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'Rule Britannia!' – Konstruktionen des Nationalcharakters im 18. Jahrhundert

Eine Rezension von Gunda Windmüller (Bonn)

Neumann, Birgit: Die Rhetorik der Nation in britischer Literatur und anderen Medien des 18. Jahrhunderts. Trier: WVT, 2009.

In der auf ihrer Habilitationsschrift basierenden Studie Die Rhetorik der Nation untersucht die Anglistin Birgit Neumann die gattungs- und medienspezifischen Strategien, die in Britannien im 18. Jahrhundert nationale Selbst- und Fremdbilder generierten und so auf das Legitimationsbedürfnis einer in der Entstehung begriffenen Nation reagierten. Hierzu entwickelt die Autorin eine kulturhistorische Imagologie, welche die historische Variabilität, kulturelle Funktionalität und medienspezifische Differenz dieser Rhetorik fassbar macht. Aus dieser analytischen Perspektive erscheint der Nationalcharakter als ein rhetorischer Effekt, ein intermedialer Komplex aus differenzierten Images. 


Im 18. Jahrhundert waren Debatten über den Nationalcharakter vor allem in Britannien ein zentrales kulturelles Leitthema. Zunehmende Mobilität und koloniale Expansion stehen im engen Zusammenhang mit nationalen Identitätsentwürfen, welche sich in einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Fremden in fiktionalen wie nicht-fiktionalen Medien generieren. Auf die enge Verzahnung zwischen den Mechanismen des othering und der britischen Selbstkonstitution haben spätestens seit Linda Colleys Britons – Forging the Nation 1707-1837 (1992) etliche Studien verwiesen, doch eine systematische funktionsgeschichtliche Untersuchung, die über die operativen Mechanismen der Differenzbildung hinausgeht und zugleich ein breites Medien- und Gattungsspektrum in den Blick nimmt, ist bislang nicht erfolgt.

In ihrer Studie über Die Rhetorik der Nation, die auf ihrer Giessener Habilitationsschrift beruht, analysiert Birgit Neumann entsprechende Selbst- und Fremdbilder, indem sie diese Images als komplementäre Phänomene erfasst und als medial explizierte Antworten auf Legitimationsbedürfnisse einer sich national konstituierenden Gesellschaft begreift. Hogarths Druckgraphiken The Roast Beef of Old England und Beer Street, die den Bereich der Gastronomie nutzen, um nationale Differenzen zwischen einem als abgemagert und papistisch dargestellten Frankreich auf der einen Seite und einem wohlgenährten und protestantischen England auf der anderen Seite zu konstruieren, sind hierfür sinnfällige Beispiele. England bzw. die englische Bevölkerung erscheinen dabei als bodenständig und saturiert, Bilder des national Eigenen und des Fremden werden popularisiert und der Nationalcharakter kann somit als "rhetorischer Effekt" (S. 46) konzeptualisiert werden. Darüber hinaus wird in Birgit Neumanns Analyse auch ein pragmatischer Gesichtspunkt deutlich: die Rhetorik der Nation als Mittel zur Aushandlung von Partizipationsrechten im öffentlichen Raum. Die gastronomischen Motive der angesprochenen Druckgraphiken werden oftmals mit modischen Elementen in Verbindung gesetzt. Franzosen werden als übertrieben modisch und effeminiert, Engländer hingegen als ungekünstelt und maskulin dargestellt; so werden die Interessen eines maskulinen bürgerlichen Patriotismus einem vermeintlich dekadenten, französisch-orientierten Adel vorgezogen.

Im ersten Teil ihrer Studie stellt Birgit Neumann ihr umfassendes Projekt als imagologisches Unterfangen vor. Selbst- und Fremdbilder werden als "diskursive Formationen" (S. 38) konzeptualisiert, womit nicht nur die Inhalte von Images, sondern auch deren Historizität und Kulturalität und damit auch eine entsprechende methodische Erweiterung der Imagologie in den Blick geraten. Im zweiten Teil entwickelt die Autorin folglich eine kulturhistorische Imagologie, welche sie im dritten Teil der Studie auf ein breites Medien- und Gattungsspektrum anwendet. Aufbauend auf einer Darlegung von Theorien zur Entstehung von Nationalcharakteren analysiert Birgit Neumann eine breite Skala von fiktionalen wie nicht-fiktionalen Medien und legt die medienspezifischen Differenzen nationaler Auto- und Heterostereotypen dar. Besonders beachtenswert ist die Analyse der sinnfälligsten Gattung der interkulturellen Selbstbeschreibung: dem Reisebericht. In diesem Unterkapitel untersucht Birgit Neumann u.a. Sternes Sentimental Journey und kann herausarbeiten, wie selbst eine ironische Perspektivierung der Rhetorik der Nation letztlich die "Normativität des Eigenen" (S. 146) affirmiert. Anhand ihrer Dramenanalysen, die noch beispielhaft erwähnt seien, beleuchtet Birgit Neumann zudem, wie neben der thematischen Schwerpunktsetzung auch die Semantisierung der ästhetischen Form Teil der Rhetorik der Nation ist. Dieses explizit performative Medium wird nicht nur als kulturelle Kontaktzone – durch die große Anzahl ausländischer Figuren und Schauplätze –, sondern in Bezug auf die romantic comedy auch formal erschlossen. Damit führt die Verfasserin beispielhaft vor, wie sich die Rhetorik der Nation sowohl motivisch als auch in Bezug auf ihre Verfahrensweisen konstituiert.

Im vierten Teil ihrer Studie komplementiert Birgit Neumann die form- und wirkungsorientierten Analysen um eine diachrone Ebene. Diese Perspektive soll exemplarisch die historische Variabilität nationaler Images ausdeuten und die Verzahnung von historischen, kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Entwicklungen mit der Rhetorik der Nation konkretisieren. Weitergehend wird veranschaulicht, wie die Idealisierung der britischen Freiheit zum Ende des Jahrhunderts fortbesteht. Dies ist, so verdeutlicht die Autorin eindrucksvoll, als beständiger, diskontinuierlicher Prozess von medialer Übersetzung und Neusetzung zu erfassen.

Birgit Neumann füllt ein wichtiges Desiderat in der Forschung zum 18. Jahrhundert, indem sie nicht nur eine funktionsgeschichtliche Lücke schließt, sondern eine systematische und gattungs- sowie medienübergreifende Studie zur Entstehung des Nationalcharakters vorlegt. Einzig die fehlende Reflexion zur Periodisierung des 18. Jahrhunderts wäre zu bemängeln; weil in der anglophonen 18. Jahrhundert-Forschung zumeist von the long eighteenth century die Rede ist, wäre es gewiss fruchtbar gewesen, das 18. Jahrhundert mit der Restauration beginnen zu lassen. Hier wären Texte wie Drydens Annus Mirabilis oder die diversen Tempest-Bearbeitungen der Restaurationszeit für eine Untersuchung im Rahmen der Rhetorik der Nation gewiss ergiebig. Doch bietet auch ein 'verkürztes' 18. Jahrhundert vielfältigste Anknüpfungspunkte, um eine Rhetorik der Nation noch weiter gattungs- und themenspezifisch auszudifferenzieren.

In diesem Sinne stellt Birgit Neumann mit Die Rhetorik der Nation einen äußerst fruchtbaren Beitrag zur intermedialen Neuausrichtung der Imagologie vor, dessen großes Verdienst insbesondere die analytische Einbindung kulturspezifischer Herausforderungen bzw. sich ändernder politischer Kontexte wie z. B. des zunehmenden Kolonialismus ist. Mithilfe der in dieser Studie entwickelten kulturhistorischen Imagologie lässt sich der Diskurs des nationalen Denkens im 18. Jahrhundert als "Experimentierfeld" (S. 4) fassen und wird Nationalbewusstsein greifbar nicht als Konzept, sondern als Konstrukt mit (auch) pragmatischen Aspekten. Die Einzeluntersuchungen demonstrieren dabei sehr überzeugend, wie bürgerliche, geschlechterspezifische und nationale Interessen und Leitdifferenzen sich hinter dieser im 18. Jahrhundert noch recht instabilen nationalen Identitätskonstruktion verbergen und in welch hohem Maße anschlussfähig entsprechende Analysen sind. Es bleibt also zu hoffen, dass Birgit Neumanns Studie in der deutschen anglistischen 18. Jahrhundert-Forschung weiterführend rezipiert wird.


Neumann, Birgit: Die Rhetorik der Nation in britischer Literatur und anderen Medien des 18. Jahrhunderts. Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2009. 448 S., kartoniert, 42,50 Euro. ISBN: 978-3-86821-151-1


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung 1

1. Die Rhetorik der Nation: Vom ‘inhospitable Pride’ der Engländer 12
Nationale Stereotypisierungen aus kulturgeschichtlicher und imagologischer Perspektive: Zielsetzung, Methode und Aufbau 15

II. Die Entstehung des ‘Nationalcharakters’: Von der Klimatheorie zur kulturhistorischen Imagologie 19

1. Zur Konstruktion des ‘Nationalcharakters’ in der Literatur des 18. Jahrhunderts 19
1.1 Eine kurze Geschichte nationaler Charakterisierungen im 18. Jahrhundert 23
1.2 Die Anfänge der Imagologie im 19. Jahrhundert 31
1.3 Nationenforschung und Imagologie im Zeichen des konstruktivistischen Paradigmas im 20. und 21. Jahrhundert 34

2. Grundzüge einer kulturhistorischen Imagologie 46
2.1 Prämissen und Ziele einer kulturhistorischen Imagologie 46
2.2 Fiktionen des Fremden 47
2.3 Strukturelle Grundmuster nationaler Images 50
2.4 Die Historizität nationaler Images: Figuren des (inter)kulturellen Wissens 53
2.5 Die Trans- und Intermedialität nationaler Images 61
2.6 Gattungs- und medienspezifische Formgebungen: Die Rhetorik der Nation 65
2.7 Rezipientenseitige Wirkungspotentiale nationaler Images 69
2.8 Nationale Images als kollektive Identifikationsangebote 72

III. Die Rhetorik der Nation in britischer Literatur und anderen Medien des 18. Jahrhunderts
77
1. Die Rhetorik der Nation im Medien- und Gattungsspektrum: "O England! England! Thou seat of plenty, liberty, and health" 77
2. Theorien zur Entstehung des ‘Nationalcharakters’ im 18. Jahrhundert: Nationalcharaktere zwischen Natur und Kultur 84
2.1 Die ‘Nation’ als politisches und kulturelles Ordnungsmuster 84
2.2 Die Klimazonentheorie im 18. Jahrhundert: Natur und Nation 87
2.3 David Humes kulturanthropologischer Ansatz 104

3. Reisen für die Nation: Nationenvergleich und die Entdeckung Großbritanniens im Reisebericht 114
3.1 ‘Reisen’ in der britischen Literatur und Kultur des 18. Jahrhunderts 114
3.2 Die Grand Tour: Die patriotic travellers 121
3.3 Die Home Tour: Bestandsaufnahmen zur Lage der Union 148

4. Die Ikonographie der Nation: Gastronomischer Chauvinismus in satirischen Druckgraphiken des 18. Jahrhunderts 166
4.1 Von Froschfressern und Fischweibern 166
4.2 Medientechnische Voraussetzungen und Verfahren der Ikonographie der Nation 168
4.3 Apostrophen an Roastbeef und Bier 175
4.4 Die gendered nation: Das maskuline England 193
4.5 Ausblick: Diachrone Weiterentwicklung der Ikonographie – Vom effeminierten Fisch- zum bestialischen Menschenfresser 204

5. Die Dramatisierung nationaler Selbst- und Fremdbilder in Komödien und Tragödien des 18. Jahrhunderts 209
5.1 Performanzen des Eigenen und Fremden auf der Theaterbühne 209
5.2 Die Spektakularisierung nationaler Selbst- und Fremdbilder 213
5.3 Die Romantisierung des Patriotismus in britischen Komödien des 18. Jahrhunderts 218
5.4 Die Monumentalisierung der nationalen Geschichte in der Tragödie: "Britons, be warn’d" 238

6. Imperiale Visionen in der Lyrik: Befriedung durch Handel 257
6.1 "Rule Britannia" 257
6.2 Imperiale Visionen in neoklassizistischer Dichtung: Pax Britannica 262
6.3 Imperiale Visionen im Zeichen der Empfindsamkeit 290

7. Ausblick: Subjektivierung nationaler Selbst- und Fremdbilder im Roman 307

IV. Diachrone Veränderungen und kulturelle Funktionen: Konjunkturen nationaler Images 314
1. Diachrone Veränderungen der Rhetorik der Nation 314
1.1 Konjunkturen nationaler Images: Der Spanische Erbfolgekrieg und der Kampf um den Erhalt der Revolutionsordnung 317
1.2 Konjunkturen nationaler Images: Die Schlacht von Culloden 1746 326
1.3 Konjunkturen nationaler Images: Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg 339
1.4 Konjunkturen nationaler Images in der Ära der Französischen Revolution: Großbritannien wird konservativ 350

2. Kulturelle Funktionen der Rhetorik der Nation 365
2.1 Die funktionale Polyvalenz der Rhetorik der Nation 365
2.2 Kognitive Funktionen der Rhetorik der Nation: Kulturelle Orientierungs- und Normalitätsbildung 366
2.3 Ästhetische, didaktische und komische Funktionen der Rhetorik der Nation: Images als Formen der Unterhaltung, Komik und Belehrung 369
2.4 Kulturkritische und -legitimatorische Funktionen der Rhetorik der Nation: Images als Formen der Abwehr kulturellen Austauschs 370
2.5 Kompensatorische Funktionen der Rhetorik der Nation 372
2.6 Die Rhetorik der Nation: Patriotische Mobilisierung 375
2.7 Die Rhetorik der Nation als selbstaffirmativer Distinktionsmechanismus 378
2.8 Die Rhetorik der Nation: Aushandlungen von Kompetenzverteilungen im öffentlichen Raum der Nation 381
2.9 Identitätsstiftende Funktionen der Rhetorik der Nation: Konstruktionen einer Britishness 383

V. Die Rhetorik der Nation: Schlussbetrachtungen 387

VI. Literaturverzeichnis 393

'Rule Britannia!' – Constructing the National Character in the Eighteenth Century

Birgit Neumann’s study Die Rhetorik der Nation (The Rhetoric of the Nation) takes into focus the genre- and media-specific strategies generating national auto- and heteroimages in 18th century Britain. In analysing British identity construction across a wide range of media and genres, she develops a cultural-historical imagology in order to delineate and combine the images' historical variability, cultural functions and media specificity. The national character thus emerges as an intermedial aggregate of topoi, stories and images.


Die Redaktion weist darauf hin, dass die Autorin des rezensierten Bandes Mitglied des GGK/GCSC ist, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.

© bei der Autorin und bei KULT_online