Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Verwirrte Männer

Eine Rezension von Anna Beck

Ochsner, Andrea: Lad Trouble. Masculinity and Identity in the British Male Confessional Novel of the 1990s. Bielefeld: Transcript, 2009.

In ihrer Dissertation Lad Trouble. Masculinity and Identity in the British Male Confessional Novel of the 1990s untersucht Andrea Ochsner durch ein close reading von acht Romanen das Genre der male confessional novel (auch: ladlit) als ein Phänomen der crisis of masculinity in Großbritannien. Der Dozentin für Englische Literatur und Cultural Studies an der Universität Basel zufolge ist die crisis of masculinity gekennzeichnet durch die Verunsicherung vieler Männer aufgrund der zunehmenden Pluralisierung männlicher Rollenbilder in den 1990ern. In ladlit, so Ochsner, wird folglich die problematische Konstruktion und Aushandlung männlicher Identität in den Blick gerückt. Lad Trouble ist trotz einiger Schwächen im theoretisch-methodischen Bereich eine differenziert argumentierende und lesenswerte Studie für Studierende und Promovierende, die Anregungen suchen, wie man sich auf wissenschaftlicher Ebene produktiv mit Populärkultur auseinandersetzen kann. 


Mit ihrer Frage nach der Konstruktion von Maskulinität in britischer ladlit der 1990er ist es Andrea Ochsner gelungen, trotz des 'Booms' von identitäts- und/oder genderbezogenen Fragestellungen in den Literatur- und Kulturwissenschaften in den vergangenen Jahren (vgl. für literaturwissenschaftliche Arbeiten z.B. Degenring 2008, Neumann 2005, Gymnich 2000) eine Forschungslücke zu identifizieren. Innovativ und überzeugend ist an ihrer Arbeit vor allem, wie sie die Gattung der male confessional novel (re)konstruiert und sie in ihren Analysen als Artikulationsform der Unsicherheit vieler Briten hinsichtlich der Erwartungen an 'den' Mann in den 1990ern ernst nimmt.

Andrea Ochsner stellt die Inszenierung männlicher Identität in der male confessional novel in den Kontext von Postmoderne, Globalisierungsphänomenen und weiblicher Emanzipation. Damit wendet sie sich dezidiert gegen die ihrer Ansicht nach bislang vor allem von FeministInnen vertretene Auffassung, ladlit sei antifeministisch und sexistisch. Im Gegensatz dazu plädiert Ochsner dafür, das Genre als Phänomen der in den 1990ern ausgerufenen crisis of masculinity (vgl. z.B. S. 76) zu verstehen. Ochsner geht jedoch über bisherige Analysen der Krise hinaus, indem sie diese nicht isoliert betrachtet, sondern als einen Ausdruck einer umfassenderen gesellschaftlichen Krise versteht. Diese sei dadurch gekennzeichnet, dass einerseits traditionelle (Gender-)Dichotomien nicht mehr valide seien, sich aber andererseits die Vorstellung dynamischer Identitäten erst noch durchsetzen müsse (vgl. S. 21 f.). Folgerichtig schlägt sie vor, statt von masculinity crisis von emergent discourses of masculinity (vgl. S. 79) zu sprechen.

Gerade in ladlit, so Ochsner, wird nun die – für die Protagonisten häufig problematische – Konstruktion und Aushandlung männlicher Identitäten im Spannungsfeld dieser unterschiedlichen Männlichkeitsdiskurse in den Blick gerückt. Maskulinität werde so auch in Literatur, und das sei neu, zum marked gender (vgl. S. 39). Die Gattung der confessional novel ermögliche es den Protagonisten, über den Modus des 'Bekenntnisses' eigene Schwächen und Unsicherheiten hinsichtlich ihrer Rolle als Mann selbstironisch offen zu legen (vgl. S. 115 f.). Da diese Bekenntnisse häufig mit Entschuldigungen der Protagonisten für ihr Verhalten einhergehen, könne die male confessional novel als "apology for inadequacy" (S. 116) verstanden werden, argumentiert die Autorin.

Andrea Ochsner teilt ihre Untersuchung in einen Theorie- und einen Analyseteil gleichen Umfangs. Im Anhang finden sich außerdem ein Bericht über das englische Theaterstück The Lad Lit Project und ein Interview der Autorin mit Nick Hornby.

Teil I ("Theory and Context") der Monographie hat drei Schwerpunkte: Die Zusammenhänge zwischen sozialen und literarischen Diskursen über Identität und Gender in den 1990ern, die Etablierung der male confessional novel als Genre und die Reflexion über den Stellenwert der Populärkultur in den Cultural Studies.

Ochsner überzeugt durch ihren äußerst differenzierten Umgang mit Konzepten, Theorien und Diskursen. Wie angesichts der Publikationsflut zum Identitätskonzept in den letzten Jahren zu erwarten, liefert die vorgenommene Verknüpfung von Identität mit Performativität (in Anlehnung an Butler und Derrida) und Narration keine neuen Erkenntnisse. Etwas Neues wagt die Autorin dafür mit der Einführung des Konzeptes der structure of feeling (Raymond Williams) als Versuch, die ladlit als Artikulation des ‚Lebensgefühls’ einer bestimmten Generation von Männern zu begreifen. Doch trotz der Bemühungen Ochsners, das Konzept als analytisches Werkzeug (vgl. S. 70) zu etablieren, bleibt dessen konkrete Anwendung und damit sein Mehrwert für die Arbeit unbestimmt. Für das mit der Einführung der structure of feeling implizit verbundene Ziel, die Wechselwirkung zwischen der male confessional novel und ihrem kulturellen Kontext zu konzeptualisieren, wäre ein Blick über den Tellerrand der Cultural Studies zur kulturwissenschaftlich interessierten Literaturwissenschaft (vgl. z.B. Nünning/Sommer 2004, Zapf 2002, Fluck 1997) sicher fruchtbar gewesen.

Fundiert und plausibel sind Ochsners Ausführungen, wenn sie die Gattung der male confessional novel für den zeitgenössischen britischen Roman näher bestimmt und begründet, warum gerade diese Gattung sich für die Inszenierung der Aushandlung männlicher Identitäten des Betrachtungszeitraums anbietet. Dies schafft auch Anschlusspotential: beispielsweise für Arbeiten zur Veränderung der Inszenierungen von Männlichkeit im englischen Roman seit Ende der 1990er. Am Ende des Theorieteils geht dann leider vorübergehend der rote Faden der Studie verloren, wenn über 40 Seiten die Frage des Stellenwerts von Populärkultur in den Cultural Studies verhandelt wird. Es hätte der Kohärenz der Studie gut getan, dies an weniger prominenter Stelle und in stark verkürzter Form zu thematisieren. Das gilt umso mehr, als Ochsner mit ihren Romananalysen den praktischen Nachweis erbringt, wie fruchtbar die Untersuchung popkultureller Artefakte unter kulturwissenschaftlichen Fragestellungen ist. Das ist überzeugender als jede theoretische Diskussion.

Im zweiten Teil ("Writing Identity in the Male Confessional Novel") unterzieht Ochsner acht male confessional novels, die nach Repräsentativität ausgewählt wurden, einem close reading, durch das sie zentrale Themen, Motive und Darstellungsmodi der male confessional novel vor dem Hintergrund des von ihr skizzierten sozio-kulturellen Klimas sichtbar macht. Dabei markiert sie durch die Kategorisierung der Romane in "Structures of Obsessions" (High Fidelity, My Legendary Girlfriend, Time for Bed), "Structures of Non-Commitments" (White City Blue, Mr Commitment) und "Structures of Prolonged Adolescence" (About a Boy, Man and Boy, The Best A Man Can Get) die thematischen Schwerpunkte der Gattung.

In ihre Analysen bezieht die Autorin, und das ist ein ungewöhnlicher Ansatz, LeserInnenrezensionen der Romane von amazon.co.uk ein. Ohne Frage eignen sich solche Leserbewertungen hervorragend, um das hohe Identifikationspotential der male confessional novel für männliche Leser hervorzuheben. Doch leider fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Vorgehen: Überlegungen, wie und mit welchem Zweck diese Bewertungen auf der Verkaufsplattform entstehen, und dass es problematisch sein könnte, sie als  direkten Zugang zum Rezipienten zu begreifen, sucht man vergeblich.

Fazit: Mit Lad Trouble legt Andrea Ochsner eine sehr breit angelegte Studie vor, die die Konstruktion von Maskulinität in der britischen male confessional novel der 1990er überzeugend analysiert und intelligent kontextualisiert. Man merkt der Autorin die Begeisterung für ihren Gegenstand an. Das erklärt vielleicht die an einigen Stellen fehlende Selbstreflexion und den Versuch, zu viel unter einen Hut bzw. in ein Buch zu kriegen. Angehenden LiteraturwissenschaftlerInnen, die sich für die komplexen Zusammenhänge von Gender, Identität, Kultur und Populärliteratur interessieren, kann die Lektüre dennoch empfohlen werden – ebenso wie Fans von Nick Hornby: dem ist das Buch nämlich gewidmet.


Ochsner, Andrea: Lad Trouble. Masculinity and Identity in the British Male Confessional Novel of the 1990s. Bielefeld: Transcript, 2009 (Cultural Studies). 388 S., kart., 35,80 Euro. ISBN 978-3-8376-1161-8


  Inhaltsverzeichnis

Acknowledgements 7

Preface 9

Introduction: The Structure of Feeling in the 1990s 19
Millenial turn and crisis management 19
Who is afraid of feminism? New Laddism as a relapse into pre-feminist behaviour? 27
The male confessional novel as a middlebrow phenomenon of the 1990s 30

Outline of the book 34


Part I: Theory and Context


Changing Narratives – Changing Societies 39
The 1990s: a short overview 40
The literary landscape of the 1990s 47
The crisis of identity 55
Identity and narration 66
The structure of feeling 68
Masculinities and their crises 72

Confessional Writing: The (Re)Construction of a Literary Genre 81
Genus and its application: the problem of genre 81
From gender to genre: male-authored books – towards une écriture masculine 88
The male confessional novel as a late modern type of Bildungsroman 95
The confessional mode 101
The problem of inadequacy 111

Cultural Studies and Popular Culture: Struggling with a Problem Child 117
High culture versus low culture: subverting a dichotomy 118
Cultural studies' predicament or the spectres of Marxism 126
What is popular culture? 133
The profane makes secure: popular culture and the everyday 138
Popular fiction and genre: the face and its brows 141
Deconstructing the popular: iterability and the politics of reading 146


Part II: Writing Identity in the Male Confessional Novel

Structures of Obsessions 159
Musical excess in High Fidelity 160
Lost in the Land of Love in My Legendary Girlfriend 190
Sleepless in London in Time for Bed 212

Structures of Non-Commitments 235
Friends versus wife in White City Blue 237
Procrastinating marriage in Mr Commitment 259

Structures of Prolonged Adolescence 275
Men will be boys in About A Boy 277
Single fatherhood in Man and Boy 300
Having it both ways in The Best A Man Can Get 321

Conclusion 339

Epilogue: The Lad Lit Project 345

Appendix: Interview with Nick Hornby 357

Bibliography 369

Men in Crisis

In her dissertation Lad Trouble: Masculinity and Identity in the British Male Confessional Novel of the 1990s Andrea Ochsner does a close reading of eight male confessional novels (aka: "ladlit") and analyses them as a phenomenon of the alleged crisis of masculinity in Great Britain. According to Ochsner, who is a lecturer for English Literature and Cultural Studies at the University of Basel, this crisis is marked by men's uncertainty in the face of the emergence of a plurality of masculinity scripts which followed the feminist movement and the focalisation of masculinity as the marked gender in the media of the 1990s. Ochsner argues that ladlit foregrounds the problematic construction of masculine identity at the time. In spite of some minor shortcomings in regards to the author's theory and method, Lad Trouble is an intelligent study which can be recommended for students and PhD candidates who are looking for examples of how to work productively with sources from contemporary popular culture.


© bei der Autorin und bei KULT_online