Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Navigation

Artikelaktionen

Nach der Diktatur: Der politische verordnete ›Blick zurück nach vorn‹

Eine Rezension von Felix Münch

Fritz, Regina; Sachse, Carola und Edgar Wolfrum (Hg.): Nationen und ihre Selbstbilder. Postdiktatorische Gesellschaften in Europa. Göttingen: Wallstein, 2007.

Die Beiträge des Sammelbandes Nationen und ihre Selbstbilder fokussieren auf die höchst unterschiedlichen Entwicklungen des historischen Selbstverständnisses europäischer Gesellschaften seit deren staatlicher Neugründungsphase nach Krieg oder Systemtransformation. Neben hauptsächlich historiographischen Deutungsmustern finden auch kultur-, sozial-, literatur- und sprachwissenschaftliche Ansätze ihren Niederschlag. Dabei werden vor allem Kämpfe um die Deutungshoheit über historische Ereignisse thematisiert, was die Beiträge des Bandes miteinander verbindet und dadurch Gemeinsamkeiten und Unterschiede im wiedervereinten Europa aufzeigt. 


"Stürzende Denkmäler bebildern unsere Erinnerung an die Momente, in denen ‚Geschichte gemacht‘ wird." (S. 7) Mit dem ersten Satz der Einleitung von Carola Sachse und Edgar Wolfrum rufen uns die beiden Mitherausgeber Bilder ins Gedächtnis, die wir alle kennen: die gefallenen Lenin- und Stalinfiguren oder die von deren Statthaltern in Mittel- und Osteuropa nach der politischen Wende 1989, der Sturz des Saddam-Hussein-Standbildes in Bagdad am 9. April 2003 oder zuletzt die kontroverse Verlegung des "Bronzenen Soldaten" im estnischen Tallinn am 27. April 2007. Der Fall von Ikonen des überkommenen Ancien Régime ist immer ein Akt des sinnbildlichen Neuanfangs, ein vom wütenden Mob, der überlegenen Siegermacht oder spätestens der dann zumeist demokratisch legitimierten Regierung begangener symbolischer Mord an den alten Tyrannen und deren Regime. Diese Momente bilden die Ausgangspunkte der im vorliegenden Band vereinten Analysen, welche durchgängig ein hohes wissenschaftliches Niveau erreichen.

Die insgesamt 15 Beiträge zum Sammelband, teilweise aktuelle Pionierarbeiten, beleuchten die (Re-)Formulierungen und (Re-)Formatierungen nationaler Selbstbilder posttotalitärer bzw. postdiktatorischer Staaten. Teilbereich I bezieht sich dabei auf Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg und Holocaust, Teilbereich II auf die kommunistischen Diktaturen östlich des Eisernen Vorhangs. Abschließend werden nationale Konstruktionselemente in den Bereichen Jugend, Familie, Sprache und Literatur verortet und untersucht (Teilbereich III). Die Beiträge beschäftigen sich zu einem Großteil mit den postdiktatorischen Gesellschaften Mittel- und Osteuropas: So befassen sich nicht weniger als drei Artikel allein mit Polen, während Rumänien und Tschechien jeweils in zwei Beiträgen thematisiert werden. Dies stellt einerseits eine nützliche Fokussierung dar, andererseits schränkt es allerdings die geographische Weitläufigkeit des Bandes ein. Die fehlende Breite wird beispielsweise an dem Umstand deutlich, dass sich keiner der Beiträge mit der größten und mächtigsten postdiktatorischen Gesellschaft Europas beschäftigt – der Russländischen Föderation als Rechtsnachfolgerin der Sowjetunion. Die beiden Beiträge über die ehemaligen Sowjetrepubliken Lettland und Belarus können das nur sehr bedingt auffangen. Auf der Tagung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien im Mai 2006, welche dem Sammelband zugrunde liegt, war Russland zumindest noch erwartungsgemäß thematisiert worden – leider ohne den Weg in den Sammelband zu finden.

In den ersten beiden Aufsätzen im Teilbereich I des Sammelbandes befassen sich Katrin Hammerstein mit dem "Nationalsozialismus in den Gründungsmythen der DDR, Österreichs und der Bundesrepublik Deutschland" sowie Heidemarie Uhl mit Denkmälern in Österreich seit 1945. Die beiden Beiträge zum deutschsprachigen Raum verstehen es ausgezeichnet, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Selbstbildern der Bundesrepublik Deutschland als "Land der Täter", Österreichs als "Land der Opfer" und der DDR als "Land der Widerstandskämpfer" (S. 40) bzw. die Spezifika der österreichischen Erinnerung und deren allmähliche Transformation herauszuarbeiten. Die darauf folgenden Beiträge thematisieren die Aspekte eines weit verbreiteten Opferbildes, aber auch den aufkommenden Umgang bzw. Nicht-Umgang mit der partiellen Mittäterschaft der späteren Warschauer-Pakt-Staaten und deren Bevölkerung an den Gräuel von Holocaust und Zweitem Weltkrieg in Tschechien, Polen und Ungarn. Petru Weber analysiert zum Abschluss des ersten Teilbereiches in einem äußerst innovativen Artikel den "einheimischen Holocaust" (S. 150) in Rumänien und damit die weitgehend unbekannten Verbrechen an rumänischen und ukrainischen Juden, welche an Deutschland ausgeliefert oder nach Transnistrien deportiert wurden.

Im zweiten Teilbereich beschäftigen sich die vier Beiträge mit dem ehemaligen kommunistischen Machtbereich und beleuchten die Erinnerung an den Prager Frühling und die Samtene Revolution in Tschechien, Theoreme von kollektiver Unschuld in Rumänien, lettischer Nationskonstruktion und belarussischer Symbolpolitik. Dabei wird in allen Fällen deutlich, dass die ehemalige realsozialistische Durchdringung noch wie ein Alp auf den Gedächtnissen der heute unabhängigen Staaten lastet. Im Fall von Belarus besitzt die alte Ordnung in modifizierter Form weiterhin offizielle Gültigkeit (vgl. S. 248 f.); in Bezug auf Lettland ist sie ausschlaggebend für permanente innergesellschaftliche Spannungen durch die große russophonen Minderheit (vgl. S. 214 ff.), was in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken ein heikles Thema darstellt.

Teilbereich III des Bandes geht auf einzelne Konstruktionselemente nationaler Selbstbilder ein, wobei insbesondere die Situation in Polen nach 1989 bedacht wird. In diesem Kontext beschreibt Valeska Henze das polnische Jugendbild, in dem, Henze zufolge, Jugend als Verkörperung eines Neuanfangs dient und damit "zum revolutionären Prinzip" (S. 255) einer besseren Zukunft erhöht wird. Katharina Blumberg-Stankiewicz thematisiert das konservative Familienbild ebendort, welches besonders durch die rechtsradikale Partei LPR propagiert und als nationalistischer Kitt zur Festigung der staatlichen Einheit missbraucht wird.

Gemeinsame Elemente aller Beiträge sind die entrepreneurs de mémoire (Maurice Halbwachs), also die sogenannten Erinnerungsunternehmer wie Parteien, Politiker und mächtige gesellschaftliche Gruppen, welche die Orientierungsbedürfnisse der Bürger im Sinne ihrer Ideologie befriedigen und auf ein homogenes, nationales Geschichtsbild hinarbeiten. Dabei wird zumeist die jüngere Vergangenheit ausgeklammert und auf historisch distantere Ereignisse zurückgegriffen, um das Staatsvolk zu einen und aus einer gemeinsamen Vergangenheit heraus in eine verheißungsvolle Zukunft zu führen. Die überwiegende Zahl der in den Sammelband aufgenommenen Artikel analysieren diese Bausteine nationaler Außenwirkung und innergesellschaftlicher Konsolidierung auf historisch fundierte, nachvollziehbare und kohärente Art und Weise und machen damit beste Werbung für eine fachwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Themenkomplex inmitten des "Erinnerungs-Booms".


Fritz, Regina; Carola Sachse und Edgar Wolfrum (Hg.): Nationen und ihre Selbstbilder. Postdiktatorische Gesellschaften in Europa. Göttingen: Wallstein, 2007. 367 S., broschiert, EUR 32. ISBN: 978-3-8353-0212-9



Inhaltsverzeichnis


Carola Sachse und Edgar Wolfrum

Stürzende Denkmäler. Nationale Selbstbilder postdiktatorischer Gesellschaften in Europa ­ - Einleitung 7

I. Postdiktatorische Überblendungen 1: Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Holocaust

Katrin Hammerstein
Schuldige Opfer? Der Nationalsozialismus in den Gründungsmythen der DDR, Österreichs und der Bundesrepublik Deutschland 39

Heidemarie Uhl
Denkmäler als Medien gesellschaftlicher Erinnerung. Die Denkmallandschaft der Zweiten Republik und die Transformationen des österreichischen Gedächtnisses 62

Hildegard Schmoller

Der Gedächtnisort »Münchner Abkommen« als Manifestation tschechischer Selbstbildnisse 90

Laura Hölzlwimmer

60 Jahre Erinnerung an den Krieg und Krieg um die Erinnerung: Das Beispiel Polen 108

Regina Fritz
Gespaltene Erinnerung. Museale Darstellungen des Holocaust in Ungarn 129

Petru Weber

Die Wahrnehmung des »Domestic Holocaust« im Rumänien der Nachkriegsjahre 150

II. Postdiktatorische Überblendungen 2: Kommunistische Diktaturen in Europa nach 1945

Birgit Hofmann

»Prager Frühling« und »Samtene Revolution«: Narrative des Realsozialismus in der tschechischen nationalen Identitätskonstruktion 171

Julie Trappe

Kollektive Unschuld und die Rückkehr nach Europa. Rumäniens Umgang mit dem Unrecht der kommunistischen Vergangenheit 193

Katja Wezel

Nationskonstruktion und Abgrenzung. Lettland nach dem Ende der Sowjetherrschaft 211

Imke Hansen

Belarussische Identitäts- und Geschichtskonstruktionen im öffentlichen Raum 233

III. Nationale Konstruktionselemente: »Jugend« und »Familie«, Sprache und Literatur


Valeska Henze
Jugendbilder und politische Transformation in Polen 255

Katharina Blumberg-Stankiewicz
Rechtsradikale (Re-)Formulierungen eines nationalen Selbstbildes in Polen: Die Liga der Polnischen Familien und ihre Propagierung einer historisch »wahren« Kernidentität 280

Ian Innerhofer

Nationale Selbstbilder und die Diskussion um die Sprachbezeichnung in Bosnien-Herzegowina nach dem Zerfall Jugoslawiens 306

Ansgar Warner

Zweimal Spanien? Die Konstruktion nationaler Identität und die Erinnerung an den Bürgerkrieg 328

Gabriele Kämper

Der Gender Appeal ­ Rhetoriken kollektiver Selbstermächtigung in nationalen Diskursen 342

Danksagung 363
Autorinnen und Autoren 364

After Dictatorship: The Politics of History and a "Hindsight for the Future"

The essay collection Nationen und ihre Selbstbilder (Nations and Their Self-Images) focuses on the highly varied formation in Europe of national identities and historical self-conceptions following post-war redevelopment and system transformation. Beside mainly historiographic frameworks, approaches from cultural and social sciences, linguistics and literature find their way into the book, as well. In particular, arguments about the predominance of interpretation over historical events are considered – a theme which connects all contributions and thereby shows similarities and differences in reunited Europe.


© beim Autor und bei KULT_online