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Erzählte Welt – Erzählter Raum

Eine Rezension von Katharina Pfeiffer

Dennerlein, Kathrin: Narratologie des Raumes. Berlin: de Gruyter, 2009.

Die 2009 erschienene Dissertation von Katrin Dennerlein behandelt die narrative Erzeugung und Darstellung von Raum in fiktionalen Erzähltexten. Die Autorin entwickelt die These, dass der Raum der erzählten Welt in Form eines mentalen Modells eines Modell-Lesers vorliegt, der aus Textinformationen und Weltwissen Schlüsse zieht. Bestimmend für ihren Ansatz ist ein interdisziplinärer Zugang, wobei sie an kognitionswissenschaftliche Linguistik, Psychologie, Geographie, Soziologie sowie Evolutionspsychologie und -biologie anknüpft. 


Die Forschung zu Raum boomt – und doch fehlte bislang eine Systematik zu Raum im Erzähltext. Diese Lücke möchte die Germanistin Katrin Dennerlein schließen. Dafür entwirft sie in ihrer 2009 bei de Gruyter erschienen Dissertation zuerst ein Konzept des Raums der erzählten Welt und geht anschließend auf die narrative Erzeugung von Raum im Erzähltext sowie Darstellungstechniken und Muster der textuellen Organisation von Rauminformationen ein. Ihre Ausführungen veranschaulicht sie durch Beispiele aus Erzähltexten verschiedener Genres (Großstadtliteratur, Utopie, Robinsonade, Reisebericht) aus dem Zeitraum von 1656 bis 2005. Tabellen und Grafiken im Anhang runden die gelungene Studie ab.

Dennerlein zufolge mangelte es bislang an "einer basalen Definition von 'Raum', mit der sich die einzelnen erzähltheoretischen Überlegungen dazu in ein Modell integrieren lassen" (S. 4 f.). Um dieses Defizit auszugleichen, sucht die Autorin zunächst nach einem tragbaren Konzept des konkreten Raums der erzählten Welt. "Konkret" versteht sie "im Sinne von 'sinnlich, anschaulich gegeben', wobei die Anschaulichkeit im narrativen Text als Komponente eines semantischen Konzepts vorliegt, auf das referiert wird" (S. 48).
Gemäß dem oben formulierten Ziel prüft Dennerlein verschiedene Raumkonzepte, die in der bisherigen erzähltheoretischen Forschung Verwendung fanden, auf ihre Tauglichkeit. Dies ist mitunter etwas verwirrend, da sie an manchen Stellen den Eindruck erweckt, eine Theorie sei für ihre Arbeit nutzbar, um diese später jedoch begründet zu verwerfen.
Zorans der Physik entlehnte Bestimmung des Raums durch die Parameter Volumen, Ausdehnung und Dreidimensionalität hält Dennerlein für zu weit gefasst, "weil damit auch alle Figuren und Objekte als 'Raum' zu bezeichnen [...] wären, obwohl sie nicht der Verortung von etwas dienen" (S. 70). Die Menge der Objekte, die mittels der Topographie als Raum bezeichnet werden können, ist ihrer Meinung nach wiederum zu klein, um dieses Konzept für eine Definition des konkreten Raums der erzählten Welt anwenden zu können.
Ebenso wenig geeignet findet sie die Ansätze der Topologie: "Die strukturalistische Topologie konzeptionalisiert den Raum ausschließlich als Epiphänomen der Relationierung von Objekten. Die phänomenologische Topologie setzt sich nur mit denjenigen räumlichen Gegebenheiten auseinander, die in der menschlichen Erfahrung eine besondere Rolle spielen. Der Raum wird nicht unabhängig von Orten und Strukturen als eigenständige Kategorie beschrieben" (S. 71). Das Konzept des 'erlebten Raums' sieht sie als problematisch an, weil die körperliche Erfahrbarkeit des Raumes zu einer Festlegung der narratologischen Beschreibung des Textes auf Leiblichkeit und Wahrnehmung führt (vgl. S. 56). Außerdem finden sich in diesem Ansatz keine Kriterien dafür, "was den Raum in seiner Materialität ausmacht" (S. 71).

Anschlussfähig ist laut Dennerlein die Beschreibung der Alltagsvorstellung von Geographie der Sozialgeographin Antje Schlottmann, die sie zu einer Alltagsvorstellung von Raum umformuliert: "Der Raum ist ein wahrnehmungsunabhängig existierender Container mit Unterscheidung von innen und außen" (S. 60). Diese Annahme plausibilisiert sie mit Erkenntnissen aus der Evolutionsbiologie (vgl. S. 62). Meines Erachtens bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich die in der Vergangenheit kritisierte Containerraumvorstellung durch die Wiederaufnahme in die Geographie nun in Dennerleins Beschreibung der Alltagsvorstellung von Raum niederschlägt.
Auch wenn im Alltag alles das als Raum bezeichnet wird, was als Container gefasst werden kann, heißt das nicht, worauf die Autorin ausdrücklich hinweist, dass räumliche Gegebenheiten in fiktionalen Texten grundsätzlich entlang dieser Alltagsvorstellung von Raum konzipiert sind. Es können Objekte, die normalerweise keine Umgebung von Menschen darstellen, zu Räumen werden bzw. Figuren können sich an Orten aufhalten, wo eigentlich keine Menschen sein können (vgl. S. 67 f.).

Anschießend setzt sich die Autorin mit der Frage auseinander, wie Raum im Text erzeugt wird und nennt raumreferentielle Ausdrücke sowie Inferenzen auf Raum.
Zur ersten Gruppe zählen Toponyme (die sie unerklärterweise als Toponymika bezeichnet) wie Asien oder Berlin; Eigennamen wie Blaues Schloss; Gattungsbezeichnungen wie Staat, Problemviertel, Speicher und Deiktika (hier, da, dort) (vgl. S. 77).
Außerdem differenziert Dennerlein zwischen deiktischen und absoluten Referenzsystemen. Zu letzteren zählen 1) intrinsische Referenzsysteme, die nur bei Objekten anwendbar sind, welche selbst Raumachsen konstituieren, zum Beispiel Autos, da diese ein intrinsisches vorne haben; 2) topologische Referenzsysteme, bei denen Nachbarschaftsrelationen durch Präpositionen wie 'in', 'an', 'bei' ausgedrückt werden; 3) georeferentielle Referenzsysteme, d.h. Himmelsrichtungen, Längen- und Breitengrade sowie 4) metrische Referenzsysteme, womit exakte Entfernungsangaben gemeint sind (vgl. S. 78 ff.).
Durch Inferenzen wird im Text Raum erzeugt, wenn aufgrund des Weltwissens aus den gegebenen Informationen der Schluss gezogen werden kann, dass ein Raum vorhanden sein muss, obwohl dieser nicht explizit genannt ist.

Das heißt, Raum im Text entsteht aus Textinformationen und Schlussprozessen, die Dennerlein dem Leser zuschreibt, "der eine Alltagsvorstellung von Raum hat und diese zur Ergänzung der textuellen Informationen heranzieht" (S. 83). Deswegen konzipiert sie in einem weiteren innovativen Schritt den Raum als mentales Modell eines Modell-Lesers. Dieser ist "ein anthropomorphes Konstrukt, dem die Kenntnis aller einschlägigen Codes und alle notwendigen Kompetenzen zugeschrieben werden, um die vom Text geforderten Operationen erfolgreich durchzuführen" (S. 196).
Die Autorin distanziert sich von der Annahme, dass das mentale Modell des konkreten Raums einer Landkarte gleicht, da Positionsangaben für andere Mitteilungsabsichten funktionalisiert werden können. Außerdem impliziert der Begriff der Karte eine visuelle Speicherung beim Leser, die sich nicht zwingend aus der Struktur narrativer Texte ableiten lässt (vgl. S. 111).

In den letzten beiden Kapiteln setzt sich die Autorin mit Darstellungstechniken und Raum als Element der erzählten Welt auseinander. Sie trennt also wie und was erzählt wird. Ihrer Meinung nach orientiert sich die Auswahl der Darstellungstechniken an der nötigen Aufmerksamkeit des Lesers, das heißt, welche Informationen dieser bei der Lektüre präsent halten muss. Dennerlein kommt zu dem Schluss, dass die Verbindung von Raum und Ereignis besonders signifikant ist und nimmt an, "dass der Modell-Leser einen Ausschnitt des Raumes der erzählten Welt als räumliche Komponente einer Situation memoriert" (S. 119). Bei der ereignisbezogenen Thematisierung von Raum entstehen Ereignisregionen, die wiederum die Gestalt von Räumen haben. Damit unterscheidet sich das Raumerzählen von Beschreiben, Reflektieren, Argumentieren und Kommentieren, die keine eigene Raumgestalt ausbilden (vgl. S. 132).
Raumbeschreibung definiert sie als Texttyp und sieht erzählte Raumwahrnehmung als Fall der Beschreibung, wobei der wahrgenommene Raum von Ereignisregionen zu unterscheiden ist. Erzählte Raumwahrnehmung liegt vor, wenn ein Wahrnehmungsakt durch Wahrnehmungsverben angezeigt oder impliziert wird (vgl. S. 144 ff.). In diesem Zusammenhang geht sie auch auf Position und Mobilität der Wahrnehmungsinstanz ein (vgl. S. 149 ff.).

Durch die verschiedenen Zugänge auf den konkreten Raum der erzählten Welt liefert Dennerlein eine umfassende, nachvollziehbare Systematik grundlegender Elemente einer Narratologie des Raumes. Hervorhebenswert ist, dass sie einen kritischen Blick auf die bisher in der literaturwissenschaftlichen Forschung diskutierten turns (spatial, topological und topographical turn) wirft und nach deren Qualitäten und Nutzen für eine Narratologie des Raumes fragt. Sie gibt so wichtige Impulse für die zukünftige Erzählforschung. Nächste Schritte wären nun die Anwendung der von ihr aufgezeigten Erzeugungs- und Darstellungstechniken bei der Einzeltextanalyse oder die systematische Klärung der Funktion von Raum für andere Elemente der erzählten Welt (vgl. S. 204).


Dennerlein, Katrin: Narratologie des Raumes. Berlin/New York: Walter De Gruyter, 2009. VIII, 247 S., gebunden, 99,95 Euro. ISBN: 978-3-11-021991-3


Inhaltsverzeichnis


Vorwort V

1 Einleitung 1

2 Forschungsbericht 13
2.1 Frühe Erzählforschung 15
2.2 Strukturalismus 23
2.3 Einführungen und Monographien 37
2.4 Zusammenfassung der Forschungslage, Desiderate 44

3 Der konkrete Raum der erzählten Welt 48
3.1 Diskussion prominenter Raumkonzepte 50
3.2 Exkurs: Die Alltagsvorstellung von Raum und ihre evolutionspsychologischen Grundlagen 59
3.3 Raum der erzählten Welt 67
3.4 Zusammenfassung 70

4 Narrative Erzeugung von Raum 73
4.1 Raumreferentielle Ausdrücke 75
4.2 Narrative Kommunikation 84
4.3 Inferenzen auf Raum 91
4.4 Zusammenfassung 96

5 Das mentale Modell des Raumes 99
5.1 Bisherige Forschung 99
5.2 Das mentale Modell als Karte? 106
5.3 Strukturen des mentalen Modells 111
5.4 Zusammenfassung 113

6 Darstellungstechniken 115
6.1 Raum erzählen 119
6.1.1 Bisherige Forschung 119
6.1.2 Ereignisregionen und Bewegungsbereiche 122
6.1.3 Schauplätze 127
6.2 Raum beschreiben 132
6.2.1 Definition Raumbeschreibung 134
6.2.2 Raumwahrnehmung erzählen 143
6.2.3 Erzähltechniken der Raumwahrnehmung 148
6.2.3.1. Position der Wahrnehmungsinstanz 150
6.2.3.2 Mobilität der Wahrnehmungsinstanz 153
6.2.3.3 Abfolge 155 6.3 Zusammenfassung 160

7 Raum als Element der erzählten Welt 164
7.1 Nicht-raumbezogene Klassifikationsparameter 164
7.2 Physische Eigenschaften 172
7.3 Raummodelle 178
7.4 Raumstrukturen 189
7.5 Zusammenfassung 193

8 Überblick über die entwickelte Terminologie 196

9 Fazit 203

Anhang 206
Abbildung 1: Raum der erzählten Welt 206
Abbildung 2: Darstellungstechniken 207
Tabelle 1: Raumreferentielle Bezeichnungen im Deutschen 208
Tabelle 2: Raumreferentielle Ausdrücke zur Bezeichnung des konkreten Raumes der erzählten Welt 209
Tabelle 3: Übersicht über die im Forschungsbericht ausgewerteten Ansätze 210

Literaturverzeichnis 219
Quellen 219
Raumnarratologie 221
Weitere Forschungsliteratur 223
Glossar 237

Narrated World – Narrated Space

Katrin Dennerlein focuses in her 2009 thesis on the narrative construction and representation of space in fictional texts. The author attributes the process of mental reconstruction of the textually created space to a model-reader who draws conclusions according to the textual information and his general knowledge. This means that the space of the narrated world is a mental model by the model-reader. An interdisciplinary approach through the use of cognitive linguistics, psychology, geography, sociology, evolution psychology, and evolution biology is decisive for her study.


© bei der Autorin und bei KULT_online