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Repräsentation oder Performanz des Heiligen?

Eine Rezension von Dania Schüürmann (Heidelberg)

Kasten, Ingrid; Fischer-Lichte, Erika (Hg.): Transformationen des Religiösen: Performativität und Textualität im geistlichen Spiel. Berlin, New York: de Gruyter, 2007.

Die zentrale Frage des Sammelbandes, herausgegeben von Ingrid Kasten und Erika Fischer-Lichte, ist es, wie das mittelalterliche geistliche Spiel mittels der Begriffe von Performativität und Textualität interpretiert werden kann; dieses Begriffspaar wird als befähigend für das Verständnis einer ästhetischen Transformation des Religiösen gedacht. Das Konzept der Performativität wie auch diejenigen der Präsenz und Ritualität sind vor allem als post-dramatische Annäherung an zeitgenössische Formen des Theaters bekannt. Die meisten der hier vorgestellten Artikel beweisen aber, dass eine Reflexion mittels solcher Begriffe besonders fruchtbar ist für den Kontext der mittelalterlichen kulturellen Ausdrucksformen – mehr noch als für das zeitgenössische Theater. Im Fokus der Debatte steht das deutschsprachige geistliche Spiel. 


Wie ist das Heilige darstellbar und/oder erfahrbar? In der (christlichen) Religion wesentlich in Personifikationen gefasst, bleibt es doch letztlich unverfügbar. Das geistliche Spiel des Mittelalters ist in seiner ästhetischen Ausprägung durch dieses Spannungsfeld konstituiert. Der aus einer interdisziplinären Tagung hervorgegangene Sammelband Transformationen des Religiösen. Performativität und Textualität im geistlichen Spiel widmet sich den in die wissenschaftliche Mode gekommenen Begriffen wie der Performativität und dem Ritualtheater bzw. dem Ritual in Bezug auf das Theater. Wie tragen Performativitäts- sowie Ritualbegriff zum Verständnis des geistlichen Spiels bei?

Der Beitrag von Erika Fischer-Lichte ist insofern von struktureller Bedeutung, als er eine Übersichtsdarstellung der in der Forschung rekurrenten Fragen und Ansätze leistet. Erst nach 1974, ausgehend von der bahnbrechenden Studie Rainer Warnings Funktion und Struktur. Die Ambivalenzen des geistlichen Spiels, sind die mythischen und rituellen Uneindeutigkeiten des geistlichen Spiels thematisiert worden. Die Frage, ob das geistliche Spiel nun Theater oder Kult sei, wird heute zunehmend diskutiert. Hiermit hängt letztlich die Frage nach einer Definition des Theaters – wie des Rituals – zusammen. Schnell werden Ungereimtheiten sichtbar. Ist das Theater von einer klar etablierten Unterscheidung der Beteiligten in Zuschauer und Darsteller gekennzeichnet? Bedeutet das Ritual unbedingt Partizipation aller, einer communitas? Theater und Kult bzw. Ritual sind als Phänomene allesamt 'transformative Performanzen', eine Verwandtschaft, die für die Kirche auch immer Unbehagen bedeutet hat. Fischer-Lichte sieht den Verweis auf den jeweiligen zeitgeschichtlichen Diskurs der Differenzierung von Theater und religiösen Ausdrucksformen als bedeutsam an. Im vorliegenden Fall ist das städtische Fest des Mittelalters in seiner Dialektik von Liminalität/Periodizität sowie Regelhaftigkeit/Transgression für das Verständnis der in diesem Zusammenhang stattfindenden geistlichen Spiele unabdingbar. Das Oszillieren des geistlichen Spiels zwischen theatralischen und rituellen Momenten ist den Ambivalenzen des Festes geschuldet. Fischer-Lichte bricht also eine Lanze für zeitgeschichtliches Verstehen und Kontextualisierung. Hiermit weist sie zugleich auf ein eminentes Problem der Beschäftigung mit zeitgenössischen Performances: die fehlende Distanz zur eigenen Geschichtlichkeit. Dies scheint im letzten und einzigen Beitrag zu zeitgenössischem Theater mit religiös-rituellen Anleihen auf, der vage bleibt und sich jeglicher Analyse und ästhetischen Urteils enthält.

Es folgen unter dem Kapitel "Das geistliche Spiel als cultural performance" sehr unterschiedlich fokussierte Beiträge: Eckehard Simon widmet sich, materialorientiert, der Kategorie der geistlichen Fastnachtspiele, Jutta Eming dagegen stellt vielmehr die Formkategorie der Redundanz, oder auch Simultaneität und Verdoppelung, in den Fokus ihres Interesses. Auch Glenn Ehrstine und Werner Röcke orientieren ihre Analysen der geistlichen Spiele an theoretisch gefassten Konzepten, der Erstere an der formalen Kategorie der Präsenzverwaltung, Letzterer an der inhaltlichen Kategorie des Bösen. Eine dem Material gerecht werdende Betrachtung ist idealiter eine materialorientierte und zeitgeschichtlich kontextualisierte Analyse, in der mit inhaltlich und formell konstituierten Kategorien vorgegangen wird. Dieser kommt Jutta Eming am nächsten; dabei versucht sie gar eine Antwort auf die wohl schwierigste Frage, nämlich die nach der Darstellbarkeit des Heiligen: "Die simultane Szenenanordnung des geistlichen Spiels macht damit in einer dialektischen Bewegung, die für Probleme der Darstellung des Religiösen charakteristisch ist, die Unverfügbarkeit des Heilsgeschehens gerade dadurch transparent, dass es durch die Auffächerung seiner unterschiedlichen Dimensionen ostentativ verfügbar wird." (S. 57) So zeigt sie anhand einiger ausgewählter Passionsspiele, dass die Simultaneität und Verdoppelung gerade am Höhepunkt der Erzählung, nämlich der Gefangennahme Jesu, retardierend-redundant eingesetzt wird, begründet durch die für den religiösen Menschen letztlich ausdruckslos oder unverfügbar bleibende Charakteristik des Heiligen. Indem Eming überdies den zeitgeschichtlichen Kontext einbezieht, entsteht eine Komplexität der Analyse, die dem Objekt nahe kommt. Ähnliche Antworten zur Darstellbarkeit des Heiligen findet auch Elke Koch in ihrem Beitrag im letzten Kapitel "Transformationen des Religiösen – Inszenierungen des Heiligen".

Wie auch einige Beiträge des zweiten Kapitels "Performativität und Textualität" zeigen, sind immer wieder neue Zugänge zum geistlichen Spiel des Mittelalters möglich. Das bisher vornehmlich in zeitgenössischen modernen Kontexten aufgekommene Konzept der Performativität zeigt sich durchaus als befähigend für die Neuerschließung der Eigenart des religiösen Theaters. Mit Christian Kiening ist eine Begriffsannäherung gelungen: "Das könnte heißen: Präsenz nicht sosehr als Gegenbegriff zu Repräsentation zu verstehen, sondern im Spannungsfeld von Transzendenz und Immanenz zu verorten; Memoria nicht sosehr im Rahmen von prekärer Identitätsbildung und multimedialer Archivierung zu sehen, sondern als Basis historisch-überhistorischer Zeitenräume, die Vergangenes im Gegenwärtigen anwesend machen und auf dieses übertragen; Performativität nicht sosehr als Ausprägung einer mit statischen Modellen von Zeichen und Sprache, Kunst, Werk und Aufführung brechenden Ästhetik zu nehmen, sondern als Grundelement einer auf Vollzug, Prozessualität und Gemeinschaftlichkeit ruhenden kommunikativen Praxis." (S. 140) So sind die Begriffe der Textualität und Performativität stets am Material auszurichten und entsprechend auszutarieren.

Der hier besprochene Sammelband ist als Widerspiegelung der aktuellen Forschungsinteressen am geistlichen Spiel geglückt. Leider ausschließlich auf den deutschen Sprachraum beschränkt, gelingt es ihm in einigen Beiträgen, die Komplexität der geistlichen Spiele als Denkmaterial zu beleuchten und neue Ansätze für die Theaterforschung und die Frage nach der Darstellbarkeit und Erfahrung des Heiligen zu skizzieren.


Kasten, Ingrid; Erika Fischer-Lichte (Hg.): Transformationen des Religiösen. Performativität und Textualität im geistlichen Spiel. Berlin: de Gruyter, 2007. 287 S., gebunden, 98 Euro. ISBN: 978-3-11-019340-4


Inhaltsverzeichnis


INGRID KASTEN
Transformationen des Religiösen. Performativität und Textualität im geistlichen Spiel…VII

I. Das geistliche Spiel als cultural performance


ERIKA FISCHER-LICHTE
Theater und Fest – Anmerkungen zum Verhältnis der Theatralität und Ritualität in den geistlichen Spielen des Mittelalters…3

ECKEHARD SIMON
Geistliche Fastnachtspiele. Zum Grenzbereich zwischen geistlichem und weltlichem Spiel…18

JUTTA EMING
Simultaneität und Verdoppelung. Motivationsstrukturen im geistlichen Spiel…46

GLENN EHRSTINE
Präsenzverwaltung: Die Regulierung des Spielrahmens durch den Proklamator und andere expositores ludi…63

WERNER RÖCKE
Maria Magdalena und Judas Ischarioth. Das Alsfelder Passionsspiel und die Erlauer Spiele als Experimentierfelder des Bösen und soziokultureller Standards im Spätmittelalter…80

II. Performativität und Textualität

M.A. KATRITZKY
Text and Performance: Medieval Religious Stage Quacks and the Commedia dell’Arte…99

JODY ENDERS
The Devil in the Flesh of Theater…127

CHRISTIAN KIENING
Präsenz – Memoria – Performativität. Überlegungen im Blick auf das Innsbrucker Fronleichnamsspiel…139

CORNELIA HERBERICHS
Lektüren des Performativen. Zur Medialität geistlicher Spiele des Mittelalters…169

III. Transformationen des Religiösen – Inszenierungen des Heiligen


ANDREAS KOTTE
Vom Verstummen der Texte angesichts des Wunders. Wirkungsstrategien im geistlichen Spiel...189

ELKE KOCH
Inszenierungen des Heiligen. Spielspezifische Strategien am Beispiel hessischer Passionsspiele…201

KLAUS KRÜGER
Bild und Bühne. Dispositive des imaginären Blicks…218

CLEMENS RISI
Erfahrung des Heiligen in der Oper? Zur religiösen Dimension der Affektdarstellung und -übertragung im Musiktheater des frühen 17. Jahrhunderts…249

JENS ROSELT
Transformationen des Religiösen im zeitgenössischen Theater…264

Register
Namen, Orte, Werke
Sachen

Representation or Performance of the Sacred? Aesthetical Considerations of the Religious Play

In this collection edited by Ingrid Kasten and Erika Fischer-Lichte, the central question is how the medieval religious play can be interpreted in terms of performativity and textuality, two terms thought to facilitate an understanding of the aesthetical transformation of the religious. Focus of the debate is the German religious play. The concepts of performativity and also those of presence and rituality are mostly known as part of a post-dramatist approach to contemporary forms of theatre. Many of these essays prove, however, that such an approach is especially fruitful in the context of medieval cultural forms of expression – even more so than for contemporary theatre.


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