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Auf der Schnittstelle zwischen Naturwissenschaft und Literatur: Zu einer interdisziplinären Lesart des Werks von Robert Musil

Eine Rezension von Elena Petrova

Pelmter, Andrea: "Experimentierfeld des Seinkönnens" - Dichtung als "Versuchsstätte". Zur Rolle des Experiments im Werk Robert Musils. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2008.

Es setzt einen hohen Grad an Interdisziplinarität voraus, die Verbindung zwischen zwei so diversen Bereichen zu schaffen, wie es Naturwissenschaft und Literatur sind. In der Monographie von Andrea Pelmter wird der Experimentbegriff als gemeinsamer Bezugspunkt für den naturwissenschaftlichen und den literarischen Diskurs dargestellt und seine Bedeutung für das Werk Robert Musils geschildert. Leider gerät die genuin literarische Qualität des Werks dabei aus dem Blick, dennoch ist die erkenntnisreiche Dissertation von Pelmter über den Kreis der Musil-Leser hinaus allen zu empfehlen, die sich für die Problematik des Wissens in der Literatur interessieren und diesem Versuch eines interdisziplinären Brückenschlags mit einem Verständnis für seine methodologischen Schwierigkeiten entgegenkommen.  


Dass auch literarische Werke dem Kriterium der Genauigkeit unterliegen und durchaus gültige Erkenntnisse hervorbringen können, war das Schlüsselparadigma im Denken von Robert Musil als Schriftsteller. Die Problematik des Wissens durchdringt das Werk des ausgebildeten Ingenieurs, der in Berlin bei einem Vertreter der experimentellen Psychologie über die Erkenntnislehre von Ernst Mach promovierte, bevor er sich der literarischen Laufbahn verschrieb. Komplexe Poetologie und hohe Selbstreflexivität eigener Vorgehensweisen machen Musil zu einem der relevantesten Autoren für die Untersuchung der Schnittstelle zwischen den Bereichen des experimentellen Wissens und der Literatur.

Andrea Pelmter erblickt in der naturwissenschaftlichen Prägung des Schriftstellers die Gelegenheit, das Phänomen des Experimentellen in der Literatur zu untersuchen. Dabei geht es ihr nicht bloß um eine metaphorische Übertragung des Experimentbegriffs; vielmehr zieht sie es vor, von einer 'Implementierung' oder 'Transfer' des naturwissenschaftlichen Experiments in den anderen 'Gegenstandsbereich', d. h. ins Literarische zu sprechen. Methodisch gründet die Arbeit auf einem Literaturbegriff, der den literarischen Text als Produkt seines diskursiven Kontextes definiert und ihm die Möglichkeit zuspricht, andere Diskurse durch Zeichentransfer in sich zu integrieren und so unter anderem auf den Diskurs des Experiments zu verweisen. Der systematischen Untersuchung des Experiments im Werk Musils ist die vorliegende Dissertation gewidmet, die 2006 an der Universität Regensburg angenommen wurde.

Der Hauptteil der Untersuchung gliedert sich in fünf Abschnitte, von denen die ersten drei den naturwissenschaftlichen Experimentbegriff, die wissenschaftlichen Experimente des Autors und seine Experimentauffassung beleuchten. Die letzten zwei haben eine textanalytische Grundlage: Einer setzt sich aus Beispielen der "literarischen Experimentationen" (S. 93–147) in Musils Werk zusammen, der andere untersucht die "Anwendung des empirisch-analytischen Experiments auf die Dichtung" (S. 148–167). Diese Vorgehensweise lässt keine einzige Facette des Experimentbegriffs bei Musil außer Acht. Zweifelsohne gelingt es der Verfasserin, eine lückenlose und detaillierte Studie vorzulegen, die auf einer umfassenden Kenntnis von Musils Biographie und Gesamtwerk einschließlich der Tagebücher und Vorarbeiten zu seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften basiert.

Mit der Untersuchung des wissenschaftlichen Werdegangs von Musil und der Entwicklung seines Experimentbegriffs begibt sich Pelmter auf ein viel untersuchtes Forschungsterrain. Sie tut dies aber auf souveräne Weise, indem sie auf bestehende Desiderate genau eingeht. Der Experimentbegriff wird aus seinem naturwissenschaftlich-mathematischen Kontext durch ein argumentatives Verfahren herausgelöst, das auf feinen Übergängen aufbaut. Herzstück dieser Argumentation bildet der Begriff des Gedankenexperiments, der von Ernst Mach in den naturwissenschaftlichen Diskurs eingeführt wurde. Im Gedankenexperiment, bei dem wie in der Literatur "ebenfalls Gedanken, mentale Bilder […] als Untersuchungsgegenstand fungieren", sieht Pelmter "eine Schnittstelle, die naturwissenschaftliches Experimentieren und Dichtung formal miteinander verbindet" (S. 67).

Diese Schnittstelle erscheint jedoch höchst problematisch, da das Gedankenexperiment, wie die Verfasserin in den dazugehörigen Fußnoten (S. 65-68) angibt, zu Musils Zeiten und heute in der Naturwissenschaft nicht unumstritten war und ist. Als Vorstufe zu einem realen Experiment kann ein Gedankenexperiment aus der naturwissenschaftlichen Sicht keine einwandfreien Beweise führen. Für Literatur gilt es jedoch als zentral, was Bedenken über seinen möglicherweise unterschiedlichen Status in Naturwissenschaft und Literatur erweckt, die zur Erkenntnis einer Differenz zwischen dem Gedankenexperiment in beiden Bereichen führen könnten. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Frage wird in der Arbeit vergeblich erwartet, die Bedeutung des Gedankenexperiments für die Begründung des Transfers zwischen Naturwissenschaften und Literatur bleibt in der Monographie uneingeschränkt.
In einem weiteren Schritt verbindet Pelmter das Gedankenexperiment mit der Methode der Analogiebildung und dem "qualitativem Experiment" der Gestaltpsychologie und rückt es mit Nietzsches Auffassung der "Kunst als Ort […], in welchem Experimentalphilosophie, das Experimentieren mit sich selbst und die Schaffung von neuen Lebensentwürfen durchgeführt werden kann" (S. 93), endgültig in die Nähe des literarischen Diskurses.

Als "Experiment am Subjekt durch das Subjekt" (S. 94) wird das Experiment nun von Musil in die literarische Praxis übertragen. Die Untersuchung dieser Übertragung im dritten Teil, bei welcher Musils ausgewählte Texte anhand des gewonnenen Experimentbegriffs interpretiert werden, überrascht durch ihre optische Tiefe. Es gelingt der Verfasserin tatsächlich, das Vorhandensein vieler Experimentiersituationen in Musils kurzer Prosa und Tagebuchsaufzeichnungen nachzuweisen. Exemplarisch ist hier die Erzählung "Das Fliegenpapier" zu nennen, in dem auf dem Fliegenpapier klebende Fliegen beobachtet werden. Die Ausführungen am Text, die seinen Aufbau nach den Parametern eines Versuchsprotokolls im Detail offen legen, machen die Umkehrung der Beobachtung auf das beobachtende Subjekt bemerkbar, welches "das von ihm im Laufe des Beobachtungsvorgangs Empfundene auf seine Versuchsobjekte projiziert" (S. 114). Auch wenn die Inszenierungen von Experimenten in Musils Werk bisher in der Forschung nicht unbemerkt blieben, werden sie in Pelmters Monographie in genaue Beobachtungen an Texten umgesetzt.

Doch wo das Experiment nicht in der Literatur inszeniert, sondern auf die Literatur übertragen werden muss, gilt die pessimistische Feststellung, dass "sich die Methode des Experiments in das Medium hinein, jedoch nicht auf es übertragen lässt" (S. 144). Einen Kompromiss bietet Pelmters Auffassung von Musils essayistischem Stil, welcher dem Erzähler im Mann ohne Eigenschaften die Variation der Themen und Situationen in unterschiedlichen Figurenkonstellationen erlaubt. Leider beruft sich Pelmter dabei auf die nachgelassenen Schriften zum unabgeschlossenen Roman und auf die Studien zum Nachlass, die die Beweglichkeit der Erzählsubstanzen in Musils Schreibprozess nachweisen. Ob dies auch für den autorisierten Romanteil uneingeschränkt gilt, wird durch die Ausführungen der Verfasserin nicht ersichtlich.

Bei der Werkanalyse macht sich außerdem ein konzeptueller Nachteil von Pelmters Vorgehensweise bemerkbar, der in der Reduktion des Literarischen auf den bloßen Gegenstandsbereich besteht, wo geisteswissenschaftliche Anliegen mithilfe einer naturwissenschaftlichen Methode umgesetzt werden können. Die Texte werden in den Begrifflichkeiten des wissenschaftlichen Experimentierens ausgelegt, wobei die genuin literarischen Qualitäten des Musil'schen Werks aus dem Blick geraten. Mag das mit Musils Theorie der Dichtung zwar viel zu tun haben, bleibt es dennoch zweifelhaft, ob auf diese Weise die auf dem Buchdeckel anvisierte "Verbindung zwischen den Objektbereichen Literatur und Wissenschaft" tatsächlich hergestellt werden kann.


Pelmter, Andrea: "Experimentierfeld des Seinkönnens" - Dichtung als "Versuchsstätte". Zur Rolle des Experiments im literarischen Werk Robert Musils. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2008. 186 S., kartoniert, 26,00 Euro. ISBN: 978-3-8260-3730-6


Inhaltsverzeichnis


A Einleitung 11
A.1 Das Experiment in der Dichtung - Untersuchungsziel 11
A.2 Untersuchungsmethode und -aufbau 15
A.3 Kapitelüberblick 16

B Hauptteil 20
B.1 Zum naturwissenschaftlichen Experiment 20
B.1.1 Zum Verhältnis von Literatur und Naturwissenschaften/literarischem und empirisch-analytischem Experiment 27
B.1.2 Das naturwissenschaftliche Experiment in der Dichtung 32
B.1.3 Forschungsstand 38

B.2 Musil und das naturwissenschaftliche Experiment 44
B.2.1 Robert Musil: Vereinigung von Naturwissenschaftler und Literat in einer Person 44
B.2.1.1 Die Konstruktion einer experimentellen Apparatur: der Variationskreisel 49
B.2.1.2 Suche nach einer ,,Mittelzone"-Musils Absichten beim Methodentransfer 53

B.3 Zu den Quellen der Musilschen Experimentauffassung 55
B.3.1 Zur Konzeption und Rolle des Experiments bei Ernst Mach 56
B.3.1.1 Zur Rolle des Gedankenexperiments: Schnittstelle zwischen den ,,Zwei Kulturen"? 64
B.3.1.2 Zur Rolle der Analogiebildung: Legitimation zum Transfer 68
B.3.2 Zur Konzeption und Rolle des Experiments in der Gestalttheorie 72
B.3.3 Zur Konzeption und Rolle des Experiments bei Nietzsche 81

B.4 Literarische Experimentationen: Das empirisch-analytische Experiment in Dichtung 93
B.4.1 Das empirisch-analytische Experiment als unhinterfragtes Instrument? – Zur Wissenschaftsskepsis Musils 94
B.4.2 Versuchsprotokoll eines Experiments auf zwei Ebenen: Musils ,,Triedere" 96
B.4.3 Zur (Selbst-)experimentation in den Tagebüchern: Zu den Blattern des ..Monsieur le vivisecteur" 101
B.4.4 Versuche an Fremdobjekten: ,,Das Fliegenpapier" und ,,Die Affeninsel" 111
B.4.5 Josza, Leona, Basini und all die anderen - Objekte der experimentellen Psychologie auf realer und literarischer Ebene 122
B.4.6 Der Mann ohne Eigenschaften als Experimentator: Ulrich und das empirisch-analytische Experiment 129
B.4.6.1 Die Anwendung des Experiments auf nicht genuin naturwissenschaftliche Bereiche: Die Theorien des Menschen und des Gefühls 133
B.4.7 Ulrichs Utopien - Verbindung von naturwissenschaftlicher Methode und Sinn stiftendem Ziel 141

B.5 Anwendung des empirisch-analytischen Experiments auf Dichtung 148
B.5.1 Eine Implementierungstheorie: Musils Essay – Kombination aus naturwissenschaftlicher Methode und geisteswissenschaftlichem Anliegen 148
B.5.2 Charakteristika des empirisch-analytischen Experiments als formale Gestaltgebung von Dichtung 156
B.5.2.1 Die »komplizierte moralische Mathematik" der Dichtung 163

C Resümee 168

D Literaturverzeichnis 174


The Borderline between Natural Sciences and Literature: On an Interdisciplinary Reading of Robert Musil's Works

The connection between such different areas as the natural sciences and literature requires a high level of interdisciplinarity. Andrea Pelmter's monograph links the two by establishing the concept of experiment as a common item of reference for the discourse of science and literature and by analysing its importance for the works of the Austrian writer Robert Musil. Unfortunately, the genuine literary quality of the work is lost from view. Nevertheless, Pelmter's dissertation can be recommended to not just Musil readers, but to all those interested in the problematic of knowledge in literature, and who have a certain understanding of the methodological difficulties of such an interdisciplinary approach.



© bei der Autorin und bei KULT_online