Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Bachtin durch die Brille Cassirers betrachtet: Über die Wurzeln der bachtinschen Kulturtheorie in der Philosophie der symbolischen Formen

Eine Rezension von Linda Karlsson

Eilenberger, Wolfram: Das Werden des Menschen im Wort. Eine Studie zur Kulturphilosophie Michail M. Bachtins. Zürich: Chronos Verlag, 2009.

In seiner Monographie Das Werden des Menschen im Wort. Eine Studie zur Kulturphilosophie Michail M. Bachtins (2009), die auf einer Dissertation im Fach Philosophie beruht, untersucht Wolfram Eilenberger Bachtins romantheoretische Schriften als eine "Anthropologie des Wortes" (S. 14). Parallelen zu zeitgenössischen philosophischen Strömungen, besonders zu Cassirers Philosophie der symbolischen Formen, werden dabei aufgespürt. Eilenbergers Verdienst besteht darin, durch eine schlüssige philosophiegeschichtliche Kontextualisierung eine Kohärenz des vielseitigen Werkes Bachtins sichtbar werden zu lassen. Die zum Schluss aufgestellte These, die gegenwärtige Aktualität von Bachtins Werk liege im "polyphonen Bildungsstil" (S. 253) seiner Theorie, wird jedoch nicht in wünschenswerter Tiefe diskutiert. 


In seiner 2009 erschienenen Dissertation beschreibt Wolfram Eilenberger die Romantheorie Michail M. Bachtins als kulturphilosophische "Erzählung vom Werden des Menschen im Wort" (S. 108). Seinen Ausgangspunkt nimmt der Autor in der von Brian Poole 1997 aufgedeckten Tatsache, dass Bachtin ohne Quellenangaben mehrere Seiten aus Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen (1923-1929) in sein Werk Rabelais und seine Welt (publ. 1965, geschr. 1940) inkorporiert hat. So hat Eilenberger es sich zur Aufgabe gemacht, Bachtins Denkweg vor dem Hintergrund der Symbolphilosophie Cassirers neu zu beschreiben. In vier Kapiteln werden Übereinstimmungen zwischen Bachtins romantheoretischen Schriften und Cassirers Philosophie der symbolischen Formen, aber auch anderen (vornehmlich deutschen) philosophischen Vorlagen untersucht, die in Bachtins stilistisch gesehen polyphone Werke Eingang fanden.

Zu Beginn der Studie zeichnet Eilenberger die Verbindungslinien zwischen Cassirer und Bachtin nach. Das erste Kapitel, "Zwischen Ereignis und Form – Die Sprachkonzeption Vološinovs" beleuchtet die Aneignung und Transformation von Cassirers Philosophie der symbolischen Formen durch den Soziologen und Linguisten Valentin N. Vološinov in dessen Werk Marxismus und Sprachphilosophie (1929). Bachtins Freund und Kollege Vološinov erscheint dabei als wichtige Brücke zwischen Cassirer und Bachtin. Der Autor zeigt in diesem Kapitel, dass Vološinovs und Bachtins Aneignung der Symbolphilosophie Cassirers mit einer Umakzentuierung einherging, im Laufe derer die Materialität des Zeichens, die gesellschaftlichen Bedingungen des Zeichenaustausches und der Fokus auf sprachliche Zeichen eine stärkere Betonung erhielten.

Daran anknüpfend untersucht das zweite Kapitel, "Stimmen und Distanzen", Bachtins Weiterentwicklung von Cassirers Kritik an dem Mythos einer unmittelbaren Sprache. Vor dem Hintergrund Cassirers werden Bachtins Ausführungen zur Herausbildung des vielstimmigen Romans als Distanzierung von der monologischen Gattung des Epos und somit als Symptom für Fortschritt kontextuell verankert. Eilenberger macht sich dafür stark, dass Bachtins romantheoretische Schriften nicht primär als ein Beitrag zur Literaturtheorie zu lesen sind. Vielmehr entwerfe Bachtin in seinen Schriften eine Kulturtheorie, die in der Distanzierung des Bewusstseins von dem mythischen Sprachempfinden die Grundlage einer Emanzipation des Menschen zu einem selbstverantwortlichen Individuum erkennt. In diesem Sinne ist auch Eilenbergers Auslegung von Bachtins Schriften als "Erzählung vom Werden des Menschen im Wort" (S. 108) zu verstehen. Ergiebig ist besonders die Parallelisierung, in der Bachtins Darstellung des Übergangs von einer antiken und mittelalterlichen Einstimmigkeit der Literatur hin zur Mehrstimmigkeit der Renaissance neben Passagen aus einem 1931 erschienenen Artikel des Psychologen und Cassirer-Schülers Kurt Lewin über den "Übergang von der aristotelischen zur galileischen Denkweise in Biologie und Psychologie" gestellt werden. Hierdurch wird Bachtins Übertragung der galileischen Wende auf den Bereich der Romantheorie nachvollziehbar.

Das dritte Kapitel, "Im Zeitraum des Romans", widmet sich Bachtins Konzept der Chronotopoi und deren Bedeutung für menschliche Selbstverständnisse. Eilenberger liest Bachtins Bejahung der Unabgeschlossenheit der Roman-Chronotopoi sowie der offenen Selbstbilder, die diese dynamischen Chronotopoi ermöglichen, als Ausdruck eines Humanismus ohne konkretes, abgeschlossenes Menschenbild. Im Gegensatz zum mythischen Wort bei Cassirer und zu Bachtins Konzeption des epischen Wortes, ermöglichen das vielfältig akzentuierte Wort und die Chronotopoi des Romans eine offene Entfaltung, ein dynamisches Werden des Menschen im dialogischen Medium des Wortes. Besonders gelungen in diesem Kapitel ist, dass Eilenberger das Ideal der Polyphonie und der Unabgeschlossenheit sowie die Kritik Cassirers und Bachtins an mythischen Sprachauffassungen und Einstimmigkeit im historischen Kontext der totalitären Systeme des Faschismus und Stalinismus diskutiert.

Im letzten Kapitel des Buches, "Lachende Leiber", wird Cassirers Verständnis vom menschlichen Leib als erstem Bezugssystem raum-zeitlicher Erfahrungen beleuchtet und mit Bachtins Konzeption des grotesken Körpers in Verbindung gesetzt. Das letzte Teilkapitel dient zudem als Diskussionsteil, in dem die Frage nach dem Anschlusspotential von Bachtins Kulturphilosophie aufgeworfen und knapp diskutiert wird. Der Autor stellt dabei die These auf, dass es weniger das Aufstehen für die zentrifugalen Kräfte der Gesellschaft und für Vielstimmigkeit als vielmehr der "polyphone[] Bildungsstil" (S. 253) von Bachtins Theorie sei, der heute die eigentliche Relevanz seiner Schriften ausmache. Mehr als eine These ist dies jedoch nicht, da der Autor eine detaillierte Diskussion des Anschlusspotentials Bachtins vor dem Hintergrund der entwickelten Lesart seiner Schriften schuldig bleibt.

Problematisch an Eilenbergers Studie ist zudem die Marginalisierung der russischen Bachtin-Rezeption. Statt sich argumentativ mit dieser auseinanderzusetzen, diskreditiert Eilenberger in der Einleitung beiläufig die russischen "puristisch (folkloristischen) Lesarten" (S. 11) bachtinscher Werke, wobei er in diesem Zusammenhang nur auf zwei Überblickswerke über die russische Bachtin-Rezeption hinweist. Zudem finden sich im Text mehrere Übersetzungs-, Tipp- und kleinere Sachfehler. (So spricht der Autor z. B. nicht von Erich Auerbach, sondern von "Ernst Auerbach" (S. 180) als Verfasser der literaturwissenschaftlichen Studie Mimesis.) Doch trotz dieser Mängel füllt Eilenbergers Studie auf Pooles Arbeit aufbauend eine Lücke in der Bachtin-Forschung, indem häufig in der Literatur- und Kulturwissenschaft aus ihrem Zusammenhang gerückte und fragmentarisch zitierte Passagen im Kontext ihrer eigenen Entstehung ausgelegt und miteinander in Verbindung gesetzt werden. Bachtins Schriften werden so als hybrides und dennoch kohärentes Ganzes, als eine Kulturphilosophie über das – nicht nur literarische – Wort als dialogisches Medium menschlicher Entfaltung, lesbar.


Eilenberger, Wolfram: Das Werden des Menschen im Wort. Eine Studie zur Kulturphilosophie Michail M. Bachtins. Zürich: Chronos Verlag, 2009. 265 S., kartoniert, 29,80 Euro. ISBN: 978-3-0340-0923-2



Inhaltsverzeichnis

Einleitung 9

I. Zwischen Ereignis und Form – Die Sprachkonzeption Vološinovs
I.1. Im Zeichen der Sprache 19
I.2. Unterwegs zur eigenen Stimme 60
I.3. Auf der Schwelle zur Polyphonie 88

II. Stimmen und Distanzen
II.1. Das Wort im Roman – Distanzierung vom Mythos der Sprache 107
II.2. Postmythische Stilistik 125
II.3. Gestalt und Gestaltung dialogischer Beziehungen 145
II.4. Hybride Sprachbilder 160
II.5. Die Stimmen des Autors 167
II.6. Eine ganz kurze, hybridisierte Geschichte des Stilbegriffs 177

III. Im Zeitraum des Romans
III.1. Chronotopische Quellen 189
III.2. Chronotopische Anwendungen – Epos oder Roman 203

IV. Lachende Leiber
IV.1. Die groteske Zweileibigkeit des Karnevals 223
IV.2. Die Funktionen des Lachens 238

Literaturverzeichnis 255

Reading Bachtin through Cassirer: On the Roots of Bachtin’s Cultural Theory within the Philosophy of Symbolic Forms

In his philosophical dissertation Das Werden des Menschen im Wort. Eine Studie zur Kulturphilosophie Michail M. Bachtins (The Becoming of the Human in the Word: A Study of Michail M. Bachtin’s Cultural Philosophy), published in 2009, Wolfram Eilenberger investigates Bachtin’s writings on the novel as an anthropology of words (cf. p. 14). By contextualising Bachtin’s work in relation to coeval philosophical schools – especially to Cassirer’s Philosophy of Symbolic Forms – Eilenberger demonstrates a coherence within the manifold bachtinian opus. At the end of the study Eilenberger makes the case that the contemporary relevance of Bachtin’s work lies in his polyphone theoretical style (cf. p. 253). However, this final thesis on the topicality of Bachtin’s work isn’t discussed in depth.



© bei der Autorin und bei KULT_online