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Goethes Vorgriff auf die Ästhetik des Performativen? Theater und Öffentlichkeit um 1800

Eine Rezension von Sven Neufert (Bonn)

Primavesi, Patrick: Das andere Fest. Theater und Öffentlichkeit um 1800. Frankfurt/M., New York: Campus, 2008.

Der Mainzer Theaterwissenschaftler Patrick Primavesi untersucht in seiner Habilitation, wie Festvorstellungen um 1800 diskursiviert werden, um das Theater für die Konstituierung einer bürgerlichen Öffentlichkeit zu nutzen. Auf der Basis einer Ästhetik des Performativen (Fischer-Lichte), der Ritualforschung und George Batailles Theorie der Verausgabung arbeitet er das bürgerliche Faszinosum für ein 'anderes Fest' heraus, das nicht auf Repräsentation, sondern Ereignishaftigkeit, Verausgabung und Transformation angelegt ist. Durch Analysen von Romanen, literarischer Essayistik, Reiseberichten und Dramatik versteht es Primavesi überzeugend, das ambivalente Verhältnis des Bürgertums zu diesem anderen Fest aufzuzeigen. Da sich dieses jenseits bürgerlicher Wertvorstellungen bewege und der Funktionalisierung entziehe, begegne man ihm bei aller Faszination skeptisch. 


In seinem großen Essay Versuch über das Theater (1908) reflektiert Thomas Manns den "nicht zu entkräftenden deutschen Glauben", dass das "Theater als Tempel möglich sei". Gemeint ist damit ein Theater, das die Grenzen dramatischer Repräsentation überschreitet und zum festlichen "Weiheakt" wird. Primavesi verfolgt genau diesen deutschen Glauben zurück bis zu seinen diskursiven Wurzeln in der Rezeption antiker Fest- und Theaterformen um 1800.
Das begriffliche Instrumentarium, mit dem er die Auflösung rein repräsentativer Theaterformen im Fest untersucht, ist vor allem Erika Fischer-Lichtes Ästhetik des Performativen, der Ritualforschung (Arnold van Gennep, Victor Turner) und George Batailles Theorie der Verausgabung verpflichtet: Performanz, Ereignis, Präsenz und Überschreitung sind demnach die zentralen Begriffe dieser Arbeit, an deren Anwendung auf die historischen Avantgarden Anfang des 20. Jahrhunderts und die Performance-Kunst sich der theaterwissenschaftlich interessierte Leser bereits gewöhnt hat. Funktioniert es aber, mit dieser Perspektive auf eine Epoche zu blicken, die von einem höfisch bestimmten Theater der Repräsentation geprägt war?

Primavesis Interesse am Wechselverhältnis von Theater und Fest rechtfertigt sich weniger aus der damaligen historischen Aufführungspraxis, sondern vielmehr aus der Beobachtung, wie sehr der Roman, die literarische Essayistik, der Reisebericht, das Feuilleton, die Altphilologie und nicht zuletzt die Dramatik um 1800 sich von der Phantasmagorie eines Festes fasziniert und zugleich abgestoßen zeigte, das nach nicht-repräsentativen Formen der Vergemeinschaftung suchte und somit von Primavesi in Abgrenzung zur höfischen Festkultur das 'andere Fest‘ genannt wird. Die kulturhistorischen Prämissen dieser Beobachtung, die in der theaterwissenschaftlichen Forschung bisher nicht übergreifend thematisiert wurde, referiert Primavesi souverän. An die Stelle der höfisch-aristokratischen Repräsentation einer symbolischen Ordnung, die sich auf den Monarchen als leeres Zentrum hin entwarf, trat Ende des 18. Jahrhunderts die Verzeitlichung von Ordnungsvorstellungen und die Vorstellung eines sich selbst entwerfenden Subjekts.

Als Textzeugen von größter Bedeutsamkeit für die Krise der Repräsentation um 1800 und diskursive Folie für die gesamte Arbeit wird Jean-Jacques Rousseaus Lettre à Mr. d'Alembert sur les spectacles (1758) und seine deutsche Rezeption zu Recht eingehend analysiert. An ihm lässt sich aufzeigen, wie sich die dezidierte Kritik am Theater mit der Vision eines Festes verbinden kann, in dem Öffentlichkeit zum Schauspiel wird. Antitheatrale Entwürfe eines anderen Festes und das Denken eines Fest-Theaters als umfassender kultureller und gesellschaftlicher Praxis nehmen hier ihren Ausgangspunkt.

In einem ersten Kapitel widmet sich die vorliegende Arbeit der ambivalenten Bewertung von Theater und Fest im Theaterroman (Wilhelm Meisters theatralische Sendung, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Anton Reiser). Überzeugend stellt Primavesi eine einsinnige Lektüre dieser Romane als Theater- und Festkritik in Frage. Wenn auch die zeitgenössische Theatromanie kritisch betrachtet und der Festcharakter des Theaters als Überbleibsel höfischer Darstellungsbedürfnisse verworfen werde, trete in diesen Romanen doch die Utopie eines anderen Festes zutage, das dem Entwurf einer kritischen Öffentlichkeit jenseits der symbolischen Ordnung höfischer Repräsentation diene. Der Theatromane (Anton Reiser/ Wilhelm) scheitere zwar an der Erfahrung einer erfüllten Gemeinschaft und der Selbstdarstellung des Subjekts, in diesem Scheitern aber, so die sehr differenzierte Argumentation Primavesis, sei die bürgerliche Utopie des anderen Festes aufgehoben.

Das zweite Kapitel entgrenzt in einer für diese Arbeit typischen Weise den Theaterbegriff, indem es mit der Festpraxis der französischen Revolution kulturelle Formen von Theatralität und Ritualität einbezieht, die den Rahmen des Kunsttheaters sprengen. An den Schauspielen der Französischen Revolution, die immer schon literarisch/journalistisch vermittelt sind, kann Primavesi, fußend auf umfangreichen Vorarbeiten, die ambivalente Haltung deutscher Beobachter herausarbeiten. Diese vermochten den sich ausbreitenden Enthusiasmus sowohl als eskalierendes Fest als auch als Schauspiel zu schildern. In der kritischen Wahrnehmung der reisenden Beobachter führte die Besetzung des öffentlichen Raumes durch das Volk aber nicht selten zu einer bürgerlichen Duplizierung überkommener Formen der Repräsentation: Das Ereignis der Gemeinschaft wurde überführt in inszenierte Feste.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den Projektionen und Visionen, die Philologen, Dramatiker und Reiseschriftsteller mit dem antiken Fest verbanden. Primavesi sieht den zeitgenössischen Diskurs über die Feste der griechischen Polis durch das Interesse bestimmt, in Abgrenzung zur höfischen Welt neue Formen bürgerlicher Öffentlichkeit ästhetisch erfahrbar zu machen. Gerade die antiken Festvorstellungen wirkten auf die Konzeptualisierung eines festlichen Theaters, das nicht bloße Repräsentation von Literatur, sondern der Vergemeinschaftung dienende kulturelle Praxis sein wollte. Die sich über das gesamte 19. Jahrhundert bis zum Faschismus ziehende Verbindung von Opferkult, Griechenglaube und Nationalismus sei aus dieser Antikenrezeption zu erklären. Primavesi weist mit voller Berechtigung Herder eine "epochale" (S. 286) Bedeutung zu, da er wie kaum ein zweiter das von der Gegenwart nicht einzuholende Moment der Verausgabung und Entgrenzung im griechischen Festtheater erkannt habe: "'Wenn man den ganzen Tag Schauspiele sieht, tut mans kaum, die Leidenschaften zu reinigen.'"(S. 287)

Das umfangreichste letzte Kapitel analysiert Szenen für ein anderes Theater innerhalb der zeitgenössischen Dramatik. Hier ist vor allem die Interpretation von Goethes Faust hervorzuheben, der von einer uneinlösbaren "Phantasmagorie des wahren Festes" (S. 435) bestimmt sei. Die Feste im Faust endeten katastrophisch, das wahre Fest bleibe ein Versprechen. Weitere Analysen der Darstellung oder vielmehr Undarstellbarkeit des anderen Festes haben u. a. die Iphigenie, Fiesco, Ugolino und Leonce und Lena zum Gegenstand. Besonders unkonventionell ist Primavesis Lektüre der romantischen Schicksals-Dramen, die im Wesentlichen rituelle Praxis reflektierten.

Wie Primavesi gerade an Herder und Schlegel zeigen kann, waren schon um 1800 die "kulturgeschichtlichen Voraussetzungen" für moderne "Deutungsansätze" (S. 283) vorhanden, die Fest und Theater jenseits eines Repräsentationsverhältnisses dachten, sich vom aristotelischen Nachahmungskonzept lösten und eine Sensibilität für die performative Dimension von Ritualität entwickelten.
Primavesi blickt auf das Theater um 1800 also mit einer "von den Theateravantgarden inspirierte[n] Perspektive" (S. 553), deren theaterhistorische und theoretische Voraussetzungen leider nicht so expliziert werden, dass dem Buch ein über den Kreis der Theaterwissenschaftler reichender, breiterer Leserkreis beschieden sein könnte. Der reiche Ertrag dieses Buches gibt Primavesi jedoch Recht, sich dem Drama und Theater der Kunstperiode mit der Begrifflichkeit einer Ästhetik des Performativen zu nähern. Diese sollte er aber nicht nur auf avantgardistische oder postdramatische Theaterformen beziehen und somit historisieren. Handelt es sich bei "Goethes Repräsentationskritik" tatsächlich um einen "Vorgriff auf eine moderne Ästhetik des Performativen" (S. 113) oder müsste nicht richtiger davon gesprochen werden, dass sich Imaginationen eines Theater-Festes um 1800 über das begriffliche Instrumentarium dieser neuen Ästhetik adäquater beschreiben lassen als das bisher möglich war?
Nach der Lektüre dieser bedeutenden Arbeit wird es schwerer fallen, von einer historisch auf die vorletzte Jahrhundertwende zu datierenden performativen Wende zu sprechen, wie es Fischer-Lichte in ihrer Ästhetik des Performativen (2004) getan hat.


Primavesi, Patrick: Das andere Fest. Theater und Öffentlichkeit um 1800. Frankfurt/M., New York: Campus 2008. 587 Seiten, gebunden, 45,- Euro. ISBN 978-3-593-38775-8.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Theater, Fest und Öffentlichkeit

11 Repräsentation als Problem
17 Festkultur zwischen Exzess und Ordnung
21 Theater und Ritual
28 Schritte der Untersuchung

I. Theatromanie und die Krise des Festes im Theaterroman

Darstellungskrisen

35 Schauspiel: bürgerliche Passion und sonderbare Anstalt
42 Theaterroman als anthropologische Versuchsanordnung
53 Anton Reiser - Hungerkünstler, Prediger und Komödiant
57 Die Sehnsucht des Bürgers nach dem glänzenden Fest
63 Krisenerfahrung zwischen Rollenspiel und Performance

Ritualisierung

69 Wilhelm Meister und die Inszenierung künstlicher Rituale
76 Initiationszauber: Puppenspiel, Schwelle und Teppich
82 Die meta-theatralische Sendung der Lehrjahre
88 Nationaltheater als Phantasma von Öffentlichkeit

Gesellschaftstheater

94 Das Nichts des Festes - Hypothek der höfischen Kultur
99 Zeremonialwissenschaft und Repräsentationskritik
104 Garve 1792 über den Bürger als Schauspieler
108 Gesellschaftstheater und die Krise des Zeremoniells
116 Wilhelms katastrophische Theater-Feste
126 Pädagogisches Nachspiel in den Wanderjahren

II. Öffentlichkeit, Revolution als Schauspiel und anderes Fest

Theatrophobie

133 Alpträume der Aufklärung: Rousseaus Lettre à d'Alembert
140 Öffentlichkeit als Schauspiel - das Theater des Herrn Rousseau
Publikum

149 Die Frage nach dem Publikum: Zur Rezeption des Briefes in Deutschland
159 Lessings Tragödientheorie zwischen Mitleid und Nationaltheater Fortsetzung der Frage, nach Rousseau:
170 Was kann ein gutes Publikum eigentlich wirken?
179 Gemeinschaft und Öffentlichkeit des Theaters bei Sulzer und Schiller

Das Politische
188 Enthusiasmus: Zur Wahrnehmung der Revolution als Schauspiel und Fest
198 Aneignung des öffentlichen Raumes in den Aufzügen des Volkes
206 Feiern der Nation — Militärgemeinschaft unter Aufsicht höchster Wesen
211 Die Inszenierung der Feste und das Schauspiel der Propaganda
221 Das andere Fest als Entwurf und Entzug des Politischen

III. Moderne Vorstellungen des antiken Festes

Rückprojektionen

233 Winckelmanns Fest des nackten Körpers
239 Archäologie und griechische Kulturgeschichte
243 Rekonstruktionsversuche
246 Feste als Einschnitt und Ordnung der Zeit
252 Opferdarstellung: Verzicht, Genuss und Verpflichtung
259 Mysterien, obskures Schauspiel und nächtliche Begeisterung

Theatervisionen

267 Hölderlin: Das Schweigen der alten heiligen Theater
271 Schelling, Schiller und Schlegel 1803 zur antiken Tragödie
277 Ursprungsfiktionen, zwischen Mimesis und Opferkult
285 Dionysien als Gegenwelt und Vorbild des bürgerlichen Theaters
294 Satyrspiel, Menschenpferde und das Tierwerden des Chors

Reisebilder

301 Landschaft mit Schatten und imaginären Touristen
309 Reisen auf der Suche nach dem eigentlichen Schauplatz
316 Römische Spektakel und Geisterbeschwörung
321 Ruine des Amphitheaters als Modell von Öffentlichkeit
327 Feste des Volkes für sich selbst? Karneval und Saturnalien
335 Circenses, Feste des Opferkönigs und der Toten
346 Von der Republik zum Museum: >antiker< Triumphzug in Paris

IV. Entwürfe, Festspiele und Szenen für ein anderes Theater

Kompromissbildungen

357 Theaterbetrieb als kollektive Disziplinierung
365 Spiegelungen: »... daß das Publikum sich selbst nicht mehr sehen mag«
374 Maskenzüge zwischen Hofkultur und bürgerlicher Programmatik
385 Goethes Festspiele — theatralische Versöhnung mit einer neuen Zeit
393 Selbstdarstellung des Theaters im Zeichen der Geselligkeit

Drama und Fest

405 Festkrisen und Opferritual als Vorwurf dramatischer Texte
413 Ansätze allegorischer Festkritik im barocken Trauerspiel
428 Faust, Drogen und Gespenster Phantasmagorien des wahren Festes
443 Das Aussetzen des Opfers im anderen Fest — Iphigenie, Empedokles
456 Tödliche Hochzeit und das Fest der modernen Tragödie: Penthesilea

Schauspielszenen

472 Der unheimliche Gast: Fiktionen ritueller Praxis im Schicksalsdrama
484 Ion und Phaethon — Katastrophische Feste nach Euripides
498 Familienopfer: Alarcos, Fernando, Ghonorez / Schroffenstein, Ahnfrau
511 Kriegstheater, Siegesfeiern und Schlachtfeste
524 Fiesko und Ugolino: Despotismus und Fest im politischen Trauerspiel
533 Fest, Gewalt und das Drama der Revolution — Teils Mord und Dantons Tod
542 Komisches Fest: Repräsentationskritik und Spiel in Leonce und Lena

Fazit und Ausblick

551 Fest und theatrale Öffentlichkeit nach Wagner

567 Dank
568 Abbildungen
569 Literatur

Did Goethe Anticipate Fischer-Lichtes Aesthetics of Performance? Theatre and Public around 1800

In his habilitaton Primavesi investigates the relation between imaginations of celebration and theatre around 1800. Borrowing from Fischer-Lichtes aesthetics of performance, ritual theories, and George Batailles theory of transgression, Primavesi sheds light on the ambivalent stance of German bourgeoisie on the idea of a non-representative celebration. The discourse on ways of creating new forms of public constantly refers to the idea of a non-representative celebration, but at the same time it is afraid of its consequences. Primavesi analyses this ambivalence within many different fields of discourse, e.g. travel literature, theatre novels, eye-witness accounts of the French Revolution, and German drama from Goethe to Büchner.


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