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Über das diffizile Verhältnis von Literatur und Holocaust: Ein neuer Sammelband zu einem alten Problem

Eine Rezension von Ines Schubert

Bayer, Gerd; Freiburg, Rudolf (Hg.): Literatur und Holocaust. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2009.

Der von Gerd Bayer und Rudolf Freiburg herausgegebene Sammelband widmet sich dem Verhältnis von Literatur und Holocaust, das seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gleichermaßen stark erforscht wie umstritten ist. Die Einleitung des Bandes zeigt eine außerordentliche Qualität, der nicht alle zwölf Beiträge zu den literarischen und kulturellen Repräsentationsformen des Holocaust in der Postmoderne standhalten können. Obwohl einige Beiträge selbst demonstrieren, welche Schwierigkeiten das Verhältnis von Literatur und Holocaust und insbesondere seine Analyse birgt, kommt der Sammelband der Intention seiner Herausgeber nach und bietet eine vielseitige Apologie der Literatur als Mittel zur Darstellung des Holocaust und der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihr. 


'Holocaust'? oder doch besser 'Shoah'?; der Unsagbarkeitstopos auf der einen, das unbedingte Bedürfnis, Zeugnis abzulegen auf der anderen Seite; Erinnerung versus historische Authentizität – diese Aufzählung ließe sich mühelos fortführen. Literatur, die den Anspruch erhebt, den Zivilisationsbruch in einen ästhetischen Darstellungszusammenhang zu bringen, stieß, stößt und wird immer wieder an die Grenzen der Erzählbarkeit des Holocaust stoßen. Um die Möglichkeiten der Forschung, sich dem Verhältnis von Literatur und Holocaust aus wissenschaftlicher Perspektive zu nähern, steht es nicht viel besser. Dieser Aporien waren sich die Herausgeber des 2009 erschienenen Sammelbandes Literatur und Holocaust, Gerd Bayer und Rudolf Freiburg, ganz offensichtlich bewusst.

Entstanden ist ein kulturwissenschaftlich vielfach anschlussfähiger, philologisch breit aufgestellter und zumeist innovative Erkenntnisse vermittelnder Band über die Repräsentationsformen des Holocaust in der Literatur, auf den Bühnen und in den Medien der Postmoderne. Es handelt sich um die Druckfassung der Vorträge, die im Rahmen einer Ringvorlesung des Kollegienhauses der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Wintersemester 2007-08 gehalten wurden. Die zwölf Beiträge bezeugen eindrücklich, welche komplexen Verflechtungen sich zwischen der Geschichte des Holocaust und der Literatur in den letzten nahezu siebzig Jahren entwickelt haben, und welche thematische Mannigfaltigkeit das Verhältnis von Literatur und Holocaust hervorgebracht hat.

So reichen die untersuchten Repräsentationsformen des Holocaust von Zeugenberichten der ersten Generation bis hin zu fiktionalisierten Erzählungen der zweiten und dritten Generation. Die in der deutschen und englischen Literatur inszenierten traumatischen Entwurzelungen der Kinder, die mit den sogenannten Kindertransporten in den Jahren 1938 und 1939 aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach Großbritannien ausreisen konnten, werden ebenso besprochen wie die Berichte und Erzählungen italienischer Jüdinnen und Widerstandskämpferinnen, die den Nationalsozialisten entkamen. Das Spektrum des Sammelbandes umfasst weiterhin die Problematik religiöser Sinngebungsverfahren im Kontext des Holocausts sowie unterschiedliche Aspekte seiner Historisierung und Ästhetisierung.

Die Einleitung Rudolf Freiburgs und Gerd Bayers ist zweifellos das Glanzstück dieses Bandes. Innerhalb der stetig anwachsenden Forschung zur Holocaustliteratur beziehungsweise zum Verhältnis von Literatur und Holocaust findet sich selten eine solch kluge und ausgewogene Einführung in das Thema: Erstens nimmt sie sich ihres Gegenstandes sehr respektvoll an und vermeidet jegliche Tendenzen einer nach 1945 aufkommenden Form des Philosemitismus, der durch ein Schuldgefühl gegenüber den Opfern des Holocaust getragen ist und sich im wissenschaftlichen Kontext oftmals als problematisch erwiesen hat. Zweitens gelingt es Freiburg und Bayer in ihrer Einleitung, die großen Linien der Forschung konzise und fassbar nachzuzeichnen: Erwähnung und Diskussion finden das terminologische Problem, die Vernichtung der europäischen Juden durch ein Bezeichnendes zu evozieren, sowie das berühmte Diktum Theodor W. Adornos, das vielfach verkürzt als Verbot der Kunst nach Auschwitz rezipiert wurde. Auch die erinnerungskulturellen Prozesse, im Rahmen derer das Erfahrungsgedächtnis der Zeitzeugen in ein kulturelles Gedächtnis der Nachwelt überführt wird, und die damit verbundene Aufwertung von Erinnerung und Gedächtnis für die historiographische Beschreibung der Jahre 1933 bis 1945 werden behandelt. Drittens schließlich bietet diese Einleitung einen aufschlussreichen Überblick über die zahllosen Gefahren und Schwierigkeiten, die Literarisierungsstrategien des Holocaust in sich bergen und die in den einzelnen Aufsätzen des Sammelbandes analysiert werden.

Die infolge der Einleitung naturgemäß hohen Erwartungen des Lesers an diese Aufsätze werden bedauerlicherweise nicht immer erfüllt. Neben sehr erhellenden Arbeiten, beispielsweise von Ria Blaicher, Dirk Niefanger und den Herausgebern selbst, finden sich auch solche, deren Erkenntnisgewinn wesentlich begrenzter ist. Die verminderte Qualität der Auseinandersetzung mit den konkreten literarischen Repräsentationsformen des Holocaust belegt das Dilemma, in das sich die Literaturwissenschaft durch die Beschäftigung mit Holocaustliteratur begibt. Wie Bettina Bannasch in ihrem Beitrag konstatiert, wird "Shoahliteratur bis heute – aller diskursiven Geschultheit und allen literaturkritischen Gepflogenheiten zum Trotz, und oftmals auch dem Selbstverständnis der Autorinnen und Autoren zuwiderlaufend – in der Regel nicht als 'Literatur' rezipiert." Dementsprechend weit verbreitet in der Forschung zur Holocaustliteratur ist die Tendenz, fiktionale, weil literarische Texte, zuallererst und hauptsächlich auf ihren faktischen Gehalt zu untersuchen ohne die poietische Qualität der Literatur zu reflektieren. Ebenfalls üblich und auch in diesem Band immer wieder anzutreffen sind Versuche, die eigenen Interpretationen literarischer Texte durch Hintergrundinformationen aus dem Leben der Autorinnen und Autoren zu belegen. Doch inwiefern können die Erörterung der Interviewäußerungen von Robert Menasse oder Informationen zum Unfalltod W.G. Sebalds tatsächlich zu einem besseren Verständnis ihrer literarischen Werke beitragen?

Trotz solcher Mängel hinsichtlich der wissenschaftlichen Bewertung von Holocaustliteratur plädiert der Sammelband Literatur und Holocaust erfolgreich für die Literatur als Mittel der Darstellung des Holocaust und zugleich für die wissenschaftliche Betrachtung dieser Literatur. Noch einmal sei die Einleitung Gerd Bayers und Rudolf Freiburgs lobend erwähnt, die über einige problematische Zugänge zur Holocaustliteratur hinwegtröstet und durch die dieser Sammelband zu einem empfehlenswerten Titel avanciert.


Gerd Bayer, Rudolf Freiburg (Hg.): Literatur und Holocaust. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2009. 279 S., kartoniert, 38,00 EUR. ISBN 978-3-8260-3906-5


Inhaltsverzeichnis

RUDOLF FREIBURG UND GERD BAYER
Einleitung: Literatur und Holocaust (1)

RIA BLAICHER
Das moralische Dilemma der Juden und des Judenrates: Holocaust-Drama zwischen Historizität und Theatralität (39)

HORST FELDMEIER
Das Thema des Holocaust in den Werken W.G Sebalds (59)

CHRISTOPH HOUSWITSCHKA
Die Erfahrung des Kindertransports in der englischen Literatur (77)

GEORG LANGENHORST
Religiöse Deutung der Shoah? Nelly Sachs und Paul Celan (99)

RUDOLF FREIBURG
"Moments that murdered my God and my Soul" Der Theodizee-Diskurs im Spiegel ausgewählter Holocaust-Literatur (111)

TITUS HEYDENREICH
Der Rauch. Nach dem Rauch: Italienische Frauen erzählen und berichten (141)

SIMONE BRODERS
"I must live, or the universe will die": Holocaust und Erinnerung in Adam Thorpes The Rules of Perspective (159)

TANJA RUDTKE
Pikareskes Erzählen im Kontext von Holocaust und Erinnerung: Jonathan Safran Foers Alles ist erleuchtet (175)

DIRK NIEFANGER
"Wie es gewesen sein wird": Opfer und Täter bei Doron Rabinovici (193)

BETTINA BANNASCH
Zum Problem der Vergleichbarkeit in der Shoahliteratur: Robert Menasses Die Vertreibung aus der Hölle (213)

MARTIN MODLINGER
Historical Truth and the Art of Emplotment: Hayden Whites Geschichtskonzeption und Art Spiegelmanns Maus (237)

GERD BAYER
Der Holocaust als Metapher in postmodernen und postkolonialen Romanen (267)

Autorenverzeichnis (291)
Index (293)

The Complicated Relationship between Literature and the Holocaust: A New Anthology Dealing with an Old Problem

The anthology Literatur und Holocaust, edited by Gerd Bayer and Rudolf Freiburg, is concerned with a subject that has been explored in depth since the end of WWII and has proven to be of a rather controversial nature. The introduction is of an extraordinary quality not necessarily matched by the following twelve essays; the difficulties inherent to this relationship and its analysis are evident. Nevertheless, the anthology lives up to the editors’ intentions and provides a versatile treatise on literature as a means of representation of the Holocaust and the scientific discussion of it.



© bei der  Autorin und bei KULT_online