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Subkultur in Frohnatur: Das Rheinland als deutsche Wiege des Pops

Eine Rezension von Thomas Edeling

Matejovski, Dirk; Marcus S. Kleiner und Enno Stahl (Hg.): Pop in R(h)einkultur. Oberflächenästhetik und Alltagskultur in der Region. Essen: Klartext Verlag, 2008.

Ein globales Phänomen mit lokalen Besonderheiten für eine tiefgreifendere Untersuchung zu kombinieren ist gerade kulturwissenschaftlich nicht nur reizvoll, sondern auch notwendig. Denn das Fokussieren auf einen gewissen Gegenstand ist meist nur dann ausssagekräftig, wenn die örtlich gebundenen Produktionsbedingungen der analysierten Phänomene mit berücksichtigt werden. Dies leistet der Sammelband Pop in R(h)einkultur. Oberflächenästhetik und Alltagskultur in der Region, der anlässlich der gleichnamigen Tagung im Oktober 2007 im Düsseldorfer Palais Wittgenstein entstand. Er hat den Anspruch, den Dreiklang von Pop, populärer Kultur und Popkultur unter Bezugnahme auf spezifische Örtlichkeiten in der Wissenschaft zu etablieren und zu gliedern. Es wird bei den unterschiedlichen Beiträgen deutlich, dass eine fundierte Theoriebildung für das Phänomen Pop disziplinübergreifend ein Desiderat ist und nicht nur den Kultur-, Medien- und Musikwissenschaften vorbehalten ist. 


Sprechen wir von Anfang an Klartext, so wie es der Verlagsname postuliert: Pop bietet ein schillerndes Untersuchungsfeld, das in Zukunft wohl noch stark zu beackern sein wird. Im Dickicht der U-Musik fällt es seit langem schwer, Trends und Kontinuitäten so zu erkennen, dass sie sich verallgemeinern lassen. Denn häufig sind spannende Phänomene nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich begrenzt.
Schneisen in dieses Dickicht schlägt die zwar nicht immer vollständig abgrenzbare, aber nichtsdestotrotz hilfreiche thematische Einteilung des Sammelbandes in Poptheorie, Popgeschichte, Popästhetik und Poporte. Sie gibt eine sinnvolle Orientierung angesichts der sehr unterschiedlichen Beiträge, die von allgemeinen Überlegungen bis zu sehr speziell zugeschnittenen Analysen gehen. Dieses Sprektrum kündigt bereits das im Titel versteckte Postulat an: Die Lupe wird im vorliegenden Band auf die Region Rheinland gelegt, weil insbesondere die Herausgeber Markus S. Kleiner und Enno Stahl die Beobachtung gemacht haben, "wie sehr gerade das Rheinland immer wieder zum Ausgangspunkt für die Verbreitung popkultureller Trends auf dem Gebiet der Musik, der Literatur und der bildenen Kunst gewesen ist" (S. 32). Diese Aussage aus dem Beitrag von Kleiner wird von einer grundlegenden theoretischen Ein- und Abgrenzung begleitet, die für die popkulturwissenschaftliche Forschung grundlegend sein muss: Wo fängt Pop an und wo hört Pop auf?

Vom Kulturprodukt 'Pop', über die Vergemeinschaftung 'Popkultur' bis hin zum kommerzialisierten Bereich 'populäre Kultur' müssen sämtliche Faktoren mit einbezogen werden. Dies stellt eine große Herausforderung dar: Ob Literatur, Musik, Kleidungsstile, Ideologien und Politik, alle mischen im diffusen Feld mit. Es ist daher wichtig, wenn die Kulturpolitik des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen von Jörg-Uwe Nieland näher untersucht wird. Der Begriff 'Governance' als Ausdruck des komplexen, von der Politik vorgegebenen Regelwerkes ist zwar noch nicht in aller Munde, wird aber von Tag zu Tag bedeutender, weil der sogenannte 'Kulturföderalismus' immer deutlicher Ziele bestimmter Interessengruppen vorgibt und Kulturschaffende und Kulturförderer sich in diesem Spannungsfeld bewegen. Erfreulicherweise konstatiert Nieland, dass die Kultur- und Musiklandschaft in Nordrhein-Westfalen "vielfältig und intakt" (S. 51) sei, da das "Zusammenspiel sehr verschiedener Institutionen, Wirschaftszweige[] und Berufsgruppen funktionier[e]" (S. 51). Trotzdem vertritt er die Ansicht, dass besonders die Bundespolitik in der Vergangenheit zuungunsten lokaler Interessen globale: sprich ökonomische Interessen zu stark berücksichtigt habe. Außerdem bestehe nach dem Kulturwirtschaftsbericht NRW aus dem Jahre 2007 in der Musikwirtschaft Innovationsbedarf. Welche Institutionen dem hierfür geforderten "Zusammenspiel von Infrastrukturförderung, der Produktions- und Musikförderung und der Kunst- und Kulturförderung" (S. 61) behilflich sein können, wird leider nicht erläutert. Nielands Analyse übersieht zudem, dass neben Subventionen und Förderungen von Existenzgründungen auch bürgerschaftliches Engagement für die "Verbesserungen der Rahmenbedingungen der Kulturwirtschaft" (S. 62) beitragen. Politik für das Gemeinwohl der Bevölkerung kann nur dann funktionieren, wenn sie nicht nur Weisungen und Anreize vorgibt, sondern auch Bürgerinitiativen als Gestaltungswillen stärker berücksichtigt. Leider konterkarieren aktuell die Finanzkürzungen in der Kulturpolitik die Umsetzung in manchen Regionen wie beispielsweise dem Ruhrgebiet.

Der Artikel von Marcus Maida über die Produktivität des Rheinischen Kapitalismus in Zusammenhang mit der Subkulturindustrie lässt besonders aufhorchen. Welche Faktoren haben das Rheinland für kulturelle Produktionen fruchtbar gemacht? Zunächst wird festgehalten, dass Subkultur, zu denen auch Pop gezählt wird, sich vom Bedeutungsinhalt her verschoben habe: "Als letzter Stand in dieser Diskussion über Popkultur kann gelten, dass Pop (…) kein subversives oder dissidentes Potenzial mehr haben kann" (S. 175). Das Präfix "sub" betone dabei nurmehr die Distinktion wie zum Beispiel einen bestimmten Stil, zu dessen Bewertung sich in der Forschung Attribute wie Leidenschaft, Dringlichkeit und Tiefe etabliert hätten. Zur Subkultur werde heutzutage die sogenannte Indie-Musik als wichtiger Typus einbezogen, die sich von einem kollektiven Mainstream ablöst, in der aber trotzdem "alle ihr Plätzchen je nach Gusto finden" (S. 173). Insofern ist die Bezugnahme auf ein politisches System, das für Deutschland charakteristisch ist, plausibel: Moralisches Wirtschaften, Teilhabe aller am Wohlstand und insgesamt Identifikation der Menschen mit dem System scheint nach dem Ermessen des Autors eine Subkulturindustrie zu fördern, die vermarktbar ist und mit der sich möglichst viele identifizieren können. Mit dieser Behauptung wird allerdings eine räumliche Ausweitung des bisher untersuchten Gebietes sinnvoll sein, denn das Rheinland ist letztlich nur ein Teil des vom Rheinischen Kapitalismus geprägten Gebietes. So gesehen fungieren Köln und Düsseldorf, die "Biotop[e] für eine entstehende Popkultur und Subkulturindustrie" (S. 170) hier vielmehr als pars pro toto. Ein Vergleich zu den anderen großen Metropolen Berlin, Hamburg und München drängt sich auf.

In den weiteren lesenswerten Beiträgen wird jedoch die Existenz jenes "Biotops" untermauert: Für das Rheinland werden spezifische Ausprägungen popkultureller Art wie Bands (Kraftwerk), Zeitschriften (Spex), Fernsehsendungen (Rockpalast) sowie Orte (Ratinger Hof) thematisiert. Zwar erfolgt die Analyse rein examplarisch und muss sich in Zukunft für einen thematisch passenden Vergleich zu anderen Regionen öffnen; doch der Versuch, dem Phänomen Pop über die lokaltypische Vielfalt näher zu kommen ist lohnenswert. Dieser Tagungsband wird für weitere Forschungsleistungen eine gute Grundlage bilden können.


Dirk Matejovski; Marcus S. Kleiner und Enno Stahl (Hg.): Pop in R(h)einkultur. Oberflächenästhetik und Alltagskultur in der Region. Essen: Klartext Verlag, 2008. 268 S., broschiert, € 19,95. ISBN 978-3-8375-0005-9


Inhaltsverzeichnis


Vorwort der Herausgeber…7

I. Pop-Theorie

Pop fight Pop. Leben und Theorie im Widerstreit
Marcus S. Kleiner…11

Popmusik in NRW. Schimäre oder Impulsgeber?
Jörg-Uwe Nieland…43

HipHop in Köln und Bildung im Rapnetz
Olaf Sanders / Björn Beckers…67

II. Pop-Geschichte

Die Hipness integrativer Ästhetik – SPEX in der Ära Nieswandt (1991-1993)
Jochen Bonz…83

The Making of Pop Literature. Rolf Dieter Brinkmann und sein Kölner Freundeskreis
Jörgen Schäfer…103

Klubbing in Köln
Hans Nieswandt…125

III. Pop-Ästhetik

Pop und Mode: Anpassen oder Abweichen. Zu ästhetischen Distinktionsmerkmalen im visuellen Sound zwischen Kraftwerk, Fehlfarben und Kompakt
Christoph Jacke…131

Rheinischer Kapitalismus und Subkulturindustrie. Grundlagen zu einer Theorie der Subkulturindustrie anhand einer regionalen Fokussierung
Marcus Maida…151

Ästhetik des Underground-Films im Rheinland
Birgit Hein…179

Emanzipation der Maschinen. Can, Kraftwerk und die Musik der 1970er Jahre
Robert von Zahn…187

IV. Pop-Orte


Ratinger Hof – Thomas Kling und die Düsseldorfer Punkszene
Enno Stahl…205

Die Geschichte und Bedeutung des Rockpalasts
Thorsten Sellheim…227

Pop und Politik. Überlegungen am Beispiel des Creamcheese und der Internationalen Essener Song-Tage 1968
Thomas Hecken…245

Autorenangaben…265

Pop(ping) across the Rhine: The Rise of Subculture in Germany

Combining global phenomena with local particularities for scientific purposes is not only promising but also necessary in the realm of cultural studies, given the fact that the focus on a certain issue bears evidence if and only if the production conditions of the analysed phenomena are also taken into consideration. The edited volume Pop in R(h)einkultur. Oberflächenästhetik und Alltagskultur in der Region (Pure Pop on the Rhine: Surface Aesthetics and Everyday Culture in the Region) comprises the talks delivered at the conference of the same name that took place in Düsseldorf in October 2007. Its objective was to establish and to structure, in scientific discourse, the three terms “pop”, “popular culture” and “pop culture” with respect to specific locations. On reading the diverse contributions, it becomes evident that topics related to pop, which go beyond cultural and media science as well as musicology, still require a sound theoretical base.


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