers Entscheidung, Landwirtschaft zu studieren – eine typische Wahl für verabschiedete Offiziere, die sich als Krieger im Wartestand sahen. 1929 fiel Himmler die Führung der zu der Zeit bedeutungslosen SS in den Schoß und er ging daran, aus der nur einige hundert Mitglieder umfassenden Schutzstaffel die nach der SA zweite paramilitärische Organisation der NS-Bewegung aufzubauen.
Longerichs Darstellung der Entwicklung Himmlers in den formativen Jahren verdeutlicht, dass die gängigen Klischees über Himmlers Charakter bestimmte Züge des Reichsführers treffen. Seine Zeitgenossen hielten ihn häufig für emotionslos, kühl und pedantisch. Stets bemüht, Emotionen abzuwehren, pflegte er einen bis ins Kleinste geregelten Umgangsstil und wirkte so blass und unpersönlich. Die daraus resultierende emotionale Leere kompensierte er durch utopische Träume und quasi-religiöse Spekulationen. Der Autor unterstreicht jedoch, dass sich Himmler nie davon tragen ließ, sondern stets in der Lage war, ideologische Höhenflüge effektiv mit Machtpolitik zu verbinden und politische Machtkämpfe der NSDAP für sich zu nutzen.

Im zweiten thematischen Teil macht Longerich deutlich, dass der Reichsführer die Führung der SS zu einer Zeit übernahm, als es sich abzeichnete, dass der Nationalsozialismus zu einer Massenbewegung expandierte. Innerhalb von vier Jahren stieg die Zahl der Mitglieder der SS auf 50.000. Der Autor macht darauf aufmerksam, dass die weitere Entwicklung Himmlers im engen Kontext der allgemeinen Geschichte des Nationalsozialismus gesehen werden muss, in die Himmler fest eingebunden war. Longerich kommt zu dem Schluss, dass eine allein biographische Erklärung für sein politisches Handeln unzureichend wäre. Es handelt sich um komplexe politische Vorgänge, die sich nicht auf die Psychologie der handelnden Personen reduzieren lassen. Umgekehrt verdeutlicht der Autor aber zugleich, in welchem Maße Himmler seine diversen Ämter durch seine Persönlichkeit prägte, so z.B. im Bereich der Personalführung, die auch vor dem Privatleben seiner Männer nicht halt machte. Longerich hebt hervor, dass die Person nach und nach mit dem Amt verschmolz. Privat- und Berufsleben gingen ineinander über, denn Brüder und Freunde traten der SS bei, während Himmler SS-Angehörige wie Familie behandelte. Der Reichsführer schuf sich im Laufe der Zeit eine ganz auf seine Person abgestellte und durch seine Eigenheiten bestimmte Machtposition.
Longerich macht in Himmlers Karriere unterschiedliche Phasen aus, in denen der Reichsführer unterschiedliche Konzeptionen für die SS entwarf. 1933 übernahm er zunächst den Posten des Chefs der Politischen Polizei in Bayern und wurde nach und nach zum Chef der Politischen Polizei im gesamten Reich. Ende der dreißiger Jahre setzte Himmler neue Schwerpunkte: Siedlung und "rassische Auslese" (S. 766) der Bevölkerung und Repressionspolitik in den besetzten Gebieten, Ausbau der Waffen-SS und Einleitung einer Politik des systematischen Massenmordes. Wie der Autor ausführt, stellte Himmler 1942 die Weichen für eine Entwicklung, die eine Neuordnung des europäischen Kontinentes unter der Führung der SS ermöglichte. Seine Pläne scheiterten jedoch sehr bald und er konzentrierte sich auf den Kern seiner Macht: die Ausübung von Gewalt und Terror. Mit der Übernahme weiterer Ämter, wie dem des Reichsinnenministers und des Befehlshabers des Ersatzheeres, vereinigte er gegen Ende des Krieges alle Gewaltmittel des NS-Staates in seiner Person.

Fazit: Mit seiner Biographie liefert Peter Longerich eine umfassende Beschreibung des Lebens von Heinrich Himmler und zeigt ihn nicht nur als Massenmörder, sondern auch als Kleinbürger, der im Nazi-Deutschland erfolgreich seinen Weg fand. Im Mittelpunkt des ersten Teils der Biographie steht der private Mensch Heinrich Himmler, während sich der Autor im zweiten, doch etwas langatmigen Teil weitgehend auf den Politiker beschränkt, denn Verknüpfungen zum privaten Leben fehlen hier fast ganz. Unerwähnt bleiben z.B. Himmlers Beziehung zu seiner Frau, seiner Geliebten oder seinem Nachwuchs: Aspekte, die für den Leser von großem Interesse sind und deren Fehlen die Biographie etwas verkürzt erscheinen lassen. Seinem Anspruch, das ganze Leben Himmlers in den Blick zu nehmen, um seiner Persönlichkeit auf den Grund zu kommen, kann der Historiker somit nicht gerecht werden. Nichtsdestotrotz erweitert Longerich mit dem vorliegenden sehr interessanten, jedoch ein schwieriges Thema behandelnden Buch, das mit über 1000 Seiten viel Geduld bei der Lektüre erfordert, das Bild des Dritten Reiches.


Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. 2. Aufl. München: Siedler, 2008. 1040 S., 39,95 Euro. ISBN: 978-3-88680-859-5


Inhaltsverzeichnis


Prolog 7

TEIL I
Der junge Himmler 15
Kindheit und Jugend 17
Student der Agrarwissenschaft 33
Kampf und Entsagung 53
Neuanfang in Niederbayern 77
Der Parteifunktionär 97
Reichsführer-SS 127

TEIL II
Im Dritten Reich 155
Übernahme der Politischen Polizei 157
Vom Inspekteur der preußischen Gestapo zum Chef der Deutschen Polizei 189
Das Staatsschutzkorps 211

TEIL III
Der Orden 263
Weltanschauung und Kult 265
Himmlers Führungsstil 309
Himmler als Erzieher 327
Die SS-Familie 365

TEIL IV
In den Krieg: Ambition und Enttäuschung 397
Im Zeichen von Kriegsvorbereitung und Expansion 399
Krieg und Siedlung in Polen 439
Völkische Neuordnung 453
Repression im Reichsgebiet 485
Grenzverschiebung: Das Jahr 1940 507

TEIL V
Das großgermanische Reich: Lebensraum und Völkermord 531
Weltanschaulicher Vernichtungskrieg 533
Vom Massenmord zur "Endlösung" 559
Die Ermordung der europäischen Juden 573
Siedlungspolitik und rassische Auslese 595
Das "eherne Gesetz des Volkstums": Rekrutierungen für die Waffen-SS 621
Europaweite Schreckensherrschaft 637

TEIL VI
Untergang auf Raten 665
Kriegswende als Chance? 667
Zusammenbruch 717

Bilanz 759

Dank 771

Anhang 773
Abkürzungen und Sigel 775
Anmerkungen 779
Bemerkungen zu Quellen und Literatur 971
Bibliographie 975
Orts- und Personenregister 1017
Abbildungen 1037

From Pretty Bourgeois to Mass Murderer

The present book focuses on one of Hitler's most important helpers. Renowned NS scholar Peter Longerich tries to unravel the difficult personality of Heinrich Himmler and the motives behind his deeds. The author exceeds the genre of 'political biography' and looks at the whole life of Himmler in different stages of its political as well as private facets. He combines structural history and biography, and retraces chronologically and synoptically the different activities Himmler initiated as Reichsführer SS, chief of the Polizei, Commissar for the Strengthening of Germandom, Minister of the Interior, and commander of the reserve army. In doing this, the book shows that the individual political fields for which Himmler was responsible were much more strongly connected to each other than one had previously thought.



© bei der Autorin und bei KULT_online