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Ecce Theaterwissenschaft. Wie man wird, was man ist

Eine Rezension von Philipp Schulte

Kirschstein, Corinna: Theater Wissenschaft Historiographie. Studien zu den Anfängen theaterwissenschaftlicher Forschung in Leipzig. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2009  (Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung, Bd. 1).

Die von Gerda Baumbach herausgegebene Reihe "Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung" legt mit Corinna Kirschsteins Dissertation Theater Wissenschaft Historiographie. Studien zu den Anfängen theaterwissenschaftlicher Forschung in Leipzig ihren ersten Band vor. Darin wendet sich die Autorin der Frühphase der deutschen Theaterwissenschaft in den 1920er Jahre zu, unter besonderer Berücksichtigung der "Leipziger Schule" des Germanisten Albert Köster. Kirschstein erörtert das Verhältnis von Theaterwissenschaft und Germanistik in jener Zeit und gibt Einblick in die Debatten um den durch das bürgerliche Theaterkonzept bestimmten Untersuchungsbereich und die institutionelle Verortung damaliger theaterhistorischer Forschung. Leider verzichtet sie auf einen kritischen Ausblick, der Kontinuitäten zur heutigen theaterwissenschaftlichen Praxis hätte deutlich machen können. 


Mag man Kategorien, könnte man sagen, es gibt zwei Sorten von Theaterwissenschaftlern: Die einen verbringen ihre Zeit im Theater; und die anderen ihre in den Archiven. Die einen schauen sich das Theater an, wie es ist, und versuchen es mal mit zeitgenössischen, mal mit historischen Theorien in Verbindung zu bringen; die anderen versuchen sich daran, möglichst viel über das Theater vergangener Zeiten in Erfahrung zu bringen. Es ist noch gar nicht so lange her, da spaltete sich aus dieser zweiten Gruppe eine neue Untergruppe ab: die Fachhistoriker. Auch sie verbringen einen Großteil ihrer Zeit in Archiven, diesmal aber, um etwas über die vergleichsweise kurze Geschichte der Theaterwissenschaft selbst als Wissenschaft herauszufinden. Und zu dieser Unterkategorie zählt offenbar auch Corinna Kirschstein, welche nun mit ihrer Dissertation Theater Wissenschaft Historiographie. Studien zu den Anfängen theaterwissenschaftlicher Forschung in Leipzig den ersten Band der neuen Reihe "Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung" veröffentlicht hat.

Ausgerechnet Leipzig?

Kirschstein verfolgt in ihrer Arbeit eine doppelte Zielsetzung: Zum einen strebt sie einen "wissenschaftshistorische[n] Beitrag zur Geschichte der Theaterwissenschaft" (S. 1) an, zum anderen soll "die Frage der institutionellen Verortung der Theaterwissenschaft am Beispiel Leipzig" (ebda.) untersucht werden. Dies unternimmt sie in drei Abschnitten und beschreibt zunächst die frühen Ansätze der Theaterforschung sowie das problematische Verhältnis von Theaterwissenschaft und Germanistik. Dann widmet sie sich den ersten Bemühungen einer Theatergeschichtsforschung, untersucht die Nähe zu bürgerlichen theaterhistorischen Gesellschaften und erörtert die Bedeutung von bühnengeschichtlichen Sammlungen. Schließlich wendet sie sich der Theaterpraxis zu und problematisiert die institutionelle Nähe zu Ausbildungsstätten für Bühnenberufe. Doch warum geschieht all dies ausgerechnet am Beispiel Leipzig? Die Ortswahl macht zunächst stutzig. Von den ersten theaterwissenschaftlichen Instituten im deutschsprachigen Raum, die allesamt in den 1920er Jahren gegründet wurden, fand die von Albert Köster ins Leben gerufene "Leipziger Schule" bis heute kaum Eingang in die Fachliteratur – vor allem im Gegensatz zu der von Max Herrmann gegründeten "Berliner Schule". In ihrer Arbeit bemüht sich Kirschstein, dieses Ungleichgewicht wett zu machen und den Leipziger Beitrag zur noch jungen Wissenschaft herauszustreichen. Dies geschieht zwar mit Erfolg – dennoch bleibt der leise Verdacht bestehen, hier würde vor allem versucht, die Relevanz der eigenen Heimatuniversität zu steigern.

Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Geburtswehen

Doch es zeigt sich schnell, dass sich durch die Betrachtung der "Leipziger Schule" tatsächlich einige Aspekte aus der Anfangszeit der universitären Theaterwissenschaft neu darstellen. Besonders die Erörterung der Rolle der einzigartigen bühnengeschichtlichen Sammlung Albert Kösters in der Lehre veranschaulicht eindrucksvoll, wie theaterwissenschaftliche Vorlesungen konzipiert und durchgeführt wurden. Auch gelingt es Kirschstein, das in aller Regel als höchst problematisch beschriebene damalige Verhältnis zwischen der etablierten Germanistik und der um Etablierung bemühten Theaterwissenschaft am Beispiel Leipzig in ein neues Licht zu rücken und "nicht als ein Gegeneinander, sondern als ein Mit- und Nebeneinander zu begreifen" (S. 9). Entgegen den üblichen Einschätzungen stellt Kirschstein fest, dass zumindest in Leipzig "die Forschung zur Theatergeschichte (...) anerkannt" (S. 32) wurde und Fachvertreter die Möglichkeit nutzten, "theatergeschichtliche Forschung durch ihre universitäre Lehrtätigkeit in den akademischen Betrieb zu implementieren" (ebda.).

Quo vadis? – Gehversuche

Zwei weitere Sachverhalte werden darüber hinaus bei der Lektüre von Kirschsteins Dissertation klar: wie sehr sich die deutsche Theaterwissenschaft in ihren Ursprüngen unterscheidet von dem, was heute aus ihr geworden ist – und auf welch wackeligen Beinen sie damals gestanden hat (und vielleicht heute noch steht). Der Unterschied zwischen damals und heute lässt sich am besten am Verständnis vom Forschungsgegenstand ausmachen. Sind es heute zu einem wichtigen Teil experimentelle internationale Theaterströmungen, welche die Möglichkeiten und Grenzen darstellender Kunst austesten, denen ein großer Teil der deutschen Theaterwissenschaft sich zuwendet, so widmete sie sich in ihren Anfängen und lange danach ausschließlich nationalstaatlich und -sprachlich geprägten bürgerlichen Formen von Theater: dem Stadttheaterbetrieb mit seinem Klassiker-Repertoire von Shakespeare – als einem der wenigen anerkannten nicht-deutschsprachigen Autoren – bis Goethe. Die avantgardistischen Konzepte der Theaterreformbewegungen um 1900 spielten weder in der Leipziger Theaterforschung noch anderswo eine Rolle. Der Hinweis auf den unsicheren Status der Theaterwissenschaft als Wissenschaft dagegen ergibt sich aus der Frage nach der institutionellen Anbindung. So kann Kirschstein nachweisen, dass die Verortung der Theatergeschichtsforschung an einzelnen deutschen Universitäten keineswegs als Selbstverständlichkeit begriffen werden kann, sondern diese gerade in den ersten Jahren und Jahrzehnten deutliche Konkurrenz von Ausbildungsstätten und Genossenschaften für Bühnenberufe, privaten theaterhistorischen Gesellschaften und schließlich den Theatern selbst erhielten.

Fazit: Ausgerechnet Leipzig!

Während die Anzahl der radikal neuen Erkenntnisse, welche Kirschstein in ihrer Arbeit zu Tage fördert, sich zwar in Grenzen hält, führt sie durch ihre Fokussierung auf Leipzig doch vor Augen, wie wichtig es ist, neben der immer wieder erfolgenden Diskussion um die Rolle Max Herrmanns und seiner "Berliner Schule" auch die frühen Entwicklungen an anderen Universitäten nicht außer Acht zu lassen. Warum jedoch Berlin so sehr im Zentrum des wissenschaftshistorischen Interesses steht, darauf gibt Kirschstein selbst eine Antwort: Nirgends sonst war die Konzentration unterschiedlicher sich um die Zuständigkeit in theatergeschichtlichen Fragen streitenden Institutionen so hoch. Einige Aspekte dieser Auseinandersetzungen werden auch in Theater Wissenschaft Historiographie erörtert. Leider begnügt sich Kirschstein jedoch mit der fachgeschichtlichen Untersuchung und verzichtet darauf, auf der Grundlage ihrer Erkenntnisse bis heute aktuelle Problematiken gegenwärtiger Theaterwissenschaft kritisch zu hinterfragen. Besonders die immer wieder zu stellenden Fragen der Wissenschaftlichkeit von Theaterwissenschaft und der Notwendigkeit ihrer Nähe zum transitorischen künstlerischen Gegenstand zeichnen sich schon in diesen frühen Anfangsschwierigkeiten ab und sind nicht weniger dringlich geworden. Eine Öffnung des Untersuchungshorizonts über die historischen Ereignisse in Leipzig hinaus hätte deutlicher machen können, welch institutionskritisches Potential in Kirschsteins Ergebnisses stecken mag.


Kirschstein, Corinna: Theater Wissenschaft Historiographie. Studien zu den Anfängen theaterwissenschaftlicher Forschung in Leipzig. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2009. 225 S., kartoniert, 24,90 Euro. ISBN : 978-3-86583-101-9



Inhaltsverzeichnis

Gerda Baumbach
Leipziger Beiträge und Theatergeschichtsforschung. Einführung der Reihe. IX

Corinna Kirschstein
Theater Wissenschaft Historiographie 1

1) Theater-Forschung – Unter dem Paradigma neugermanistischer Literaturwissenschaft

Ungeliebte Nähe – Zum Verhältnis von Theaterwissenschaft und Germanistik 9
Germanist und Theaterwissenschaftler – Zum Bild Albert Kösters 10
Kritik der Philologie – Zu den methodischen Diskussionen in der Germanistik um 1900 16
"Das Schicksal behüte uns vor Lehraufträgen, die nur auf Theatergeschichte lauten" 26
Die Entstehung theaterwissenschaftlicher Institute und die Germanistik 27
"In eigenwillig gewahrter Distanz" – Die 'Leipziger Schule' Albert Kösters 33

Von der Nationalphilologie zur Theaterphilologie 43
Leitfigur Hans Sachs – Das Konstrukt nationaler Tradition 46
Eine nationale Bühnenform? Die Rekonstruktion der Nürnberger Hans-Sachs-Bühne 50
Die Forschungen im Spiegel der zeitgenössischen Kritik und der Herrmann-Köster-Streit 54
Exkurs: Die Hans-Sachs-Spiele in der Aula der Leipziger Universität 65
"Im Felde unbesiegt" – Theaterwissenschaft und Krieg 71

Wissenschaft und Moderne 78
Die Hegemonie des klassischen Bildungsideals 79
Die Theaterwissenschaftler und ihre Zeitgenossen 82
Theorie und Praxis – Theaterberufsausbildung an einer Universität? 89

2) Theatergeschichts-Forschung – Zwischen repräsentativer Leistungsschau und wissenschaftlichem Anspruch

Bürgerliche Theaterhistoriographie und Theaterwissenschaft 95
Deutsche Theatergeschichtsschreibung im ausgehenden 19. Jahrhundert 96
Das Projekt 'Theatergeschichte' und die theaterhistorischen Gesellschaften 103

Dokumente und Denkmäler – Präsentationsformen theatergeschichtlichen Materials 107
Fanny Elßlers Fuß – Theatralia als 'weltliche Reliquien' 110
Sammlungen und Museen als Zentren der Entstehung theaterwissenschaftlicher Institute 113

Die Sammlung Köster 118
Die Sammlung Köster im Kontext seiner Leipziger Schule 118
Der Verkauf der bühnengeschichtlichen Sammlung Kösters und das Ende der Theaterforschung in Leipzig 123
Vom Lehrmaterial zum Ausstellungsstück – die Sammlung Köster im Münchner Theatermuseum 130

3) Theater-Praxis – und ihr Anteil an den Debatten um das bürgerliche Theaterkonzept

Das bürgerliche Theaterkonzept zu Beginn des 20. Jahrhunderts 135
'Der Schauspieler' – Martersteigs Rettungsversuch der bürgerlichen Schauspielkunst 136
Für ein neues Nationaltheater 142

Die Auseinandersetzungen um das 'Theaterkunstwerk' 145
Zeitgenössische Theaterpraxis und Theaterwissenschaft 146
Drama und Theater – Zur Genese eines Topos 148
Ein 'gefährliches Verhältnis' – Das Theaterkunstwerk und der Film 157
Zur Frage der Regie 164
Die Gründung der 'Vereinigung künstlerischer Bühnenvorstände' 166
Das Urheberrecht an der Regieleistung 169
Kriegsinvalide Schauspieler – Die kommenden Regisseure? 173

Theaterschulen 178
Schauspielerausbildung 179
Der Regieschul-Plan der 'Vereinigung künstlerischer Bühnenvorstände' 184

Theater, Wissenschaft, Historiographie – Ausblicke 188

Quellenverzeichnisse Archivalien 196
Literatur 198
Dank 227

Ecce Theatre Studies: How One Becomes What One Is

Corinna Kirschstein's dissertation Theater Wissenschaft Historiographie. Studien zu den Anfängen theaterwissenschaftlicher Forschung in Leipzig (Theatre Studies Historiography: Studies on the Establishment of Theatre Studies in Leipzig) is the first volume in the series "Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung" ("Leipzig contributions to the study of theatre history") edited by Gerda Baumbach. Kirschstein concentrates on the early phase of German theatre studies in the 1920s, with particular reference to the Leipziger Schule lead by professor of German literature Albert Köster. Kirschstein examines the relation between German literary studies and theatre studies as well as the institutional position of theatre history studies of that period, and shows how much the academic debate was dominated by a bourgeois theatre concept. Unfortunately, she misses the opportunity to develop a critical perspective which could have clarified references to contemporary practices in German theatre studies.


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