Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

A Moment of Glory? Richard Wagner, Heavy Metal und Filmmusik – eine Spurensuche

Eine Rezension von Daniel Kernchen (Weimar)

Custodis, Michael: Klassische Musik heute. Eine Spurensuche in der Rockmusik. Bielefeld: transcript, 2009.

Wie vielfältig die Spuren klassischer Musik in den populären Musikformen – respektive der Rockmusik – sein können, untersucht Michael Custodis in seiner Studie. Hierbei gehen fundierte und detaillierte Analysen musikalischer und soziologischer Natur Hand in Hand mit einer übergeordneten Perspektive. Diese stellt die These von der Diversifikation der Musik im 20. Jahrhundert in ihren Mittelpunkt und bildet gleichsam die Klammer für die Untersuchung der fünf Fallbeispiele. Custodis kann zeigen, dass das vielbeschworene Ende einer als 'klassisch' bezeichneten Musik aufgrund des höchst diversifizierten Umgangs mit ihr keineswegs in Sicht ist. Dieser spiegelt sich vor allem in den unterschiedlichen populären Musikformen wieder. 


Was gilt heute als klassische Musik und welchen kulturellen und gesellschaftlichen Stellenwert kann sie heute einnehmen? Diese Frage nach der gesellschaftlichen Wirksamkeit von sogenannter Kunstmusik in der heutigen Zeit stellt der Soziologe und promovierte Musikwissenschaftler Michael Custodis (vgl. S. 7).
Sie bildet den Ausgangspunkt seiner Untersuchung, in der er anhand fünf durchaus distinkter Beispiele die Spuren klassischer Musik nachzeichnet. Er findet sie in heutigen Popularmusikformen, wobei das von ihm untersuchte Spektrum von der frühen Heavy Metal Band Manowar über Metallica und die Scorpions hin zu Sting und Heiner Goebbels reicht. Das breite Spektrum ermöglicht es Custodis, unterschiedlichste Verfahren der Integration klassischer Musikkonzepte in die heutige Rockmusik zu zeigen.

In seinen Vorüberlegungen stellt Custodis kurz dar, was er unter klassischer Musik im Kontext seiner Studie versteht. Hierbei fasst er den Begriff äußerst weit, spricht er doch von "[…] jener Musik also, deren ästhetische Wurzeln bis in die griechische Antike zurückreichen und deren tradierter Werkzusammenhang sich vom Beginn der mittelalterlichen Notation bis in unsere Gegenwart erstreckt […]" (S. 12). Obgleich mit dieser begrifflichen Weite und der damit verbundenen Unschärfe die Gefahr einer unzulässigen Vergröberung verbunden ist, bleibt das Vorgehen für den Anspruch der vorliegenden Studie vollkommen legitim, da es damit einen ohnehin ziellosen Diskurs zu umgehen sucht.
Daraufhin muss Custodis' Untersuchung sich immer noch in dem leidigen Spannungsfeld zwischen sogenannter Unterhaltungsmusik und Ernster Musik verorten. Diesem Dilemma entzieht er sich durch einen kurzen historischen Abriss, in welchem er die Gegensätzlichkeit zwischen rationaler Durchdringung musikalischer Strukturen und dem ästhetisch-sinnlichen Genuss als einen Diskurs darlegt, der bereits seit der Antike bei Aristoteles und mit greifbarerer Brisanz seit dem Mittelalter vor allem am Übergang von der Ars Antiqua zur Ars Nova besteht. Er zieht resümierend den Schluss, dass es gerade ein Wesensmerkmal der Musik sei, in den gesellschaftlichen Strukturen einer Zeit verankert zu sein. Diese Strukturen verändern sich nun mit den sozialen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. In dessen Verlauf sei nämlich, wie Custodis überzeugend ausführt, eine "Diversifikation" zu beobachten, wobei er auf den von Albrecht Riethmüller eingeführten Begriff zurückgreift und ihn weiterentwickelt (S. 14 f.).

Mit der Übernahme des Paradigmas der Diversifikation der Musik in sein methodisches Vorgehen ist es Custodis möglich, musikalische Strukturen in ihren dynamischen Prozessen zu verfolgen. Hierin liegt die Besonderheit der Studie, die sich diachron als eine der wenigen Untersuchungen explizit und umfangreich mit den klassischen Einflüssen auf eine breitenwirksame Rock-Kultur beschäftigt.
Custodis' Studie umfasst sowohl musiksoziologische Darstellungen als auch die dezidiert musikwissenschaftliche Betrachtung des musikalischen Materials. Es werden zum Teil sehr umfangreiche musikalische Analysen vorgenommen und an zahlreichen Notenbeispielen greifbar gemacht. Das Verhältnis zwischen Text und Notenbild ist so gestaltet, dass die gemachten Aussagen leicht an den entsprechenden Stellen der Notenbeispiele erkennbar und nachvollziehbar sind.

Custodis' Eingangsbeispiel beschäftigt sich mit dem selbst geäußerten Anspruch der Heavy Metal Band, das Erbe Richard Wagners anzutreten. Zunächst erscheint diese Kombination von Hochpunkt opernmusikalischen Schaffens und einer als brutal erachteten Subkultur höchst streitbar. Jedoch vor dem Hintergrund des Anspruchs, nicht nur ein musikalisches, sondern vor allem ein performatives Gesamtkunstwerk zu generieren, wird offensichtlich, wie nah sich beide stehen.
Bei der Zusammenarbeit von Metallica und dem Filmkomponisten Michael Kamen von einem "aussagekräftigen Exemplar konzertanter Filmmusik" (S. 111) zu sprechen, erscheint gewagt. Dies tut jedoch der anschließenden sehr erhellenden Analyse keinen Abbruch. Diesem Beispiel gegenüber steht die Zusammenarbeit der Berliner Philharmoniker mit den Scorpions. Indem Custodis ausführt, welche Vorbehalte gegen eine solche Kooperation vor allem von Seiten der Musikerkollegen und der Musikkritik bestanden, wird der Unterschied in der Behandlung von Hochkultur und Popularkultur in Amerika und Deutschland deutlich.
Mit dem Kapitel über Heiner Goebbels Surrogate Cities wird der Betrachtungsrahmen derart weit gespannt, dass die Fragestellung umzukippen droht. Nicht, welche klassischen Spuren lassen sich in der Rockmusik ausfindig machen, sondern, wie wirken Elemente aus dem Rockgenre in die Avantgardemusik? Letztlich gelingt es Custodis über eine tiefgreifende Beschreibung des Werkes und der Werkzusammenhänge die mannigfaltigen Verflechtungen darzustellen. Hierbei wird deutlich, inwiefern Goebbels – selbst vielleicht am besten als musikalisches Hybrid zu bezeichnen – auf unterschiedlichste musikalische Traditionen zurückgreift und diese überzeugend zusammenführt.
Wie vielfältig der kreative Einfluss sogenannter klassischer Musik auf das Musikschaffen aus Sicht des modernen Liedermachers und Songwriters Sting ist, zeigt das sechste Kapitel. Das von Custodis dargelegte Spannungsfeld bewegt sich hier zwischen der Interpretation von Liedern Prokofjews, Eislers und Dowlands sowie musikalischen Einflüssen Johann Sebastian Bachs. Besonders dem individuellen Schaffensprozess und der Auseinandersetzung mit dem klassischen Material widmet Custodis viel Aufmerksamkeit.

In seinem Schlusskapitel geht Custodis noch einmal eingehend auf die Ausgangsfrage ein und legt ausführlich dar, wie differenziert klassische Musik und populäre Musik gehört werden und welche Hör- und Erlebensspektren von Musik existieren. Die Vielfalt der musikalischen Realitäten liest Custodis als "Konkurrenz um Entscheidungsmacht respektive Deutungshoheit" (S. 254).

Die detailreichen musikalischen Analysen sowie die umfangreichen Hintergrundinformationen werden ergänzt durch zahlreiche Notenbeispiele und farbige Abbildungen. Der Leser kann sich somit ein umfassendes Bild der besprochenen musikalischen und musiksoziologischen Phänomene machen. Die Untersuchung lädt dazu ein, die eigenen Grenzen zu hinterfragen und über den ästhetischen Tellerrand hinaus zu schauen, um festzustellen, dass mit Rockmusik und Klassik keine normative Wertigkeit einhergeht. Gleichzeitig sendet Custodis mit seiner Untersuchung dieser hybriden Phänomene ein Signal an die Musikwissenschaft, konstruierte, überkommene Trennungen endgültig aufzuheben. Diese Forderung bleibt nach der Lektüre der Studie und das Interesse, an beidem verstehend zu partizipieren.


Custodis, Michael: Klassische Musik heute. Eine Spurensuche in der Rockmusik. Bielefeld: transcript Verlag, 2009. 274 S., broschiert, 27,80€. ISBN: 978-3-8376-1249-3



Inhaltsverzeichnis


Vorwort – 7

Diversifikation der Musik – 9

Manowar und das Erbe Richard Wagners – 23

Moment of Glory – The Scorpions und die Berliner Philharmoniker – 61

Film Music in Concert: Metallica mit Michael Kamen – 111

Innovationspotenziale. Heiner Goebbels Surrogate Cities bei Zukunft@BPhil – 157

Sting als Songwriter zwischen Prokofiev, Eisler, Bach und Dowland – 193

Klassische Musik heute – 223

Literatur – 261

Personenverzeichnis – 268

A Moment of Glory? Richard Wagner, Heavy Metal and Film Music – An Investigation

The focus of Michael Custodis' study is how versatile the traces of classical music in popular music styles (rock music respectively) can be. Sound and detailed analyses of a musical and sociological nature go hand-in-hand with a higher-level perspective. This perspective centres on the thesis of diversification of 20th century music and also functions as parenthesis for the investigation of the five case studies. Custodis is able to show that the much-touted end of so called 'classical' music is in no way in sight. The highly diversified use of this music is most notably reflected in the different popular music cultures.


© beim Autor und bei KULT_online