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Die Figur des Verbrechers in der französischen Literatur und Wissenschaft des 19. Jahrhunderts

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Beckerhoff, Florian: Monster und Menschen. Verbrechererzählungen zwischen Literatur und Wissenschaft (Frankreich 1830-1900). Würzburg: Königshausen & Neumann, 2007.

Thema der Monographie von Florian Beckerhoff ist die widersprüchliche Begegnung der französischen Wissenschaft und Literatur mit der Figur des Verbrechers im 19. Jahrhundert.
Monster und Menschen zeigt, dass Kunst und Wissenschaft fasziniert sind, der Wissenschaftler sieht im Verbrecher jedoch ein die Gesellschaft bedrohendes Subjekt, der Literaturkritiker das Subjekt, das die Kunst neu beleben kann. Florian Beckerhoff klärt in seiner Studie, wie die Figur des Mörders in Erzählliteratur und Wissenschaft erzählt wird und inwiefern die den beiden Diskursen zuzuordnenden Erzählungen miteinander vergleichbar sind. Besonderes Interesse gilt hierbei der Frage, wie die Erzählungen die Mörderfigur zwischen den Extremen Mensch und Monster situieren. Im Ergebnis zeigt der Autor auf, dass die Wissenschaft den Verbrecher eher als lediglich anthropomorphes Monster begreift, das es in letzter Konsequenz zu eliminieren gilt. Die Literatur hingegen sieht ihn eher als monströsen Bestandteil normaler Menschlichkeit. 


Zu Beginn der Monographie dokumentiert Beckerhoff anhand einer realen Episode, wie widersprüchlich die Begegnung der Wissenschaft und der Kunst mit der Figur des Verbrechers Ende des 19. Jahrhunderts ist. Am 24. Juni 1894 ersticht der Italiener Caserio den französischen Präsidenten Carnot. Beckerhoff erläutert, dass der renommierte forensische Mediziner Alexandre Lacassagne ein Buch über diesen Vorfall veröffentlicht. Wenige Monate später widerspricht der Literaturkritiker Eugène-Melchior de Vogère Lacassagnes Sicht des Verbrechers, allerdings meint er nicht den Präsidentenmörder, wenn er über Monster und Wahnsinnige spricht. Er schreibt über literarische Verbrecher. Der Wissenschaftler sieht im Verbrecher eine Bedrohung der Gesellschaft, der Literaturkritiker die Rettung der französischen Literatur.

Im ersten der fünf thematischen Abschnitte (Kapitel 2 von 7) der vorliegenden Studie setzt sich der Autor mit den Verbrechern bei Hugo, Balzac und Stendhal auseinander. Beckerhoff zeigt auf, dass die Verbrecher bei Hugo und Balzac besonders durch körperliche Stigmatisierung als genuin fremd und folglich innerlich unzugänglich klassifiziert werden. Die Identifizierung und Erklärung des Verbrechers sind auf eine Semantisierung seiner Oberfläche beschränkt, womit die Zeichnung des Verbrechers bei Hugo und Balzac aus wissenschaftlichen Diskursen übernommen wird, in erster Linie aus der Physiognomie Lavaters. Vergleichend stellt Beckerhoff fest, dass bei Hugo und Balzac die Figuren der Illustration eines ganzheitlich konzipierten Universums dienen, während es Stendhals Anliegen ist, in seinem Werk Le Rouge et le Noir ein Abbild der Gegenwart zu zeichnen. Er gestaltet eine verbrecherische Tat nach. Die brachiale Auktorialität Hugos und Balzacs trifft auf Stendhals erzählerische Leere, das Akzeptieren der Rätselhaftigkeit des normalen Verbrechers.

Thema des nächsten Abschnitts (Kapitel 3) ist das Konzept der dégénérescence und das des folgenden Abschnitts (Kapitel 4) die Atavismus-Theorie. Beckerhoff stellt fest, dass die Psychiatrie im 19. Jahrhundert großes Interesse an dem anscheinend ohne Motiv handelnden Mörder hat, der keine weiteren ihn als Verbrecher auszeichnenden sozialen oder körperlichen Stigmata aufweist. Der Autor erläutert das für die weitere Entwicklung der Verbrechensforschung einflussreiche Konzept der dégénérescence, das der Mediziner Bénédicte Augustin Morel entwickelt hat. Morel sieht in Verbrechern degenerierte Exemplare der menschlichen Spezies, vor denen die Gesellschaft geschützt werden muss. Die in der Naturgeschichte und in den Anfängen der wissenschaftlichen Anthropologie begründete Atavismus-Theorie prägt, Beckerhoff zufolge, neben dem dégénérescence-Konzept ebenfalls deutlich die Erklärung und die Erzählung von Verbrechern. Für eine andere Sicht der Dinge sorgen ur- und frühgeschichtliche Funde und der für die Erzählung von Verbrechern wegweisende Fund ist der Schädel des Neandertalers, denn dieser weist Merkmale auf, die zuvor auch an ausgestorbenen Tierarten entdeckt worden sind. Beckerhoff führt fort, dass dieser Fund eine Kontinuität zwischen Tier und Mensch impliziert. Er betont, dass die Atavismus-Theorie von dem Hervorbrechen eines früheren und weniger perfekten Typen ausgeht, der Menschen zu Verbrechern werden lässt. Zur Veranschaulichung beider Theorien führt der Autor u. a. literarische Beispiele an (z. B. Emile Zolas Thérèse Raquin für das dégénérescence-Konzept und Cesare Lombrosos Verbrecherstudie L’ Uomo delinquente für die Atavismus-Theorie).

Im vierten Abschnitt (Kapitel 5 von 7) beschäftigt sich Beckerhoff mit dem Hypnotismus und im letzten thematischen Abschnitt (Kapitel 6) mit den Verbrechern im Fin de Siècle. Im Hypnotismus-Kapitel verweist der Autor die Leser auf die wesentlichen Motive der späteren Darstellungen somnambuler Mörder: Bei dem Verbrecher handelt es sich um eine ansonsten untadelige Person, diese handelt nachts und offenbar willenlos, und letzten Endes wird ein Verbrechen gar nicht begangen, die vermeintliche Normverletzung wird entschärft. Abschließend stellt Beckerhoff fest, dass sich neben der Kunst des schönen Sterbens im Verlauf des 19. Jahrhunderts auch die Kunst des schönen Mordens herauskristallisiert. Diese Ästhetisierungen des Verbrechers treten verstärkt im Fin de Siècle auf. Wie der Autor hervorhebt, erreicht die Obsession für Kriminalität, die das Jahrhundert seit den 1850ern prägt, mit der Häufung geständiger Verbrecher als Ich-Erzähler in literarischen Texten sowie der Geburt des Kriminalromans gegen Ende des Jahrhunderts ihren literarischen Höhepunkt. Beckerhoffs literarische Untermauerungen des letzten Kapitels sind u. a. Maupassants "Un Fou" und Huysmans Là-bas.

Fazit: Florian Beckerhoff setzt sein im Ansatz formuliertes Vorhaben in die Tat um. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sich im Hinblick auf die Erklärung und Erzählung des Verbrechers im Frankreich des 19. Jahrhunderts immer Parallelen und Interferenzen zwischen Wissenschaft und Erzählliteratur nachweisen lassen und dass immer verschiedene Verbrechererzählungen miteinander konkurrieren. Verbrecher werden entweder stärker als Monster modelliert, zu deren Erzählung ihre Körper, ihre Familiengeschichte oder die Naturgeschichte herangezogen werden müssen, oder ihre Darstellung tendiert zum Menschlichen, wodurch sie psychologisierend erzählbar werden.
Monster und Menschen ist klar nach den einzelnen Erklärungsansätzen strukturiert. Dabei ist die Monographie mit 176 Seiten in der Länge überschaubar. Einleitung und Schlussbetrachtung erlauben den einfachen Einstieg ins Thema und den abschließenden zusammenfassenden Ausblick. Dass in den einzelnen Kapiteln die Erklärungsansätze mit literarischen Beispielen untermauert werden, verstärkt nicht nur das Verständnis der einzelnen Ansätze, sondern macht Lust auf das Lesen der vorgestellten Texte. Die sparsame Verwendung der Fußnoten sowie der klare Sprachstil runden das positive Fazit zu der Studie ab.


Florian Beckerhoff: Monster und Menschen. Verbrechererzählungen zwischen Literatur und Wissenschaft (Frankreich 1830-1900). Würzburg: Königshausen & Neumann, 2007 (Epistemata. Würzburger wissenschaftliche Schriften; Reihe Literaturwissenschaft 604). 176 S., 28 Euro. ISBN: 978-3-8260-3643-9


Inhaltsverzeichnis


1. Verbrecher in Literatur und Wissenschaft 7
1.1. Das Normale, das Monster und der Mörder 8
1.2. Erzählliteratur und Wissenschaft als Text 12

2. Verbrecher bei Hugo, Balzac und Stendhal 16
2.1. Gegenwelten des Bösen 17
2.2. Menschen, nicht Monster 23
2.3. Liebestolle Monomane 27

3. Tragische Passionen und physiologische Tragödien 41
3.1. Außen vs. Innen: der Fall Jeanson 44
3.2. Die Bestie aus dem Krämerladen: Zolas Thérèse Raquin 55
3.3. Nichts bereuen! Dumas fils’ L’Affaire Clémenceau 64
3.4. Familienbande und Fatalität: Grenzen der physiologischen Tragödie 76

4. Menschliche Bestien und die Bestie im Menschen 81
4.1. Außenansichten: Lombrosos Blumen des Bösen 83
4.2. Zwischen Außen und Innen: Atavismus und Tyrannenmord in Zolas Germinal 86
4.3. Einblicke: Zolas La Bête humaine 90

5. Bewusstsein und Schuld: Verbrecher unter Hypnose 100
5.1. Der Bürger als verhinderter Mörder 103
5.2. Die kranken Engel der Salpêtrière: Clareties Jean Mornas 115
5.3. Alles Suggestion! Die Schule von Nancy 123
5.4. Mord und Karriere: Malots Conscience 125

6. Verbrechen und Verbrecher im fin-de-siècle 133
6.1. Verbrechen als Krankheit in Kriminologie und Kriminalroman 134
6.2. Verbrecher als Vorstellung: Maupassants "Un Fou" und Huysmans Là-bas 139
6.3. Verbrecherisches Erzählen: Mendès’ Le Chercheur des tares und Mirbeaus Le Jardin des supplices 148

7. Conclusio 161
Literaturverzeichnis 163

The Figure of the Criminal in Nineteenth-Century French Science and Literature

Florian Beckerhoff’s monograph considers conflicting views of the criminal from nineteenth-century French science and literature. Monster und Menschen (Monsters and Men) portrays a fascination with a subject which scientists viewed as a threat to society, but which the literary world saw for its artistic potential. Beckerhoff explains how the figure of the murderer is depicted in fictional and scientific writings, and the extent of similarities in those texts attributed to both discourses. Of particular interest is the question of where these writings locate the killer on a spectrum ranging from man to monster. The author’s conclusion: the scientific understanding of the criminal is of a thinly disguised monster which is, ultimately, to be done away with; the literary evaluation, by contrast, is of a monstrous aspect of normal humanity.



© bei der Autorin und bei KULT_online