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Die Cibervalleros – ein Volk im virtuellen Raum?

Eine Rezension von Katharina Ludwig (Mainz)

Greschke, Heike Monika: Daheim im www.cibervalle.com. Zusammenleben im medialen Alltag der Migration. Stuttgart: Lucius & Lucius, 2009.

In ihrer Dissertation Daheim in www.cibervalle.com untersucht die Soziologin Heike Mónika Greschke den Zusammenhang von Migration und medialer Kommunikation. Am Beispiel des paraguayischen Internetforums Cibervalle beschreibt sie, wie Migranten durch alltägliche Internetnutzung eine globale Gemeinschaft im virtuellen Raum entstehen lassen. Greschke kommt zu dem Schluss, dass sich die Migranten durch vielfältige Mediennutzung im Alltag, auch über das Forum hinaus, eine neue Heimat schaffen und so ihre Abwesenheit in der Heimat substituieren. Sie stellt fest, dass Cibervalle seinen 'Bewohnern' nicht nur dazu dient, Landsleute im Aufenthaltsland kennenzulernen und Kontakte in die Heimat aufrechtzuerhalten, sondern vor allem auch dazu, das alltägliche Leben miteinander zu teilen. Die Autorin veranschaulicht ihre Studie durch eine lebendige Beschreibung des Alltags in Cibervalle und verbindet auf gelungene Weise Ethnographie, Migrations- und Medienforschung. 


Wenn Menschen in andere Länder migrieren, bedeutet das für viele nicht nur Trennung von der Heimat, sondern vor allem auch Verlust sozialer Beziehungen und vielmals einen Schritt in prekäre Lebensverhältnisse. Wie Migranten durch Internetnutzung nicht nur einen intensiven Kontakt zu ihrer Heimat aufrecht erhalten, sondern darüber hinaus eigene Kommunikationsstrukturen und eine Gemeinschaft im virtuellen Raum entstehen lassen, untersucht die Soziologin Heike Mónika Greschke in ihrer Dissertation Daheim in www.cibervalle.com. Zusammenleben im medialen Alltag der Migration. Am Beispiel des paraguayischen Internetforums Cibervalle stellt sie dar, wie Migration und mediale Kommunikation miteinander zusammenhängen. Dabei geht sie davon aus, dass Migration auch immer eine mediale Sozialisation der Migranten impliziert. Durch alltäglichen Internetgebrauch, so Greschke, tragen Migranten zur Entstehung globaler Mikrostrukturen bei.

Cibervalle, ein öffentlich zugängliches und kostenfreies Online-Diskussionsforum, das vor allem von Paraguayern genutzt wird, steht im Zentrum von Greschkes Untersuchung. Laut Greschke lebt ein Großteil der Nutzer außerhalb Paraguays – mithilfe des Forums wollen sie sich über ihre Heimat informieren und Kontakte aufrechterhalten. Für die Nutzer in Paraguay hingegen sei Cibervalle ein "Fenster zur Welt" (S. 23), das Einblick in fremde Lebenswelten biete und ggf. zur Vorbereitung eigener Migrationsvorhaben dienen könne. Darüber hinaus stelle Cibervalle für beide Nutzergruppen eine Möglichkeit dar, Landsleute in der Nähe des eigenen Aufenthaltsortes kennenzulernen – nicht nur virtuell, sondern auch persönlich. Allerdings, so Greschke, ersetzten die so entstehenden Face-to-Face-Kontakte nicht die virtuellen. Vielmehr würden beide Ebenen miteinander verknüpft – lokaler und virtueller Sozialraum überlappen sich.

Die 2009 mit dem Dissertationspreis der Westfälisch-Lippischen Universitätsgesellschaft ausgezeichnete Arbeit besteht aus vier Teilen mit insgesamt 16 Kapiteln. Im ersten Teil erläutert die Autorin die Entstehung ihres Projekts. Des Weiteren beschreibt sie in einer sogenannten "Doku-Fiktion" (S. 5), wie die Cibervalleros ein Unglück in einem paraguayischen Supermarkt gemeinsam 'erleben', d.h. im Forum, per Instant Messenger, Email und Telefon kommentieren und sich gegenseitig über den Verlauf der Tragödie und die Situation vor Ort informieren. So veranschaulicht sie das 'Leben' in Cibervalle und stimmt den Leser auf die Thematik des Buches ein.
Im zweiten Teil legt sie dar, durch welche Besonderheiten und methodologischen Herausforderungen die Untersuchung geprägt wurde. Insbesondere problematisiert sie den Begriff des 'Forschungsfeldes' – wie lässt sich ein plurilokales, computervermitteltes Forschungsfeld erfassen?
Der dritte Teil ist der ethnographischen Beschreibung Cibervalles als virtuellem Sozialraum gewidmet. Er beinhaltet eine detaillierte Analyse der Nutzerstruktur und untersucht die Bedeutung des Forums für die Nutzer. Indem Greschke eine exemplarische Migrationsgeschichte darstellt, macht sie die Protagonisten des Forums greifbar. Es wird deutlich, dass das Forum eine gemeinschaftsstiftende Funktion erfüllt: "In Cibervalle begegnen sich die Teilnehmer/innen auf der imaginierten gemeinsamen ethno-natio-kulturellen Zugehörigkeit, besser gesagt: sie konstruieren sich kommunikativ als nationale Wir-Gemeinschaft" (S. 131).
Die Kommunikationsstrukturen im Forum stehen im Mittelpunkt des vierten Teils. In diesem diskutiert die Autorin die Anforderungen und Herangehensweisen an eine Analyse internetbasierter Kommunikation. Auch die technologischen Grundlagen dieser Kommunikation spielen dabei eine Rolle. Diesbezüglich stellt sie fest, dass die Kommunikation im Forum entscheidend von der globalen öffentlichen Rahmung der Kommunikation geprägt ist.
Greschke kommt zu dem Schluss, dass Cibervalle mehr ist als 'nur' ein globales elektronisches Kommunikations-Netzwerk. Für seine Nutzer sei das Forum ein "ortloser Ort" (S. 240), ein Bereichdirekter sozialer Erfahrung, den sie mit ihren "Mitbewohnern" (ebd.) teilten.

Greschkes Arbeit zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass die Autorin nicht von einem theoretischen Rahmen ausgeht, sondern ihr Herangehen während der Untersuchung am Gegenstand sukzessive entwickelt. Die Autorin legt großen Wert auf eine stete Methodenreflexion. Denn gerade im Fall der noch jungen Internetforschung müssten ganz neue Herangehensweisen entwickelt werden. Allerdings wird die Studie durch die begleitende Methodendiskussion und die erst nach und nach erfolgende Beschreibung der Strukturen Cibervalles unübersichtlich. Eine umfassende Beschreibung des Forums am Anfang der Untersuchung hätte viele Wiederholungen und einige Unklarheiten am Anfang beseitigt. Auch spielen in Greschkes Untersuchung Forschungsansätze zu 'Social networks' oder 'Online-Communities' keine Rolle – dies hätte durchaus bereichernd sein können.
Durch die detaillierte Beschreibung der Kommunikationsabläufe im Forum liefert die Autorin aber ein umfassendes und lebendiges Bild der Community. Die Vorstellung des Volkes der Cibervalleros, das gemeinsam einen virtuellen Raum 'bewohnt', ist durchaus gelungen und lässt den Leser am Alltag in Cibervalle teilhaben. So wird deutlich, welche Bedeutung der Internetkommunikation in von Migration geprägten Lebenswelten zukommt und wie durch sie eine ganz eigene Art von Globalität entsteht.


Heike Mónika Greschke: Daheim in www.cibervalle.com. Zusammenleben im medialen Alltag der Migration. Stuttgart: Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft, 2009 (Qualitative Soziologie, Bd. 10). 258 S., kartoniert, 34 €. ISBN 978-3-8282-0466-9


Inhaltsverzeichnis


A Medien – Alltag – Migration 1

1. Einleitung 3

2. Tragödie im Supermarkt Ycua Bolaños 7

3. Die Herstellung von Globalität im medialen Alltag der Migration 19

4. Eine globale Lebenswelt 'à l@ paraguay@' 23
Globale Formen des Zusammenlebens 24
Globalität als Ermöglichung reflexiver Selbstwahrnehmung in einem globalen Beobachtungshorizont 25

5. Methodologische Herausforderungen und Buchstruktur 27
Reflexiv-methodologische Annäherung an eine techno-soziale Wirklichkeit 28
Überblick über die Buchstruktur 29

B Fremd ist der Fremde nur in der Fremde? Über die Kunst ethnographischer Verortung in einer globalisierten Welt 31

6. Die Ethnographin und ihre Felder in der Weltgesellschaft 33

7. "Multi-sited Ethnography": Ein Forschungsprogramm für die (mediatisierte) Weltgesellschaft? 39

8. Per Mausklick ins Forschungsfeld? – Ethnographie in der Internetforschung 42
Alltag im Internet: Virtuelle Ethnographie 43
Internet im Alltag: Ethnographie der lebensweltlich kontextualisierten Internetnutzung 44
Die Bedeutung des Internets für transnationale Populationen 44
Von Trinidad zum Internet 45
Bin ich drin? – Methodologische Reflexion der Zugänglichkeit computervermittelter Forschungsfelder 46
Exkurs: Ethnomethodologische Anmerkungen zur Ethnographie 47
Das "unique adequacy requirement" 47
"Becoming member" als methodologisches Prinzip 48

9. Die methodische Gestalt Cibervalles 51
Fallzentrierte Konstruktion des Forschungsfeldes 51
Feldzugang in Etappen 53
Follow the people: Die ethnographische Dackelmethode 53
Follow the technology: Formatsänderungen als techno-soziale Hybridisierung 54
Das Datenmaterial 55

10. Ein- und Aussteigen in einem plurilokalen computervermittelten Forschungsfeld 56
What's going on here? – Annäherungen an Cibervalle 56
Positionswechsel vom Lurker* zum Member 56
"Hier und dort sein" – "hier oder dort sein": Wohin führt mobile Ethnographie? 60
"Eine traurige Nachricht über Mafalda" – Die Solidargemeinschaft braucht ihre Notfälle 62
Migration im Cyberspace: Wenn statt der Forscherin das Feld aussteigt 62

C Die sozialen Landschaften Cibervalles 65

11. Paraguay: Eine Migrationsgeschichte 68
Im-migration, E-migration oder Trans-migration? Eine Frage der Perspektive 72
(Trans)national oder sozial? – Geografie-machen in der Migration 75
Die Entstehung Paraguays als geopolitischer Raum in der Weltgesellschaft 77
Paraguay statistisch und empirisch besehen 82
"Lebende Grenzen" – Migration und die Konstitution sozialer Räume 85
Innere Grenzen: Mennonitische Gemeinden im Chaco 86
Grenzverschiebungen: Enklaven für den Weltmarkt in der Grenzregion zu Brasilien 89
Grenzverkehr: Pendelmigration zwischen Paraguay und Argentinien 92
"Proud American-USA" – Die translokale Gemeinde 'Caraguatay' 97
Zum Verhältnis von Flächen- und Sozialraum in Paraguay 99
Migration und 'Nationbuilding' 101

12. Wo und mit wem man Tereré* trinkt: Cibervalle 'multi-sited' 106
Der virtuelle Sozialraum Cibervalle 106
Geografische Verteilung der Nutzer/innen und lokale Subgruppen 107
Lebensweltliche Kontexte der Nutzer/innen und sozialstrukturelle Zusammensetzung Cibervalles 109
"Ein Fenster nach Paraguay" – Die Bedeutung Cibervalles in der Migration 114
"Ein Fenster zur Welt" – Die Bedeutung Cibervalles für die Nutzer/innen in Paraguay 121
Globales Netzwerk oder nationale Gemeinschaft? –Dimensionen sozialer Formierung in Cibervalle 125

D Die kommunikative Architektur Cibervalles
133

13. Analyse von internetbasierter Kommunikation 135
Konversationsanalyse und Internetkommunikation 136
Logfiles von Diskussionen im Online-Forum und Chat-Konversationen als natürliche Transkripte? 138
Gattungsanalyse und Internetkommunikation 140
Das Online-Forum als kommunikative Gattung? 141
Ansatz zur Analyse der kommunikativen Architektur Cibervalles 144

14. Aufbau und techno-soziale Evolution des Cibervalle-Forums 146
Die Forumskommunikation 146
Zeitstrukturen 151
"Es war einmal ..." – Die Evolution der Forumskommunikation 155
Das Verhältnis von Asynchronität und Synchronität 157
Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten 161
Thematische Erweiterung und Koordination der Kommunikation 163
"Diskussion beendet!" – Regeln des Rederechts in Cibervalle 167

15. Globales Zusammenleben in Cibervalle 169
Buddy-Listen als Deutungsgemeinschaften 172
Gemeinsame virtuelle Reisen durch die Alltagswelt Cibervalle 174
Die Virtualisierung von Anwesenheit und Interaktion 177
Globale Interaktion: Kommunikation unter virtuell Anwesenden 179
Geteilte Anwesenheiten: Die Überlappung lokaler und virtueller Sozialräume 182
Grade von Anwesenheit 184
Zusammenleben im Cyberspace? 186

16. "Jetzt schaut euch die Welt zu!" – Wie Cibervaller@s im Alltag zu global playern werden 189
Blinde Flecken auf der medialen Weltkarte: die Unwahrscheinlichkeit von Globalität 191
Alltag unter Beobachtung: Öffentlichkeit als Strukturmerkmal 195
"Hallo, ich bin neu!" – Form und Funktionen der Begrüßungskommunikation 196
"Hallo an alle!" – Multiple Adressierungen und imaginierte Publika 211
Zelebrieren, fotografieren, kommentieren: Praktiken der Glokalisierung 213
"Tragödie im Supermarkt Ycua Bolaños" 227
Strukturen einer globalen Lebenswelt 238

Schlussbetrachtung 241

Glossar 245
Literaturverzeichnis 247

Cibervalleros – A People in Cyberspace?

In Daheim in www.cibervalle.com (At home in www.civervalle.com), sociologist Heike Mónika Greschke examines how migration and media communication are related. Using the example of the Paraguayan web forum Cibervalle, she shows how migrants form a virtual global community through day-to-day use of the internet. She concludes that, by using media (mainly the internet), migrants create a new 'homeland' and, thus, substitute their absence at home.Greschke finds that the 'inhabitants' of Cibervalle use the forum not only in order to get to know fellow Paraguayos and maintain contacts in their home country, but also in order to share their everyday life. The author illustrates her analysis with a lively description of Cibervalle’s daily life and successfully links ethnography, migration and media studies.


© bei der Autorin und bei KULT_online