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Es kommt Bewegung in den Raum!

Eine Rezension von Katharina Pfeiffer

Hallet, Wolfgang, Neumann, Birgit (Hg.): Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn. Bielefeld, transcript, 2009.

Der 2009 von Wolfgang Hallet und Birgit Neumann herausgegebene Sammelband widmet sich in einer Einführung und 18 Beiträgen neuen Perspektiven auf die literarische Darstellung von Raum, Bewegung und Subjekt nach dem
spatial turn. Die Beiträge von Germanisten, Romanisten, Anglisten, Amerikanisten und Theaterwissenschaftlern fokussieren Raumkonzepte, spezielle Räume in der Literatur, Raumerfahrung und Subjektverortung sowie gattungsspezifische Fragen. Durch diese multidimensionale Annäherung an das zentrale Thema bietet die lesenswerte Aufsatzsammlung einen guten Einblick in die Vielfalt des Forschungsfeldes.  


Schon lange vor dem spatial turn war der erzählte Raum Gegenstand literaturwissenschaftlicher Untersuchungen, doch schien dieser der Narration eher beigeordnet. Seit die Sozial- und Kulturwissenschaften den Raum nicht mehr als Behälter, sondern als soziale Konstruktion auffassen, besteht in den Literaturwissenschaften das Bestreben, an diese Raumkonzepte anzuknüpfen. So ist das Anliegen des Sammelbandes Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn, herausgegeben von Wolfgang Hallet und Birgit Neumann, das Potential sozial- und kulturwissenschaftlicher Raumforschung für die Literaturwissenschaften aufzuzeigen. Zugleich geht es um deren Positionierung im Zuge des transdisziplinären spatial turn. Thematisch fügt sich die Aufsatzsammlung in eine Reihe jüngerer Forschungsarbeiten zu Raum und Bewegung ein, von denen hier exemplarisch nur Ottmar Ettes Literatur in Bewegung (2001) und ZwischenWeltenSchreiben (2005) sowie der von Christine Lechtermann, Kirsten Wagner und Horst Wenzel herausgegebene Sammelband Möglichkeitsräume. Zur Performativität sensorischer Wahrnehmung (2007) genannt seien.

Die VerfasserInnen der einzelnen Beiträge kommen aus der Germanistik, Romanistik, Theaterwissenschaft sowie der Anglistik/Amerikanistik, wobei letztere am stärksten vertreten sind. Der erste von insgesamt vier Teilen befasst sich mit "Raumkonzepte[n] (in) der Literaturwissenschaft". Dazu zählt auch die gelungene, umfassende Einleitung der HerausgeberInnen, die in kompakter Form die existierenden kultur- und literaturwissenschaftlichen Raumkonzepte erläutert, so dass die aktuelle literaturwissenschaftliche Forschung zum Raum nachvollziehbar wird.
Zu Recht merkt Michael C. Frank an, dass die Literaturwissenschaften nicht bloß die Konzepte anderer Disziplinen aufgreifen, sondern auch eigene, bereits existierende raumtheoretische Ansätze berücksichtigen sollten (S. 56) und erläutert die Ansätze von Jurij Lotman und Michail Bachtin.
Von zentraler Bedeutung in diesem Abschnitt ist Ansgar Nünnings Beitrag, in dem er in Anlehnung an Paul Ricœur drei Achsen bei der Analyse der literarischen Raumdarstellung unterscheidet: Selektion, Konfiguration und Perspektivierung (S. 39). Dabei geht es um die Frage, welche Teilbereiche des historischen, real existierenden oder literarisch vorrepräsentierten Raums wie ausgewählt, angeordnet und erzählerisch vermittelt werden.

"Kulturelle Wissensräume (in) der Literatur" sind das Thema des zweiten Teils. Jan Rupp widmet sich in seinem Beitrag der Literatur als Erinnerungsraum und der literarischen Inszenierung von Gedächtnisorten am Beispiel interkultureller Romane Großbritanniens. Dabei thematisiert er alte/neue Heimat, heimische/fremde sowie öffentliche/marginalisierte Erinnerungsräume und entwirrt das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Erinnerung, Raum und Literatur, indem er zwischen Literatur als Erinnerungsraum und Erinnerungsräumen in der Literatur unterscheidet (S. 193).
Mit einem anderen Wissensraum – der Bibliothek – befasst sich Kirsten Dickhaut. Sie zeigt wie in Gustave Flauberts Bouvard et Pécuchet die Bibliothek dadurch deformiert wird, dass in ihr wahllos Gegenstände, nicht bloß Bücher, angehäuft werden, ohne das gesammelte Wissen zu nutzen und sonst übliche Bibliotheksregeln zu befolgen.

Der dritte Teil des Sammelbandes untersucht "Raumerfahrungen und Subjektverortungen". Doris Bachmann-Medick konstatiert in der Konzentration auf den Bewegungsaspekt eine Akzentverschiebung "weg von der bloßen Repräsentation von Räumen in der Literatur, hin zur Raumwahrnehmung des Subjekts, zur Hervorbringung von Räumen durch die Bewegung von Körpern, ja – so wäre zu ergänzen – durch die aktive oder passive (individuelle und kulturelle) Subjektverortung." (S. 259).
Daran knüpft Sonja Altnöders Aufsatz an, in dem sie das konzeptuelle Verhältnis von Körper und Stadt anhand der beiden Romane Bleeding London und London Fields untersucht. "In seiner Diskursivität konstituiert sich der Stadtkörper also durch die über die Körper realisierten Praktiken seiner BewohnerInnen sowie durch deren Positionierungen und Beziehungen untereinander. Ebenso wie der Körper kann die Stadt als ein Prozess gelten, in dem sowohl diskursive Urbanität wie auch Materialität immer wieder aufs Neue ausgehandelt werden [...]" (S. 303).

Mit "[g]attungsspezifische[n] Perspektiven auf Raum und Bewegung" befasst sich der vierte Teil. Kai Sicks erörtert in seinem Beitrag gattungstheoretische Fragen nach dem spatial turn, wobei er Gattung als eigenen Raum versteht, der aus verschiedenen Dimensionen aufgespannt wird und somit multidimensional ist. In den Gattungsraum, der sich mit anderen Gattungsräumen überschneiden kann, ordnen sich literarische Werke ein, was Sicks anschaulich am Beispiel des Reiseromans zeigt.
Der Theaterwissenschaftler Philipp Schulte stellt in seinem Aufsatz die Frage: "Wieviel Bewegungslosigkeit erträgt das Theater?" (S. 400). Er führt aus, dass im Theater, das Raum-, Zeit- und Bewegungskunst schlechthin ist, sogenannte tableaux vivants – lebende Bilder an der Grenze zum Gemälde bzw. zur Skulptur – besondere Effekte erzeugen und die üblichen Seh- und Rezeptionsgewohnheiten beim Publikum infrage stellen. Schulte kommt zu dem Schluss, dass das Theater viel Bewegungslosigkeit erträgt, was das Publikum jedoch nur bedingt akzeptiert. Er gibt zu bedenken, dass selbst bei den tableaux vivants Bewegung erhalten bleibt, wenn die Körperbeherrschung der Darsteller nachlässt. So werden minimale Bewegungen zu einem Ereignis.

Den Herausgebern ist es gelungen, ein breites Spektrum an Zugangsmöglichkeiten zur Darstellung von Bewegung und Raum in der Literatur und im Theater aufzuzeigen. Damit liefern sie wichtige Impulse für die Analyse literarischer Werke unter einer stärker raumbezogenen Perspektive. Darüber hinaus regen die ausführlichen Literaturangaben im Anschluss an jeden Beitrag zur Vertiefung des Gelesenen an.


Hallet, Wolfgang und Neumann, Birgit (Hg.): Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn. Bielefeld: transcipt, 2009. 414 S., kartoniert, 29,80 Euro. ISBN: 978-3-8376-1136-6



Inhaltsverzeichnis


I. Raumkonzepte (in) der Literaturwissenschaft


Raum und Bewegung in der Literatur: Zur Einführung 11
Wolfgang Hallet & Birgit Neumann

Formen und Funktionen literarischer Raumdarstellung: Grundlagen, Ansätze, narratologische Kategorien und neue Perspektiven 33
Ansgar Nünning

Die Literaturwissenschaften und der spatial turn. Ansätze bei Jurij Lotman und Michail Bachtin 53
Michael C. Frank

Fictions of Space: Zeitgenössische Romane als fiktionale Modelle semiotischer
Raumkonstitution 81
Wolfgang Hallet

Imaginative Geographien in kolonialer und postkolonialer Literatur: Raumkonzepte der (Post-) Kolonialismusforschung 115
Birgit Neumann

Diskurse der Tropen - Tropen der Diskurse: Transarealer Raum und literarische Bewegungen zwischen den Wendekreisen 139
Ottmar Ette

Paratext und Text als Übergangszone 167
Uwe Wirth

II. Kulturelle Wissensräume (in) der Literatur


Erinnerungsräume in der Erzählliteratur 181
Jan Rupp

Wissensräume im Theater der Frühen Neuzeit 195
Sibylle Baumbach

Mobilität und Bewegung im englischen Drama der Frühen Neuzeit 213
Christoph Ehland

Bibliotheken als Räume der Wissensbewegung: Zu Flauberts Poetik der Ordnung als Begründung ihrer Unzulänglichkeit in Bouvard et Pécuchet 233
Kirsten Dickhaut

III. Raumerfahrungen und Subjektverortungen

Fort-Schritte, Gedanken-Gänge, Ab-Stürze: Bewegungshorizonte und Subjektverortung in literarischen Beispielen 257
Doris Bachmann-Medick

Geographies of Identity. Der literarische Raum und kollektive Identitäten am Beispiel der Inszenierung von Nationalität und Geschlecht in Sybil Spottiswoodes Her Husband's Country (1911) 281
Stefanie Bock

Die Stadt als Körper: Materialität und Diskursivität in zwei London-Romanen 299
Sonja Altnöder

Das Labyrinth als Chronotopos: Raumtheoretische Überlegungen zu Mark Z. Danielewskis House of Leaves 319
Melina Gehring

IV. Gattungsspezifische Perspektiven auf Raum und Bewegung

Gattungstheorie nach dem spatial turn: Überlegungen am Fall des Reiseromans 337
Kai Marcel Sicks

Postmoderne Grenzräume und Endräume in der Gegenwartslyrik: Bewegungen ins Dazwischen und ins Nichts in Frank Bidarts The War of Vaslav Nijinsky 355
René Dietrich

Von den Brettern, die die Welt bedeuten, zur >Bühne< des Textes: Inszenierungen des Raumes im Drama zwischen mise en scène und mise en page 371
Janine Hauthal

Performance Art
und Stillstand - Wieviel Bewegungslosigkeit erträgt das Theater? 399
Philipp Schulte

Space Is Set in Motion

The volume Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn (Space and Movement in Literature: Literary Studies and the Spatial Turn), edited by Wolfgang Hallet and Birgit Neumann in 2009, discusses in an introduction and eighteen articles new horizons in the literary representation of space and movement after the spatial turn. With contributions from literary and theatre studies, this highly constructive volume focuses on theoretical concepts of space in literature, on the perception of space and on some genre-specific questions in order to give a broad overview of the field.


Die Redaktion weist darauf hin, dass die HerausgeberInnen des rezensierten Bandes Mitglied des GGK/GCSC sind, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.

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