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Weder Metapher noch Theorie – sondern Methode: Netzwerke als ein transdisziplinäres Konzept?

Eine Rezension von Alexander Friedrich

Fangerau, Heiner; Halling, Thorsten (Hg.): Netzwerke. Allgemeine Theorie oder Universalmethaper in den Wissenschaften? Bielefeld: transcript, 2009.

Netzwerkkonzepte finden zunehmend Verwendung in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Fächern. Der Sammelband Netzwerke. Allgemeine Theorie oder Universalmetapher in den Wissenschaften? verspricht nun einen transdisziplinären Überblick über theoretische und metaphorische Verwendungsweisen des prominenten Begriffs. Statt der Frage aber, wie sich verschiedene Netzwerkmetaphern und -theorien zueinander verhalten, verfolgt der Band hauptsächlich ein methodologisches Interesse: wie das Verfahren der formalen Netzwerkanalyse für möglichst viele wissenschaftliche Disziplinen fruchtbar gemacht werden kann. 


Was haben Goethes botanischer Garten, die Berliner Kanalisation und die Blogosphäre mit Fußnoten und Kaufmannsgesellschaften gemeinsam? – Man kann über sie als 'Netzwerke' sprechen. Inwieweit solches Sprechen nun aber metaphorischer oder theoretischer Art ist, das zu klären verspricht der von Heiner Fangerau und Thorsten Halling herausgegebene Sammelband Netzwerke. Allgemeine Theorie oder Universalmetapher in den Wissenschaften?, der laut Klappentext einen "bisher einmaligen transdisziplinären Überblick" zu dem Thema bieten soll.
Ausgehend von Hartmut Böhmes Diktum, dass Netzwerke zu einer "Leitmetapher der Moderne" (S. 7) avanciert sind, stellen die Herausgeber dabei eine "methodische und konzeptionelle Abgrenzung" (S. 7) des prosperierenden, aber terminologisch prekären Begriffs in Aussicht. Zu diesem Zweck präsentiert jeder Beitrag des Bandes je ein spezifisches Konzept von Netzwerken und demonstriert dessen Anwendung dann in einer entsprechenden Fallstudie. Die Beiträge entstammen dabei ganz unterschiedlichen Fachgebieten: So finden sich darunter etwa eine wirtschaftshistorische Studie über das Scheitern des Zepplinverkehrs aufgrund schwacher Akteurs-Netzwerke, eine Analyse der geographischen Entwicklungsmuster städtischer Kanalisationsnetze, eine Abhandlung über die Konsequenzen des Netzwerkmodells für die Bestimmung von Sprachverwandtschaften oder ein Forschungsbericht über die Architektur von Wissensnetzwerken im Internet, die weit weniger vernetzt sind, als oft behauptet.

Insgesamt verfolgt der Band dabei vor allem ein methodologisches Interesse. So zeigt etwa Heiner Fangerau in einer exemplarischen Fallstudie, wie sich das Verfahren der sozialen Netzwerkanalyse auch für historische Fragestellungen gewinnbringend einsetzen lässt. Zur Rekonstruktion intellektueller Netzwerke von Wissenschaftlern schlägt Fangerau eine Übertragung der Zitationsanalysetechnik auf informelle Quellen vor: Eine auf Grundlage von persönlichen oder amtlichen Dokumenten eines Wissenschaftlers erstellte Netzwerktopographie soll die Akteure von "informellen Denkkollektiven" erfassen, die bei einer Konzentration auf klassische Methoden sonst "durch das Analyseraster fallen" (S. 240). Die Kartographierung eines Denkkollektivs kann eine qualitative Analyse konkreter Wissenstransferprozesse zwar nicht ersetzen, wie Fangerau einräumt, aber sie kann vertraute wissenschaftshistorische Narrative ergänzen oder modifizieren. Mehr noch: Über Fangeraus Urteil hinaus könnte sich diese Methode – vor allem in kollaborativen Arbeitszusammenhängen – dazu eignen, auch neue, vielleicht sogar unerwartete Narrative zu eröffnen.

In einer Zusammenfassung der Arbeiten fragen die Herausgeber schließlich nach den terminologischen und typologischen Gemeinsamkeiten der verschiedenen Netzwerkbegriffe sowie nach der Universalität des Netzwerkkonzeptes. Dieses sehen die Herausgeber allenthalben in dem Vorbild graphentheoretischer Modelle, wie sie durch die soziologische Netzwerkanalyse (social network analysis) bekannt wurden. Diese bestimmt Individuen oder andere soziale Entitäten als ‚Knoten’ (vertices) und deren Beziehung zueinander als ‚Kanten’ (edges). Unter dieser Voraussetzung lassen sich Netzwerke geometrisch modellieren, mathematisch beschreiben, methodisch analysieren und deren Elemente nach spezifischen Funktionen differenzieren. Obschon sich nur etwa ein Viertel der in dem Band versammelten Studien einer explizit mathematischen Analyse bestimmter Netzwerke widmet, sehen die Herausgeber in den formalen "Kernbestandteilen" (S. 271) aller Netzwerkkonzepte eine grundsätzlichen Affinität zur Graphentheorie.

Ausgehend von diesem formalen Netzwerkbegriff leiten die Autoren schließlich auch dessen Verhältnis zur Metapher ab: "Je ungenauer die Knoten und Verbindungen dabei identifiziert werden können, desto mehr wird der Netzwerkbegriff zur Metapher mit all ihrem Wert und ihren Eigenheiten" (S. 271). Zwar räumt diese Definition der Metapher einen gewissen ‚Eigenwert’ ein – doch wird dieser nicht weiter benannt. So bleibt sie letztlich eine Definition ex negativo; und als solche nimmt sie aktuelle Debatten zur Theorie der Metapher gar nicht zur Kenntnis. Das dürftige Verständnis der Metapher als eines ‚defizitären Begriffs’ wird allein von Igor J. Polianskis Beitrag über "Das Netzwerk als Natursystem und ästhetische ‚Pathosformel’ der Moderne" durchkreuzt, der die Popularität der Netzmetapher als Ausdruck des Krisenbewusstseins der Moderne interpretiert (S. 14). Wenn auch Polianskis Text auf eine explizite Diskussion des Metaphernbegriffs verzichtet, so weist er doch darauf hin, dass die Attraktion des Netzwerkkonzepts nicht allein auf seinen methodischen oder theoretischen Vorzügen beruht, wie die übrigen Beiträge nahelegen.

Kurzum: In dem Maße, wie der Band das Konzept der Netzwerke graphentheoretisch profiliert, verliert er mit dessen Metaphorizität auch dessen kulturelle Semantik aus dem Blick. Die Antwort auf die Frage des Untertitels "Allgemeine Theorie oder Universalmetapher?" bleibt der Band letztlich schuldig. Denn eine metapherntheoretische Diskussion findet hier ebenso wenig statt wie eine dezidiert netzwerktheoretische. So heißt es abschließend: "Unstrittig ist, dass der Netzwerktopos in vielen Fällen […] zu Unrecht etwa mit umfassenderen Theorie wie der Systemtheorie gleichgesetzt wird" (S. 283, Fehler im Original). "Unstrittig" ist der Sachverhalt aber nur deshalb, weil hier um Recht oder Unrecht einer allgemeinen Netzwerktheorie gar nicht gestritten wird.
Dies ist umso verwunderlicher als Vertreter der network science, wie etwa Albert-Lazlo Barabási oder Duncan J. Watts, ganz entschieden den Anspruch erheben, universale Erklärungen komplexer Phänomene zu entwickeln. Auch schlägt Hartmut Böhme einen durchaus universalistischen Ansatz für eine kulturwissenschaftliche Netzwerktheorie vor. Gehören diese Ansätze nun zu den "vielen Fällen", in denen "zu Unrecht" Anspruch auf eine umfassende Theorie erhoben wird oder gehören sie zu den folglich wenigen Fällen rechtmäßiger Netzwerktheorie – und was wäre überhaupt das Kriterium solcher Rechtmäßigkeit? Darüber erhält der Leser keine Auskunft. Findet man schließlich den in der Einleitung erwähnten "Böhme 2004" (S. 7) erst im Literaturverzeichnis der Schlussbetrachtung und den paradigmatisch angeführten "Latour 2002" (S. 8) überhaupt nirgendwo, so bekundet sich in dem editorischen Missgeschick offenbar auch ein konzeptionelles Problem. Helfen doch die Verweise denjenigen, die den "Überblick" suchen, letztlich kaum weiter, wenn das Verhältnis der fraglichen Netzwerktheorien untereinander ebenso wenig diskutiert wird, wie das Verhältnis von Theorie und Metapher. Zudem nimmt der Band viele relevante philosophische, kulturwissenschaftliche oder mediengeschichtliche Arbeiten zu Netzen und Diagrammen gar nicht zur Kenntnis. Im Interesse einer methodologischen Diskussion mag es zwar legitim sein, all jene Konnotationen auszublenden, die das Netzwerk zu einer ‚kulturellen Leitmetapher’ machen. Dann wäre jedoch eine klare Benennung dieses Interesses – und ein entsprechend zutreffender Titel – wünschenswert gewesen.

Liegt die Stärke dieses Bandes also in der fachübergreifenden methodologischen Diskussion des Netzwerkbegriffs, so ist zugleich die Diskrepanz zwischen dem proklamierten Anspruch seiner Gesamtkonzeption und ihrer faktischen Realisierung eine entscheidende Schwäche. Das Buch verspricht einen transdisziplinären Überblick zu theoretischen und metaphorischen Gebrauchsformen eines wissenschaftlichen Konzeptes. Tatsächlich aber bietet es einen exemplarischen Einblick in spezifische Verwendungsweisen, sowie einen methodologischen Ausblick vor allem auf die Potentiale quantifizierender und visualisierender Analyseverfahren auch in den kulturwissenschaftlichen Fächern. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.


Fangerau, Heiner und Thorsten Halling (Hg.): Netzwerke. Allgemeine Theorie oder Universalmetapher in den Wissenschaften? Ein transdisziplinärer Überblick. Bielefeld: transcript, 2009. 292 S., kartoniert, 27,80 Euro. ISBN: 978-3-89942-980-0


Inhaltsverzeichnis

Eine kurze Einleitung – 7

Kapitel: Netzwerke – Natur oder Kultur?
Igor J. Polianski: Netzwerke – Natur oder Kultur? Das Netzwerk als Natursystem und ästhetische »Pathosformel« der Moderne – 13
Heiner Fangerau, Michael Martin, Robert Lindenberg: Vernetztes Wissen: Kognitive Frames, neuronale Netze und ihre Anwendung im medizinhistorischen Diskurs – 29
Jens Fleischhauer: Netzwerkmodelle in der Historischen Sprachwissenschaft – 49

Kapitel: Vernetzte Räume
Helmut Braun: Zeppeline oder Flugzeuge? Wirtschaftliche Verkehrsnetzwerke als Modell zur Erklärung eines Scheiterns – 71
Margit Schulte Beerbühl, Jörg Vögele: Räumliche Konstruktion und soziale Normen in Handelsnetzwerken des 18. Jahrhunderts – 93
Ulrich Koppitz: Geographische Entwicklungsmuster von Netzwerken der Ver- und Entsorgung – 111

Kapitel: Kommunikation und soziale Beziehungen
Hans-Jürgen Bucher: Das Internet als Netzwerk des Wissens. Zur Dynamik und Qualität von spontanen Wissensordnungen im Web 2.0 – 133
Simone Weyers: Soziale Beziehungen: gesellschaftliche Determinanten und gesundheitliche Konsequenzen – 173

Kapitel: Vernetzte Wissenschaft
Thomas Junker: Ein verborgenes internationales Netzwerk: Der synthetische Darwinismus – 199
Heiner Fangerau: Der Austausch von Wissen und die rekonstruktive Visualisierung formeller und informeller Denkkollektive – 215
Jürgen Rauter: Textvernetzungen und Zitationsnetzwerke – 247

Statt eines Schlusswortes

Thorsten Halling und Heiner Fangerau: Netzwerke – Eine allgemeine Theorie oder die Anwendung einer Universalmetapher in den Wissenschaften? – 267

Neither Metaphor nor Theory, but Method: Networks as a Transdisciplinary Concept?

As a successful paradigm, network metaphors and concepts are used in both science and the humanities. The volume Netzwerke. Allgemeine Theorie oder Universalmetapher in den Wissenschaften? (Networks: General Theory or Universal Metaphor in Sciences and Humanities?) gathers papers dealing with different network concepts, promising to outline a transdisciplinary account of networks. However, it pursues a generalised approach of ‘network analysis’ across several disciplines rather than inquiring into networks as metaphor and theory – or the relationships between them.

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