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Das Rancière’sche Regime. Politik und Ästhetik um 1800

Eine Rezension von Anneka Esch-van Kan

Balke, Friedrich; Maye, Harun und Scholz, Leander (Hg.): Ästhetische Regime um 1800. München: Fink, 2009.

Der Tagungsband Ästhetische Regime um 1800, herausgegeben von Friedrich Balke, Harun Maye und Leander Scholz, widmet sich dem Verhältnis von Politik und Ästhetik. Die Mehrzahl der Aufsätze bezieht sich auf Jacques Rancières Konzeption eines ästhetischen Regimes der Kunst. Rancières Ansatz wird in der Fachwelt äußerst kontrovers diskutiert: von den einen gefeiert, von den anderen als wissenschaftlich fragwürdige Mode abgelehnt. Ästhetische Regime um 1800 überwindet jede Frontenbildung und bietet eine kritische und gleichzeitig äußerst produktive Auseinandersetzung mit der Rancière'schen Theorie. Der Band wird durch einen Beitrag Rancières abgerundet, der einige seiner Kerntexte zusammenführt und bereits die Kritik seitens Fachkollegen an diesen reflektiert. 


Der Tagungsband Ästhetische Regime um 1800 fokussiert die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Ästhetik, die seit den 1980er Jahren ausgehend von theoretischen Ansätzen zur Konzeption einer neuen Linken wieder zunehmend in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Aufmerksamkeit gerückt ist. Die Mehrzahl der versammelten Aufsätze bezieht sich hierbei in unterschiedlich starker Akzentuierung und aus verschiedenen Blickwinkeln auf die Philosophie Jacques Rancières. Alle Beiträge beleuchten darüber hinaus künstlerische, literarische und philosophische Erzeugnisse und Entwicklungen der Zeit um 1800, in der Rancière – insbesondere in den Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen von Friedrich Schiller – den Beginn des "ästhetischen Regimes der Kunst" verortet.

Jacques Rancières Philosophie ist lange kaum rezipiert worden, hat in den letzten Jahren aber weltweit einen regelrechten Boom ausgelöst. Die Fachwelt spaltet sich dabei über seine Philosophie nicht selten in zwei Lager: Während die Rezeption seiner Texte weiterhin zunimmt und er von vielen gefeiert wird, kritisieren andere seine Theorien als unwissenschaftliche Modeerscheinung. Indem Ästhetische Regime um 1800 einen kritischen, aber äußert produktiven Umgang mit Rancières Philosophie wählt, widersetzt sich der Band einer starren Polarisierung.

Der Tagungsband beginnt mit einem einleitenden Aufsatz von Friedrich Balke, der einerseits durch die Einführung der Rancière'schen Begrifflichkeiten auch jenen Lesern einen Einstieg erlaubt, die Rancières Schriften nicht kennen, und der andererseits unmittelbar eine sehr kritische Perspektive eröffnet. Der Mitherausgeber skizziert erst die drei Rancière'schen Regime, die Voraussetzungen zum Verständnis von Kunst setzen: das ethische Regime des Bildes, welches keine Trennung zwischen 'Kunst' und Leben kennt und die Frage nach der Abbildung moralisch wertet; das repräsentative Regime der Künste, welches die verschiedenen Künste ausdifferenziert und ein Regelsystem zur künstlerischen Repräsentation vorgibt; und das ästhetische Regime der Kunst, welches mit den Regeln des repräsentativen Regimes bricht und zwischen absoluter Autonomie und der Auflösung von Kunst in Leben oszilliert.

Anschließend moniert Balke die fehlende Bestimmung und Historisierung des Regime-Begriffes und schlägt vor, die Verwendung des Begriffs darin zu begründen, dass sich in diesem "das Paradox einer Unterscheidung des Politischen vom Polizeilichen" zeige, das "zugleich auf die Unmöglichkeit ihrer Trennung verweist" (S. 20). Er löst die Frage nach dem Regime-Begriff also unmittelbar mit der Betonung eines zweiten Kritikpunktes: Rancières Unterscheidung zwischen "Polizei" und "Politik", zwischen der gesetzten Ordnung und ihrer Unterbrechung, polarisiere zu stark. Dabei fehle Rancière der Blick für die "strukturelle Polizeiförmigkeit einer Politik, der kein Detail entgeht" (S. 30), sowie für die "politische Dimension der Polizeigewalt" (S. 31). Die Begriffspaare des repräsentativen und ästhetischen Regimes sowie von Polizei und Politik kurzschließend stellt Balke die These auf, "dass alle Begriffe, die Rancière zur Charakterisierung des ästhetischen Regimes vorschlägt, umstandslos auch verwendbar sind zur Beschreibung des polizeilichen Regimes" (S. 31). Darüber hinaus macht er die Foucault'sche Philosophie stark und plädiert für eine stärkere Reflexion des Machtbegriffes, den Rancière in Das Unvernehmen (2002) nur kurz anreißt, um ihn schließlich zu verwerfen.

Der Kritikpunkt, dass Rancière Grundbegrifflichkeiten seiner Theorie nicht kommentiere, lässt sich auch an den nichtsdestotrotz äußert gelungenen und produktive Impulse setzenden Sammelband richten. Bereits im Titel wird "ästhetische Regime" im Plural verwendet. Es wird jedoch an keiner Stelle thematisiert, worauf dieser Plural verweisen möchte. Vielleicht auf eine Skepsis am Rancière'schen Konzept oder an dessen steigender häufig auch gänzlich unkritischer Rezeption, die seine Theorie geradezu zu einem 'Rancière'schen Regime' erklärt?

Im Band wird, um bei der Frage von Singular und Plural zu bleiben, die deutsche Übersetzung "ästhetisches Regime der Künste" übernommen, die Maria Muhle in ihrer Übersetzung des Bandes Le Partage du Sensible (Die Aufteilung des Sinnlichen, 2006) vorschlägt. Da Rancière betont, dass im ästhetischen Regime der Plural der Künste durch den Singular der Kunst ersetzt wird (siehe u.a. Das Unbehagen in der Ästhetik, 2008, S. 17), würde es jedoch – obgleich Rancière im Französischen alternativ Singular und Plural verwendet – zur begrifflichen Schärfung beitragen, konsequent die Übersetzung "ästhetisches Regime der Kunst" zu verwenden, die auch Richard Steurer in der deutschen Übersetzung von Malaise dans l’esthétique (Das Unbehagen in der Ästhetik) wählt.

Da Tagungsbände so häufig aufgrund einer großen Disparität der Beiträge enttäuschen, ist lobend hervorzuheben, dass die Einleitung zwar nicht die einzelnen Beiträge in knappen Zusammenfassungen anführt, jedoch – und hierauf kommt es an – eine prägnante Skizze der thematischen Verbindungslinien der Aufsätze liefert. Gemeinsam mit dem den Band abrundenden Beitrag Rancières rahmt die Einleitung die Beiträge, die in drei Kapiteln angeordnet sind: "Die Politik der Phänomene", "Der Leere Platz des Königs" und "Der Ort der Gemeinschaft".

Besonders spannend erweist sich Ästhetische Regime um 1800 in Hinblick auf die Frage nach der Rolle des Beispiels in den Geisteswissenschaften. Während sich die Beiträge von Jürgen Fohrmann, Ethel Matala De Mazza und Leander Scholz auch auf theoretischer Ebene damit auseinandersetzen, was – ganz allgemein – ein Beispiel sei und welche Funktion dieses in Philosophie und Kunst einnehme, bieten die sehr gelungenen Aufsätze unter anderem von Lars Friedrich, Joseph Vogl und Arno Meteling ins Detail gehende Einzelanalysen von (literarischen) Kunstwerken.

Nachdem die Beiträge des Sammelbandes von philosophischen Überlegungen zu konkreten Beispielen aus Kunst und Literatur um 1800 führten, kehrt der den Band abschließende Aufsatz Jacques Rancières "Ästhetische Trennung, ästhetische Gemeinschaft" vom Beispiel wieder zurück zu allgemeineren theoretischen Fragestellungen. Rancière geht von dem Mallarmé Zitat "Séparés, on est ensemble" (1885) ["Getrennt, sind wir zusammen" (S. 259)] aus, um in verdichteter Form seine Kerntexte und nahezu alle seiner prominentesten Beispiele zum ästhetischen Regime zusammenzuführen.

Ästhetische Regime um 1800
ist hervorragend konzipiert und versammelt eine Vielzahl erstklassiger Untersuchungen, die in ihrem Zusammenspiel überzeugen. So kulminiert der Band auch nicht im Beitrag Rancières, sondern dieser erscheint abschließend und im Bewusstsein der vorangegangenen Texte als Diskussionsangebot und Impulsgeber in Bezug auf die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Ästhetik. So wie das Beispiel in seiner "Stellung zwischen Allgemeinem und Einzelnem" (Scholz, S. 83) ambivalent bleibt, so lässt sich auch nicht entscheiden, ob der Tagungsband eher als ein Beitrag zur philosophischen Debatte um das Werk Jacques Rancières oder als eine Sammlung von konkreten Untersuchungen zu Kunst und Philosophie um 1800 zu lesen ist. Ästhetische Regime um 1800 leistet beides und stimmt damit in die "große Hymne an die kleinen Dinge" (S. 9) ein.


Balke, Friedrich; Maye, Harun; Scholz, Leander (Hg.): Ästhetische Regime um 1800. Paderborn: Fink, 2009. 283 S., 32,90€. ISBN-13: 978-3770547432


Inhaltsverzeichnis


Vorbemerkung der Herausgeber 7

Friedrich Balke: Einleitung: Die große Hymne an die kleinen Dinge. Jacques Rancière und die Aporien des ästhetischen Regimes 9

I. Die Politik der Phänomene 37

Christoph Menke: Noch nicht. Die philosophische Bedeutung der Ästhetik 39

Jürgen Fohrmann: Nachträgliche Suche und pragmatisches Erzählen. Der Fall des Exemplums im Lichte der Äshtetik 49

Ethel Matala De Mazza: Biopolitik in Bildern. Merciers Tableau de Paris 65

Leander Scholz: Technik, Kraft und Ästhetik des Urteilens: Kants Phänopolitik 79

II. Der Leere Platz des Königs 99

Harun Maye: Volk ohne Oberhaupt. Regierungskünste des Lesens um 1800 101

Brigitte Weingart
: Macht und Ohnmacht der Dinge: Clemens Brentanos Schachtel mit der Friedenspuppe 119

Ralph Ubl
: Eugène Delacroix’ Figuration der Freiheit 139

Lars Friedrich: Regime der Spekulation. Zur politischen Ökonomie von Diderots Rameaus Neffe 165

Joseph Vogl: Wallensteins Lage 189

III. Der Ort der Gemeinschaft 201

Iris Därmann
: Rituelles und moralisches Opfer bei Kant 203

Arno Meteling: Klein Zaches und seine Brüder. Ein parasitäres Regime um 1800 221

Johan Frederik Hartle
: Die Trägheit der Juno Ludovisi. Schillers politische Ontologie in der zeitgenössischen Debatte 241

Jacques Rancière
: Ästhetische Trennung, ästhetische Gemeinschaft 259

Autorenverzeichnis 279
Bildnachweise 283

The Rancièrian Regime: Politics and Aesthetics around 1800

Ästhetische Regime um 1800 (Aesthetic Regimes around 1800), edited by Friedrich Balke, Harun Maye and Leander Scholz, explores the interrelation between politics and aesthetics. The majority of assembled essays builds on Jacques Rancière’s concept of an “aesthetic regime of art”. Rancière’s approach is the source of a divide in academic circles: some celebrate his philosophy while others disregard it as an academically questionable trend. The present volume surmounts polarisation and offers a critical yet extremely productive examination of Rancière’s theory. The compendium closes with an original contribution of Rancière which merges several of his key studies and already includes reflections on critical voices.


© bei der Autorin und bei KULT_online