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Artikelaktionen

Interkulturalität jenseits der Migrantenliteratur

Eine Rezension von Christian Palm (Namür, Belgien)

Vancea, Georgeta: Toleranz und Konflikt. Interkulturelle Dimensionen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Heidelberg: Winter, 2008.

In Toleranz und Konflikt. Interkulturelle Dimensionen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur weist Georgeta Vancea nach, dass Interkulturalität in der zeitgenössischen Literatur nicht der 'Migrantenliteratur' vorbehalten ist, sondern auch in vielen Werken einheimischer Autoren latent zur Geltung kommt. Trotz mehrerer deutlicher Schwächen wie dem ungeklärten Begriff der 'Gegenwartsliteratur' oder dem nachlässigen Umgang mit Primär- und Sekundärliteratur wird in der Studie gezeigt, wie sich deutschsprachige Schriftsteller mit aktuellen Phänomenen wie Migration, Multikulturalität, Fremdheit und Xenophobie auseinandersetzen. Aus der Analyse geht hervor, dass viele gegenwärtige Werke in deutscher Sprache eine grenzüberschreitende Ethik der Toleranz propagieren, deren Ursprünge zwar in der Aufklärung liegen, deren Potenzial aber zugleich auch aus dem Erbe der fatalen deutschen Geschichte erwächst. 


Gegenseitige Akzeptanz ist eine Grundvoraussetzung für ein friedvolles Zusammenleben in der modernen, pluralistischen Gesellschaft. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Phänomene wie Globalisierung, Migration und Multikulturalität ist die aufklärerische Botschaft der Toleranz aktueller denn je. In der deutschsprachigen Literatur spiegelt sich das Interesse an interkulturellen Aspekten vor allem in der seit den 1990er Jahren ins Blickfeld geratenen 'Migrantenliteratur' wider. In den Werken einheimischer Schriftsteller seien Ausländer hingegen nur selten anzutreffen, meinte Peter Schneider schon 1996, als er auf ein Missverhältnis zwischen öffentlichem und literarischem Diskurs aufmerksam machte (vgl. S. 38 und 195). Der permanenten Präsenz der Multikulturalität in den Medien – so Schneider – hinke die Literatur deutlich hinterher.
Georgeta Vancea, die Autorin der vorliegenden Studie, sieht in der weitgehenden Abwesenheit der Ausländer in der Literatur "ein Indiz dafür, wie sie in der Wirklichkeit wahrgenommen bzw. nicht wahrgenommen werden" (S. 195). Mit anderen Worten: Interkulturelle Begegnungen genießen in der Literatur Seltenheitswert, weil sie auch in der Wirklichkeit nur selten vorkommen. Die Anwesenheit von Ausländern allein garantiert nämlich nicht ihre Wahrnehmung. Zugleich nuanciert Vancea Schneiders Meinung aber auch, zeigt sie in ihrer Studie doch gerade, dass Interkulturalität in der Gegenwartsliteratur einheimischer Autoren sehr wohl zur Geltung kommt – wenn auch meist nur latent und nicht als vordergründiges, dominantes Thema (vgl. S. 5, 44, 185 und 198).

Das Anliegen der Autorin, "interkulturelle Dimensionen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" zu untersuchen – wie im Untertitel angekündigt –, ist angesichts des extrem weiten Forschungsfeldes äußerst ambitioniert, weshalb auch insgesamt 31 Werke der unterschiedlichsten Autoren analysiert werden. Da sich die Studie "als Rückbesinnung auf die ethisch-ästhetische Potenz der Literatur" versteht (S. 5), geht die Autorin auf den insgesamt gut 200 Seiten der Frage nach, "welche Bedeutung literarische Erzeugnisse für die Wahrnehmung kultureller Alterität, für transkulturelle Verflechtungen und Annäherungsprozesse haben können und wie sie sich mit aktuellen Phänomenen auseinandersetzen: mit Migration, Konflikten, Multikulturalität, Fremdheit, Xenophobie sowie mit Entgrenzungen und Vernetzungen" (S. 1).

Im ersten der vier Kapitel leitet Vancea in die Problematik und Aktualität interkultureller Fragen ein und unterstreicht die Rolle der Literatur als Medium des Dialogs. Auch auf die besonders komplexe Situation in Deutschland, wo der Holocaust das kollektive Gedächtnis bestimmt, wird nachdrücklich hingewiesen.
Zugleich wirft die Autorin einen Rückblick in die präfaschistische Vergangenheit, um die historischen Grundlagen aktueller Fragen zu erörtern. Aus den Äußerungen von Herder, Fichte, Humboldt, Heine u.a. zu Phänomenen wie Ethnozentrismus, Nationalismus und Kosmopolitismus folgert Vancea, dass es in der deutschsprachigen Kultur "sowohl Voraussetzungen für internationale Solidarität als auch für nationalistische und fremdenfeindliche Grenzziehungen" gegeben habe (S. 14).
Den Abschluss des Einführungskapitels bilden die weitgehend theoretischen Ausführungen zu neueren Konzepten wie 'Multikulturalismus', 'Hybridität', 'Interkulturalität' und 'Transkulturalität'.

Das zweite Kapitel beleuchtet die Europa-Essayistik mit ihrer zentralen Idee einer übernationalen europäischen Einheit, die bis zu Napoleon ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Gezeigt wird, wie sich deutschsprachige Autoren an diesem Diskurs beteiligt haben.

Im Zentrum der Studie steht jedoch das ausführliche dritte Kapitel, das sich nach einer kurzen Erörterung über die "Doppelrolle" (S. 41) der Literatur als Medium der Identitätsbildung und der Fremderfahrung Textanalysen von zahlreichen Fallstudien widmet, die zwar durchaus schlüssig sind, zu denen aber fünf kritische Anmerkungen erlaubt sein sollten:
Erstens bleibt der Begriff 'Gegenwartsliteratur' vage. Unklar ist, ob sich das Konzept ausschließlich auf Post-Wende-Literatur bezieht. Wenn dem so ist, stellt sich nämlich die Frage, warum die Primärliteratur auch ältere Romane der beiden Österreicher Peter Handke (1972) und Barbara Frischmuth (1973) umfasst.
Zweitens stört den Leser, dass die Zitate bisweilen die Überhand gewinnen. Langen Textauszügen folgen oftmals verhältnismäßig kurze Analysen. Eine Fokussierung auf kürzere Passagen, die die Autorin dann eingehender behandelt hätte, wäre wünschenswert gewesen.
Bedauernswert ist drittens auch der Umgang mit Sekundärliteratur, kommt doch das dritte Kapitel mit sehr wenig Querverweisen auf bestehende Forschungsarbeiten aus. Auf den 140 Seiten der Textanalyse begnügt sich Vancea mit 26 Fußnoten, obwohl es zahlreiche ältere Publikationen zu vielen der analysierten Werke gibt – gerade auch zu interkulturellen Dimensionen (z.B. in den Romanen von Sten Nadolny, Aras Ören und Monika Maron). Der Grund für das Verschweigen der Vorgängerarbeiten könnte darin liegen, dass das Projekt von vornherein zu breit angelegt war. Wer möglichst viele Werke besprechen will, läuft stets Gefahr, schon allein aus zeitlichen Gründen nicht immer bis ins letzte Detail zu gehen.
Ein vierter Kritikpunkt ist, dass die Autorin an einer Stelle Daniel Goldhagen mit dessen Vater Erich verwechselt und Letzterem zu Unrecht die "umstrittene Anklage gegen die Mehrheit der Deutschen als Hitlers Handlanger" (S. 163) anlastet. Bei ihrer Fehlanalyse eines Zitats von Erich Goldhagen scheint Vancea jenem medialen Diskurs zum Opfer gefallen zu sein, der die Bezeichnung "Hitlers Handlanger" als geflügeltes Wort verwendet, ohne dabei auf den vorausgegangenen Buchtitel Daniel Goldhagens zu verweisen.

Neben diesen vier inhaltlichen Kritikpunkten weist das Werk auch mehrere formale Schwächen auf. Vergeblich sucht der Leser beispielsweise in der Bibliografie die Angaben zu Christoph Ransmayrs Der Weg nach Surabaya, obwohl Auszüge aus der Prosa-Anthologie zitiert und besprochen werden. Zudem sind der Autorin leider einige kleine Sprach- und Tippfehler unterlaufen, die auch der Verlag vor dem Druck übersehen hat.
Weitaus schwerwiegender ist die allgemeine Benutzerunfreundlichkeit des Werkes, fehlt doch bei zitierter Primärliteratur durchweg die Quellenangabe. Schlägt man eine Seite spontan auf, so weiß man nicht, aus welchem Werk gerade zitiert wird. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Themenwahl sind solche Unzulänglichkeiten umso bedauernswerter.

Trotz mehrerer erheblicher Mängel beweist die Autorin erfolgreich ihre These, dass poetische Interkulturalität nicht nur Migrantenliteratur kennzeichnet, sondern auch in vielen anderen Werken deutlich präsenter ist, als zunächst angenommen. Anhand von Analysen literarischer Werke weist Vancea nach, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur "den Geist der Toleranz und des aufgeklärten Kosmopolitismus" atmet (S. 186) und ihr "Toleranzpotenzial […] vor allem aus der Erinnerungsenergie: aus der Erbschaft einer katastrophalen Geschichte und einer humanistischen Geistesgeschichte" erwächst (S. 187). Schließlich können viele Werke als "virtuelle Experimente" gelesen werden, die "im Idealfall zur Infragestellung einseitiger Verhaltensmuster" führen und somit "den ersten Schritt in Richtung Toleranz" erleichtern (S. 191 f.), was vielleicht die größte Herausforderung in unserer heutigen globalisierten Welt darstellt.


Vancea, Georgeta: Toleranz und Konflikt. Interkulturelle Dimensionen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Heidelberg: Winter, 2008. 210 S., broschiert, 36 Euro. ISBN: 978-3-8253-5377-3



Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung 1

1. Problematik und Rückblick 5
1.1. Kulturelle Grenzen und Identitäten, kulturelles Gedächtnis, Globalisierung 6
1.2. Ethnozentrismus, Nationalismus und Kosmopolitismus im deutschsprachigen Kulturraum 10
1.3. Entgrenzungsversuche: Multikulturalismus 15
1.4. Interkulturalität und Identität 18
1.5. Interkulturalität und Toleranz 21

2. Essayistisch-philosophische Diskurse: Deutschsprachige Autoren über kulturelle Grenzen, Multikulturalität und europäische Identität 29

3. Die Doppelrolle der Literatur: Medium der Fremderfahrung und der kulturellen Identitätsbildung 41
3.1. Interkulturelle Dimensionen der Gegenwartsliteratur 43
3.2. Migration und interkulturelle Erfahrungen
Die doppelte Optik – Deutsche und Türken: Sten Nadolny, Selim oder Die Gabe der Rede 44
Deutsche mit fremden Augen gesehen – Migrantenliteratur: Aras Ören, Berlin Savignyplatz 59
Identitätsbalance in der Fremde: Barbara Frischmuth, Das Verschwinden des Schattens in der Sonne; Peter Handke, Der kurze Brief zum langen Abschied 63
3.3. Kollektives Gedächtnis in persönlichen Erinnerungen: Ethnozentrismus und Kosmopolitismus Verschweigen und Verdrängen, Schuld und Geständnis: Martin Walser, Ein springender Brunnen; Die Verteidigung der Kindheit; Wolfgang Harig, Wer mit Wölfen heult, wird Wolf 78
Das Deutsche Schuldtrauma: Bernhard Schlink, Der Vorleser; Die Beschneidung 93
Flucht und Vertreibung der Deutschen: Christoph Hein, Landnahme 97
3.4. Das jüdische Schicksal
Exil und Heimatlosigkeit: Barbara Honigmann, Eine Liebe aus Nichts; Monika Maron, Pawels Briefe; Ruth Klüger, Weiter leben. Eine Jugend 104
Die Fremde als andauernde Erfahrung: W.G. Sebald, Die Ausgewanderten 122
3.5. Konflikte in der multikulturellen Gesellschaft
Xenophobie und ethnische Grenzen: Peter Schneider, Paarungen; Andreas Maier, Klausen 129
Die unheimliche Heimat – Fremdenhass, Nationalismus und Sexismus: Elfriede Jelinek, Die Kinder der Toten; Stecken, Stab und Stangl 136
Europa und die lokale Heimat: Christoph Ransmayr, Der Weg nach Surabaya 141
3.6. Intrakulturelle Konflikte – die fremde Heimat, Ossis und Wessis: Christa Wolf, Medea; Monika Maron, Animal triste 147
3.7. Generationenwechsel
Humor und Ironie: Jens Sparschuh, Der Zimmerspringbrunnen; Thomas Brussig, Helden wie wir; Thorsten Becker, Schönes Deutschland; Thomas Rosenlöcher, Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern 150
Ethnizität, Hybridität, Transkulturalität: Thomas Meinecke, Tomboy; Hellblau; Uwe Sauer, Uniklinik 154
3.8. Heimat als Utopie
Neuerwachter Patriotismus: Georg Klein, Von den Deutschen 169
Heimatlosigkeit und Entkulturalisierung: Christian Kracht, 1979 174
Die Heimat der Liebe: Hanns Josef Ortheil, Die große Liebe 181

4. Zusammenfassung 185

Literaturverzeichnis 205

Interculturality Beyond Migrant Literature

In Toleranz und Konflikt. Interkulturelle Dimensionen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Tolerance and Conflict: Intercultural Dimensions of Contemporary German Literature) Georgeta Vancea demonstrates that interculturality is not unique to migrant literature but that this subject, in a latent manner, also characterises many works of native German authors. Despite its apparent weaknesses — like the vague concept of 'contemporary literature', or the careless handling of both primary and secondary literature — the study shows how German-speaking writers deal with current phenomena such as migration, multiculturality, foreignness and xenophobia. It follows from the analysis that many contemporary works in German propagate a border-crossing ethic of tolerance whose origins lie in the Enlightenment but whose potential also arises from the heritage of grave German history.


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