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Athanasius Kircher - der Vielfältige und seine Widersprüche

Eine Rezension von Evelyn Gottschlich

Totaro, Giunia: L'autobiographie d'Athanasius Kircher. L'écriture d'un jésuite entre vérité et invention au seuil de l'oeuvre. Introduction et traduction francaise et italienne. Berlin, Frankfurt a.M., Bruxelles, New York, Oxford, Wien: Peter Lang, 2009.

Der berühmte Gelehrte des 17. Jahrhunderts, Athanasius Kircher (1601/2-1680), ist gefragt, wie man an zahlreichen Forschungsprojekten, die sich mit ihm beschäftigen sieht. Seine Vielseitigkeit spiegelt sich in den Disziplinen, die sich für ihn interessieren: die Sprach- und Musikwissenschaft, Historiographie, Theologie, Kunstgeschichte und andere mehr. Mit der Edition seiner Autobiographie sowie deren Übersetzungen stellt die Romanistin Giunia Totaro der Forschung eine für das Verständnis Kirchers zentrale Quelle zur Verfügung. Die Vita Kirchers war bisher schwer zugänglich und wurde kaum kritisch untersucht. Totaro liefert nun mit ihrer Ausgabe eine umfassende Vorlage für weitere Studien. Ein guter Forschungsüberblick, kritische Diskussion einiger Stellen in der Vita und die umfangreiche Bibliographie bereichern die Edition nachhaltig. 


Athanasius Kircher (1601/2-1680), der bekannte jesuitische Gelehrte des 17. Jahrhunderts, beschäftigt ganze Forschergruppen, die sich mit seinen Werken zu den klassischen Sprachen, der Astronomie, Mathematik, Physik, Musik, Geographie und Geologie befassen. Es gibt Forschungsprojekte zu Kircher an den Universitäten Luzern und Stanford, einige Kircher Forschungsgesellschaften und mehrere Ausstellungen, die sich ihm widmeten, so etwa 2002 in Wolfenbüttel.
Das Leben Kirchers wird oft anhand seiner 1684 posthum veröffentlichten Autobiographie Vita Admodum Reverendi P. Athanasii Kircheri dargestellt, obwohl einige Studien nachweisen, dass sie mindestens geschönt ist. Die einzige bisher existierende Übersetzung ist eine 1901 auf Deutsch erschienene; sie wurde jedoch nur in wenigen Exemplaren herausgegeben. Die Romanistin Giunia Totaro legt nun neben der lateinischen Edition, einer französischen und einer italienischen Übersetzung auch einen aktuellen Quellenkommentar vor.

In der Einleitung erläutert Totaro, dass die extremen Urteile über Kircher – von barockem Universalgelehrten bis hin zu einem Blender und Scharlatan – oft den historischen Kontext nicht ausreichend beachten. Bei genauerer Betrachtung, so Totaro, seien es häufig genau die scheinbar inkonsequenten Aussagen, die neue Lesarten der Werke Kirchers anböten.
Wie auch andere Forscher weist Totaro darauf hin, dass Kirchers Position durch die Texte der Hermetik (Hermes Trismegistos) und des Neuplatonismus geprägt war. Durch seine esoterischen Ansichten wurde Kircher von vielen Seiten kritisiert und seine Werke durch den Jesuitenorden zensiert, wenn er auch nie offiziell angeklagt wurde. Der Kontrast zwischen diesem Druck und seinen eigenen Überzeugungen und Ambitionen sei zentral für seine Autobiographie, meint Totaro. Diese Kircher eigene Mischung seiner Positionen – als Jesuit, als Hermetiker, als Publizist – führt dazu, dass er zwar mit den Gelehrten seiner Zeit in Kontakt stand, aber nicht wirklich einer von ihnen war.

Unter der Überschrift "La condamnation" beschreibt Totaro die Rezeption Kirchers seit seiner Zeit, sie liefert einen aufschlussreichen Einblick in viele wichtige Kommentare zu Kircher.
Kircher war im 17. Jahrhundert öffentlich sehr präsent. Seine fantasievolle Interpretation der altägyptischen Hieroglyphen und seine Unverfrorenheit riefen bei vielen Zeitgenossen völlige Ablehnung hervor. Auch Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurde er von den orientalischen Sprachwissenschaftlern für sein Halbwissen verurteilt und so eine Kristallisationsfigur für die antijesuitischen Anfeindungen. Daneben hielt und hält sich bis heute der Ruf Kirchers als großer Gelehrter.
Im Abschnitt "Le 'phénomène Kircher'" schildert Totaro, wie sich im 20. Jahrhundert das Kircherbild in der Wissenschaft ins Positive wendete – so rehabilitierte ihn zunächst der 1977 erschienene Artikel in der Neuen Deutschen Biographie und seit Mitte der 80er Jahre beschäftigen sich zahlreiche Studien mit ihm.

Nach einer kritischen Darstellung der Biographie Kirchers kommt Totaro zu den Problemen der Autobiographie, die sie in verschiedene Kategorien unterteilt: die typographischen, die durch den technischen Fertigungsprozess der Schrift bedingt sind, und die redaktionellen, die sich aus den Anforderungen der Zeit und Kirchers persönlichen 'Verbesserungen' seiner Biographie ergeben. Totaro geht beidem nach, indem sie die Ergebnisse eines ersten Vergleichs der Autobiographie mit anderen Dokumenten und der wenigen bisher zur Biographie erschienenen Studien vorstellt. Auf diese Weise kann sie Kircher viele größere und kleinere 'Korrekturen' in der biographischen Darstellung seines Lebens nachweisen, und so etwa Daten und Orte neu fixieren, persönliche Motive herausstellen und vieles andere mehr. Sie weist darauf hin, dass Kircher mehrere Wundergeschichten erzählt, zum Beispiel die Heilung einer (angeblich) unheilbaren Krankheit nach einem Mariengebet. Totaro kommt zu dem Schluss, dass "die Lücke zwischen dem Realen und dem Imaginierten [...] hier ohne jeden Zweifel das Intentionelle aufdeckt" (S. 153). Die Überarbeitung, die Kircher seiner Biographie angedeihen lässt, machen sie zu einem zyklischen und gewissermaßen hagiographischen Narrativ.
Knapp die Hälfte des vorliegenden Bandes nehmen nun die lateinische Edition und die Übersetzungen der Vita ein. Während Totaro in ihrer Transkription des lateinischen Originals nur Anmerkungen zu Sprache setzt, sind die französische und italienische Version jeweils mit (denselben) inhaltlichen Kommentaren versehen und vermitteln dem Leser so viele nützliche Hintergrundinformationen. Der Edition liegt die Ausgabe der Vita in der Biblioteca dell'Archiginnasio in Bologna zugrunde; diese wurde mit fünf anderen Exemplaren abgeglichen. Als einziges Manko der Edition kann angesehen werden, dass es außer dem Titelbild keine Abbildungen der Quelle gibt. Um die Materialität einer Quelle mit einzubeziehen, ist eine digitale Edition geeigneter. Mehrere von Kirchers Werken sind als Digitalisate im Netz zugänglich, andere sollen es werden. Totaro zog es jedoch vor, ihre Edition auf Papier und nicht digital zu veröffentlichen.

Mit ihrem Werk macht Totaro diesen für die Kircher- wie auch Jesuitenforschung wichtigen Text einem breiten Publikum zugänglich. Sie führt die englische, deutsche, französische und italienische Kircherforschung zusammen, was sonst selten der Fall ist. Ihre Diskussion vieler strittiger Punkte liefert beste Ansätze zu einem kritischen Umgang mit dieser bisher eher oberflächlich genutzten Quelle. Die ausführliche, etwa 100 Seiten umfassende, thematisch sortierte Bibliographie ist eine zusätzliche Bereicherung. In ihrer Form ist die Edition vorbildlich.


Totaro, Giunia: L'autobiographie d'Athanasius Kircher - L'écriture d'un jésuite entre vérité et invention au seuil de l'œuvre. Introduction et traduction française et italienne. Bern et al.: Lang, 2009 (Liminaires – Passages interculturels italo-ibériques Vol. 14). 430 S., broschiert, 70,40 Euro. ISBN 978-3-03911-793-2 / ISSN 1660-1505


  Inhaltsverzeichnis

INTRODUCTION 1

Heurs et malheurs d'Athanasius Kircher 1
La condamnation 9
Le «phénomène Kircher» 25
Notice biographique 38
1. De la naissance à la période avignonnaise (1601/2-1632) 38
2. De la fin de la période avignonnaise à la Musurgia universalis (1632-1650) 47
3. De l'Obeliscus Pamphilius au Latium (1650-1671) 52
Quelques considérations supplémentaires 60

VÉRITÉ PUBLIQUE ET VÉRITÉ PRIVÉE.
LE REMANIEMENT DES FAITS DANS LA VITA 69

Chapitre premier. La date de naissance de Kircher : 1601 ou 1602 ? 72
Chapitre deuxième. La rencontre avec Peiresc 79
Chapitre troisième. Le voyage à destination de Rome 82
Chapitre quatrième. Vienne, Trieste, Rome, Aix 89
Chapitre cinquième. Les apories du récit de voyage: l'arrivée à Rome 95
Chapitre sixième. Les premières années romaines: une lacune du récit 100
Chapitre septième. Un échec de Kircher: le voyage de Malte 113
Chapitre huitième. La vocation missionnaire 124
Chapitre neuvième. La fictionnalisation à l'oeuvre: le miracle de la Mentorella 135

L'EDITION DE LA VITA 157

TRANSCRIPTION DU TEXTE ORIGINAL LATIN 171
Critères de transcription 172
Tableau des abréviations 174
Vita Admodum Reverendi P.[atris] Athanasii Kircheri, Societ.[atis] Jesu, viri toto orbe celebratissimi 175
Caput I. De vita a nativitate usque ad annum duodecimum 175
Caput II. De vita transacta Fuldæ in scholis inferioribus 177
Caput III. Admissio et ingressus in Societatem Jesu 181
Caput IV. De vita post Tirocinium instituta usque ad tertium Probationis annum 183
Caput V. De tertio Probationis anno vitaque reliqua in Germania transacta 193
Caput VI. De vita in Francia transacta, adventuque in Urbem 196
Caput VII. De vita Romæ transacta 203

TRADUCTION FRANÇAISE 219
Vie du Très Révérend Père Athanasius Kircher, de la Compagnie de Jésus, homme très célèbre dans le monde entier 220
Chapitre I. Ma vie de la naissance à la douzième année 220
Chapitre II. Ma vie à Fulda pendant les écoles inférieures 225
Chapitre III. Mon admission et mon entrée dans la Compagnie de Jésus 230
Chapitre IV. L'organisation de ma vie après le Noviciat jusqu'à la troisième année de Probation 232
Chapitre V. Ma troisième année de Probation et le reste de ma vie en Allemagne 244
Chapitre VI. Ma vie en France et mon arrivée à Rome 248
Chapitre VII. Ma vie à Rome 256

TRADUCTION ITALIENNE 275
Vita del Molto Reverendo Padre Athanasius Kircher, della Compagnia di Gesù, uomo celebratissimo in tutto il mondo 276
Capitolo I. Vita dalla nascita fino all'anno dodicesimo 276
Capitolo II. La vita trascorsa a Fulda durante le scuole inferiori 281
Capitolo III. L'ammissione e l'ingresso nella Compagnia di Gesù 285
Capitolo IV. L'organizzazione della mia vita dopo il Noviziato fino al terzo anno di Probazione 288
Capitolo V. Il terzo anno di Probazione ed il resto della mia vita in Germania 300
Capitolo VI. La vita in Francia e l'arrivo a Roma 303
Capitolo VII. La vita trascorsa a Roma 311

ANNEXES 329
Lettre de Kircher à Berthold Nihus, Rome le 10 avril 1655 329
Lettre d'Andreas Kircher à Kircher, Münster le 28 juillet 1651 332
Lettre de Theodor Busäus à Kircher, Rome le 21 mai 1633 333
Lettre de Muzio Vitelleschi à Kircher en Avignon, Rome le 31 juillet 1632 334
Lettre de Kircher aux cardinaux de la Congrégation de Propaganda fide, non datée (fin de 1638/début de 1639) 335
Lettre de Hieronymus Ambrosius Langenmantel à Kircher, Augsbourg le 2 septembre 1672 337

BIBLIOGRAPHIE 339
Ouvrages anciens et sources 339
Etudes 362
Outils 414
Autres ouvrages de consultation sur Athanasius Kircher 417

INDEX 425


Athanasius Kircher – The Multifold One and His Contradictions

The famous polyhistor of the 17th century, Athanasius Kircher (1601/2-1680), is in demand, considering the number of research projects on him. His manifoldness is reflected in the disciplines that are interested in Kircher: linguistics, musicology, historiography, theology, art history, and others. By publishing this edition of his autobiography and its translations, the Romanist scholar Giunia Totaro offers this field of study a central source of insight into Kircher's character. The Vita of Kircher was previously difficult to access and hardly studied critically. With her book, Totaro provides a comprehensive basis for further studies. Moreover, a sound research overview, the critical discussion of some parts of the Vita, and the extensive bibliography enrich the volume.


© bei der Autorin und bei KULT_online