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Fiktive und 'reale' Welten: Inszenierung und Rezeption unzuverlässigen Erzählens im Hollywood Kino

Eine Rezension von Eva Jungbluth (Wuppertal)

Laass, Eva: Broken Taboos, Subjective Truths: Forms and Functions of Unreliable Narration in Contemporary American Cinema - a Contribution to Film Narratology. Trier: WVT, 2008.

In ihrer englischsprachigen Dissertation, die als dritter Band der von Knut Hickethier und Ansgar Nünning herausgegebenen Reihe "WVT-Handbücher und Studien zur Medienkulturwissenschaft" erschienen ist, untersucht Eva Laass Inszenierung und Rezeption des 'unzuverlässigen Erzählens' am Beispiel ausgewählter populärer Hollywood-Produktionen der letzten zwei Jahrzehnte. Auf der theoretischen Grundlage der kognitiven und intermedialen Narratologie entwickelt die Autorin dazu zunächst eine Typologie, welche dann an Filmen wie u. a. Forrest Gump (1994), Fight Club (1999), The Usual Suspects (1995) und Memento (2000) Anwendung findet und überprüft wird. Im Laufe ihrer Argumentation erweist sich das konsequente Einbeziehen der Rolle des Betrachters als äußerst produktiv. Die Studie schließt mit der sozialen Dimension dieser besonderen Erzählform und ihrer Einordnung in den (hollywoodschen) soziopolitischen Kontext. 


Mit ihrem Fokus auf das Medium Spielfilm verspricht Eva Laass’ Studie eine Neukonzeption des unzuverlässigen Erzählens. Diese Erzählform wird, über die Grenzen der textorientierten Narratologie hinaus, erstmals in ihrer medienübergreifenden, audiovisuellen Dimension definiert und analysiert. Dabei ist zu beachten, dass im Film – im Gegensatz zum Roman – die Konstruktion und Rezeption von 'subjektiven Wahrheiten' eines zum Beispiel psychopathischen, oder kindlichen, oder liebeskranken Ich-Erzählers nicht mehr individuell funktionieren, sondern kollektiv, auf der Ebene der Massenkommunikation.

In der Einleitung zu Broken Taboos, Subjective Truths formuliert Laass die zentralen Ziele ihrer Studie: Aufbauend auf ihrer Definition des unzuverlässigen Erzählens im Film will die Autorin relevante Analysekategorien sowohl für die Filmnarratologie, als auch für den interdisziplinären Gebrauch im Rahmen der kognitionsorientierten Erzählforschung entwickeln. Des Weiteren soll die Studie eine systematische Typologie für unzuverlässiges Erzählen im Film mit Fokus auf die mediumspezifischen Möglichkeiten bieten und dabei schließlich auch Einsichten in die gesellschaftlichen Funktionen dieser Erzählform im Massenmedium 'Kinofilm' vermitteln (vgl. S. 3).

Auf der Grundlage einschlägiger Konzepte der kognitiven Narratologie entwickelt Laass dazu im zweiten Teil zunächst ein Theoriegerüst, welches das Kinopublikum kollektiv und individuell als aktiven, bedeutungsschaffenden Rezipienten konstituiert. Im Sinne der 'postklassischen' Erzähltheorien definiert die Autorin unzuverlässiges Erzählen nicht als einseitige Inszenierung eines komplexen Senders (am Beispiel Film: des Produktionsteams, des Regisseurs, des Drehbuchautors etc.), sondern als kognitiven Prozess und Interpretationsstrategie auf Seiten des Betrachters (vgl. S. 26). Ihre Typologie zu den Formen und Funktionen unzuverlässigen Erzählens bietet daher Beschreibungskategorien für beide Seiten, Sender und Empfänger, für das Wie der Inszenierung und das Wie der Identifizierung unzuverlässigen Erzählens im Film.

Mit Blick auf die mediumspezifischen Möglichkeiten (wie Kamera-, Schnitt- und Soundtechniken) unterscheidet Laass zwischen 'normativer' und 'faktischer' Unzuverlässigkeit (vgl. Kap. II. 2). Hinsichtlich der Kommunikationsebene differenziert sie zwischen 'expliziter' und 'impliziter' Unzuverlässigkeit (vgl. Kap. II. 3). Die Art der Vermittlung kann als 'normativ' beschrieben werden, wenn die Sichtweise des Erzählers zweifelhaft erscheint und damit von den allgemein als 'Norm' verstandenen Werten abweicht, oder als 'faktisch', wenn die vermittelten Informationen nicht mit der im Film präsentierten, fiktionalen Welt korrespondieren (vgl. S. 89). Insbesondere die Differenzierung der Kommunikationsebenen verweist auf das gegenüber dem Roman erweiterte Potential des Films für die Inszenierung unzuverlässigen Erzählens, weil der Film bestimmte Informationen explizit erzählen und andere zeigen, bzw. nonverbal und implizit vermitteln kann.

In dem mit achtzig Seiten überschaubaren und gut strukturierten Theorieteil gelingt der Autorin damit eine schlüssige und durch zahlreiche Beispiele auch anschauliche Übertragung der am fiktionalen Erzähltext orientierten narratologischen Konzepte auf das Medium Film. Darauf folgt im dritten Teil eine äußerst lesenswerte Analyse von sieben Filmen, die von einem breiten Publikum als 'Kult' verzeichnet sein dürften. Die Popularität der gewählten Beispiele (zu den oben genannten gesellen sich Thank You for Smoking (2005), Natural Born Killers (1994) und Mulholland Drive (2001)), unterstützt dabei die Nachvollziebarkeit der angewandten Konzepte.

Im Analyseteil werden die vier möglichen, zuvor aufgestellten Kategorien detailliert auf ihr Anwendungspotential hin überprüft. Dabei erweist sich Forrest Gump etwa als anschauliches Beispiel für die Kategorie 'normativ unzuverlässige explizite Erzählung' (normatively unreliable explicit narration; vgl. Kap. III. 1.1). Hier informiert der liebenswerte und unterdurchschnittlich intelligente Protagonist durch seine (explizite) Erzählung beiläufig über seine Beteiligung an den historischen Ereignissen Amerikas in den 1960ern und ’70ern. Durch die Tatsache, dass er sich deren Bedeutung nicht bewusst zu sein scheint, weicht Forrest Gump für den Betrachter von der 'Norm' ab und lässt damit einen berechtigten Zweifel an der Zuverlässigkeit seiner Erzählung aufkommen (vgl. S. 90). Fight Club lässt sich dagegen gut als 'faktisch unzuverlässige explizite Erzählung' (factually unreliable explicit narration) kategorisieren (vgl. Kap. III. 3.2). Der Betrachter erfährt erst gegen Ende des Films, dass der namenlose, explizite off-Erzähler und Protagonist offensichtlich an einer schizophrenen Störung leidet und dass der mysteriöse Tyler Durden sein selbst erschaffenes alter ego ist – und somit in der im Film präsentierten Welt eigentlich gar nicht existent.

Im vierten Teil der Studie ("IV. Why Movies Matter: The Social Dimension of Unreliable Filmic Narration") werden die besprochenen Filme detailliert in den (hollywoodschen) historischen, gesellschaftlichen und sozio-politischen Kontext eingeordnet. Dabei widmet sich die Autorin auch weiterhin der Rolle des Publikums als aktivem 'Mitgestalter' in diesem Umfeld von Produktion und Rezeption, Konstruktion und Interpretation, Angebot und Nachfrage. Das Medium 'Kinofilm' erweist sich darin einmal mehr als ein zentraler und sich diachron entwickelnder Bestandteil der kulturellen Kommunikation. Eine soziale Funktion des unzuverlässigen Erzählens sieht Laass u.a. in der Darstellung und, seitens der Zuschauer, oft begeisterten Annahme der im Film konstruierten possible worlds, welche zum Teil gerade wegen ihrer Diskrepanz zur normativen Gesellschaft attraktiv erscheinen (vgl. S. 246).

Broken Taboos, Subjective Truths unternimmt die längst überfällige Neukonzeption unzuverlässigen Erzählens in medienkulturwissenschaftlicher Perspektive. Die Autorin verweist dabei auf eine Reihe wichtiger und logischer Berührungspunkte zwischen Literatur-, Film- und Medienkulturwissenschaft. Die drei Hauptteile der Arbeit sind klar strukturiert und gut aufeinander abgestimmt. Der Fokus auf die Bedeutung des Rezipienten – sowohl bei der individuellen Interpretation und Identifizierung von Formen unzuverlässigen Erzählens als auch bei der kollektiven Dynamik der Medienaneignung im gesellschaftlichen Kontext – erweist sich als gut gewählter roter Faden und verleiht der Studie Kohärenz. Die entwickelte Typologie, die die Art der Unzuverlässigkeit ('normativ'/'faktisch') und die Kommunikationsebene der Vermittlung ('explizit'/'implizit') umfasst, bietet sehr gut handhabbare analytische tools für die Untersuchung von unreliable narration im Film. Dieses Buch ist für WissenschaftlerInnen und Studierende mit gewissen Vorkenntnissen in der Narratologie gleichermaßen interessant und sehr empfehlenswert für all diejenigen, die einen neuen Blick sowohl auf traditionsreiche Konzepte der Erzähltheorie als auch auf die Klassiker des Hollywood-Kinos werfen wollen.


Laass, Eva: Broken Taboos, Subjective Truths: Forms and Functions of Unreliable Narration in Contemporary American Cinema. A Contribution to Film Narratology. Trier: WVT, 2008 (Handbücher und Studien zur Medienkulturwissenschaft, hrsg. v. Ansgar Nünning und Knut Hickethier). 316 S., broschiert, € 32,50. ISBN 978-3-86821-075-0


Inhaltsverzeichnis/Contents

I. Introduction
1. Central questions and aims of the study
2. Overview of current research
3. Theoretical framework and structure

II. The Distinctiveness of the Medium: Characteristics of Unreliable Filmic Narration
1. Key Concepts of cognitively oriented film narratology
1.1 Story, plot, text in filmic narration
1.2 Frames and framings
1.3 The problem of narrative agency
2. Definition of unreliable narration
2.1 Cognitive narratological conceptualization of unreliable narration
2.2 Normative vs. factual unreliability
2.3 Extratextual frames of reference and textual signals for the establishment of unreliable narration
2.4 The default: Norms and taboos of narrative representations in Hollywood cinema
3. Unreliable narration on the level of the narrative microstructure (text): The filmic communication system
3.1 The level of action (NL1)
3.1.1 Dialogue-derived narrative information
3.1.2 Character and characterization in the context of narrative unreliability
3.2 The level of explicit narrative communication (NL2)
3.2.1 Voice-over narration
3.2.2 Signals of unreliable explicit narration
3.3 The level of implicit narrative communication (NL3)
3.3.1 Non-verbal narrative information and its dependability
3.3.2 Techniques of focalization: Objectivity and subjectivity in film
3.3.3 Signals of unreliable implicit narration
3.4 The level of extratextual, indirect, non-fictional communication (NL4)
4. Unreliable narration on the level of the narrative macrostructure (plot)
4.1 Perspective structure, or: An ensemble of fictional minds
4.2 ‘Possible worlds’ as mental products and their narrative (un)reliability
5. Conclusion: towards a typology of unreliable filmic narration

III. Forms of Unreliable Narration in Contemporary American Cinema
1. Normatively unreliable explicit narration
1.1 What is right? Hierarchy negotiations in the American value system I: The victory of innocence over intelligence in Forrest Gump (1994)
1.2 What is wrong? Hierarchy negotiations in the American value system II: The victory of rhetoric over righteousness in Thank You for Smoking (2005)
2. Normatively unreliable implicit narration
2.1 What is cool? Satirical treatment of the medial presentation of violence in Natural Born Killers (1994)
3. Factually unreliable explicit narration
3.1 Does the camera show The Truth? The camera as the murderer’s accomplice: Departing from the veracity of filmic pictures in The Usual Suspects (1995)
3.2 What is The Truth? The narrative staging of subjective reality loss in Fight Club (1999)
4. Factually unreliable implicit narration
4.1 Is there a Truth? Misleading the viewer’s moral judgment and epistemological indeterminacy in Memento (2000)
4.2 Is there a story? Breaking with the concept of realist worlds in Mulholland Drive (2001)
5. Conclusion: Varieties of unreliability in film

IV. Why Movies Matter: The Social Dimension of Unreliable Filmic Narration
1. The generic and historical dimensions of unreliable narration in American cinema
2. Potential social functions of unreliable cinematic narration
2.1 Sociopolitical contextualization of the subject
2.2 The functions of movies
2.3 Models of the social functions of literary texts and their transmedial applicability
2.4 Unreliable narration as culture-critical meta-discourse
2.5 Unreliable narration as imaginative counter-discourse
2.6 Unreliable narration as reintegrative inter-discourse

V. Conclusion

Appendix: Sequence records
Filmography
Bibliography

Fictive Worlds and ‘Real’ Worlds: The Staging and Reception of Unreliable Narration in Hollywood Cinema 

Eva Laass' English-language dissertation investigates the staging and reception of 'unreliable narration' in film, using examples of popular Hollywood productions from the last two decades. The study was published as the third volume in the series WVT-Handbücher und Studien zur Medienkulturwissenschaft (WVT-Handbooks and Studies in Media Culture), edited by Knut Hickethier and Ansgar Nünning. Based on theoretical concepts of cognitive and intermedial narratology, the author develops a typology to describe and categorise unreliable filmic narration, which is applied and tested in close readings of films such as Forrest Gump (1994), Fight Club (1999), The Usual Suspects (1995), and Memento (2000). Consistently considering the viewer’s role as an active participant turns out to be a productive strategy in the course of her argument. The study closes with an investigation of the social dimension of unreliable narration which locates it within the specific sociopolitical context of Hollywood cinema.


Die Redaktion weist darauf hin, dass einer der Reihen-Herausgeber des rezensierten Buches Mitglied des GGK/GCSC sind, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.



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