Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Navigation

Artikelaktionen

Kühe, Käse, Kultur: Identität in den italienischen Alpen

Eine Rezension von Martina Kopf

Grasseni, Cristina: Devoloping Skill, Developing Vision. Practices of Locality at the Foot of the Alps. Oxford/New York: Berghahn Books, 2009.

Die Studie der Anthropologin Cristina Grasseni behandelt den Zusammenhang von Ort, Identität und praktischem Können am Beispiel eines Tals in den italienischen Alpen. Ziel ist es, den Begriff des Lokalen anhand seiner Konstitution durch lokale Vertreter, Landschaft, lokale Praxis und Identität neu zu beleuchten. Mit den Begriffen ‚skilled vision’ und ‚skilled practice’ betont Grasseni die Grenzen, welche gelebte Erfahrung von Ort, Identität und Zugehörigkeit bestimmen. Dafür greift sie auf Methoden der visuellen Anthropologie zurück. Die Autorin vertritt die These, dass die Technologisierung der Milchwirtschaft und die kommerzielle Vermarktung von Käse als traditionelles, lokales Produkt nicht nur eine Umgestaltung der Produktionstechniken zur Folge haben, sondern dass ebenfalls neue Fertigkeiten in Bezug auf den Umgang mit der eigenen Identität erlernt werden. Die Monographie gibt detaillierte Einblicke in das Alltagsleben in den italienischen Alpen, doch die Wirkungsmacht des Gebirges nicht nur als Schauplatz, sondern auch als Handlungsraum wird leider etwas vernachlässigt. 


Kühe und Käse sind die Protagonisten in Cristina Grassenis ethnographisch-anthropologischer Monographie, die sich der Entstehung und dem Erhalt von Identität und Lokalbewusstsein in den italienischen Alpen widmet. Die Studie führt die Autorin nach Valtaleggio, einem Tal in der Gebirgsprovinz nördlich von Bergamo, wo sie die tägliche Arbeit in der Milchwirtschaft auch per Kamera verfolgt.

Anhand der Begriffe ‚skilled vision’ und ‚skilled practice’ möchte die Autorin Zusammenhänge zwischen praktischem Können (skill), Wahrnehmung, Ort bzw. Lokalbewusstsein und Identität herstellen. Damit folgt Grasseni der Tendenz neuerer kulturanthropologischer Ansätze, welche den Kulturbegriff mit praktischem Können in Verbindung setzen.
Grassenis Hauptthese ist, dass „Skill, notably skilled vision, forms an important part of identity. Belonging and identity become constructed and conveyed in clusters of practices, which may be construed around specific ways of knowing and seeing, specific ‘skilled visions’” (S. 31). ‚Skilled vision’ bedeutet in diesem Kontext, dass eine bestimmte subjektive Wahrnehmungsweise durch soziale Integration und sozial akzeptiertes praktisches Können generiert wird. Das macht Grasseni in Kapitel drei am Beispiel der Wiedererkennung von Kühen deutlich: Um eine Kuh von einer anderen unterscheiden zu können und ihre positiven Eigenschaften wie Gesundheit und hohe Milchproduktion erkennen zu können, bedarf es ‚skilled vision’.

Kapitel eins ist als theoretischer Rahmen zu verstehen, welcher nicht nur die Begriffe praktisches Können, Ort bzw. Lokalbewusstsein und Identität in Beziehung setzt, sondern praktisches Können und Tätigkeit als kollektiv-kulturelle Phänomene im Sinne von ‚Communities of Practice’ begreift. Die Verbindung von Identität und Lokalbewusstsein wird in Kapitel zwei am Beispiel einer Felsschlucht in dem italienischen Tal deutlich. Die Felsschlucht ist aus folgenden Gründen für die Prozesse von Identität und Lokalbewusstsein relevant: Erstens ist sie in einem phänomenologischen Sinne bedeutsam, denn sie verkörpert die gelebte Erfahrung derjenigen, die sie durchqueren. Zweitens kommt ihr ein religiöser Stellenwert zu, denn sie ist mit historischen Erlebnissen und Gotteserscheinungen verbunden. Daran erinnern eine Gedenktafel für Kriegsveteranen und eine Madonna. Drittens dient sie als Medium für Netzwerke, Austausch, Kommunikation und Migration.

Wahrnehmung und praktisches Können werden in Kapitel fünf und sechs im Kontext einer technologisierten, standardisierten Milchwirtschaft untersucht, welche trotz regionaler Abgeschiedenheit den Auswirkungen der Globalisierung unterliegt. Daraus können schließlich Lokalität und Identität neu verortet werden. Unter Rückgriff auf David Harvey (1989) erklärt Grasseni, dass Globalisierung Lokalbewusstsein verursache. Die von Marc Augé erklärte „Ortlosigkeit“ der modernen Welt wird somit fragwürdig (vgl. S. 6).
Lokalbewusstsein und Globalisierung gehen nach Grasseni Hand in Hand: So funktioniert der Verkauf von lokalen Produkten auf globaler Ebene nur durch die Betonung der Isolation und Rückständigkeit des Tals, welches mit dem „image of the untouched and unspoilt beauty of the Alpine landscape“ (S. 63) assoziiert wird.
Nach dem Motto „New Skin for Old Cheese“ erklärt Grasseni im sechsten Kapitel anhand der Käseproduktion, dass zum Beispiel die Einführung eines Melkstands den Begriff ‚skilled vision’ nicht überflüssig mache. Ganz im Gegenteil wird praktisches Können trotz voranschreitender Technologisierung benötigt bzw. sind neue Produktionstechniken gefragt (vgl. S. 170).

Geht Grasseni am Anfang ihrer Monographie noch auf die Bedeutung der Alpen in lokalen Diskursen und visuellen Produktionen ein, so spielt das Gebirge und die Wahrnehmung der Landschaft im Folgenden nur eine untergeordnete Rolle. Lokale Bergmythen, welche das Gebirge als unberührtes Reservoir schildern, eine idyllische Perspektive auf die Alpen (S. 24) sowie die symbolische Bedeutung von Landschaft (S. 23) werden zwar als Gründe für die Wahl des Ortes der Studie genannt, gehen aber letztendlich nur in geringem Maße in dieselbe ein. Da es sich um ein Tal in den Alpen handelt, ist die Wirkungsmacht und Bedeutung des Gebirges für die Einwohnerinnen und Einwohner nicht zu unterschätzen. Die Frage, welchen Einfluss das Gebirge auf die Entwicklung von ‚skilled vision’ und ‚skilled practice’ hat, bleibt leider unbeantwortet.

Fazit: Das Thema der Studie ist spannend und innovativ, doch wünscht man sich – obwohl es durchaus um Lokalbewusstsein geht – mehr Bezug zum Ort des Geschehens: den Alpen. Stellenweise hätte die Autorin einerseits an Informationen und Details sparen, dafür aber mehr Tiefe und schärfere Definitionen einbringen können, doch sind es andererseits vielleicht gerade die scheinbar ‚nutzlosen‘ Details, welche die Studie anschaulich und lesenswert machen. Da stört es auch weniger, dass die oft nebenbei eingeworfenen theoretischen Ansätze für die Feldstudien nicht immer unbedingt relevant sind: Kühe und Käse sagen manchmal mehr über Kultur aus als sämtliche Theorien.


Grasseni, Cristina: Developing Skill, Developing Vision. Practices of Locality at the Foot of the Alps. New York/Oxford: Berghahn Books, 2009. 224 S., gebunden, $70.00/£45.00/ 60,99 €. ISBN: 978-1-84545-537-8



Inhaltsverzeichnis


List of Figures
Foreword
Abbreviations
Acknowledgements

Chapter 1 From Community Studies to Communities of Practice
1.1. Skill, Place and Identity
1.2. From Community Studies to Communities of Practice
1.3. Idenity, Emplacement and Phenomenology
1.4. Towards an Ecology of Practice
1.5. A Place at the Margins of Europe?
1.6. Going Rural Conclusion

Chapter 2 Blessed Be the Car!
2.1. The Problem of Place
2.2. Roots
2.3. Shifting Tracks
2.4. Routes
2.5. Commuting to Church
2.6. Blessed Be the Car Conclusion

Chapter 3 From Observational Documentary to Skilled Vision
3.1. Film as Ethnography
3.2. Worldviews and the Anthropology of Vision
3.3. The Critique of Vision
3.4. Skilled Vision
3.5. Breeding Aesthetics Conclusion

Chapter 4 Skilled Practice
4.1. Skill, Technology and Farming
4.2. Encountering Breeding Strategies in the Field
4.3. Life on the Farm
4.4. Localising Skills? Conclusion

Chapter 5 Skilled Vision and Animal Husbandry
5.1. Towards an Ecology of Skilled Visions
5.2. Looking as a Form of Cultural Belonging
5.3. Industrialising Organisms
5.4. Expert Looks, Moral Looks Conclusion

Chapter 6 Reinventing Skill
6.1. Mobilising Skill
6.2. Taleggio – a Cheese and a Valley
6.3. Local Products, Local Memories
6.4. New Skin for Old Cheese

Conclusion
Bibliography
Filmography
Index

Of Cows, Cheese and Culture: Identity in the Italian Alps

Anthropologist Cristina Grasseni's study focuses on the relationship between locality, identity and skill using the example of a valley in the Italian Alps. Grasseni aims to shed new light on the idea of the local, and on how agencies constitute locality, landscape and, consequently, local practice and identities. In using the terms ‘skilled vision’ and ‘skilled practice’, Grasseni highlights the bounds of senses which characterise one’s lived experience of place, identity and belonging – methods borrowed from the anthropology of vision. Grasseni’s thesis is that the mechanisation of dairy farming and the commercialisation of cheese as a traditional local product entail not only a transformation of production techniques, but also the acquisition of new skills in managing one’s image. Grasseni’s study provides deep insights into everyday life in the Italian Alps, but fails to fully address the impact of the mountain range itself, which is not only a backdrop but also an ‘action space’.