Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Navigation

Artikelaktionen

Das Archiv und seine Fächer

Eine Rezension von Andreas Grünes

Ebeling, Knut; Günzel, Stephan (Hg.): Archivologie. Theorien des Archivs in Philosophie, Medien und Künsten. Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2009.

Der Sammelband Archivologie vereinigt essentielle Texte zur modernen Archivtheorie. Im Sinne von Derridas Forderung nach einer allgemeinen und interdisziplinären Wissenschaft des Archivs werden Beiträge der bedeutendsten Theoretiker mit neueren Abhandlungen aus gegenwärtigen Strömungen der Archivtheorie und der Archivpraxis kombiniert. Das Werk liefert mit Texten aus Philosophie, Medien-, Geschichts-, Literatur- und Kunstwissenschaften einen polyperspektivischen Blick auf den Archivbegriff. Dadurch entwickelt sich ein dynamischer und produktiver Austausch zwischen den Formen des konzeptionell-methodischen und des institutionellen Archivs, was den Band zu einem wichtigen Beitrag der gegenwärtigen Archivtheorie macht. 


Das von Wolfgang Ernst diagnostizierte Rumoren der Archive (2002) ist keineswegs verstummt, wie der von Knut Ebeling und Stefan Günzel herausgegebene Sammelband Archivologie zu den heterogenen Theorien des Archivs zeigt. "Archivologie" ist dabei kein wohlklingender Neologismus der Herausgeber, sondern eine Konsequenz und Weiterentwicklung der von Jacques Derrida geforderten "allgemeinen und interdisziplinären Wissenschaft" (S. 42), die Mitte der 1990er Jahre mit einer Hochkonjunktur der Erinnerungskulturforschung und der expansiven Transformation materieller Dokumente in immaterielle Daten zusammenfiel.

Diese beiden Entwicklungen begünstigen eine interdisziplinäre Herangehensweise, in der, wie Ebeling und Günzel in ihrer Einleitung betonen, "Theorie und Künste gleichberechtigt nebeneinander" (S. 10) stehen. Zugleich erfordere die "Archivologie" eine andere Definition des Archivs, nach der es sich nicht nur um Prozesse der Speicherung von Wissen handelt, sondern das Archiv "ein spezifischer Ort der Produktion einer jeweiligen Erzählung, einer spezifischen und womöglich anderen Geschichte" (S. 9) ist. So wird auch das Problem der ‚zwei Körper‘ innerhalb des theoretischen Archivdiskurses lanciert, in dem sich die poststrukturalistische Konzeption des Archivs als kulturelles Gedächtnis und das Archiv als Institution in ihrer Begrifflichkeit vermischen. Der Sammelband bietet indes keine Lösung für den Kontrast an und will es auch gar nicht: Stattdessen wird das Spannungsverhältnis des "Hin-und-Her zwischen institutionellem Archiv und Archivbegriff" (S. 12) als Potenzial für den Versuch einer Neubewertung der Archivtheorie, also der Schaffung einer "Archivologie" verstanden. Zu diesem Zweck versammelt der Band sowohl Texte zum methodischen und konzeptionellen Archivbegriff als auch zu institutionellen Formen des Archivs.
Hierin liegt die Stärke des Bandes: Eine bloße Versammlung der Koryphäen des Archivdiskurses des 20. Jahrhunderts hätte wohl eine neue Perspektive, ansonsten aber nur altbekannte Inhalte bieten können. Durch die Kombination mit neueren, wenn auch teilweise recht kurzen Aufsätzen zu Archivtheorie und archivaler Praxis entsteht ein diskursiver Wechsel zwischen Konzept und Institution. Verwirrend ist hingegen die Arrangierung der Texte in die Bereiche "Archäologien", "Theorien", "Medien" und "Ästhetiken" des Archivs, behandeln doch alle Beiträge theoretische, mediale und ästhetische Aspekte. Insbesondere der Begriff "Ästhetiken" wirkt unpräzise, ließen sich die dort versammelten Beiträge doch eher unter "Praktiken" oder "Formen" fassen.

Dennoch liefert gerade die Sektion "Archäologien des Archivs" einen guten Zugang zur Gesamtthematik. Ein Auszug aus Jacques Derridas Mal d’archive, in dem Überlegungen angesichts eines Freud-Museums zu einer Reflexion der relevanten Strömungen in der Archivtheorie seit Foucault werden, dient als historischer Abriss des Diskurses. Die Aufsätze von Knut Ebeling und Cornelia Vismann schließen unmittelbar an Derridas Überlegungen an: Ebeling überprüft Derridas These dezentraler Amtsarchive im Athen des 5 Jh. v. Chr. und definiert das Verhältnis der Trias Gesetz, Archiv und Ort. Darauf rekurrierend, diskutiert Vismann ebenfalls Derridas Ansatz des attischen Archivbeginns und skizziert abschließend eine Arca-logie, eine materielle Archäologie der Überlieferungsbedingungen.
Mit Auszügen aus Foucaults Archäologie des Wissens, de Certeaus L’Ecriture de l’Histoire und Ricœurs Zeit und Erzählung liefert die Sektion "Theorien des Archivs" Zentraldokumente der Archivtheorie, die sich mit der Problematik der kultur- und zeitabhängigen Codierung von Wissen durch und in kulturellen Archiven auseinandersetzen. Ergänzt wird der theoretische Teil durch Texte von Stephan Günzel und Boris Groys. Während Günzel das Verhältnis von phänomenologischer und strukturalistischer Archivtheorie reflektiert, entwickelt Groys die Theorie eines "submedialen Raum[s] des Archivs", in dessen Zentrum eine mediale – weil auf die Präsentationsform ausgerichtete – Codierung steht.
Die Beiträge Wolfgang Ernsts und Aleida Assmanns in "Medien des Archivs" knüpfen an Groys Betonung des medialen Aspekts an, fokussieren dabei im Kontext des kulturellen Archivs aber stärker die Dialektik von Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen. # Mit den Beiträgen von Ulrich Raulff, Benjamin Buchloh und Monika Rieger verschiebt sich im letzten Teil des Bandes der Fokus deutlich auf archivale Praktiken, zugleich wird der Archivbegriff schwammiger: Vielfältige Praktiken des Sammelns beginnen hier den Archivbegriff zu dominieren. Während Raulff als Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach die ökonomische Interaktion von Literaturproduktion und Literatur erörtert, akzentuieren Buchloh und Rieger die Tätigkeit des Sammelns in den Künsten.

Die Aufweichung des Archivbegriffs zum Schluss des Bandes ist kein Lapsus, sondern programmatisch im Sinne der Herausgeber und somit ein Zugewinn: Will die "Archivologie" tatsächlich eine "Neubewertung der Archivtheorie" (S. 13) leisten, so ist dieses Vorhaben nur interdisziplinär umsetzbar, und daraus resultieren zwangsläufig Divergenzen gleichnamiger Begriffe und Konzepte. Indem der Band den Spalt zwischen Archivtheorie und institutionellem Archiv nicht ignoriert, sondern das Spannungsverhältnis als sinnvolles Wechselspiel erkennt, bedienen die Herausgeber ein echtes Desiderat und es bleibt zu hoffen, das mit der "Archivologie" tatsächlich ein neues Forschungsfeld eröffnet werden kann.


Ebeling, Knut / Günzel, Stephan (Hg.): Archivologie. Theorien des Archivs in Philosophie, Medien und Künsten. Berlin: Kadmos, 2009. 272 S., broschiert, EUR. 19,90. ISBN 978-386599-028-0



Inhaltsverzeichnis



Knut Ebeling/Stephan Günzel: Einleitung 7


Archäologien des Archivs


Jacques Derrida: Dem Archiv verschrieben 29

Knut Ebeling: Das Gesetz des Archivs 61

Cornelia Vismann: Arché, Archiv, Gesetzesherrschaft 89


Theorien des Archivs


Michel Foucault: Das historische Apriori und das Archiv 107

Boris Groys: Das Neue im Archiv 113

Paul Ricoeur: Archiv, Dokument, Spur 123

Michel de Certeau: Der Raum des Archivs oder die Perversion der Zeit 139

Stephan Günzel: Archivtheorie zwischen Diskursarchäologie und Phänomenologie 153


Medien des Archivs


Aleida Assmann: Archive im Wandel der Mediengeschichte 165

Wolfgang Ernst: Das Archiv als Gedächtnisort 177

Bernhard Fritscher: "Archive der Erde". Zur Codierung von Erdgeschichte um 1800 201


Ästhetiken des Archivs


Ulrich Raulff: Sie nehmen gern von den Lebendigen. Ökonomien des literarischen Archivs 223

Benjamin Buchloh: Warburgs Vorbild? Das Ende der Collage/Fotomontage im Nachkriegseuropa 233

Monika Rieger: Anarchie im Archiv. Vom Künstler als Sammler 253


Editorische Notiz/Nachweise 270

Biobibliographische Notizen 271

The Archive and Its Fields

The anthology Archivologie collects essential texts of modern archive theory. Following Jaques Derrida’s demand for a general and interdisciplinary science of archives, the anthology combines works of famous theorisers with essays on contemporary lines of thought from both theory and practice. With papers from history, philosophy, literature, media sciences and the history of art, the anthology presents a comprehensive concept of the archive. There is therefore a dynamic discourse between the ideas of the concept and the institutions of archives, which makes this anthology a valuable contribution to current archive theories.


© beim Autor und bei KULT_online