Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Was weiß (die Literaturwissenschaft über) die Literatur?

Eine Rezension von Dr. Michael Basseler

Klausnitzer, Ralf: Literatur und Wissen. Zugänge - Modelle - Analysen. Berlin, New York: de Gruyter, 2008.

Das vorliegende de Gruyter-Studienbuch zum Themenkomplex
Literatur und Wissen möchte eine Forschungslücke schließen: Es stellt die erste Monographie dar, die eine Zusammenschau der wesentlichen literatur- und kulturwissenschaftlichen Ansätze auf dem Gebiet liefert. Entsprechend komplex und umfangreich fällt das Ergebnis aus. Auf über 400 Seiten kartiert Klausnitzer die ‚mehrfach dimensionierten’ Relationen zwischen Literatur und Wissen, die in vier wesentliche Teilbereiche untergliedert werden: die Aufnahme von (Spezial-)Wissen in die Literatur, die Kopplungen zwischen Literatur und Wissenskulturen, die rhetorisch-poetische Verfasstheit nicht-literarischen (wissenschaftlichen) Wissens sowie die Teilhabe der Literatur an historisch spezifischen Wissenskulturen. 


Obwohl bereits die Namensgebung der 'Literaturwissenschaft' einen gewissen Anspruch impliziert, der Literatur sei so etwas wie Wissen zu entnehmen, ist das Verhältnis der in diesem Kompositum vereinten Begriffe keineswegs unumstritten. Kann die ‚schöne’ Literatur tatsächlich etwas wissen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass literarische Texte aufgrund ihres fiktional-imaginativen Gehalts gerade nicht den Ansprüchen genügen (müssen), die der Ehrentitel des Wissens voraussetzt? Wie steht es um das Verhältnis zwischen literarischer Kommunikation und gemeinhin als nicht-literarisch erachteten Wissensordnungen? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich der vorliegende Band, der einen Überblick des Themenkomplexes Literatur und Wissen geben will. Keine einfache Aufgabe, bedenkt man, dass nur wenige "Problemfelder der textinterpretierenden Disziplinen" (S. V) in den letzten Jahren so "intensiv und kontrovers verhandelt [wurden] wie die mehrfach dimensionierten Beziehungen zwischen Literatur und Wissen" (ebd.). Umso lobenswerter ist Klausnitzers Anliegen, eine "umfassende Dokumentation dieses Problemkomplexes" (ebd.) vorzulegen, die in dieser Form tatsächlich noch nicht existiert, gerade mit Blick auf die Aktualität des Themenbereichs aber längst überfällig ist.

Im Kapitel "Grundlagen" werden zunächst die zentralen Begriffe Literatur und Wissen definiert. Wissen, so der Leitgedanke, ist stets auf Formen der Aufzeichnung, Speicherung und Wiedereinschaltung und somit auf Zeichensysteme angewiesen. Wissen ist nicht isoliert ('an sich') zu finden oder zu vermitteln. Einen Zugang gibt es nur über die Formate, "in denen es fixiert und tradiert, bzw. die Praktiken, mit denen es erzeugt und weitergegeben wird" (S. 26). Der fiktionalen Literatur weist Klausnitzer die Funktion zu, ein hypothetisches "Wissen, wie…" bereitzustellen, das einem wissenschaftlich-empirischen "Wissen, dass…" entgegen steht. Als von pragmatischen Alltagsverpflichtungen befreites Spiel ermögliche sie ein symbolisches Probehandeln.

Am Ende des ersten Kapitels steht eine vierfache Unterteilung des Bereiches Literatur und Wissen: Der erste Teilbereich erfasst "Aspekte der Aufnahme und Gestaltung von (spezifischen) Wissensbeständen in Literatur" (S. 51). Der zweite Teilbereich widmet sich der Untersuchung "formen- bzw. medienspezifische[r] Kopplungen zwischen literarischer Kommunikation und Wissenskulturen" (S. 52) und fragt etwa danach, wann und warum bestimmte literarische Schreibweisen, Formate und Gattungen entstehen. Der dritte Teilbereich nimmt aus umgekehrter Perspektive die Frage nach der "Auf- bzw. Übernahme rhetorischer Figuren, literarischer Formen bzw. poetischer Formelemente in Wissenskulturen und Wissenschaften" (S. 53) in den Blick. Im vierten Teilbereich geht es darum, inwiefern die in literarischen Werken kommunizierten Vorstellungen an historisch spezifischen gesellschaftlichen Problemlagen, d.h. am Wissen ihrer Zeit partizipieren.

Auf dieser Basis werden im zweiten Teil Zugänge vorgestellt, die sich auf unterschiedliche Weise mit den skizzierten Wechselbeziehungen beschäftigen. Zunächst wendet sich Klausnitzer poetischen, rhetorischen und hermeneutischen Ansätzen seit der Antike zu, gefolgt von einem historischen Abriss der Philologie. In weiteren Kapiteln werden dann geistes-, ideen- und problemgeschichtliche Zugänge ebenso berücksichtigt wie formalistische, strukturalistische und poststrukturalistische Ansätze.

Der dritte Teil ('Modelle') diskutiert die aus diesen Zugängen gewonnenen Einsichten, wobei "der Gewinn von einfachen und überzeugenden Regularien zur Beschreibung und Erklärung der mehrfach dimensionierten Zusammenhänge zwischen Literatur bzw. literarischer Kommunikation und Wissen bzw. Wissenskulturen" (S. 161) im Zentrum steht. Diese Zusammenhänge werden ebenfalls in vier Relationen unterteilt, die mit den oben aufgeführten Teilbereichen des Themenkomplexes korrelieren: 1) die Beteiligung der Literatur an der Produktion und Reflexion von Wissen; 2) fiktionale und faktuale Welten der Literatur als "spezifische Erkenntnisformationen"; 3) "poetische Schreibweisen und Textverfahren als Funktionselemente von Wissen" (S. 162) bzw. die generelle sprachliche Verfasstheit von Wissen in spezialisierten Wissenskulturen und Literatur; 4) Literatur bzw. literarische Darstellungsverfahren als Produkt von Wissensordnungen.

Im vierten Teil werden ausgewählte literarische Texte in ihrem Verhältnis zu zeitgenössischen Wissensformationen exemplarisch untersucht. Kapitel 4.1 beschäftigt sich dabei mit der Wissensfigur der 'unsichtbaren Hand' in Diskursen seit dem 16. Jahrhundert sowie mit dem geheimen Wissen von Illuminatenorden und dessen literarischen Kongruenzen. Goethes Wilhelm Meister und Schillers Der Geisterseher bescheinigt Klausnitzer Parallelen bezüglich ihres 'Menschenwissens', die jedoch aufgrund der unterschiedlichen Ausgestaltungen dieses Wissens nicht in einem gemeinsamen Fluchtpunkt aufgehen. Im Interesse von Kapitel 4.2 stehen ebenfalls die Arkangesellschaften um 1800, nun mit Blick auf Phänomene wie Magnetismus und Somnambulismus und mit ihnen Tiecks Novelle Die Wundersüchtigen, während sich Kapitel 4.3 mit der modernen Gesellschaftstheorie und der Enthüllungsrhetorik in Marx und Engels' Schriften befasst.

Als Gesamtdarstellung des Themenkomplexes Literatur und Wissen liefert der Band insgesamt einen sehr guten Überblick der Zugänge, Modelle und Methoden. Die Ausführungen sind stets ebenso informiert wie theoretisch reflektiert und erfassen Nuancen sowie Schwachstellen der jeweiligen Ansätze. Besonders dadurch, dass neben den traditionell fokussierten Relationen zwischen Naturwissenschaft und Literatur auch andere Wissensbereiche (Alltags- und Weltwissen, politische Theorie, Ethik etc.) das Blickfeld erweitern, hebt sich die Studie von anderen Publikationen ab.
Die problemorientierte Vorgehensweise reibt sich jedoch etwas mit der Zielsetzung des Bandes. Insbesondere gegen Ende des dritten Kapitels wird die Argumentation für ein Studienbuch mit einführendem Charakter recht kleinschrittig und dicht. So beansprucht etwa die Diskussion der Erkenntnisleistungen von Metaphern fast dreißig Seiten, während z.B. New Historicism und Poetologien des Wissens auf zusammen nur rund fünf Seiten erläutert werden. Trotz des Bemühens, das Themengebiet möglichst umfassend zu kartieren, werden somit starke Setzungen vorgenommen, die bestimmte Zugänge und Modelle präferieren – eine Problematik, deren sich der Verfasser jedoch bewusst ist (vgl. S. XI).
Darüber hinaus leidet die Lesbarkeit der Studie leider unter zahlreichen editorischen Mängeln (Tippfehler, falsch geschriebene Personennamen, Wortdopplungen und doppelte Satzteile bei mehreren Seitenübergängen). Besonders in Kapitel 3 hindert zudem der extensive Gebrauch von Fußnoten, die stellenweise den Großteil der Seite beanspruchen, den Lesefluss.
Trotz dieser kleineren Schwächen bleibt festzuhalten, dass es sich bei Literatur und Wissen um eine in ihrer Komplexität und Fundiertheit gleichermaßen beeindruckende wie nützliche Studie handelt. Das Glossar und die nach Themenbereichen geordnete Bibliographie tragen dazu bei, dass die Studie zum Standardwerk im Bereich Literatur und Wissen werden könnte.


Ralf Klausnitzer: Literatur und Wissen. Zugänge – Modelle – Analysen. Berlin: de Gruyter, 2008. 446 S., brosch., € 24,95. ISBN 3110200732


Inhaltsverzeichnis

Vorwort...V

1. Grundlagen...1
1.1 Begriffsklärungen...9
1.1.1 Literatur...11
1.1.2 Wissen...12
1.2 Semiotische Prinzipien...16
1.2.1 Zeichen und Bedeutung...17
1.2.2 Einfache und komplexe Zeichen...19
1.2.3 Differentialität...21
1.2.4 Aufzeichnung, Speicherung, Wiedereinschaltung...24
1.3 Formate des Wissens, Gattungen der Literatur...25
1.3.1 Wissensarten und -formate...27
1.3.2 Gattungen der Literatur...36
1.3.3 Wissen in Lebenswelt, Expertenkulturen, Literatur...41
1.3.4 Hypothetisches Wissen der Literatur...44
1.4 Verhältnisvarianten und Fragestellungen...49

2. Zugänge...57
2.1 Poetik, Rhetorik, Hermeneutik. Einsätze seit der Antike...61
2.1.1 Scheinbares Wissen, täuschende Dichter. Platon...64
2.1.2 Mittelung des Allgemeinen. Aristoteles...68
2.1.3 Pathos, Ethos, Logos. Texteffekte und Regelsysteme ...71
2.1.4 Verstehen und Interpretieren...84
2.2 Copia verborum. Sach- und Wortwissen der Philologie...91
2.2.1 Aufmerksamkeit, Schriftsinn, Textkritik...94
2.2.2 Bedeutungskonzeptionen und Kommentar...104
2.2.3 "Wechselseitige Erhellung" und Gesetzeserkenntnis...107
2.3 Geist, Ideen, Probleme. Integrative Konzepte...111
2.3.1 Geistesgeschichte...117
2.3.2 Problem- und Ideengeschichte...120
2.3.3 Historische Semantik...124
2.4 Sprachliches Wissen. Formalismus und Strukturalismus...126
2.4.1 Poetische Sprache, Beschreibung und Erklärung...127
2.4.2 Relationale Verhältnisse von Elementen. Strukturalismus...130
2.4.3 Strukturale Semantik...132
2.5 Entgrenzungen. Nach dem Strukturalismus ...136
2.5.1 Arbeit am Verdrängten...138
2.5.2 Unabschließbare Differenz...139
2.5.3 Die Macht der Diskurse und ihre Analyse...142
2.6 Erweiterungen und Limitationen...148
2.6.1 Poetik der Kultur. New Historicism...149
2.6.2 Poetologien des Wissens...151
2.6.3 Analytische Unterscheidungen...154

3. Modelle...160
3.1 Literarische Kommunikation als Wissenskultur...165
3.1.1 Gelehrter Dichter, Genie, Literat. Dimensionen des Autors...169
3.1.2 Botschaft, Mitteilung, Schrift. Archivfunktionen...183
3.1.3 Codes, Normen, Werte. Leserwissen...194
3.1.4 Publikum, Kritik, Kanon. Sprachhandlungswissen...200
3.2 Regeln der Simulation. Literatur als Erkenntnisformation...210
3.2.1 Faktuale und fiktionale Welten...215
3.2.2 Figuren und Personen...224
3.2.3 Chiffren und Schlüssel...235
3.2.4 Assoziationen und Irritationen...250
3.3 Generative Epistemologie. Poetische Funktionselemente von Wissen...253
3.3.1 Rhetorik des Wissens. Darstellungsformen der Wissenschaft...255
3.3.2 Inventio/Elocutio. Erkenntnisleistungen der Metapher...267
3.3.3 Narration und Reflexion...295
3.4 Literatur als Erzeugnis von Wissensordnungen ...302
3.4.1 Weltall, Erde, Mensch. Sachliteratur...306

4. Exemplarische Analysen...313
4.1 Geheime Lenkung, unsichtbare Hand. Menschenwissen, 1776-1796...316
4.1.1 Chiromantik und Ökonomie. Vorgriffe...321
4.1.2 Arkanpolitik und Physiognomik, Geister- und Regierungswissen ...347
4.1.3 Art von Experiment. Bildungsroman und Untergrund...376
4.2 Magnetische Operationen. Imaginationen des Mesmerismus...391
4.2.1 Diskursive Korrespondenzen...393
4.2.2 Restauration der Vernunft...396
4.3 Gespenstergeschichten. Theorien sozialer Systeme...401
4.3.1 Enthüllungsfiguren des historischen Materialismus...403
4.3.2 Warenanalyse und symbolische Interpretation...408

5. Glossar...417

6. Auswahlbibliographie...426

The Knowledge of Literature and Literary Studies

This monograph dealing with the intricate relationship of literature and knowledge sets out to close a research gap: it is the first book-length study in German that provides a survey of the approaches to this field in literary and cultural studies. Correspondingly, the result is rather complex and voluminous. Over more than 400 pages Klausnitzer outlines the multidimensional relations between literature and knowledge, which are roughly subdivided into four aspects: the inclusion of (specialised) knowledge in literature, the interconnection of literature and cultures of knowledge, the rhetorical and poetic constitution of non-literary knowledge, and the role of literature in historically specific cultures of knowledge.


© beim Autor und bei KULT_online