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Die Erinnerung in Zeiten der Krise

Eine Rezension von Sonja Arnold (Freiburg)

Birke, Dorothee: Memory's Fragile Power. Crises of Memory, Identity and Narrative in Contemporary British Novels. Trier: WVT, 2008 (ELCH Bd. 32).

Lücken in der Erinnerung, Traumata sowie falsche Versionen der Vergangenheit – das sind die Punkte, an denen Dorothee Birkes Dissertation über Erinnerungskrisen ansetzt. Die Anglistin schließt damit an den wissenschaftlichen Gedächtniskurs der jüngsten Zeit an, der gerade die Deformation und Modifikation von Erinnerungen ins Zentrum gestellt hat, und beleuchtet die Thematik aus literaturwissenschaftlicher Sicht. Birke fragt nach den Darstellungsformen von Erinnerungskrisen in literarischen Texten aus synchroner und diachroner Perspektive. Das mithilfe der kognitiven Narratologie erarbeitete Analyseinstrumentarium wendet sie schließlich auf zwei Grundlagentexte von Charles Dickens und Virginia Woolf an und weist anhand von vier zeitgenössischen Romanen nach, wie diese die beschriebenen Muster aufnehmen und modifizieren. Dabei wird deutlich, dass die literarische Darstellung von Erinnerungsprozessen immer auch ein Reflex auf die außerliterarische Wirklichkeit ist – in diesem Fall auf eine Zeit, in der autobiographische Erinnerungen immer mehr zu krisenhaften Erfahrungen werden. 


Erinnerungen sind die Grundpfeiler unserer Identität. Sie können deshalb, wenn ihre Stabilität beeinträchtigt ist, wahrhafte Identitätskrisen auslösen. Da Erinnerungen Organisationen der Vergangenheit von der Gegenwart aus sind, hängen sie erstens von gegenwärtigen Befindlichkeiten und Wertvorstellungen ab und zweitens von kulturellen Determinanten. Diese dem Erinnerungsprozess zugrunde liegende Zeitverschränkung nimmt Birke zum Ansatz, um die Variabilität von Erinnerungen und in einigen Fällen daraus folgende Krisenerfahrungen (crises of memory) zu untersuchen. Erinnerungen sind wesentlich an den Prozess des Erzählens gekoppelt. Im Erzählen werden sie geordnet und mit Sinn versehen. Erinnerungskrisen sind damit meist auch Krisen des Erzählens (crises of narrative). In Bezug auf Paul Ricoeurs dreistufiges Mimesis-Modell, das die Prozesse der Präfiguration, Konfiguration und Refiguration beinhaltet, liest Birke literarische Texte als von den jeweils zeitgenössischen Diskursen präfiguriert, im Text durch die spezifische Anordnung konfiguriert und schließlich vom Rezipienten refiguriert. Die zu diesen Vorüberlegungen passende Methodik besteht folgerichtig im Bezug auf eine kognitive Narratologie.

Im ersten Teil erläutert Birke die Ziele ihrer Untersuchung: Sie möchte erstens untersuchen, wie Erinnerungsprozesse im literarischen Text repräsentiert werden. Zweitens sollen die Wechselbeziehungen zwischen den Erwartungen der Leser und dem Text mithilfe einer kognitiven Narratologie spezifiziert werden. Im Analyseteil will Birke drittens britische Romane über Erinnerung und Identität aus diachroner Perspektive kategorisieren. Als viertes Ziel setzt sie sich die literaturwissenschaftliche Analyse von Werken bislang wenig bekannter Autoren.

Im zweiten Teil folgt die interdisziplinäre Verortung in psychologische und soziologische Erinnerungs- und Identitätskonzepte. Der dritte Teil stellt mithilfe der kognitiven Narratologie schließlich die Frage, wie sich Erinnerungskrisen im Text niederschlagen. Dabei wird spezielles Augenmerk auf das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart (z.B. durch die Anordnung im Text), die Möglichkeiten des Romans, mithilfe von Fokalisierungen Einsicht in das Bewusstsein seiner Charaktere zu erhalten, die Unzuverlässigkeit von homodiegetischen Erzählern, die Bedeutung von Erinnerungsorten sowie die Frage nach vorgängigen bzw. inkonsistenten Plotstrukturen gelegt. Die Unterscheidung in eine Rhetorik der Erinnerung (rhetoric of memory) einerseits, die explizit Erinnerungsprozesse im Text thematisiert, und in die formale Repräsentation der Erinnerung (staging of memory) andererseits, die Erinnerungsprozesse im Text formal figuriert, ermöglicht eine präzise und vielschichtige Analyse und bietet die Voraussetzung für die beiden folgenden Analyseteile. 

Anhand von Charles Dickens' David Copperfield und Virginia Woolfs Mrs Dalloway untersucht Birke im vierten Teil die Darstellungsmöglichkeiten von Erinnerungsprozessen und -krisen. Die retrospektive und weitgehend lineare Rekapitulation von Erinnerungen, die Dominanz des erinnernden Ichs sowie die unblockierte Rolle von Erinnerungsorten sind für David Copperfield noch kennzeichnend und werden in Mrs Dalloway bereits partiell außer Kraft gesetzt. Insbesondere der Unterschied zwischen konventionell vereinbarter Zeitrechnung (clock time), in Woolfs Roman repräsentiert durch die strukturierenden Glockenschläge Big Bens, und subjektiv wahrgenommener Zeit (mind time) wirken dabei als konstituierend. Im Gegensatz zu Dickens werden past und present self als gleichwertig dargestellt, die Erinnerung erfolgt assoziativ und nicht linear und das gegenwärtige Selbst strukturiert das vergangene. Das Herausarbeiten dieser Konzepte ist grundlegend, weil, so Birkes These, die im fünften Teil besprochenen Romane auf traditionelle Muster der Erinnerungsdarstellung zurückgreifen und diese modifizieren.

Im fünften Teil kommt das erarbeitete Analyseinstrumentarium bei der Untersuchung der Romane The Dandelion Clock (Guy Burt), Spider (Patrick McGrath), When We Were Orphans (Kazuo Ishiguro) und Nelly's Version (Eva Figes) zur Anwendung.
Anhand dieser Romane zeigt Birke, wie zeitgenössische Texte bestimmte Modelle aufnehmen und im Anschluss modifizieren. In Patrick McGraths Roman Spider wird beispielsweise das retrospektive Schema aus David Copperfield aufgegriffen. Im Gegensatz zum dortigen Erzähler handelt es sich aber in Spider um einen unzuverlässigen Erzähler, dessen Entlarvung beim Leser einen Reorganisationsprozess in Gang setzt. Die krisenhaften Erinnerungsprozesse, die sich in diesen Romanen auch in einer Krise des Erzählens zeigen, nehmen Bezug auf vorgängige Darstellungsmuster und verfremden diese ihren Bedingungen entsprechend.

Birke gelingt es, mithilfe einer zum Untersuchungsgegenstand passenden Methodik Wechselwirkungen von Literatur und Diskurs aus synchroner und diachroner Perspektive zu bestimmen. Eine weitere wichtige Leistung liegt darin, die Rolle der Literatur als Medium, das Einblicke in Erinnerungsprozesse geben kann, aufgewertet zu haben. Ein wesentliches Verdienst dieser Dissertation ist zudem, dass sie stets für ein breites Publikum verständlich bleibt, ohne dadurch an Komplexität einzubüßen. Die klare und stimmige Struktur sowie die genaue Formulierung von Zielvorgaben und Vorgehensweise sind nicht nur sehr leserfreundlich, sondern ermöglichen es auch, am Ende klare Ergebnisse sowie den innovativen Gehalt dieser Untersuchung herauszufiltern.
Es wäre zu überlegen gewesen, ob die Kombination mit einer diskursanalytischen Herangehensweise (beispielsweise auch durch Einbeziehen philosophischer Texte) weitere Erkenntnisse über die Wechselbeziehung zwischen Literatur und Diskurs zutage gefördert hätte. Zweifelsohne handelt es sich aber um eine sehr innovative und durch den Bezug auf das Krisenhafte der Erinnerung höchst aktuelle Dissertation, deren Ergebnisse interdisziplinär anschlussfähig sind. Insbesondere im literaturwissenschaftlichen Forschungsfeld kann an Birkes Ergebnisse angeknüpft werden; noch begünstigt dadurch, dass Birke im abschließenden Teil ihrer Arbeit die Ausweitung ihres Konzepts auf Krisen der kollektiven Erinnerung und auf andere historische Kontexte als Forschungsdesiderata benennt.


Birke, Dorothee: Memory's Fragile Power. Crises of Memory, Identity and Narrative in Contemporary British Novels. Trier: WVT, 2008 (ELCH Bd. 32). 218 S., broschiert, 24,50 Euro. ISBN: 978-3-86821-032-3



 Inhaltsverzeichnis


I. Introduction: Memory's Fragile Power…1
1. A Short Survey of Research on the Representation of Memory and Identity in Literature…8
2. Aims and Structure…13

II. Sociological and Psychological Perspectives on Crises of Memory, Identity and Narrative…19
1. Identity Formation Today: Risky Opportunities…19
2. Assumptions and Contradictions in Notions about Memory and Their Role in Crises…25
3. Beyond 'Storage' and 'Retrieval': Memory as a Dynamic Product of Past and Present…31
4. Accuracy, Authenticity and Individuality: 'Memory's Truth' and Its Relation to Memory Crises…36
5. The Special Properties of Autobiographical Memory: Narrative and Its Role in Crises of Memory…43
6. Conclusion…53

III. The Representation of Crises of Memory in the Novel: A Cognitive Narratological Approach…55
1. The Complex Relations of Past and Present: Staging Crises of Memory by Means of the Representation of Time…66
2. Transparent Minds and Opaque Memories: Present and Past Self…72
3. Unreliable Narration and the Constructive Character of Memory…80
4. Place as Trigger and Content of Remembering…87
5. Creating Causality and Coherence by Imposing Plot Structures…89

IV. Milestones in the Staging of Memory in the British Novel: Two Models…93
1. David Copperfield as a Prototype of Nineteenth-Century Fictional Autobiography: The Successful Formation of Identity through Narrative…94
1.1 Time Structure and Focalization: The Present Self in Control…96
1.2 The Representation of Place: Continuity and Change…103
1.3 The Representation of Minor Characters: Potential Crises of Memory…105
1.4 Conclusion…107
2. Mrs Dalloway: Associative Memory as an Integral Part of Present Consciousness…111
2.1 Focalization and Temporal Structure: Fusing Present and Past…112
2.2 'Clock Time' and 'Mind Time': Transcending Individual Memory…116
2.3 The Trauma of Septimus Warren Smith: Crisis of Memory in Mrs Dalloway…120
2.4 Conclusion…121

V. Memory between Surplus and Repression: Model Analyses of Contemporary Novels…123
1. Guy Burt's The Dandelion Clock: A Precarious Reconstruction of Memory…123
1.1 The Journey into the Past: Remembering as a Destabilising Experience…124
1.2 Confusion and Order: The Kaleidoscope of Time Levels…127
1.3 Between Agency and Victimhood: Alex Carlisle's Narrative Logic…130
1.4 'A Clock Without Hands': The Dandelion Clock as an Ambiguous Leitmotif…134
1.5 Resolving the Crisis of Memory and Identity…135
1.6 Conclusion…138
2. The Contaminating Past: The Neo-Gothic Decomposition of Memory in Patrick McGrath's Spider…139
2.1 The Present Self and Its Fabrication of the Past: Between Authority and Unreliability…139
2.2 The Relation between Past and Present: Contamination and Digestion…144
2.3 The Neogothic Genre as an Expression of Contemporary Crises of Memory and Identity…149
2.4 Conclusion…153
3. The Past Takes Over the Present: The Perpetuation of Traumatic Memory in Kazuo Ishiguro's When We Were Orphans…157
3.1 Representation of Time and Narrative Mediation: The Elusive Present and Memory as Self-Protection…158
3.2 The Dialectic of Christopher Banks' Traumatic Memory…163
3.3 The Detective Approach Towards the Past: Very Private Investigations…167
3.4 Representation of Place and Intrusive Past: Lost in the Chinese District…172
3.5 'Empire Orphans': From an Individual to a Collective Crisis of Memory and Identity…180
3.6 Conclusion…181
4. Amnesia as a Cure? Memory as a Site of Social Pressure in Eva Figes' Nelly's Version…183
4.1 Nelly Dean's Unreliability: Staging an Unsuccessful Attempt to Reject the Past…184
4.2 Patterns of Place and Plot: Staging the Social Conditioning of Memory…189
4.3 Conclusion…193

VI. Conclusion…197

VII. Works Cited and Consulted…203

1. Primary Literature…203
2. Secondary Literature…203

Memory in Times of Crisis

Fragmentary memories, traumas and false versions of one’s past – these are the starting points for Dorothee Birke’s dissertation on memory crises. Within a field of investigation that has recently been concerned with deformation and modification of memories, Birke takes a closer look at the representation of memory crises in literary texts. She investigates the staging of memory crises both from a synchronic and from a diachronic point of view. By using cognitive narratology she develops a tool box to investigate two novels by Charles Dickens and Virgina Woolf. Applying her results to four contemporary British novels she demonstrates how these refer to and modify well-known models. This shows that the representation of memory processes in literature is always connected to a certain historical situation – in this case, a time in which autobiographical memories turn into crises.


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