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Robinson ist noch lange nicht tot

Eine Rezension von Dr. André Hahn

Bieber, Ada; Greif, Stefan und Helmes, Günter (Hg.): Angeschwemmt Fortgeschrieben. Robinsonaden im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2009.

Der 267 Seiten starke, von den Germanisten Ada Bieber, Stefan Greif und Günter Helmes gemeinsam herausgegebene Sammelband Angeschwemmt – Fortgeschrieben. Robinsonaden im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert besteht aus insgesamt 13 Aufsätzen von nur leicht divergierender Länge. Der Band zeigt in sowohl konziser als auch durchgehend nachvollziehbarer Weise die Omnipräsenz der Robinson-Figur in der heutigen Literatur- und Kulturwissenschaft, wobei die einzelnen Beiträger nicht nur literarische Standardwerke wie beispielsweise William Goldings Lord of the Flies untersuchen, sondern die Analyse teilweise auch auf weitestgehend unbekannte, respektive noch wenig erforschte Romane, Hörbücher und Filme ausweiten.  


Robinson soll nicht sterben! So lautet der Titel eines Theaterstücks von Friedrich Forster aus dem Jahre 1957, mit dem sich einer der Beiträge des vorliegenden Bandes auseinandersetzt. Die im Titel beinhalteten Befürchtungen scheinen auch mehr als 50 Jahre später noch völlig unbegründet. Die impliziten positiven Werte und Wertvorstellungen des 1719 von Daniel Defoe veröffentlichten Romanklassikers haben nach wie vor Bestand. Zwar wurden diese von der zeitgenössischen Literaturwissenschaft ausgiebig hinterfragt und auch ihre Schattenseiten herausgearbeitet, aber trotz alledem erfreut sich Robinson Crusoe einer ungebrochenen Aktualität und Popularität.
Bereits die Lektüre des Inhaltsverzeichnisses des Bandes lässt eines überdeutlich erkennen: Die Figur des Robinson Crusoe und die nach ihm und seinen Abenteuern auf einer einsamen Insel benannte Robinsonade sind in der zeitgenössischen Literatur- und Kulturwissenschaft nach wie vor omnipräsent. Die fiktionale Gegenwart des titelgebenden Protagonisten hat sich auf eine Vielzahl an Erscheinungsformen erweitert und erstreckt sich mittlerweile nicht mehr nur ausschließlich auf die Roman- oder Dramenliteratur, sondern transmedial auf Kinofilme, Fernsehserien, Videoarbeiten oder auch Hörbücher und Hörspiele. Diese Formen werden von den 13 Autoren des Bandes jeweils durch mindestens einen exemplarischen Aufsatz belegt.

In Deutschland ist das Motiv der Robinsonade eng mit der Geschichte und Entwicklung der Jugendliteratur verknüpft und blickt auf eine lange Tradition zurück, wobei erwähnt werden muss, dass gerade die Kinder- und Jugendeditionen – egal ob in Buch- oder Hörspielform – oftmals starke Kürzungen erfahren haben, um das Abenteuerliche der Geschichte auf Kosten der moralischen und kulturhistorischen Aspekte in den Vordergrund zu rücken. Auf den pädagogischen Aspekt der Geschichte musste deswegen aber keinesfalls notgedrungen verzichtet werden.
Die Beiträgerin Jana Mikota setzt sich in ihrem Aufsatz "Die Kinder auf der InselInsel-PuDas Eismeer ruft: Die Robinsonade in der Kinder- und Jugendliteratur des Exils" anhand dreier Romane konzis und aufschlussreich mit dem Robinson-Thema in der Jugendliteratur im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auseinander. Sie verknüpft dies mit der Exil-Problematik, die vor und während des Nationalsozialismus‘ in Europa besondere Signifikanz besaß. In allen drei ausgewählten Werken handelt es sich bei dem Gestrandeten nicht um eine einzelne Person, sondern um eine ganze (Kinder-)Gruppe, womit laut Mikota die Vorstellung einhergeht, dass mit den Kindern die Hoffnungsträger einer neuen, besseren Zukunft heranwachsen. Die drei untersuchten Autoren nutzen die Isolation der Insel, um mit den Kindern als Sprachrohr bestehende Gesellschaftsformen zu diskutieren, um zum Nachdenken über moralische Fragen anzuregen und Alternativen zur nationalsozialistischen Gesellschaft anzubieten (S. 37). Vom inhaltlichen Aufbau her unterscheidet sich beispielsweise der Roman Die Kinder auf der Insel von Lisa Tetzner nicht wesentlich von Defoes Original, da auch hier zunächst die Insel erkundet, Nahrung gesucht und eine Übernachtungsmöglichkeit gebaut wird. Gegensätzlich und daher besonders auffällig ist allerdings die Gleichstellung aller Kinder auf der Insel. Obwohl sie aus verschiedenen Gesellschaftsschichten stammen, genießt niemand Privilegien oder erfährt deswegen Nachteile. Tetzner erschafft auf der Insel somit eine klassenlose Gesellschaft (S. 39), was im klaren Gegensatz zum Herren-Diener-Verhältnis von Robinson Crusoe und Freitag steht. Hierdurch wird der zuvor erwähnte pädagogische Aspekt noch einmal exemplarisch herausgestellt.

In ihren Schlussworten bezeichnet die Beiträgerin den Roman Tetzners sowie das ebenfalls von ihr besprochene Insel-Pu (1947) von Mira Lobe als Vorläufer zu der wohl bekanntesten (Kinder-)Robinsonade Lord of the Flies von William Golding aus dem Jahre 1953. Folgerichtig liegt auf diesem Roman auch der Fokus des anschließenden Beitrags von Tina Deist. Goldings Werk lässt sich allerdings nicht nur als Robinsonade, sondern gleichzeitig auch als Utopie, Dystopie, Allegorie oder christliche Parabel bezeichnen. Eine definitive Einordnung ist aufgrund der Transgressivität des Romans unmöglich. Die Insel ist hier zwar ebenfalls Schauplatz der Abenteuer einer gestrandeten Pfadfindergruppe, doch haben deren Handlungen primär symbolischen Charakter und provozieren grundsätzliche kulturelle, politische und philosophische Fragen nach der Natur des Menschen oder der Legitimation von Autorität im gesellschaftlichen Zusammenleben (S. 57). Wichtiger und hochinteressanter Punkt des Beitrages ist die Frage nach dem so genannten "Beast within", also dem menschlichen Inneren, das den Ausbruch des Kulturzustandes unter vormals gut erzogenen und kultivierten Jugendlichen der englischen "Upperclass" auslöst (S. 60) und diese evolutionär degenerieren lässt. Das in einem jeden schlummernde "Beast within", das mit Waffen nicht bekämpft werden kann, wird in einem sinnlosen Unterfangen externalisiert und auf andere (vermeintlich schwächere) Kinder projiziert, die dann mit ihrem Leben dafür bezahlen müssen. Zu der Einsicht, dass der Mensch dem Menschen selbst ein Wolf ist, gelangt im Roman nur die Figur des Simon und auch dieser kann seinem Schicksal nicht entgehen.
Wie Deist herausarbeitet, wird der Mensch an sich in Lord of the Flies aufgrund seiner dort im Verlauf der Handlung immer stärker präferierten Maxime vom sozialdarwinistischen "Recht des Stärkeren" als egoistisch und unsozial gekennzeichnet. Mit Bezug auf die berühmte staatstheoretische Schrift Leviathan von Thomas Hobbes (1651) stellt die Beiträgerin dabei nachvollziehbar dar, dass es per se weder das Gute noch das Böse im Menschen gibt, sondern diese Zuschreibungen erst durch ein künstliches Gesellschaftssystem, wie es die Jungen auf der Insel errichten, konstruiert und konventionalisiert werden (S. 67).

Die beiden zuvor besprochenen Beiträge stehen hier stellvertretend für den ganzen Band, demonstrieren sie doch anschaulich sowohl die augenscheinliche fachliche Kompetenz der Autoren als auch die gelungene Vermittlung ihrer Thesen und das sogar dann, wenn der betreffende Leser bzw. Zuschauer das jeweils besprochene Buch nicht gelesen bzw. den jeweiligen Film nicht gesehen hat. Gerade das Behandeln von Werken, wie die der breiten Majorität wohl eher unbekannte Videoarbeit Vexation Island machen in der Kombination mit Mainstream-Werken wie der Fernsehserie Lost und zum Kanon der Literaturwissenschaft gehörenden Werken wie eben Lord of the Flies einen ganz besonderen Reiz aus, weswegen als Fazit hier eine klare Kaufempfehlung ausgesprochen werden kann. Robinson ist noch lange nicht tot.


Bieber, Ada; Greif, Stefan und Helmes, Günter (Hg.): Angeschwemmt Fortgeschrieben. Robinsonaden im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2009. 267 S. broschiert, 29,80 €. ISBN: 978-3-8260-3261-5


Inhaltsverzeichnis


Vorwort 7

Günter Helmes
"Die neue Robinsonade, eine technische; die einfache Wildnis, eine zerstörte Stadt". Berthold Brechts und Arnold Bronnens Filmfabel Robinsonade auf Assuncion 9

Jana Mikota
Die Kinder auf der Insel
Insel-PuDas Eismeer ruft: Die Robinsonade in der Kinder- und Jugendliteratur des Exils 36

Tina Deist
Homo Homini Lupus. Zur Markierung von Intertextualität in William Goldings Gruppenrobinsonade Lord of the Flies 55

Stefan Greif, Günter Helmes
"Du Freitag, ich Herr. Wir Freunde." Luis Buñuels filmische Auseinandersetzung mit Daniel Defoes Robinson Crusoe 75

Walter Löser
"Gefangene sollten nicht aus dem Fenster schauen." Eine Betrachtung zu Robinson soll nicht sterben nach 50 Jahren 107

Pascal Delhom
Michel Tourniers Freitag oder das verlorene Lächeln Robinsons 119

Matthias Bauer
Robinson muss sterben. Jack Golds Man Friday (1975) als Ideologiekritik kolonialistischer Denk- und Verhaltensmuster 139

Ada Bieber, Christina Korge-Korff, Kristiane Meves
Die Wahrnehmung des Fremden und deren Wandel. Crusoe (1987) von Caleb Deschanel 155

Stefan Greif
"Ich bin keine Geschichte, Mr. Foe." Weibliche Identität, ästhetische Existenz und koloniales Schweigen in J.M. Coetzees Roman Mr. Cruso, Mrs. Barton & Mr. Foe 178

Ada Bieber
Vexation Island – eine Robinsonade jenseits des Kinos 192

Werner Reinhart
Der amerikanische Robinson an der Schwelle zum 21. Jahrhundert: Anthropologische Spekulation und nationale Selbstdefinition in der Hollywood-Robinsonade Cast Away 209

Waltraud ›Wara‹ Wende
Robinson im Ohr oder: Bücher, die von sich hören lassen 228

Susanne Marshall
Lost in Lost – die Robinsonade im amerikanischen Quality-TV 253

Autoren und Autorinnen 267

Crusoe Lives On

The 267 page-anthology Angeschwemmt-Fortgeschrieben – Robinsonaden im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert (Washed Ashore – Updated – Robinson Crusoe Themes in the 20th and early 21st century) edited by Ada Bieber, Stefan Greif and Günter Helmes contains thirteen articles. In a manner as concise as it is comprehensible, the book shows the continued omnipresence of the Robinson figure in today’s literary and cultural studies. Contributors analyse canonic literary works – such as William Golding’s Lord of the Flies – but also relatively unknown and rarely reviewed novels, audio books and films.


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