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Die postkoloniale Rassismuskritik und ihr Anderes

Eine Rezension von Floris Biskamp

Attia, Iman: Die "westliche Kultur" und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Bielefeld: transcript, 2009.

In Die "westliche Kultur" und ihr Anderes führt Iman Attia unter Rückgriff auf Postcolonial Studies und Cultural Studies den Begriff "antimuslimischer Rassismus" ein, um Ressentiments gegen den Islam zu kritisieren. Zwar ist dieser theoretische Ansatz vielversprechend, doch geht sie bei der Anwendung reduktionistisch, pauschalisierend und methodisch fragwürdig vor, so dass ihr Buch insgesamt eher einen Beitrag zur politischen Polemik als zur wissenschaftlichen Erkenntnis leistet.   


Die Diskussionen darüber, ob es in Deutschland neben allgemeinem Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auch ein spezifisch antiislamisches Ressentiment gibt, wie verbreitet es ist und wie man es am adäquatesten begrifflich fasst, beschäftigten in den letzten Jahren nicht nur das Feuilleton, sondern auch die Sozialwissenschaften. Iman Attia, Professorin für Diversity Studies an der Alice Salomon Fachhochschule in Berlin, kritisiert an diesen Debatten, dass sie weitgehend theoriefrei ablaufen. Dies spiegle sich auch im gängigen Begriff der 'Islamophobie' wider, der eher geeignet sei, das Phänomen als individuelle Pathologie abzutun, denn als gesellschaftliches Problem zu kritisieren. Dem entgegen setzt sie in Die "westliche Kultur" und ihr Anderes den Begriff des "antimuslimische[n] Rassismus" (S. 55), welchen sie unter Rückgriff auf Rassismustheorien, Postcolonial Studies und Cultural Studies gewinnt. Mit dem Terminus bezeichnet sie Diskurse, die – so ihre zentrale These – in Deutschland auf verschiedenen Ebenen wirken und ein islamisches Anderes als negatives Gegenbild zum westlichen Selbst konstruieren, abwerten und ausschließen. Diese Diskurse seien weder als Reaktion auf reale Prozesse noch als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Islam zu verstehen. Vielmehr entsprängen sie dem Bedürfnis nach einer als fortschrittlich und demokratisch markierten kulturellen Identität, die nur durch einen Ausschluss konstituiert werden könne.

Zwar ist das Einbringen von mehr theoretischer Tiefe in die Debatten um antiislamische Ressentiments absolut wünschenswert und Attias These – obschon gewagt und weitreichend – theoretisch durchaus schlüssig, jedoch misslingt ihr Versuch, sie in drei Schritten, denen jeweils ein Kapitel entspricht, zu belegen oder wenigstens zu plausibilisieren. Das erste Kapitel, in dem sie ihre "postkoloniale[n], poststrukturalistische[n] und antirassitische[n]" (S. 48) Referenztheorien wiedergibt und den Begriff des antimuslimischen Rassismus einführt, ist noch das gelungenste: Der von ihr gewählte theoretische Ansatz ist vielversprechend und seine Rekonstruktion weitestgehend überzeugend. Jedoch krankt das Kapitel ein wenig daran, dass die Relevanz der referierten Autor_innen für das Buch nicht immer klar wird. So werden zahlreiche Theorien vorgestellt, auf die sich Attia im weiteren Verlauf mit keinem Wort mehr bezieht, ohne ihre Gründe darzulegen, aus denen sie es unterlässt. Daher entsteht teilweise der Eindruck, dass Autor_innen ohne Vermittlung miteinander und dem Rest des Buches zum Selbstzweck ‚abgehandelt’ werden.

Die eigentlichen Probleme beginnen jedoch im zweiten Kapitel, in dem Attia die von ihr als "hegemoniale Diskurse" (S. 53) bezeichneten öffentlichen Debatten über den Islam weniger analysiert – von einem methodischen Vorgehen, etwa im Sinne einer Diskursanalyse, kann keine Rede sein – als vielmehr karikiert. Sie zeigt keinerlei Bestreben, der Widersprüchlichkeit und Vielfalt der Diskussionen gerecht zu werden oder auf die verschwimmenden Grenzen zwischen in einem demokratischen Diskurs notwendiger Kritik an realen Problemen und Akteur_innen auf der einen Seite und schierem Ressentiment gegen den Islam auf der anderen einzugehen. Stattdessen fasst sie auf der Grundlage einseitig, verkürzt und teils stark verzerrend ausgewählter und wiedergegebener Sekundärliteratur sowie einiger disparater Zitate jegliche negative oder problematisierende Äußerung über den Islam, ‚islamische Kultur’ oder Einstellungen unter Muslimen als Teil eines rassistischen Diskurses, dessen ‚Hegemonie’ sie vor allem deshalb behaupten kann, weil sie abweichende Äußerungen ignoriert. Schließlich versteigt sie sich sogar zu der – auch durch die von ihr zitierte Literatur keinesfalls gedeckten – Behauptung, heutzutage seien es Muslime, die "für sämtliche gesellschaftliche Missstände verantwortlich" (S. 68) gemacht würden, ja die "Angst vor muslimischer Weltbeherrschung […] Verschwörungsmythen über die jüdische Weltbeherrschung abgelöst" habe (S. 75, Hervorh. F.B.).

Im dritten, empirischen Kapitel kehren sowohl die Stärken des ersten als auch die Schwächen des zweiten wieder. Anhand von 24 Leitfadeninterviews mit "christlich-säkular sozialisierte[n], weiße[n] junge[n] Erwachsenen" (S. 95) versucht Attia hier aufzuzeigen, wie sich die ‚hegemonialen Diskurse’ in ‚Alltagsdiskursen’ spiegeln. Dabei macht sie zahlreiche bedenkenswerte Beobachtungen, etwa zur Gleichzeitigkeit eines positiv-romantisierenden Orientbildes und eines negativen Islambildes oder zum Verhältnis von Vorurteil und Erfahrung. Jedoch verfährt sie insgesamt in ähnlicher Weise fragwürdig wie im vorangehenden Kapitel. Denn, anders als bei Interviewstudien üblich, unterlässt sie es, die einzelnen Interviewpartner_innen durchzunummerieren und ihnen die jeweiligen Zitate zuordenbar zu machen. Stattdessen gibt sie einzelne Beispiele in Form von Zitaten, in denen die Interviewten stark von negativen Klischees geprägte Islambilder äußern, und suggeriert durch Ausdrücke wie "meist" (S. 104, 107, 129, 138) oder "in der Regel" (S. 98, 145, 148), diese stünden für das Allgemeine. Da sie ihren Leser_innen auch noch vorenthält, wie die Partner_innen für die Interviews ausgewählt oder gefunden wurden, muss stark bezweifelt werden, dass hier tatsächlich Relevantes über 'Alltagsdiskurse' zu erfahren ist. So soll Empirie Wissenschaftlichkeit und Verbindlichkeit suggerieren, kaschiert letztlich aber eher schlecht als recht, dass Attias Argumentation wesentlich auf der Ebene wild generalisierender Behauptungen verbleibt.

Auch der zwölfseitige Anhang macht ihr Argument in der vorgetragenen Zuspitzung nicht überzeugender. Hier versammelt die Autorin unkommentiert eine Reihe von Zitaten mehr oder minder prominenten Ursprungs – von Martin Luther über Lord Cromer und EMMA bis zum Katalog des Waschbär-Versands –, ohne dass für die Leser_innen nachvollziehbar wäre, nach welchen Kriterien die Auswahl getroffen wurde. Sinnvoller wäre es wohl gewesen, an dieser Stelle wenigstens den Leitfaden der Interviews zur Verfügung zu stellen. Abgerundet wird das Bild durch editorische Mängel, die neben einer Reihe von offenkundigen Formulierungsfehlern etwa darin bestehen, dass eine ganze Passage von den Seiten 108 f. in leicht veränderter Form auf den Seiten 135 f. noch einmal auftaucht.

All dem setzt Attia die Krone auf, wenn sie sich über die Ursprünge der von ihr behaupteten allgegenwärtigen Ressentiments auslässt. Während sie jeden Versuch, negative Erscheinungen unter Muslimen problematisierend zu thematisieren, geschweige denn Tradition oder Kultur zu ihrer Erklärung heranzuziehen, als rassistisch delegitimiert, scheut sie selbst nicht davor zurück, den antimuslimischen Rassismus der stark homogenisiert dargestellten Debatten in Deutschland als "kulturelle Tradition" (S. 96, Hervorh. i.O., sinngemäß auch S. 70) zu verstehen. Ihrer eigenen, gerade dadurch als reduktionistisch überführten Logik nach müsste man dann wohl fragen, ob auch die postkoloniale Rassismuskritik ein als homogen konstruiertes Anderes braucht, durch dessen Ausschluss die eigene Identität konstituiert wird.

Insgesamt hat es den Anschein, als stünde hinter der Veröffentlichung das Bestreben, anlässlich aktueller Debatten zu antiislamischen Ressentiments schnell ein Buch auf den Markt zu werfen, das mit möglichst steilen Thesen und 'Ergebnissen' aufwartet – darauf verweist auch die Tatsache, dass keine aktuellen Interviews geführt, sondern solche ausgegraben wurden, die von Anfang der 1990er stammen und somit bei Erscheinen knapp 20 Jahre alt waren. Heraus kam dementsprechend ein weniger durch Konsistenz und Durchdachtheit als durch Pauschalisierungen und vorschnelle Schlüsse auffallender Band. Die dabei bisweilen auftauchenden aufschlussreichen Gedankengänge gehen leider im allgemeinen Reduktionismus unter. Doch ist der Versuch, der Thematisierung antiislamischer Ressentiments einen theoretischen Rahmen zu geben, an sich zu begrüßen, und zu hoffen, dass er kritisch aufgenommen und im Rahmen sorgfältigerer und ausgewogenerer Forschung fortgeführt wird.


Attia, Iman: Die "westliche Kultur" und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Bielefeld: transcript, 2009. 186 S., EUR 21,80. ISBN 978-3-8376-1081-9


 Inhaltsverzeichnis


Einleitung 7

Kultur und Rassismus 11
Der bedeutungsorientierte Kulturbegriff 17
Diskursive Machtkämpfe und dekonstruktive Interventionen 23
Kulturelle Differenz und Rassismus 28
Das Dilemma kultureller Identität 32
Postkoloniale Studien zu hegemonialen Orient- und Islamdiskursen in Deutschland 39
Kultur in der bundesdeutschen Rassismusforschung 42
Fazit 48

Hegemoniale Diskurse 53
Präsentationen des Anderen 56
Kulturelle Tradierungen 57
Aktuelle Diskurse 62
Politische Bezüge 68
Historischer Überblick 71
›Islam‹ als politisches Gegenbild 73
Kulturalisierung ›des Islam‹ 75
Kulturalisierung als Entpolitisierung 78
Der bundesdeutsche Kontext 80
Der Nahostkonflikt 81
›Islamischer‹ Antisemitismus 84
Verschränkung antisemitischer und antimuslimischer Diskurse 87
Fazit 92

Alltagsdiskurse 95
Bilder und Erfahrungen 97
›Wir‹ und ›die Anderen‹ 97
›Orient‹ versus ›Islam‹ 99
Aneignung kultureller Bilder 101
Umdeuten von Erfahrungen 104
Herstellen von Dominanz 108
Bekehrungsversuche 108
Konfrontationen meiden 110
Irritationen abwehren 111
Irritationen zulassen 113
Fokus interkulturelle Beziehungen 114
»[…] dass da ‘ne unheimliche Schranke besteht zwischen diesen beiden Kulturen, dass die nicht zusammengehören« 115
»[…] im individuellen Fall hat das gar keine Bedeutung« 120
»Also für mich wär‘ das ein Rückschritt […]« 128
»Vielleicht profitieren die türkischen Frauendann auf lange Sicht am meisten von einem Leben in Deutschland.« 134
Kultur und Geschlecht 139
Fazit 147

Schluss 151

Anhang 157

Literatur 169


Postcolonial Anti-Racism and Its Other

Referring to postcolonial and cultural studies, Iman Attia introduces the concept of “anti-Muslim racism” in order to criticise resentments against Islam. While this approach is promising, her way of applying it is reductionist, overly generalising, and methodologically questionable. Thus, as a whole, her book Die "westliche Kultur" und ihr Anderes (“Western Culture” and its Other) is more of a contribution to political polemics than to scholarship.


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