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Das Elend der Exzellenz

Eine Rezension von Michael Bartel

Kaube, Jürgen (Hg.): Die Illusion der Exzellenz. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2009.

Der Sammelband Die Illusion der Exzellenz, herausgegeben vom FAZ-Journalisten Jürgen Kaube, thematisiert die Hochschulreformen der letzten Jahre als gescheitertes Großprojekt und damit die Lebenslügen der Wissenschaftspolitik. Demnach werden die mit den Reformen verknüpften Versprechungen keineswegs eingelöst. Beleuchtet wird diese Geschichte des Scheiterns aus den unterschiedlichsten Disziplinen der Sozial- und Naturwissenschaften. Kombiniert mit persönlichen Erfahrungen der Autoren, können die Aufsätze der bekannten Diskussion um den Bologna-Prozess und die Exzellenzinitiative zwar teilweise neue Argumente hinzufügen, erklären können sie die aktuellen Dynamiken an den Hochschulen und in der Hochschulpolitik jedoch nicht. 


Was die Autoren des Sammelbandes Die Illusion der Exzellenz von den Hochschulreformen der letzten Jahre halten, weiß der Leser spätestens nach dem ersten Satz: "Dieser Staat ruiniert seine Universitäten" (S. 7). Wie er sie ruiniert, wird in acht Beiträgen von Autoren unterschiedlichster Disziplinen (darunter Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Evolutionsbiologie, Verfassungsrecht und Physik) ausführlich thematisiert – und zwar immer aus der Perspektive persönlicher Erfahrungen. Einerseits grenzt sich der nur 96 Seiten schmale Band so von den quantitativen Studien zur Elitenforschung Richard Münchs ab (Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co., Frankfurt a. M. 2009; Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz, Frankfurt a. M. 2007). Andererseits findet er sich in direkter Konkurrenz zu qualitativen Auseinandersetzungen, wie zum Beispiel dem Tagungsband von Klaus W. Hempferer und Philipp Antony Zur Situation der Geisteswissenschaften in Forschung und Lehre. Eine Bestandsaufnahme aus der universitären Praxis (Stuttgart 2009). Was also kann der vorliegende Sammelband, herausgegeben von Jürgen Kaube – Ressortleiter Geisteswissenschaften bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung –, zur aktuellen Debatte über die Lebenslügen der Wissenschaftspolitik beitragen?

Zunächst bemühen sich die Autoren gar nicht erst, ihren Frust über die Hochschulreformen, die Einführung von Bachelor und Master und die wissenschaftsimmanenten Auswirkungen der Exzellenzinitiative in ein sterilisierendes Wissenschaftsdeutsch zu verpacken. Für den Freiburger Soziologen Wolfgang Eßbach "ist das Universitätsstudium zur Rennstrecke mit idiotensicheren Marschbefehlen geworden" (S. 20). André Kieserling, Professor für Soziologie in Bielefeld, beklagt die durch die Reform "zum Modell ohne Alternative" gewordene "bulimische Methode der Literaturaneignung" (S. 28) unter Bachelor-Studenten. Dass angesichts dieser Zumutungen für Lernende und Lehrende "die Reformkritik, die soziologische keineswegs ausgenommen, jedes Maß vermissen lässt" (S. 29), gibt Kieserling unumwunden zu. Doch Beiträge dieser Art lassen sich auch in den Feuilletons der Zeitungen lesen – und nicht nur in dem der FAZ. Diese Form der Katharsis ist nicht neu und will niemanden mit Argumenten überzeugen, sondern gefestigte Meinungen bestätigen. Dankenswerterweise bemühen sich die Verfasser, den über eine Zeitungsseite hinausgehenden Raum für eine ausführlichere und fundiertere Form der Kritik zu nutzen.

Einig sind sich die Autoren, dass dieser Band "keine Klage über den politisch herbeigeführten Zerfall einer dermaleinst intakten Institution" (S. 11) sei. Die unterfinanzierte Massenuniversität war bereits vor Inkrafttreten des Bologna-Prozesses Realität. Gemäß ihrer fachwissenschaftlichen Herkunft analysieren die Autoren, wie es zu dieser "Misere der Universitäten" (S. 15) kommen konnte. Wolfgang Eßbach macht in seinem Beitrag "Jenseits der Fassade. Die deutsche Bachelor-/Master-Reform" nicht nur die fehlenden finanziellen Mittel und die wenig planvolle Entwicklung der deutschen Hochschullandschaft in den achtziger Jahren dafür verantwortlich, sondern auch seinen eigenen Berufsstand: "Die Mehrheit der Professoren hat diese verantwortungslose Überfüllungspolitik, die Verwahrlosung der Universität, den Abbau von Leistungskontrollen, das Durchwinken bei Zwischenprüfungen, das Absenken des Niveaus mitgetragen" (S. 23). Eßbachs nachträglicher soziologischer Rekonstruktion zufolge, hat dieses Verhalten eine Eigendynamik entwickelt, die darauf hoffte, die Politik möge Erbarmen mit den Universitäten haben und Gelder für diese bereitstellen – und entpuppte sich damit als eine "katastrophale strategische Illusion" (S. 23).
Der Konstanzer Evolutionsbiologe Axel Meyer erweitert seinen "Hilferuf" (S. 50) um die Perspektive der Naturwissenschaften und den Verdruss, dass der Wissenschaftsstandort Deutschland durch die Exzellenzinitiative zu viele exzellente Wissenschaftler an das Ausland verliere. Zwar sorge der plötzliche Zustrom von Geldern aus der Exzellenzinitiative dafür, dass mit teuren Anzeigen nicht nur national, sondern auch international nach qualifizierten Doktoranden gesucht werden müsse, weil es "schlicht nicht genug qualifizierte junge Forscher auf dem nationalen deutschen Markt" (S. 50 f.) gäbe. Jedoch sei "eine Weiterfinanzierung als Postdoktorand in Deutschland oft schlicht nicht möglich" (S. 51 f.). Eine kurzsichtige Förderung exzellenter Wissenschaft führe demzufolge dazu, dass beispielsweise "die amerikanische Forschung durch deutsche Steuermittel subventioniert" (S. 53) werde.
Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers stellt darüber hinaus die Frage, was denn eigentlich passiere, "wenn im Rahmen der Exzellenzinitiative Mittel an Fakultäten verteilt werden, für deren Verstetigung nach fünf Jahren eben diese Fakultäten andere Einheiten auflösen müssen?" (S. 62).

In der Summe verwehrt sich der Sammelband gegen eine Wissenschaftspolitik, die die Universitäten wissenschaftsfremden Interessen ausliefert. Die Exzellenzinitiative mache die "Universitäten zu Behörden […], die einen wesentlichen Teil ihrer Kraft und ihres Budgets in Anträgeschreiben investieren" (S. 84). Damit werden nicht nur Studenten und Doktoranden ihrer wissenschaftlichen Ausbildung beraubt, sondern auch die Lehrenden ihrer Forschung. Nach dieser Bestandsaufnahme fällt das Fazit jedoch ernüchternd aus. Denn Schuld sind wie so oft die Anderen – in diesem Fall eine unkoordinierte Wissenschaftspolitik. Dass dann jedoch der Wissenschaftsrat, immerhin das zentrale professorale Beratungsgremium der Politik, im Band nicht thematisiert wird, lässt besonders Wolfgang Eßbachs Analyse der "katastrophalen strategischen Illusion" unter der Professorenschaft während der Hochschulreformen der 80er Jahre im Zwielicht erscheinen. Den Dynamiken an den Hochschulen wird der Band so jedenfalls nicht gerecht.


Kaube, Jürgen (Hg.): Die Illusion der Exzellenz. Lebenslügen der Wissenschaftspolitik. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2009. 96 S., broschiert, 9,90 Euro. ISBN: 978-3803126047



Inhaltsverzeichnis

Jürgen Kaube: Vorwort. Die falsche Reform 7

Wolfgang Eßbach: Jenseits der Fassade. Die deutsche Bachelor-/Master-Reform 14

André Kieserling: Die Wirklichkeit der Humboldt-Rhetorik oder Was soll aus den Studenten werden 26

Rudolf Stichweh: Autonomie der Universitäten in Europa und Nordamerika: Historische und systematische Überlegungen? 38

Axel Meyer: Brain-Drain und Brain-Gain. Wie Deutschland seine Chancen als Land der Wissenschaft verpasst 50

Christoph Möllers: Kein Grundrecht auf Exzellenzschutz 56

Margit Osterloh und Bruno S. Frey: Das Peer-Review-System auf dem ökonomischen Prüfstand 65

Ulrich Schollwöck: Professor Stachanov geht an die Börse. Irrungen im Reich der Forschungskennziffern 74

Jürgen Kaube: Exzellenz per Beschluss 82

Anmerkungen 90

Initiative for Excellence: Great Expectations, Scaled Back

Die Illusion der Exzellenz (The Illusion of Excellence), a collection of essays edited by FAZ journalist Jürgen Kaube, discusses the recent reforms in German higher education and thus exposes the façade of German higher education policy. According to the authors’ views, the promises inherent in the reforms have not been honored. These shortcomings are examined from various angles stemming from both the social and natural sciences. Although the authors’ personal experiences and critical examinations might add some fuel to the fire of ongoing debate on the Bologna process and the Excellence Initiative, the volume ultimately fails to explain the current dynamics of the situation at universities and in higher education policy.

© beim Autor und bei KULT_online