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Italienischer und deutscher Faschismus im Vergleich: Eine Gesamtschau

Eine Rezension von Eva Modrey

Schieder, Wolfgang: Faschistische Diktaturen. Studien zu Italien und Deutschland. Göttingen: Wallstein, 2008.

Benito Mussolini hatte in den dreißiger Jahren behauptet, dass der Faschismus kein Exportartikel sei. Doch schon wenige Jahre später festigte sich die Achse Rom-Berlin, die das 'faschistische Zeitalter' prägen sollte. An der wissenschaftlichen Erforschung dieser Verbindung zwischen Hitler und Mussolini hat der Historiker Wolfgang Schieder einen bedeutenden Anteil geleistet. Sein neuester Band zu den faschistischen Diktaturen dokumentiert seine Arbeit der letzten zwanzig Jahre. Zwanzig, fast sämtlich vorab publizierte Artikel aus den Jahren 1983-2006 umfasst der 591 Seiten starke Band, die sich alle mit der Form und der Wandlung des Faschismus auseinandersetzen und noch keineswegs veraltet sind. 


Den 2008 bei Wallstein erschienenen Band Faschistische Diktaturen. Studien zu Italien und Deutschland ziert eine Fotografie, die Mussolini und Hitler händeschüttelnd einander zugeneigt zeigt. Dem wechselseitigen Einfluss der beiden Diktatoren sind in den letzten Jahren nicht nur aus Italien und Deutschland einige Forschungsarbeiten gewidmet worden, sondern auch innerhalb der angloamerikanischen Forschung sind wichtige Studien entstanden.
Schieder stellt seinem Band deshalb eine Einleitung voran, die konzis den aktuellen Forschungsüberblick gibt. Er diskutiert die teilweise kontrovers geführte Debatte über die Verwendung des Begriffs ‚Faschismus‘ und plädiert für eine allgemeine Anwendung des Faschismusbegriffs auf das italienische und das deutsche Regime.

Darauf folgen vier weitere Kapitel, die sich um das im Titel skizzierte Themenfeld spannen. Als erstes geht der Historiker in sechs Aufsätzen auf den Ursprung des italienischen Faschismus ein und beleuchtet seine Repräsentationstechniken. Schieder liefert eine überzeugende Charakterisierung des Faschismus, die er im zweiten Kapitel weiterführt. Dort beleuchtet er vor allem die Vorbildfunktion des italienischen Faschismus für das deutsche Regime. Diese ist sowohl in den Ausführungen des dritten Kapitels, das sich dem deutschen Faschismus zuwendet, als auch im abschließenden vergleichenden Teil eine konstitutive Grundthese. In letzterem gelingt Schieder die Gleichzeitigkeit von Krisenphänomenen aufzuzeigen, die Hitler und Mussolini für sich nutzen konnten: Sowohl verfassungsrechtlich und ökonomisch als auch innerhalb der Nationsbildung fand in Deutschland und Italien Ende der 1920er Jahre eine Zäsur statt, die die Grundlage für den Faschismus in beiden Regimen legte. Gleichzeitig betont Schieder aber auch stets die Unterschiede der beiden Faschismen, die er insbesondere an dem nationalsozialistischen Holocaust festmacht, der sich von dem italienischen Rassismus in seiner Radikalität unterschied.

Der vergleichende Teil ist besonders erkenntnisreich, weil darin das jeweils länderspezifische Expertenwissen zusammengetragen und auch italienische Forschungsergebnisse dem deutschen Leser zugänglich gemacht werden. Kulturgeschichtlich beeindrucken zudem Schieders Ausführungen zu der Urbanisierungspolitik Mussolinis. In zwei Aufsätzen zeigt er treffend die Gleichzeitigkeit von technischer Modernität und der rückwärtsgewandten Orientierung an der Antike innerhalb der städtebaulichen Maßnahmen in der faschistischen Zeit. Er greift hiermit das in der historischen Wissenschaft oft vernachlässigte Thema der Architektur auf und begreift ganz im Sinne von Umberto Eco die Bauten als Symbole der nationalen Repräsentation.
Eine ähnliche kulturwissenschaftliche Perspektive verfolgt Schieder im letzten Aufsatz seines Buches zu den fotografischen Inszenierungen der beiden Diktatoren. Er kommt zu dem Schluss, dass sowohl Hitler als auch Mussolini in ihren Symboliken einen radikalen Nationalismus mit einer sakralen Formensprache kombinierten.

Wolfgang Schieder zeigt dem Leser durch die Gesamtschau seiner Arbeiten der letzten zwanzig Jahre unter anderem, wie fortschrittlich seine Deutungen in den 1990er Jahren waren. Keineswegs veraltet sind seine präsentierten Forschungsergebnisse, die durch eine Reihe von Publikationen nach der Jahrtausendwende ergänzt werden. Schieders Verdienst für die vergleichende Faschismusforschung ist zweifelsohne in dieser Aufsatz- und Vortragssammlung dokumentiert, die neben der Symbolwirkung die Entwicklung der europäischen Faschismen festhält.


Wolfgang Schieder: Faschistische Diktaturen. Studien zu Italien und Deutschland. Göttingen: Wallstein, 2008. 591 S., gebunden, 39,00 EUR. ISBN-10 3835303589


Inhaltsverzeichnis


Einleitung

I. Der Ursprungsfaschismus in Italien
1. Benito Mussolini
2. Die Zukunft der Avantgarde. Kunst und Politik im italienischen Futurismus 1909-1922
3. Der Strukturwandel der faschistischen Partei Italiens in der Phase der Herrschaftsstabilisierung
4. Kriegsorientierung im faschistischen Italien
5. Merkmale faschistischer Urbanisierungspolitik in Italien 1922-1943. Eine historische Skizze
6. Rom – die Repräsentation der Antike im Faschismus

II. Der italienische Faschismus als Vorbild

1. Das italienische Experiment. Der Faschismus als Vorbild in der Krise der Weimarer Republik
2. Carl Schmitt und Italien
3. Faschismus für Deutschland. Erwin von Beckerath und das Italien Mussolinis
4. Faschismus im politischen Transfer. Giuseppe Renzetti als faschistischer Propagandist und Geheimagent in Berlin 1922-1941

III. Der Nationalsozialismus als deutscher Faschismus

1. Adolf Hitler
2. Die NSDAP vor 1933. Profil einer faschistischen Partei
3. Der deutsche Katholizismus und die Machtergreifung des Nationalsozialismus
4. Zwei Generationen im militärischen Widerstande gegen Hitler

IV. Italienischer und deutscher Faschismus im Vergleich

1. Faschismus
2. Imperialismus im unfertigen Nationalstaat. Vergleichende Überlegungen zu Deutschland und Italien
3. Die Geburt des Faschismus aus der Krise der Moderne
4. Das Deutschland Hitlers und das Italien Mussolinis. Zum Problem faschistischer Regimebildung
5. Krisenregime des 20. Jahrhunderts. Deutschland, Italien und Japan im Vergleich
6. Duce und Führer. Fotografische Inszenierungen

Bildnachweis
Veröffentlichungsnachweise
Anmerkungen

Italian and German Fascism Compared: A Comprehensive Look

In the 1930s Benito Mussolini claimed that fascism was not for export. But the following few years saw the consolidation of the Rome-Berlin axis, which shaped the ‘fascist age’. The historian Wolfgang Schieder has made significant contributions to the academic research on this alliance between Hitler and Mussolini. His most recent volume on the fascist dictatorships documents his work of the last twenty years. The 591-page volume contains twenty articles from the years 1983 to 2006, most previously published, which deal with the form and transformation of fascism and are far from outdated.


© bei der Autorin und bei KULT_online