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"The Germany kann me furchtbar leckn!" Radio-Essays gegen die Geister der Vergangenheit

Eine Rezension von Christoph Hilgert

Warner, Ansgar: "Kampf gegen Gespenster". Die Radio-Essays Wolfgang Koeppens und Arno Schmidts im Nachtprogramm des Süddeutschen Rundfunks als kritisches Gedächtnismedium. Bielefeld: Aisthesis, 2007.

Die literaturwissenschaftliche Dissertation Ansgar Warners beleuchtet anhand der vergleichenden Analyse von sechs Radio-Essays einen wichtigen Aspekt der politischen Kultur-, Literatur- und Radiogeschichte der jungen Bundesrepublik: den Kampf der Schriftsteller Arno Schmidt und Wolfgang Koeppen gegen die weiterhin virulenten Traditionslinien des Nationalismus, Faschismus und Militarismus. Warner versteht den Radio-Essay als erinnerungskulturelles Meta-Medium, das maßgeblich zur Ausformung der westdeutschen Erinnerungskultur und zur Demokratisierung der westdeutschen Gesellschaft und politischen Kultur beigetragen habe. Die Arbeit besticht durch die Rekonstruktion des in den Radio-Essays literarisch verdichteten politischen Engagements beider Autoren und die überfällige literaturwissenschaftliche Kartierung dieses Genres, vernachlässigt in der Analyse jedoch die akustische Dimension und die publizistische Bedeutung der Essays. 


"The Germany kann me furchtbar leckn!!..." – Arno Schmidt machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, als er Mitte Dezember 1956 in einem Brief an den Leiter der Radio-Essay-Redaktion des Süddeutschen Rundfunks (SDR), Alfred Andersch, die von der Regierung Adenauer forcierte Wiederbewaffnung und die Gründung der Bundeswehr kommentierte. Kurzzeitig hatte der ebenso eigenwillige wie sendungsbewusste Schriftsteller sogar daran gedacht auszuwandern; aber er blieb und nahm nicht zuletzt durch seine Essays für den SDR weiterhin Stellung zur politischen Entwicklung der jungen Bundesrepublik. Auch Wolfgang Koeppen gehört zu jenen Autoren, die ihr Unbehagen am Zustand der westdeutschen Gesellschaft kunstvoll im Hörfunk zum Ausdruck brachten.

Die 2007 veröffentlichte Dissertation von Ansgar Warner zeichnet nun diese Rundfunkarbeit Schmidts und Koeppens nach. Der vergleichende Blick auf die ungleichen Einzelgänger Schmidt und Koeppen ist nicht neu, jedoch beleuchtet Warners Arbeit nicht nur die literaturgeschichtliche Relevanz der beiden Autoren – die etwas überschwänglich als "wichtigste Stellvertreter der Avantgarde" (S. 65) bezeichnet werden –, sondern auch den Stellenwert des Hörfunks in ihrer Biographie sowie die kulturgeschichtliche Bedeutung des Radio-Essays als literarischer Ausdrucksform und als erinnerungskulturelles "Meta-Medium". Aufgrund der Betrachtung solch unterschiedlicher Dimensionen ist es erstaunlich, dass Warner am Ende darauf verzichtet seine vielfältigen Ergebnisse zu bilanzieren.

Kern der Untersuchung sind drei Fallstudien, in denen Warner jeweils einen zwischen 1955 und 1963 vom SDR ausgestrahlten Essay Koeppens und Schmidts in Beziehung zueinander setzt und die darin enthaltenen Aussagen sowie die literarische Gestaltung vergleicht. Dabei werden die Radio-Essays der beiden Autoren als Ergebnis eines Anpassungsprozesses an die spezifischen medialen Bedingungen des Rundfunks und der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft bzw. als "formale[r] Kompromiss" (S. 64) zwischen den Erfordernissen der literarischen Gattung des Essays und den individuellen stilistischen Vorstellungen verstanden. Dies ist ebenso einleuchtend wie banal. Instruktiver sind die Ergebnisse der Essay-Analysen, die durch ihre Verknüpfung einen erfrischenden Zugang zum zeitkritischen Denken und schriftstellerischen Wirken Koeppens und Schmidts eröffnen. So erhellt Warner, mit welch innerem Furor die beiden Autoren das kulturelle Gedächtnis der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft literarisch sezierten. In beiden untersuchten Essays dient das franquistische Spanien als Chiffre für das eigene Land, in dem die "Geister der Vergangenheit" – Nationalismus, Faschismus und Militarismus – auch nach 1945 schmerzlich präsent blieben.
Die zweite Fallstudie destilliert anhand von Essays über historiografische Schriften des 19. Jahrhunderts Koeppens und Schmidts Vorstellungen über die Beziehung von individueller Erinnerung und kulturellem Gedächtnis heraus. Sie geben zugleich Aufschluss über die diesbezügliche Funktion des Radio-Essays.
Die dritte Fallstudie widmet sich Essays, die als "Vorstöße in die Tabuzonen der Diskussionsgesellschaft der frühen Nachkriegszeit" bzw. als "Übung in Toleranz" (so die Überschrift des Abschnitts) bezeichnet werden. Beide Essays – Koeppens Gedanken über eine Reise durch die Sowjetunion und Schmidts Auslassungen über den im ‚Dritten Reich‘ beliebten Schriftsteller Gustav Frenssen – wurden von der Literaturwissenschaft bislang eher als Fremdkörper im Gesamtwerk der beiden Autoren empfunden; Warner gelingt es hingegen aufzuzeigen, welch eminente Bedeutung beide Radio-Essays für Koeppen und Schmidt auf ihrer Suche nach den Sagbarkeitsgrenzen eines politisch engagierten Schriftstellers in der bundesdeutschen Gesellschaft hatten.

Warner unterstreicht damit zugleich die Notwendigkeit, die Rundfunkarbeit von Schriftstellern in die jeweilige Werkbiographie einzubeziehen. Er kann zeigen, dass sowohl Wolfgang Koeppen als auch Arno Schmidt ihre Radio-Beiträge als Instrument zur Ansprache einer kritisch-intellektuellen wie kulturell-elitären Teilöffentlichkeit verstanden. Beide nutzten das Radio demnach nicht einfach zur Unterhaltung oder Bildung der Hörer, sondern wollten im Sinne einer litérature engagée "dezidiert zur Revision des traditionellen nationalen Wertekanons" (S. 114) und zur "Denazifizierung und Demilitarisierung des nationalen kulturellen Gedächtnisses" (S. 181) beitragen.
Als Sprachwissenschaftler interessiert sich Warner vor allem für die Verknüpfung der dem Essay immanenten ars combinatoria mit der erinnerungskulturell wirksamen ars memorativa (vgl. S. 18). Dem Radio-Essay sei es gelungen, letztlich die Kontingenz des Diskurses selbst kunstvoll zur Schau zu stellen; mithin sei er ein Meta-Medium bzw. gar ein "kritisches Gedächtnismedium" in Assmann’schen Sinn (S. 19-20). Fraglich ist, welche Auswirkungen dies auf die Rezeption der ästhetisch eigenwilligen Essays hatte, da sie ihren Hörern ohnehin viel Konzentration und Kondition abverlangten.
Leider vernachlässigt Warner in seiner Analyse die für Hörfunksendungen naturgemäß besonders wichtige akustische Dimension und bleibt genaue Angaben zur publizistischen Bedeutung der Radio-Essays – also etwa Hörerzahlen und -reaktionen – schuldig. Entsprechend ist die These, dass der Radio-Essay der Nachkriegszeit "in maßgeblicher Weise" Anteil an der "diskursiven Rekonstituierung der nationalen kulturellen Identität" (S. 19) hatte und zur Demokratisierung der westdeutschen Gesellschaft beitrug, mit einem Fragezeichen zu versehen.
Gleichwohl überwiegen am Ende die positiven Eindrücke der Arbeit, die vor allem durch die Rekonstruktion des in den Radio-Essays literarisch verdichteten politischen Engagements beider Autoren und der überfälligen literaturwissenschaftlichen Kartierung dieses Genres besticht.


Ansgar Warner: "Kampf gegen Gespenster". Die Radio-Essays Wolfgang Koeppens und Arno Schmidts im Nachtprogramm des Süddeutschen Rundfunks als kritisches Gedächtnismedium. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2007 (Moderne-Studien; Bd. 3). 190 S., kartoniert, 29,80 EUR. ISBN 978-3-89528-635-3


Inhaltsverzeichnis


Vorwort
Einleitung

1. Medientheoretische Aspekte des Radio-Essays

1.1 Die Debatte über den Essay in der frühen Nachkriegszeit
1.2 Aktuelle Theorieansätze zum Essay

2. Mediengeschichtliche Aspekte des Radio-Essays
2.1 Die Entstehung von Hörspiel, Feature und Radio-Essay
2.2 Radio-Essay und Feature als non-fiktionale Sendeformate im deutschen Nachkriegsrundfunk
2.3 Das Kulturprogramm des SDR im Spannungsfeld ambitionierter Radiokunst und populärer Unterhaltung
2.4 Alfred Andersch und die Radio-Essay-Redaktion des Süddeutschen Rundfunks
2.5 Der Radio-Essay und die spezifische Rolle der Schriftsteller im medialen System der 1950er Jahre

3. Koeppens und Schmidts Radio-Essays im medialen-, Kommunikations- und Werkzusammenhang
3.1 Koeppen und Schmidt im Literaturbetrieb der frühen Nachkriegszeit
3.2 Bedeutung der Massenmedien im werkbiographischen Zusammenhang
3.3 Formale Gestaltung und Produktion der Radio-Essays
3.4 Mediencharakter und Kommunikationszusammenhang der Radio-Essays
3.5 Kommunikationszusammenhang und politischer Charakter der Radio-Essays

4. Vergleichende Analysen ausgewählter Radio-Essays

4.1. Das kulturelle Gedächtnis und die Kontinuität von Faschismus, Militarismus und Nationalismus
4.1.1 »Kampf gegen Gespenster«: Spanien zwischen Bürgerkrieg und Kaltem Krieg in Wolfgang Koeppens Radio-Essay ›Ein Fetzen von der Stierhaut‹ (1955)
4.1.2 Zwischen Allegorese und Ideologiekritik: Arno Schmidts Auseinandersetzung mit Wilhelm Friedrich von Meyerns Bibel der Diktatoren (Radio-Essay ›Dya Na Sore. Blondeste der Bestien‹, 1957)
4.2. Von der Refunktionalisierung des kulturellen Gedächtnisses zur meta-medialen Erinnerungskritik
4.2.1 »Kein vaterländisches Panorama«: Räumliche Inszenierung biographischer Erinnerung in Wolfgang Koeppens Radio-Essay ›Neuer römischer Cicerone‹ (1957)
4.2.2 Die »panoramic novel« als Strategie der subjektiven Gegengeschichtsschreibung. Arno Schmidts Radio-Essay ›Hundert Jahre: Einem Manne zum Gedenken‹ (1959)
4.2.3 Auf dem Weg zum metakommunikativen Gedächtnis
4.3. Eine Übung in Toleranz — Vorstöße in die Tabuzonen der Diskussionsgesellschaft der frühen Nachkriegszeit
4.3.1 »Und die Hölle auf Erden? Ist sie ein geographisch zu erfassender Ort?« Wolfgang Koeppens Radio-Essay ›Herr Polevoi und sein Gast‹ (1957) als Testfall ambivalenter Gegenwartsbeschreibung
4.3.2 »Gott bewahre einen Autor vor solchen Freunden!« Arno Schmidts Auseinandersetzung mit Gustav Frenssen (Radio-Essay ›Ein unerledigter Fall. Zum 100. Geburtstag von Gustav Frenssen‹, 1963)

Literaturverzeichnis

“The Germany kann me furchtbar leckn!”: Radio Essays that Take On the Ghosts of the Past

Ansgar Warner's dissertation thesis throws light on a very special aspect of the political and cultural history of the early Federal Republic of Germany: the struggle of well-known authors Arno Schmidt and Wolfgang Koeppen against the lingering traditions of nationalism, fascism and militarism. Analysing six radio essays, Warner considers this genre to be a ‘meta-medium’ of collective remembrance which had a great deal to do with the shaping of West Germany’s public memory, and which eventually fostered the democratisation of West German society and its political culture. The study convincingly traces the political impulses of both authors and charts the radio essay as a literary genre; it lacks, however, the proper consideration of its ‘soundscape’ and medial relevance.



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