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Rock the City – Geschichte New Orleans alternativ

Eine Rezension von Andreas Huebner

Sublette, Ned: The World that Made New Orleans. From Spanish Silver to Congo Square. Chicago: Lawrence Hill Books, 2008.

Nach
Cuba and Its Music erweitert Ned Sublette in der Monographie The World that Made New Orleans seinen Blickwinkel von Kuba über Saint Domingue und New Orleans auf das subsaharische Afrika und zeichnet ausgehend von der frühen Kolonialisierung Louisianas eine transfergeschichtliche Entwicklung des Rhythmus, Sound und Tanz nach. Basierend auf einem musikwissenschaftlich-historischen Ansatz argumentiert Sublette, dass New Orleans und Louisiana bereits frühzeitig einen genuinen Charakter entfalteten, der durchaus eine "alternative American history all in itself" darstellt (p. 4). Kritisch bemerkt Sublette dabei, dass diese ‚alternative Geschichte‘ auch immer eine Geschichte der Unterdrückung, des Widerstands und der Revolte sei; mit anderen Worten: eine Geschichte der Sklaverei. 


Die Entwicklung der Stadt New Orleans ist für Historiker gleichermaßen bizarr wie anziehend. Nicht zuletzt die Folgen des Hurrikans Katrina scheinen diese Diagnose erneut zu bestätigen. Einerseits zerstörte der Hurrikan Quellenbestände und -sammlungen von unermesslichem Wert, andererseits förderte das Desaster die akademische Neuentdeckung der Stadt. So legte Shannon Lee Dawdy unlängst eine urban-anthropologische Darstellung zum kolonialen New Orleans vor (Building the Devil's Empire, 2008), so erörtert Richard Campanella in Bienville’s Dilemma (2008) dezidiert die Geographie des Raums New Orleans und so lokalisiert Lawrence N. Powell diesen Raum in der Studie The New Orleans of George Washington Cable (2008) historisch. Auch Ned Sublette, Musiker, Historiker und während der Arbeit am vorliegenden Band Forschungsstipendiat des Stone Center for Latin American Studies der Tulane University, New Orleans, muss in der Reihe dieser innovativen Studien genannt werden. Thematisch bearbeitet Sublette in The World that Made New Orleans: From Spanish Silver to Congo Square zwar relativ konventionell die Entwicklung der Stadt New Orleans zwischen 1720 und 1820, methodisch verlässt er aber die disziplinären Grenzen des Historikers, verknüpft die Arbeitsmodi Zeit und Raum und appliziert musikwissenschaftliche Analysekategorien wie Sound, Rhythmus und Tanz.

Sublette’s These, "New Orleans is an alternative American history all in itself" (S. 4), basiert im Wesentlichen auf einem transfergeschichtlichen Ansatz, der zum einen den Mikro-Raum New Orleans, zum anderen den Meso-Raum New Orleans-Havanna-Haiti sowie übergreifend den atlantischen (Makro-)Raum berücksichtigt. Sublette‘s Methodik erinnert dabei stark an Paul Gilroy‘s Entwurf des Black Atlantic (1993) und an die Ansätze des Spatial Turns. Sublette nennt diese Bezugspunkte nicht explizit. Dennoch, seine Verwendung der Kategorie Raum entspricht beispielsweise den Erörterungen von Eric Piltz zum Raumparadigma in den Geschichtswissenschaften: Sublette konkretisiert Raum als Metapher, als Beschreibungskategorie und als Medium (vgl. Piltz in Döring/Thielmann, 22009). Seiner musikwissenschaftlichen Expertise entsprechend entwickelt Sublette diese Form der Argumentation entlang der Analysekategorien Tanz und Musik, die er eng mit der Ausbildung von Sound, Rhythmus, Blues und Funk verknüpft: "I look at music as a key to understanding history" (Cadogan: Interview mit Sublette, 2008).

Fokussiert Sublette den Raum als Metapher, beschreibt er zumeist den Ort New Orleans und kanalisiert die Idee der Stadt als "rockende" Metropole: "They rocked the city with their Congo dances" (S. 311). Fokussiert Sublette den Raum als Beschreibungskategorie, verlegt er sich auf die Rekonstruktion des Sounds und formuliert eine Geschichte dieses Sounds: "We‘ll never know how it sounded, but it appears that both ends of Louisiana’s musical African duality – banjo-playing Senegambia and drumming Kongo – were making music together […] as they had previously done in Saint Domingue" (S. 275). Fokussiert Sublette den Raum als Medium, rückt er die Analysekategorien Tanz und Musik in den Vordergrund: "Whatever the hip black dance of Havana was at the moment, it was likely being danced on the blocks of New Orleans as well, if only by visiting habaneros" (S. 127).

Beginnend mit der frühen französischen und spanischen Kolonialperiode über die Territorial- und Südstaatenphase verfolgt Sublette auf diese Weise die Entwicklung der "Jams at Congo Square" ausblicksartig bis in die Gegenwart der Stadt New Orleans (S. 286). Die Verknüpfung der Kategorien Raum und Zeit kreiert dabei manch neuartige Perspektive: "The distance between rocking the city in 1819 and ‚Good Rockin‘ Tonight‘ was only about a block" (S. 3). Gleichzeitig birgt sie aber auch Gefahren. So argumentiert Sublette teilweise ausweichend und spekulativ. Phrasen, wie die oben zitierten "we’ll never know how […] but it appears" oder "it was likely", sind für seine Argumentation nahezu unabdingbar, deuten jedoch gleichzeitig Sublette’s große Stärke an: die Rückkoppelung der Thesen und Arbeitsmodi an musikwissenschaftliche Analysekategorien wie Sound, Rhythmus und Tanz und deren Ausweitung auf die transfergeschichtliche, transatlantische Perspektive. Dies bedingt den teils unpräzisen Charakter der Studie, erklärt aber auch deren Innovationsgehalt. Nur so lassen sich neue Fragestellungen und innovative Leitthesen generieren: "I don’t know for sure how that drummer got to Congo Square, but my guess would be that he came to the Americas from Kongo, and that he arrived in New Orleans with the Domingans" (S. 280).

Keineswegs beschränkt sich Sublette auf die musikwissenschaftliche Dimension des Transfers, vielmehr gelingt es, die verschiedenen Entwicklungsstufen des Sounds, Rhythmus und Tanzes mit der Konfiguration von Kolonialisierung, Widerstand und Kapital zu verknüpfen. Diese Verknüpfung macht Sublette’s Studie unverzichtbar. De facto schreibt er so tatsächlich eine ‚alternative history’ der Sklaverei: "[…] in black New Orleans there were also drums, and in Louisiana, as elsewhere, they implied revolt" (S. 73).


Sublette, Ned: The World that Made New Orleans. From Spanish Silver to Congo Square. Chicago: Lawrence Hill Books, 2008. 360 S., kartoniert, 17,99 Euro. ISBN: 978-1-556-52730-2


Inhaltsverzeichnis

I The Swamp 1
1 Rock the City 3
2 The Gift of the River 8

II Colonization 17
3 Piety 19
4 Louis, Louis 28
5 Mardi Gras 36
6 The Duke of Arkansas 45
7 The Senegambian Period 56
8 An Ear for Musick 64
9 The Cabildo 81
10 The Kongo Period 106
11 The Eighteenth-Century Tango 116

III Revolution 131
12 Desire 133
13 The Sincerest Attachment 148
14 Dance, Boatman, Dance 161
15 Not Only as a Dance 177
16 Bonaparte’s Retreat 191

IV Purchase 207
17 An Addition to Capital 209
18 The Slave-Breeding Industry 220
19 The French Quarter 240
20 Bargainland 263
21 A Most Extraordinary Noise 271

V Coda 291
22 We Won’t Bow Down 293

VI Acknowledgments 314

VII Notes 319

VIII Bibliography 327

IX Index 343

Rock the City: Rephrasing the History of New Orleans

Having prepared the ground with Cuba and Its Music, Ned Sublette’s new monograph The World that Made New Orleans uses the same musicological approach, here focused on the history of cultural transfers, that is to say, on rhythm, sound and dance, and extended in scope to New Orleans, Saint Domingue and subsaharan Africa. Taking Louisiana’s early colonisation as a starting point, Sublette suggests that New Orleans had already developed a genuine character by the time of its statehood and argues that it tells "an alternative American history all in itself" (p. 4). Critically processing his own argumentation, Sublette emphasizes that to conceptualize this sort of ‘alternative history’ always means to (re-)consider a history of repression, resistance and revolt, too; or, in other words: a history of slavery.


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