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Unterschiede im Visier – Das emanzipatorische Potenzial von Bewegung in amerikanischer Frauenliteratur

Eine Rezension von Elisa Antz

Ganser, Alexandra: Roads of Her Own. Gendered Space and Mobility in American Women's Road Narratives, 1970-2000. Amsterdam/New York: Rodopi, 2009.

Die Literaturwissenschaftlerin Alexandra Ganser untersucht Roads of Her Own – Gendered Space and Mobility in American Women’s Road Narratives, 1970-2000 vor dem Hintergrund des spatial turn in den Kulturwissenschaften, insbesondere in seiner Ausprägung als feminist cultural geography. Als Ausgangspunkt dient ihr the road als männlich geprägter Mythos von Aufbruch, Bewegung und Freiheit. Dieser symbolträchtige Bewegungsfreiraum verleiht dem road genre seinen Namen und seine maskulin dominierten Gattungskonventionen. Die Autorin geht an ausgewählten Texten nordamerikanischer Autorinnen der Frage nach, inwiefern sie sich diese genretypische Symbolik aneignen oder umdeuten. Hierzu wählt sie einen ‚transdifferenten’ Interpretationsansatz, dementsprechend sich ihre Studien keineswegs allein dem feministischen Emanzipationspotenzial der Erzählungen widmen. Vielmehr setzt die Amerikanistin gender beständig in Verbindung mit anderen Identitätskategorien wie Ethnizität, Alter oder sozialem Status.
 


Wie der Titel ihrer Studie bereits verrät, analysiert Alexandra Ganser ihre Beispieltexte im Hinblick darauf, wie sie Konzepte von Bewegung, Raum und Gender, beziehungsweise deren Zusammenhänge verhandeln. Als Analysegegenstand wählt sie vierzehn women’s road narratives, darunter auch eine Kurzgeschichtensammlung und ein Tagebuch (beide von Diane Clancy, vgl. Kap. 5.2.) sowie ein illustrierter Roman (von Erika Lopez, vgl. Kap. 6.3.). Gansers besondere Aufmerksamkeit gilt dem emanzipatorischen Wirkungspotential: Inwiefern irritieren diese Texte normative Vorstellungen von Bewegung und Eroberung als tradierte männliche Privilegien?

Raum, Bewegung und Gender als gegenseitige Bedingungen

Um die road als derart geschlechtlich markierten Raum in Erzählungen von Frauen zu untersuchen, setzt sich Ganser zunächst mit Theorien und Konzepten des spatial turn auseinander. Vornehmlich in Bezug auf Theorien von Henri Lefèbvre, Edward Soja und Michel de Certeau entwickelt die Literaturwissenschaftlerin ihre Konzeption von Raum und Bewegung. Hierbei geht es ihr in erster Linie darum, diese Begriffe als Indikatoren dominanter Diskursen über soziale Verhältnisse zu sehen (vgl. insb. Kap. 3.1.). Feministischen Geografinnen wie Doreen Masseys oder Gillian Roses folgend, betont Ganser die Bedeutung des Nexus von Raum-Verkörperung-Repräsentation für gesellschaftliche Erwartungshaltungen an frauentypisches Verhalten in Nordamerika. Vorherrschende Wertvorstellungen tradieren, so die feministische Kritik, eine gender-spezifische Dichotomie: Häuslichkeit, Alltag und Weiblichkeit auf der einen Seite, Unterwegssein, Abenteuer und Männlichkeit auf der anderen.
Somit stellt sich die Amerikanistin der Herausforderung einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft – leider nicht gerade zugunsten der Lesbarkeit. Die Konzeptdichte in den ersten drei Kapiteln stellt trotz des angenehm unprätentiösen Schreibstils der Autorin einen Härtetest für Begriffsvermögen und Geduld der LeserInnen dar.

Quest, para-nomadism und picaresque als Haupttropen

Ganser gruppiert ihre Textbeispiele in drei "tropes". Darunter versteht sie jedoch weniger bildliche Ausdrücke, als narrative Grundmotive: wie etwa Metaphern. Vielmehr versteht sie die von ihr identifizierten Tropen als narrative Grundmotive: "Tropes that structure women’s road literature according to three distinct paradigms of movement."(S. 33). Diese bezeichnet sie als quests, die von dem Verlangen motiviert werden, anzukommen; para-nomadism als endloses Umherreisen aufgrund ökonomischer oder politischer Gründe; sowie das waghalsige und abenteuerlustige Reisen in der Tradition des picaresque (vgl. S. 33 f.). Diese Tropen sind offensichtlich gut durchdacht und bieten lohnende Anknüpfungspunkte, auch für Nicht-AmerikanistInnen, zum Beispiel FilmwissenschaftlInnen mit europäischem Schwerpunkt. Dagegen verschleiert das Begriffsmelange aus ‚Tropus‘, ‚Paradigma‘ und ‚narrativen Mustern‘ die Stichhaltigkeit der Analysen. Es mag ein wenig verwundern, dass Ganser an dieser Stelle nicht auf Bachtins ‚Chronotopos‘ als strukturgebende Raum-Zeit-Konstellation zurückgreift, zumal sie Varianten des "chronotope of the road" gemeinsam mit Julia Pühringer und Markus Rheindorf eine ganze Website widmet (http://angam.ang.univie.ac.at/roads02/chronotope/index.htm)
Positiv fällt die Einführung des Begriffs ‚Para-nomadism’ (vgl. Kap. 5.1.) auf. Überzeugend diskutiert Ganser die Entwicklung des Begriffs nomad von einem philosophischen Abstraktum (bei Deleuze und Guattari) zu einer romantisierenden Mode-Metapher westlicher Intellektueller (z. B. bei Braidotti, vgl. S. 175).

Differenzen als Interpretationsfokus

Für die narratologische Untersuchung wählt die Autorin einen so genannten 'transdifferenten' Interpretationsansatz. Er soll Diskontinuitäten und Dissonanzen in den Fokus rücken und das Aufspüren unterdrückter Elemente ermöglichen (vgl. S. 29).
Gansers Urteil darüber, inwiefern die besprochenen Romane ihr Transgressionspotenzial ausnutzen, fällt keineswegs immer positiv aus. So beanstandet sie an Doris Betts‘ Roman Heading West etwa dessen normgetreues Ende einer romantischen Liebesgeschichte (vgl. Kap. 4.3.1). Barbara Kingsolvers Roman The Bean Trees wird kritisch bewertet, weil er in Gansers Augen die Problematisierung einer Mutter-Tochter-Beziehung auf Kosten der Cherokee privilegiere. Deren Charaktere blieben "flat, inarticulate, and exotized" (S. 122). Gansers Vorliebe gilt offensichtlich den para-nomadischen und pikaresken Beispielen, deren experimentellere Texte gleich mehrere kulturelle Differenzen verhandeln oder parodieren, ohne je eindeutige Antworten zu liefern.
Der analytische Mehrwert der 'Transdifferenz' gegenüber schlichteren Begriffen wie 'Ambivalenz' oder 'Unterschiede' erschließt sich jedoch nicht gänzlich. Auch scheint ihre Funktion als Interpretationsbasis gewisse Risiken zu bergen. Denn ästhetische und ideologische Kritik bilden hier eine Einheit (vgl. S. 33) und laufen folglich Gefahr, Zusammenhänge zu suggerieren (je dissonanter, je subversiver, je besser), die keineswegs zwingend sind. Eben auf diese Gefahr eines Bewertungsautomatismus weist Ganser überzeugend im Bezug auf die Nomadologie hin. Man sollte sie auch für die 'Transdifferenz' im Hinterkopf haben.

Nichtsdestotrotz liegt in der Kritikwilligkeit der Autorin, neben ihrem souveränen Schreibstil, sicher eine Hauptstärke des Buches. Hierin tritt gerade jene enge Beziehung zwischen Literatur und Gesellschaft in Aktion, die im Theorieteil noch schwerfällig wirkt. LiteraturwissenschaftlerInnen wird gerne vorgeworfen, ihre Disziplin sei bloß eine Entschuldigung, um sich ihren Lieblingsbüchern zu widmen. Roads of Her Own liefert ein erfrischendes Gegenbeispiel.


Alexandra Ganser: Roads of Her Own – Gendered Space and Mobility in American Women’s Road Narratives, 1970-2000. Amsterdam: Rodopi, 2009. 339 S., gebunden, 68 Euro. ISBN: 978-90-420-2552-3


Inhaltsverzeichnis

1. Points of Departure 13
1.1. American Mobilities and Their Discontents 13
1.2. Articulation, women’s Literature, and Transdifference 19
1.3. Route Map/Travel Plan 32

2. Contemporary American Women’s Road Narratives: genre and Gender 37
2.1. The Road Narrative as Genre 37
2.2. The Masucline Legacy 44
2.3. Women off & on the Road 47

3. Space, Gender, Mobility 57
3.1. The Road and the Spatial turn 57
3.2. Space + Gender: gendered Space, Engendering Space 65
3.3. Mobility as Resistance 73

4. Questers on the Road 81
4.1. The Quest in America: History and Literature 81
4.2. Frontier Paradigms: Interactions and Interventions 86
4.3. Romance of the Road, or, Manifest Domesticity? 92
4.3.1. Doris Betts Heading West 93
4.3.2. Sharlene Baker’s Finding Signs: Revising the Romance of the Road? 105
4.4. Beyond the Romantic Quest? Alternative Homes and Other Mothers 110
4.4.1. Escape from father Freud? 110
4.4.2. Barabara Kingsolver’s The Bean Trees & Pigs in Heaven: From Mother-Daughter Negotiation to Multicultural Fantasy 116
4.4.3. Journey towards the Maternal, Quest for the Past: Hilma Wolitzer’s Hearts and Chelsea Cain’s Dharma Girl 127
4.5. Interstice: The Wandering Jewess – Anne Roiphe’s Long Division 144

5. Para-Nomadic Travelers 163
5.1. Nomads Here, There, and Everywhere: Revisiting Theories of Nomadism 163
5.1.1. Back to the Routes: Deleuze & Guattari’s Nomadology 166
5.1.2. More Routes: Nomadology as Traveling Theory 169
5.1.3. From Paradoxial Metaphors to Para-Nomadism 178
5.2. "Give Me Land Lots of Land": Diane Glancy’s Claiming Breath and The Voice That Was in Travel 182
5.3. Floating Worlds: Para-Nomadic Dislocations and the Public-Private Divide in Cynthia Kadohata’s The Floating World 205
5.4. Circles and Downward Spirals: Negative Para- Nomadism in Joan Didion’s Play It as It Lays 218
5.5. Interstice: Un- Weaving the Road: Para-Nomad Meets Postmodern Picara in Aritha van Herk’s No Fixed Address: An Amorous Journey 227

6. Ex-centric & Wayward 257
6.1. Constant Inconstancy: Theorizing the Picara 257
6.2. Becoming-woman after the Great Divide: Feminist Revisions of the 1960’s Countercultural Picaresque 266
6.2.1. Michelle Carter’s On Other Days While Going Home 267
6.2.2. Trucking down Adolescence: Katherine Dunn’s Truck 275
6.3. The Wanderlust of Crossing and Queering: Erika Lopez’ Flaming Iguanas: An Illustrated All-Girl Road Novel Thing 281

Conclusion 305

Works Cited 313
Primary Works 313
Secondary Literature 316
Index 335

Differences in the Rear-View – Mobility’s Emancipatory Potential in American Women’s Literature

Alexandra Ganser investigates Roads of Her Own – Gendered Space and Mobility in American Women’s Road Narratives, 1970-2000 against the backdrop of the spatial turn, paying special attention to feminist cultural geography. As Ganser’s point of departure, ‘the road’ functions as mythical and highly gendered space for male freedom. The author then asks to what extent women’s road narratives use or rewrite the masculinely dominated conventions of the road genre. To this end, she employs a ‘transdifferent’ analytical approach. That is, rather than zooming in on gender issues, she relates them constantly to other categories of identities and cultural difference, such as ethnicity, age or class.


© bei der Autorin und bei KULT_online