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Leben wie 'Könige' im besetzten Polen 1939-1945

Eine Rezension von Antje Coburger

Roth, Markus: Herrenmenschen: die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen - Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte. Göttingen: Wallstein, 2009.

Mit der Untersuchung von Karrierewegen und Herrschaftspraktiken der Kreis- und Stadthauptleute im besetzten Polen legt der Historiker Markus Roth seine Dissertation zu einem hoch interessanten Personenkreis vor, der bisher in der sonst umfangreichen Forschungsliteratur zur deutschen Besatzungspolitik in Polen in dieser Geschlossenheit nicht bearbeitet wurde. Die Studie bietet mit kollektivbiografischer und institutionengeschichtlicher Herangehensweise einen hervorragenden Einblick in die NS-Täterforschung. Daneben deckt der Autor mit Hilfe umfangreicher Quellenauswertungen die später fast ausnahmslos verleugneten Herrschaftspraktiken der Kreishauptleute während der Besatzungszeit auf. 


Das Generalgouvernement im besetzten Polen wurde 1939 eingerichtet und bestand bis zum Kriegsende 1945. Um dieses große Gebiet zu verwalten, nahm man eine Einteilung in fünf Distrikte vor, die wiederum in mehrere Kreise unterteilt waren. In diesen Kreisen 'herrschten' die Kreishauptleute über Land und Leute in bisweilen königsgleicher Machtstellung. Diesem Personenkreis spürt Markus Roth nach und stellt exemplarisch Karrieren einzelner Kreishauptleute vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Insgesamt waren es etwa 130 Männer, die nach der militärischen Eroberung das Generalgouvernement als zivile Beamte verwalteten. Als beruflicher Hintergrund stand in vielen Fällen eine Ausbildung zum Juristen, es gab aber auch Kommunal- oder Militärverwaltungsbeamte unter den späteren Hauptleuten.

Im ersten Kapitel stellt der Autor die Bevölkerungsstruktur, insbesondere das Verhältnis der Deutschen zu Polen und Juden vor. Zum Selbstverständnis vieler Personen im Verwaltungsapparat führt er beispielsweise einen Brief von Ernst Gramß aus dem Jahr 1940 an dessen Frau an, Gramß schreibt: "Ich bin hier König im Land …" (S. 50). Nicht wenige Kreishauptleute sahen sich in ihrer Position als uneingeschränkte Herrscher über ein relativ großes Gebiet, alle darin lebenden Menschen und sämtliche wirtschaftlichen Ressourcen.
Anschließend folgt eine Darstellung der deutschen Zivilverwaltung im besetzten Polen. Durch die Beschreibung des bürokratischen Apparates bekommt der Leser einen Eindruck vom tatsächlichen Verwaltungsaufwand, den das Reich für seinen "Vorposten im Osten" (S. 67) betrieb. Die Kreishauptleute bildeten zusammen mit den Stadthauptleuten der Stadtkreise die dritte Ebene der Gouvernementverwaltung. Über ihnen standen die fünf Distriktleiter, und Kopf des ganzen Apparates war der Generalgouverneur Hans Frank.
Anders als im Reich gestaltete sich die Personalrekrutierung für das 'Nebenland'. Hier führt der Autor vor, dass es durchaus keine einheitliche Rekrutierungspraxis oder gar Vorgaben für die Einstellung hinsichtlich der beruflichen Erfahrungen im Verwaltungsdienst gab. Außer den Abordnungen aus dem Reich, die teilweise als Strafversetzungen bewertet wurden, gab es auch Initiativbewerbungen für den Dienst in einer Kreishauptmannschaft.

Drei große Kapitel beleuchten die Herrschaftspraxis im Generalgouvernement und stellen zugleich deutlich heraus, worin die Besatzungsaufgaben der Kreishauptmannschaften lagen: in der Rekrutierung und Deportation polnischer Arbeitskräfte in das Reich, in der Ausbeutung der regionalen Landwirtschaft zur Sicherung der Lebensmittelversorgung in den reichsdeutschen Gebieten und in der Gettoisierung und späteren Deportation der ansässigen jüdischen Bevölkerung in Vernichtungslager.
Bei der Erledigung dieser 'Aufgaben' gingen die Besatzer unterschiedlich vor. Markus Roth legt in differenzierter Art und Weise die Gründe für das größtenteils sehr brutale Vorgehen dar. Diese Gründe sind unter anderem in der Art der Rekrutierungspraxis, die auch unerfahrenen Kräften die Leitung eines Kreisen übertrug oder in der Situation relativ freier Handhabe weitab 'staatlicher' Kontrolle sowie in der Kriegssituation zu suchen.

Mit dem Wechsel der Okkupationspolitik im Zuge der drohenden militärischen Niederlage nach Stalingrad beschäftigt sich das anschließende Kapitel. Es widmet sich den Maßnahmen und Strategien, die in den einzelnen Distrikten des Generalgouvernements von teilweise plan- und ziellosen Kreishauptleuten unternommen wurden, um letztlich 'Haltung' zu wahren. Die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges folgende Internierung setzte ein Nachdenken über den Nationalsozialismus auf Seiten der ehemaligen Besatzungsfunktionäre in Gang, das jedoch zu unterschiedlichen Resümees führte. Anhand von zahlreichen zusammengetragenen Äußerungen lässt sich das zwischen Verdrängung und Rechtfertigung rangierende Meinungsbild der Eliten gut nachvollziehen.

Im Abschnitt über die Nachkriegskarrieren der ehemaligen Besatzer kann der Historiker die vehement abgestrittenen Taten durch eine Vielzahl von überlieferten Monatsberichten aus der Zeit der Kreishauptmannschaften belegen. Durch die Schilderung einzelner 'Fälle' kann der Leser die Ermittlungen, Klageerhebungen, aber auch Einstellungen gerichtlicher Verfahren verfolgen. Als Bilanz steht die Tatsache, dass kein Verwaltungsfunktionär durch ein bundesdeutsches Gericht rechtskräftig verurteilt wurde. Großen Raum nimmt hier die Darstellung von Beziehungsnetzwerken der Gruppe der ehemaligen Kreis- und Stadthauptleute ein, die durch Absprachen, Zeugenbeeinflussung und Kontaktpflege dafür sorgten, das die Zahl der Ermittlungsverfahren und Anklageerhebungen so ausfiel, wie geschildert.

Fazit: Die Studie von Markus Roth ist ein facettenreicher und erhellender Beitrag zur NS-Täterforschung. Die (Mit-)Verantwortlichen bekannter Gräueltaten werden darin aus der Menge herausgehoben und im umfangreichen Anhang auch durch Biografien personalisiert. Durch zahlreiche eingeschobene biografische Details einzelner Handelnder, beispielsweise Briefe an die Familie im 'Altreich' gewinnt der Band einen erzählenden Charakter. Die umfangreiche und detailgenau recherchierte Studie ist daher sehr flüssig lesbar.


Markus Roth: Herrenmenschen Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen – Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte. Göttingen: Wallstein, 2009 (Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Norbert Frei, Bd. 9). 556 S., kartoniert, EUR 39,-. ISBN 978-3-8353-0477-2


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Herrenmenschen "im Osten"
Deutsche und Polen
Deutsche und Juden
Lebensstil und Selbstbild
Korruption und Vetternwirtschaft

II. Die deutsche Zivilverwaltung im besetzten Polen
1. Der bürokratische Apparat
Die Kreis- und Stadthauptmannschaften
Die Regierung in Krakau und die Distrikte
Die polnische und ukrainische "Selbstverwaltung"
2. Personalrekrutierung und Vorkriegskarrieren
Abordnungen aus dem Reich
Eigene Bewerbung
Rekrutierungen aus dem Besatzungsapparat
Das Personal der Kreishauptmannschaften

III. Die Herrschaftspraxis der Kreishauptleute
1. Deportation polnischer Arbeitskräfte
"Freiwillige" Rekrutierungen
Wende zur Gewalt
Permanente "Erfassung"
Ausweitung und Reorganisation
Kreishauptleute machen Besatzungspolitik
2. Ausbeutung der Landwirtschaft
Initiativen der Kreishauptleute
Allgemeine Verschärfung
3. Verfolgung und Ermordung der Juden
Ghettoisierung
Übergang zum Massenmord
Mordaktionen
Nach den Deportationen
Holocaust und Öffentlichkeit
"Komplicen im welthistorischen Sinne"

IV. Selbstdeutungen im Zeichen der Niederlage
Das Kriegsende
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
Internierung
Gegenwartskritik
Propaganda aus dem Untergrund

V. Politische Abrechnung nach 1945
1. Entnazifizierung
Der Fall Nehring
Der Fall Doering
Der Fall Losacker
Die Kreis- und Stadthauptleute und die Entnazifizierung
Eine vorläufige Bilanz
2. Auslieferung und Prozesse in Polen
Die polnischen Ahndungsbemühungen
Kreishauptleute vor dem Auslieferungstribunal
Vor Gericht
In Haft
3. Ermittlungen in der Bundesrepublik
Vom Zufallsprinzip zur systematischen Ermittlungstätigkeit
Typische Probleme
Das Verfahren gegen Hans-Adolf Asbach
Der Prozess gegen Joachim Nehring
Die Verfahren gegen Walter Gentz und Friedrich Schmidt
Eine Bilanz

VI. Nachkriegskarrieren
Wiedereinstiege in die Verwaltung
Netzwerke und Karrieren in der Justiz
Vom Kreishauptmann zum Landesminister: Hans-Adolf Asbach
Jenseits von Verwaltung und Justiz
Peter Grubbe alias Claus Peter Volkmann
Erinnerungen und Selbstrekonstuktionen

Schluss
Dank

Tabellen
Kurzbiographien
Quellen und Literatur
Abkürzungen
Namensverzeichnis
Ortsverzeichnis

Kinglike Status in Occupied Poland, 1939-1945

In his PhD study, historian Markus Roth presents research on the career paths and ruling practices of leading figures in country and district government in occupied Poland during the Second World War. Roth’s collective-biographical study is a new and interesting aspect of the mass of literature about German occupation politics in 1939-1945. The work of detailed research shows the men behind the institution of civil government in Poland and the development of their careers before and after the Nazi Regime.


© bei der Autorin und bei KULT_online