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»Jenseits von Idealisierung und Verdammung« - Metzlers Nachlesewerk zu AutorInnen, Werken, Ereignissen und Sachbegriffen der DDR-Literatur

Eine Rezension von Juliane Schöneich (Osnabrück)

Opitz, Michael; Michael Hofmann (Hg.): Metzler Lexikon DDR-Literatur : Autoren - Institutionen - Debatten. Stuttgart: Metzler, 2009.

Das von Michael Opitz und Michael Hofmann herausgegebene Metzler Lexikon DDR-Literatur unternimmt erfolgreich den Versuch, das heterogene Feld der DDR-Literatur zu beschreiben, ohne in ideologische Grabenkämpfe zu verfallen. Das Lexikon stellt nicht nur AutorInnen aus der DDR vor, sondern bietet Überblicke zu zentralen Themen und Genres, zu einflussreichen Anthologien und Zeitschriften, zu wichtigen (kultur)politischen Ereignissen, zum Literaturbetrieb und zur fatalen Verflechtung von Geist und Macht. Die hohe Zahl der BeiträgerInnen lässt verschiedene Standpunkte und Zugänge deutlich werden und widersetzt sich bewusst einer künstlichen Verengung des Begriffs 'DDR-Literatur'. 


Der zeitliche Abstand von zwanzig Jahren scheint ausreichend zu sein, um das Wagnis eingehen zu können, ein Lexikon der DDR-Literatur herauszugeben – mit hohen Ansprüchen. Denn zum einen verspricht das Vorwort nicht weniger als "einen Überblick über die in der DDR geschriebene Literatur und die damit in Zusammenhang stehenden Autorennamen, Institutionen, Verlage, Zeitschriften und Sachbegriffe" (S. V). Zum anderen, und dies ist der weitaus schwierigere Teil, soll der Begriff 'DDR-Literatur', mit all seinen Implikationen, offen gehalten werden. Die ideologischen Wertungen, welche die Diskussion darum seit Jahrzehnten beeinflussen, sollen im vorliegenden Lexikon thematisiert und differenziert werden, denn, wie Emmerich schreibt: "Wer an Multiperspektivität interessiert ist und […] Illusionen vermeiden will, wird auchden Begriff von DDR-Literatur nicht künstlich eindeutig machen, sondern beharrlich offen halten. Der Begriff war, sofern er nicht an die Linie der SED gebunden war, nie klar umrissen" (S. 73).

So wird die schon zu DDR-Zeiten kontrovers geführte Diskussion um 'DDR-Literatur' (man erinnere sich an den Streit über zwei oder drei oder gar vier deutsche Literaturen) von den Herausgebern bereits im Vorwort aufgegriffen, denn "von der DDR-Literatur zu sprechen, erübrigt sich" (S. V) in Anbetracht der offenen Fragen zu offiziellen oder inoffiziellen Publikationen, zu ausgewanderten oder ausgewiesenen SchriftstellerInnnen, zu Texten nach 1989, welche die DDR als Grundlage und Erinnerungsfundus nutzen u.s.w. Schon die Aufnahme vieler Beiträge zu jungen, in der DDR sozialisierten und diese als Erfahrungsfundus nutzenden, AutorInnen zeigt, dass die Literaturgeschichte der DDR, auch wenn bereits der "Aspekt der Abgeschlossenheit" (S. 100) konstatiert wird, noch nicht gänzlich beendet ist.

Eine Annäherung an das überaus heterogenen Feld der DDR-Literatur war den Herausgebern dementsprechend nur durch eine weitläufige Auslegung des Begriffes und eine Vielfalt der Perspektiven durch ein breites Spektrum an BeiträgerInnen möglich. Beides dient maßgeblich der differenzierten Sichtweise des Bandes. Vor allem aber ist es der Versuch, DDR-Literatur als "wichtigen Teil des kollektiven Gedächtnisses" und der kollektiven Identität (S. V) auch über emotionale Zugänge zu verorten, um Ansprüche, Verquickungen, utopische Aspirationen und gescheiterte Hoffnungen nachvollziehbar zu machen und "die DDR-Literatur […] in ihrer Ambivalenz wahrzunehmen" (S. VI), der dieses Lexikon aus der Reihe der bloßen Nachschlagewerke herausstechen lässt.

Natürlich kann der Anspruch, differenzierte Sichtweisen zu bieten, nicht in jedem Beitrag eingelöst werden – so müssen sich die Artikel zu Ausweisungen nicht zwangsläufig mit Gründen des Bleibens beschäftigen – doch wird die eingangs erwähnte Multiperspektivität bei näherer Beschäftigung mit verschiedenen Artikeln deutlich. So wurden beispielsweise die anderweitig vermissten Beiträge (vgl. Doms' Rezension auf literaturkritik.de) zur "Klassik-Rezeption" (S. 166 ff.) und "Literaturwissenschaft" aufgenommen, auch wenn letzterer aus den Einträgen zu >Literaturkritik<, >Literaturverhältnissen< und >Öffentlichkeit< zusammengefügt werden muss. Dies ist symptomatisch, denn es handelt sich hierbei eher um ein Nachlese-, denn Nachschlagewerk. Ohne konsequente Verfolgung von Querverbindungen und Verweisen erschließen sich die vielen Facetten des komplexen Begriffes der DDR-Literatur nicht.

Auch wenn bei der Begriffswahl mancher Lemmata an einigen Stellen der Leseanreiz vor den Erleichterungen bei der Informationssuche gestanden haben muss – anders scheint beispielsweise der Artikel >Zersammlung<, der auch gut in den Artikel zum Prenzlauer Berg hätte integriert werden können, nicht erklärbar zu sein –,gibt das einführende Verzeichnis der Artikel eine gute Orientierung und ist weiterführenden Recherchen dienlich. Ebenso hilfreich sind das ausführliche Personenregister, die Auswahlbibliographie (die allerdings durchaus umfangreicher hätte sein können) und die Liste der den Artikeln zugeordneten Literatur.
Anzumerken bleibt, dass die Auswahl der aufgenommenen Anthologien nicht immer ganz durchschaubar ist. So fehlt die wegweisende Sammlung Ein Molotowcocktail auf fremder Bettkante von Peter Geist, die zwar 1997 erschien, aber wie keine andere die Lyrik der siebziger und achtziger Jahre in der DDR umfasst, selbst in der Auswahlbibliographie. Auch kann man sich fragen, weshalb bei den Zeitschriften die Weimarer Beiträge außen vor blieben oder weshalb der Eintrag zu Blitz aus heiterm Himmel keinen Verweis auf die von Emmerich herausgegebene Ausgabe in der BRD (die Irmtraud Morgner aufnimmt) enthält.

Dennoch wird das Lexikon den hohen Ansprüchen an Orientierungsmöglichkeiten und Vielstimmigkeit durchaus gerecht, denn breitgefächerte Informationen zu allen Bereichen des literarischen Lebens werden durch eine Vielzahl von Standpunkten, Sichtweisen und Verständnismöglichkeiten ergänzt – "jenseits von pauschaler Kritik und Apologie, jenseits von Idealisierung und Verdammung […] weil es die verbindliche Wahrheit über den Gegenstand DDR-Literatur nicht gibt" (S. VI).


Opitz, Michael & Hofmann, Michael (Hg.): Metzler Lexikon DDR-Literatur. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, 2009. 405 S., gebunden, 49,95 €. ISBN 9783476022387


Inhaltsverzeichnis

Vorwort S. V - VII

Verzeichnis der Artikel S. VIII - X

Artikel von A - Z S. 1 - 381

Abkürzungen S. 382 - 383

Auswahlbibliographie S. 384 - 390

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter S. 391

Personenregister S. 392 - 405

»Beyond Idealisation and Damnation«

The Metzler Lexikon DDR-Literatur (Metzler's Lexicon of GDR Literature) successfully delivers widely diversified information about all areas of literary life in the GDR without carrying out ideological evaluations. The encyclopeadia not only presents authors of and from the GDR, but gives insight into central topics and genres, important cultural and political events, influential anthologies and magazines, different aspects of literary life and to the fatal combination of intellect and power. It combines various positions and thereby consciously keeps the term 'GDR literature' open.


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