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Serien-Luftaufnahme mit Unschärfen

Eine Rezension von Vincent Fröhlich

Seiler, Sascha (Hg.): Was bisher geschah. Serielles Erzählen im zeitgenössischen amerikanischen Fernsehen. Köln: Schnitt Verlag, 2008.

Dem Sammelband Was bisher geschah gelingt es die Vielfalt der zeitgenössischen amerikanischen Fernsehserie darzustellen. Teils werden für den geringen Raum erstaunlich prägnante und gewinnbringende Analysen geboten, teils leiden die Aufsätze an einem uneinheitlichen Gesamtkonzept und einer vermutlich der Kürze des Bandes geschuldeten Vereinfachung. Diese Vereinfachung stellt einen Gegensatz zu dem Anliegen der Herausgeber dar, die Qualität und Komplexität der Serien aufzuzeigen. 


Seit einigen Jahren gibt es eine Flut von innovativen Fernsehserien aus den USA, die häufig aufgrund der langen Erzählstränge mit der Figurenentwicklung und narrativen Komplexität von Literatur verglichen und in den TV Studies unter dem Etikett 'Quality TV' behandelt werden. Aber trotz der Qualitätsetiketten stellt sich die Frage: Wie schreibt man wissenschaftlich über populäres zeitgenössisches Fernsehen?

Eine Möglichkeit demonstriert der Sammelband Was bisher geschah, herausgegeben von Sascha Seiler. Der Herausgeber schafft es zwar, die Vielfalt an amerikanischen zeitgenössischen Serien aufzuzeigen, aber man ist als Leser zwischen der Qualität der Aufsätze hin- und hergerissen und auch gelegentlich konzeptionell verwirrt: einerseits Fußnoten, teilweise umständliche und gestelzte Wissenschaftssprache mit nicht erläuterten Verweisen auf die griechische Mythologie (Stephan Packard über Battlestar Galactica); andererseits halb- und ganzseitige Fotos mit redundanten Zitaten aus dem Fließtext und Aufsätze komplett ohne Fußnoten (Carsten Tritt über Damages) oder Fußnoten, die aus Presseheftzitaten, Homepages und Staffelverweisen bestehen (Rebecca Grünschläger über Nip Tuck).
Das erhellende, aber sehr kurz geratene und damit kaum Zusammenhalt stiftende Vorwort von Sascha Seiler verspricht außerdem: "Gerade der professionelle Blick auf das Genrefernsehen, etwa durch Mediziner und Juristen, soll zeigen, wie nahe diese Serien an der Realität operieren oder auch nicht." (S. 9) Dieses Konglomerat aus Wissenschaftlern der verschiedensten Disziplinen ist zu viel für den kleinen Band und die kurzen Aufsätze. Dadurch wird zwar verständlich, wieso in einigen Artikeln mit dem Medium Film (und auch den Fußnoten) recht unreflektiert umgegangen wird, es rechtfertigt aber nicht das qualitative Gefälle zwischen den einzelnen Beiträgen. Die Uneinheitlichkeit ist höchstens damit erklärbar, dass der Herausgeber und der Schnitt-Verlag (zugehörig zum gleichnamigen Filmmagazin) vermutlich alle ansprechen wollten: den Schnitt-Leser, den Fan sowie den Wissenschaftler. Aber mit dieser unentschlossenen Taktik stellen sie keinen vollends zufrieden.

Hinzu kommt, dass es Aufsätze schwer haben, vielschichtige Erkenntnisgewinne über Serien zu liefern, die sich wie Nip Tuck über bereits sechs Staffeln erstrecken. Die Ärztin Rebecca Grünschläger scheitert, wenn sie die gesamte Serie allein auf die Figur von Sean Macnamarra und deren Bestreben, dem hippokratischen Eid gerecht zu werden, reduziert: Konzentration auf einen Gesichtspunkt ist für ein derartiges Veröffentlichungskonzept sicherlich angebracht, aber bei Grünschlägers Aufsatz bleiben zu viele Aspekte unbeachtet. So bekommt der Leser eben nicht den Eindruck, es mit dem "'guten' Fernsehen mit hochkomplexen Produktionen" (S. 8) – wie Seiler im Vorwort noch propagiert – zu tun zu haben. Stattdessen sieht er eher das landläufige Vorurteil bestätigt, dass Fernsehserien schnell und billig produziert sind und inhaltlich wie dramaturgisch dem Kino hinterherhinken. Das kann nicht im Interesse des Herausgebers und der Autoren des Bandes gewesen sein.

Andere Beispiele für interpretatorische Vereinfachung: 24 wird von Lars Koch auf eine Post 9/11-Angstmaschinerie reduziert – zum Teil ein gerechtfertigter Ansatz. Dabei vergisst er aber das Innovative der Echtzeit trotz Aufrechterhaltens mehrerer Erzählstränge sowie das konsequente Einsetzen des Splitscreens. Koch selbst muss zugeben, dass die erste Staffel noch vor 9/11 produziert wurde. Außerdem war die Serie anfangs nicht so erfolgreich, wie er behauptet und seiner Argumentation dienlich ist.
Rome, die Serie, die zur Blütezeit des Römischen Imperiums von 52 bis 27 vor Christus spielt, wird von Oliver Baumgarten als reine Militarismusshow und Militärwerbung entwertet. Argument dafür: John Milius, einer von drei Produzenten, der gerne eine Hohelied auf das Militär singt und bei Filmen wie Conan der Barbar oder Red Dawn Regie führte. Die römische Gesellschaft wird nach Baumgartens Meinung in Rome so verdorben dargestellt, dass einzig die von Milius verehrten Soldaten als Identifikationsfiguren taugen. Inhaltlich vergisst der Beiträger dabei allerdings das Thema der Freundschaft trotz Klassenunterschied. Auch findet die Ironie der Serie keinerlei Erwähnung, etwa die Tatsache, dass zwei Figuren, die als Nebenfiguren der Geschichte auftreten, naiv wie Asterix und Obelix diese eigentlich in den Händen halten und verändern, auch wenn sie nie in den Geschichtsbüchern auftauchen. Produktionstechnisch werden die anderen Produzenten, HBO und BBC, die italienische Produktionsstätte Cinecittà und die britischen Darsteller nicht beachtet und zudem vergessen, dass Milius zum Beispiel auch das Drehbuch für Apocalypse Now schrieb – alles Gründe gegen eine amerikanische Militarismus-Interpretation.

Dass es auch anders geht, beweist zum Beispiel der Aufsatz von Martin Holtz über die realistische und äußerst gut recherchierte Westernserie Deadwood: Er schafft es auf weniger als zehn Seiten die Hauptcharaktere und ihre Motivationsgründe zusammen mit dem visuellen Stil und inhaltlichen Schwerpunkt der Serie samt der eigenwilligen Sprachbenutzung in einen gemeinsamen Kontext – Entstehung von Zivilisation – zu rücken. Dabei zeigt Holtz sogar, wie tiefgründig einer dieser im Band besprochenen Serien tatsächlich ist, wenn er zum Beispiel bei seiner Analyse feststellt, dass die komplizierte Sprachverwendung häufig Ausdruck von Überlegenheit ist, während die rudimentäre Verständigung zwischen zwei Serienfiguren, einem Chinesenboss und dem Salonbesitzer Al Swearengen, kein Platz für Machtgefälle lässt, sondern gerade durch die Einfachheit Gleichheit schafft.
Bei all diesen Verquickungen hat man nie den Eindruck, Holtz würde die Komplexität der Serie zu stark verknappen. Holtz demonstriert deutlich, dass es möglich ist, Serien anhand von Aufsätzen erkenntnisbringend zu analysieren.

Auch der Aufsatz über Heroes von Andreas Rauscher, der sich intelligenterweise auf Transmedia Storytelling und den Verweis auf Comics in der Serie konzentriert, führt zu erhellenden Aussagen. Rauscher versteht es im Gegensatz zu anderen Autorinnen und Autoren des Bandes, dass man sich bei dieser Aufsatzlänge zwar nur auf einzelne Gesichtspunkte konzentrieren kann, diese jedoch über sich selbst hinausweisen sollten, um für die Serie aussagekräftig zu sein. Außerdem zeigt der Herausgeber Sascha Seiler selbst in seinen zwei Aufsätzen über Lost und The Wire, dass er faktenreich und knapp die komplexen Serien analysieren kann.

Abschließend bleibt als Anregung zu fragen: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute ist so nah. Im deutschen Fernsehen gibt es Qualitätsserien: KDD, Abschnitt 40, Berlin, Berlin oder auch Türkisch für Anfänger böten narrative Komplexität für einen derartigen Band. Außerdem würden damit womöglich einige Zuschauer auf die verborgenen Schätze der heimischen Produktion aufmerksam gemacht – etwas, dass die US-Serien nicht nötig haben. Denn wo bei den amerikanischen Serien bereits zahlreiche umfassende Veröffentlichungen wie die Reading-Reihe von David Leavery zu finden sind, die sich ganz einer Serie widmen und diese ausführlich analysieren, gibt es zu den deutschen Serien noch keinerlei wissenschaftliche Analyse.


Seiler, Sascha (Hg.): Was bisher geschah. Serielles Erzählen im zeitgenössischen amerikanischen Fernsehen. Köln: Schnitt Verlag, 2008. 240 S., 19,90 Euro. ISBN 078-3-9806313-8-9


Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Sascha Seiler, 6

Heroes: Helden des Comic-Alltags.
Andreas Rauscher, 10

Battlestar Galactica: Aias in Space.
Stephan Packard, 24

Lost: Previously on Lost.
Sascha Seiler, 40

Rome: Heil Caesar!
Oliver Baumgarten, 54

Deadwood: Amerika zwischen Wildnis und Zivilisation.
Martin Holtz, 68

The West Wing: Bartlet for America.
Daniel Bickermann, 80

24: "It will get even worse" – Zur Ökologie der Angst.
Lars Koch, 98

The Wire: Pictures of a City.
Sascha Seiler, 116

Damages: "Böse Menschen singen keine Lieder”.
Carsten Tritt, 134

Dexter: Das Wesen des Bösen.
Dennis Eick, 148

The Sopranos: Family Values.
Annekatrin Bock, 160

Nip/Tuck: Unterm Messer.
Rebecca Grünschläger, 172

In Treatment: Talkshow.
Thomas Klein, 186

Six Feet Under: Die Domestizierung des Todes.
Tina Weber, 202

Filmographie, 214
Bildnachweis, 224
Index, 226
Über die Autoren, 232

Blurred Aerial Photography of Serials

The anthology Was bisher geschah (Previously On…) succeeds in representing the variety of contemporary American TV serials. Considering the limited length, there are surprisingly concise and gainful analyses to be found here; some articles, however, suffer from an inconsistent master plan and over-simplifications. These simplifications result in the contrary of the publishers' desire to show the quality and complexity of the serials.


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