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Utopische Verheißungen – rasche Ernüchterung: Wasserkraft in der Sowjetunion

Eine Rezension von Rayk Einax

Gestwa, Klaus: Die Stalinschen Großbauten des Kommunismus. Sowjetische Technik- und Umweltgeschichte, 1948-1967. München: Oldenbourg, 2010.

Mit seiner Habilitationsschrift legt der Historiker Klaus Gestwa eine Studie zu energiepolitischen Mammutprojekten vor, die einen Grundpfeiler der sowjetischen Planwirtschaft bildeten. Wie der Autor herausarbeitet, gelang es den Machthabern in den 1950er und 60er Jahren, damit eine gewisse Technikverzückung und Zukunftsoptimismus in der Bevölkerung zu wecken. Spätestens mit dem Beginn der Perestrojka waren diese Erwartungen aber vollkommen enttäuscht worden. Mag die 'sowjetische Moderne' auch ihren Versprechen hinterhergelaufen sein, hydroenergetische Giganten haben indes, wie in der Volksrepublik China, noch nicht ausgedient. Klaus Gestwa legt hiermit eine Pionierstudie vor, die eine deutliche Warnung vor den unkalkulierbaren Risiken ausspricht. 


'Energie' ist das Zauberwort der modernen Zivilisation, welches wie kaum ein anderes den Fortschrittsfetischismus der letzten einhundert Jahre symbolisiert. Da dem Problem der Energieversorgung nahezu weltweit höchste Priorität eingeräumt wird, hat auch die historische Perspektive auf den Umgang mit natürlichen Ressourcen zu verschiedenen Zeiten unmittelbare Auswirkungen auf das gesellschaftliche Technik- und Umweltbewusstsein. Einen solchen sensibilisierenden Blick auf Umweltgeschichte wirft Klaus Gestwa mit der vorliegenden Studie.

Im Progressismus der Sowjeteliten spiegelte sich, so der Verfasser, nicht zuletzt die Überzeugung von der eigenen zivilisatorischen Mission und der Glaube an eine umfassende Gestaltbarkeit der heimischen Natur wider. Deshalb waren technische Planspiele ein fundamentaler Bestandteil der sowjetisch-kommunistischen Ideologie, denn ihre Realisierung verhieß die Beherrschung der Zukunft. Die Domestizierung riesiger Naturräume und die Kolonisation unterentwickelter, peripherer Landstriche erschienen auch im Wettlauf mit den USA prestigebildend.

Im Mittelpunkt der Studie Gestwas steht die Nutzung der sowjetischen Fließgewässer; von der Planung und Umsetzung der "Großbauten", d. h. Flusskraftwerke, Staudämme und Kanalisationssysteme, bis zu den höchst problematischen Folgen für deren natürliche und soziale Umwelt. Der Reiz der Ausführungen liegt nicht allein im Herausarbeiten der ingenieurtechnischen Genese solch "weißer Elefanten", sondern vor allem in der Analyse der zu Grunde liegenden politischen Utopien und ihrer Umsetzung in die sowjetische Praxis. Dabei macht Gestwa wiederholt auf die starke Diskrepanz zwischen den Erwartungen und den Erträgen aufmerksam. Weiterhin zeichnet die Studie aus, dass sie sich in die internationale Technik- und Umweltgeschichte einbettet und einen zeitlichen Rahmen steckt, welcher die bislang eher stiefmütterlich behandelte Nachkriegsepoche bis zur Brežnev umspannt.

Die Neubelebung entsprechender Prestigeprojekte, die durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen worden waren, setzte bereits 1948 wieder ein. Nachdem der Autor im zweiten Kapitel zunächst die Vorgeschichte der hydrodynamischen Gigantomanie in der stalinistischen Sowjetunion abgehandelt hat, stehen im dritten Kapitel fünf ausgesuchte "Großbauten des Kommunismus" und ihre propagandistische Vereinnahmung exemplarisch für den beginnenden Take-off der 50er und 60er Jahre: der Wolga-Don-Kanal, die Wolga-Flusskraftwerke bei Kujbyšev und Stalingrad/Wolgograd, das Ob-FKW Novosibirsk sowie das Angara-FKW bei Bratsk (Ostsibirien). Deren Entwicklung wird chronologisch skizziert und die maßgeblichen Entscheidungsinstanzen sowie Machtverflechtungen offen gelegt.

Das vierte Kapitel nimmt konkret das Treiben auf den einzelnen Baustellen unter die Lupe. Hier zeigte sich, dass im praktischen Einsatz der Verschleiß an Maschinen und Gerät hoch, Leerlauf, Ineffektivität und Mängel immens gewesen sein müssen. Zur Verschleuderung materieller Ressourcen kamen diverse Lücken im Budget, Bauverzögerungen und Ausschuss. Trotz derartiger Kraftakte ließen die Kapazitäten der (halb-)fertigen Stromproduzenten noch lange Zeit stark zu wünschen übrig. Selbst die Elektrifizierung der anliegenden Städte und Dörfer blieb prekär. Der Baueinsatz habe dennoch als Motor regionaler Industrialisierungsprozesse einschneidende Folgen für das Umland gehabt. Immer wieder zeigte sich jedoch, dass die Entwicklungsprobleme angesichts technischer und planerischer Rückstände nicht völlig behoben werden konnten.

Danach entfaltet der Autor die Berichterstattung in der Presse und ihre Auswirkungen auf die sowjetische Populärkultur. Die Bauwerke erfuhren hierbei eine Inszenierung als technisches Faszinosum und dienten hauptsächlich der Simulation einer Modernität, die nie verwirklicht wurde. Die kommunistischen Fortschrittsmythen und der vermeintliche Heldenmut der Aktivisten fanden nichtsdestotrotz – als Sachbücher, Romane, Plakate, Filme etc. – Eingang in das (postsowjetische) kollektive Gedächtnis.

Hierauf beschäftigt sich die Studie mit den Arbeitsbedingungen auf den Baustellen. Aufgrund alltäglicher Frustration habe, so Gestwa, vor allem die jugendlichen 'Heroen' ihre Einsatzstätten als Orte der Desillusionierung erlebt. Dies betraf den mitunter miserablen Arbeitsschutz, die sanitären und wohnlichen Verhältnisse, die mangelhafte Versorgung, Kriminalität, schlechte Arbeitsdisziplin u. ä. Für die örtliche Bevölkerung bedeutete der Einzug der industriellen Moderne hingegen in aller Regel den Verlust ihres angestammten Wohnortes.

Das Schlusskapitel ist ein Plädoyer für eine stärkere wissenschaftliche Beschäftigung mit Umweltgeschichte. Es thematisiert einerseits die katastrophalen ökologischen Schäden, welche die Bauriesen hinterlassen haben, und schildert andererseits das wachsende Bewusstsein der Bevölkerung für Umweltschutzanforderungen, das sich im politisch-gesellschaftlichen Diskurs herauszubilden begann.

Technik, so schien es zunächst, war der letzte Köder der Sowjetbürokratie für eine zunehmend politisch apathische Bevölkerung. Die neue Utopie, die insbesondere die 'Brežnev-Generation' für kurze Zeit zu begeistern vermochte, ließ die reine kommunistische Lehre verblassen. "Der Sowjetstaat sonnte sich mit seinen Riesenkraftwerken und Kanaltrassen im Glanz technischer Pionier- und Höchstleistungen, die sich, auf Kosten und Nutzen hin untersucht, meist als verblendete Scheinerfolge herausstellten" (S. 558). Die 1970er läuteten aber auch hier das "Ende der Zuversicht" (Konrad Jarausch (Hg.): Das Ende der Zuversicht. Die siebziger Jahre als Geschichte. Göttingen 2008) ein.

Unter enger Einbindung des Themas in die gesamte Sowjethistorie macht Gestwa den Kompensationscharakter der Mammutbauten im Hinblick auf die permanent bestehenden wirtschaftlichen Defizite der Sowjetunion deutlich. Die Leuchttürme auf dem Wege in die kommunistische Zukunft erwiesen sich als riesiges Verlustgeschäft – ökonomisch, sozial, ökologisch.

Die Darstellung ist ansprechend, anregend und griffig. Am Horizont erscheint eine alles in allem faszinierende Zeit, welche der Autor mit seinen Lesern gemeinsam durchschreitet. Mitunter wirken allzu saloppe Worthülsen deplatziert, etwa in den Zusammenfassungen. So werden im Schlussteil die Angehörigen der Parteiführung als "fortschrittssüchtige Drogendealer" oder "Moskauer Ideologiepäpste" tituliert, die sich der "Seelenwellness" der Sowjetbevölkerung verschrieben hätten (S. 561-563). Der anschaulichen Rekonstruktion der "Lebenswelten" aus den Archiven tut dies jedoch keinen Abbruch. Für den aktuellen Forschungskanon dürfte die Studie wegweisend sein.


Gestwa, Klaus: Die Stalinschen Großbauten des Kommunismus. Sowjetische Technik- und Umweltgeschichte, 1948-1967. München: R. Oldenbourg, 2010. 660 S., kart., 84,80 €. ISBN: 978-3-486-58963-4


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Energetischer Imperativ und hydraulische Gesellschaft 11

2. Die Geschichte wasserbaulicher Großprojekte bis 1947 48

3. Technik und Herrschaft: Entscheidungsprozesse und Machtstrukturen 75

4. Technik und Wirtschaft: Die Kommandowirtschaft auf dem Prüfstand 183

5. Technik und Kultur: Kulturelle Praxis und gesellschaftliche Bedeutung des Technikkults 251

6. Technik und Gesellschaft: Mobilisierung und Zwang 390

7. Technik und Umwelt: Ökologischer Notstand und gesellschaftliche Proteste 500

8. Schluss: Verortung und Verwandtschaften 556

9. Verzeichnis der Tabellen, Karten und Abbildungen 578

10. Verzeichnis der benutzten Quellen und Literatur 581

Register 655

Utopian Promises – Fast Disillusionment: Water Power in the Soviet Union

In his habilitation work, historian Klaus Gestwa presents a study concerning giant projects of energy production, which were one of the basics of Soviet command economy. As the author argues, the political leaders were quite successful during the Fifties and Sixties in evoking technophilia and faith in progress within the population. By the beginning of the Perestroika these expectations had completely vanished. However, although the "late Soviet era" consistently failed to live up to its promises, giant hydroenergy projects are not out of political minds – foremost in the People's Republic of China. With this work Gestwa provides a pioneer work voicing a distinct warning against the incalculable risks of such projects.

© beim Autor und bei KULT_online