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Analphabetismus und Unlernbarkeit als Hauptgründe für die türkische Schriftreform?

Eine Rezension von Saltanat Rakhimzhanova

Bayraktarli, Ihsan Yilmaz: Die politische Debatte um die türkische Schrift- und Sprachrevolution von 1928. Freiburg i. Br.: Maurer, 2008.

İhsan Bayraktarlıs Dissertation Die politische Debatte um die türkische Schrift- und Sprachrevolution von 1928 beschäftigt sich mit den politischen Hintergründen und den linguistischen Aspekten der türkischen Schriftreform. Thematisch rücken die Umstellung des Türkischen auf das lateinische Alphabet (1928) und der Sprachpurismus (1932) in den Fokus. Den Kern der Arbeit bildet eine eingehende Auseinandersetzung mit sprachplanerischen Prozessen in der Türkei. Hier führt Bayraktarlı einen kontrastiven Vergleich mit ähnlichen Entwicklungen in der Sowjetunion und Westeuropa durch und wirft anschließend einen Blick auf die heutige Sprach- und Bildungspolitik in der Türkei. 


Anfang des 20. Jahrhunderts finden in der Türkei politische und gesellschaftliche Modernisierungsprozesse statt. Die angestrebte Loslösung vom islamischen Kulturkreis und der Annäherungsversuch an die europäische Kultur rufen die Herausbildung einer gemeinsamen Identität, die eine gemeinsame Sprache und Kultur hat, hervor. Die Suche nach einer neuen nationalen Identität bestimmt die türkische Sprach- und Schriftreform von 1928 mit. Dieses vielschichtige und kontrovers diskutierte Thema greift İhsan Bayraktarlı in seiner Studie mit dem Ziel auf, darin Gründe für die heutige Identitätskrise zu finden (vgl. S. 29).

Indem sich der Autor bei einführenden Begriffsklärungen für den Gebrauch des Begriffs 'Sprachrevolution' statt des in der westlichen Turkologie geprägten (und auch in dieser Rezension verwendeten) Begriffs 'Sprachreform' entscheidet, stellt er sich in die Tradition der türkischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Im nächsten einführenden Teil (Kap. 3) gibt er dann einen diachronischen Überblick über die Entwicklung des Türkischen und seiner Alphabete.
Das darauf folgende Kapitel beschäftigt sich mit den damals aufgeführten Hauptargumenten für die Schriftreform. Dabei betrachtet der Autor zunächst die Begründung kritisch, mit einem neuen lateinischen Alphabet den Analphabetismus in der Türkei bekämpfen zu wollen. Mittels einer kontrastiven Gegenüberstellung vergleicht Bayraktarlı statistische Angaben zum Analphabetismus im 18. und 19. Jahrhundert in Europa und dem Osmanischen Reich (vgl. S. 78 ff.). Anschließend zieht er UNESCO-Angaben zu Analphabetenquoten in Ländern wie Nepal, Brasilien, Japan und den benutzten Alphabeten in diesen Staaten hinzu und kommt zu dem Schluss, dass die Verwendung verschiedener Graphien kein Grund für Analphabetismus sei. Als Beispiel wird Japan mit vier verschiedenen Alphabeten und einer Analphabetenquote gegen Null herausgehoben. Zudem sinkt die Zahl der Analphabeten in der Türkei nach der Sprachreform nur in unbedeutendem Maße. So widerlegt Bayraktarlı das reformatorische Argument hinsichtlich des Analphabetismus.
Im Folgenden geht der Verfasser dem nächsten Argument nach, dass die lateinische Graphie "schnell und leicht fehlerfrei" zu lernen sei (S. 99). Hier weist er in einer Vergleichsanalyse auf Probleme der Realisierung der spezifischen Phoneme in verschiedenen europäischen Sprachen mit der lateinischen Graphie hin (vgl. S. 103). Ähnliche Schwierigkeiten sind im heutigen Türkisch präsent. Bayraktarlı widerspricht der These der besseren Eignung der lateinischen Schrift für das Türkische mit dem abschließenden Satz: "[M]an hätte eine kontinuierliche Normierung der osmanischen Sprache vorantreiben sollen, statt diese einfach nur abzuschaffen" (S. 111).

Eine kritische Position vertritt der Autor gegenüber der den Sprachpurismus betreibenden Türkischen Sprachgesellschaft. Türk Dil Kurmu sieht ihre Aufgabe in der Abschaffung von Lehnwörtern aus dem Arabischen und Persischen, in der Türkisierung von Fremdwörtern sowie in der Einbeziehung der Volkssprache in die Allgemeinsprache. Dieser Arbeit der Sprachgesellschaft liegt die Sonnensprachtheorie zugrunde, derzufolge das Türkische die Ursprache aller Sprachen der Welt ist.

Das fünfte und mit 142 Seiten umfangreichste Kapitel der Monographie vergleicht die sprachplanerischen Gegebenheiten der Türkei mit gleichzeitig stattfindenden sprachpolitischen Ereignissen in der Sowjetunion. Darüber hinaus werden frühere Forschungen zur Normierung der osmanischen Schriftsprache aufschlussreich und informativ erörtert (vgl. S. 129 ff.). Der Autor nennt hier vor allem Ahmet Cevdet Pascha und Münif Pascha, die die Reform der arabischen Schrift befürworteten. Mirza F. Ahundov sprach sich dagegen für die Umstellung auf das Lateinische aus und legte ein wissenschaftliches Konzept zur Reformierung vor. Ihmzufolge liegen die Gründe für die Rückständigkeit der türkischen Gesellschaft in der arabischen Schrift und der islamischen Religion (vgl. S. 132 f.). Detailreich und dennoch übersichtlich sind auch Darstellungen zu Akteuren der türkischen Schriftreform wie Namik Kemal, Ebuzziya Tevfik und Ziya Gökalp. Zu Befürwortern und Gegnern liefert der Autor ausführliche Informationen zum Berufsfeld, ihrer konkreten Mitwirkung und einschlägige Zitate zur Sprachumgestaltung (vgl. S. 208 ff.). Der Autor betont, dass die Akteure der Sprachreform nicht die Linguisten, sondern Schriftsteller, Politiker und namhafte Vertreter der Öffentlichkeit waren. Sprachwissenschaftler hingegen waren vielmehr Gegner der Einführung eines neuen Alphabets und unterstützten die Reformierung der arabischen Schrift (vgl. S. 147).

In der Zusammenfassung (Kap. 6) gibt Bayraktarlı anregende Impulse für die heutige Sprach- und Bildungspolitik. Er schlägt die Einführung des Osmanischen und des Kurdischen als Schulfächer vor (vgl. S. 236 ff.). Die Wiederaufnahme des Osmanischen ins Schulprogramm soll einen Zugang zum kulturellen Erbe schaffen. Mit dem Vorschlag, das Kurdische als Schulfach einzuführen, problematisiert der Autor den in der türkischen Bildungspolitik bisher ganz unbeachteten Bilingualismus Kurdisch – Türkisch und die gesellschaftliche Mehrsprachigkeit in der Türkei insgesamt.

In dieser grundlegenden Arbeit liegt einzig im Anhang ein kleines Manko darin, dass man sich zu den einzeln aufgeführten Bildern und Dokumenten mehr Zusammenhang stiftende Erläuterungen gewünscht hätte. Das wohlsortierte Literaturverzeichnis hingegen bietet eine größere Auswahl der türksprachigen Quellen und Forschungsliteratur.

İhsan Bayraktarlıs Dissertation leistet einen wichtigen Beitrag zum heutigen Umgang mit der sprachpolitischen Vergangenheit in der Türkei. In seiner kritischen Analyse der türkischen Schrift- und Sprachreform zeigt der Verfasser die politische Instrumentalisierung des Türkischen für die Nationsbildungsprozesse in den 1920er und 1930er Jahren. Die fundierte Arbeit veranschaulicht, wie Bildungs- und Sprachfragen wie etwa die Wiedergabe des türkischen Vokabelreichtums oder die Bekämpfung des Analphabetismus eine vorgeschobene Rolle spielen und es in erster Linie um Macht- und Kulturpolitik geht. Informativ und bedeutsam für deutschsprachige Leser sind detaillierte Darstellungen von Akteuren der türkischen Sprachreform. Das die ganze Studie durchziehende kontrastive Herangehen ermöglicht eine bessere Erkennung und Erfassung der politisch-geschichtlichen Ereignisse. Beachtenswert sind vom Autor gezeigte Anknüpfungspunkte zwischen der ausgeführten sprachlichen Reform und der aktuellen Sprachproblematik. Bayraktarlıs Anregungen zur Normalisierung der Sprachverhältnisse im heutigen türkischen Staat können als Anfang einer kritischen, 'tatkräftigen' Auseinandersetzung mit dem Thema der türkischen Schrift- und Sprachreform von 1928 bewertet werden.


Bayraktarlı, İhsan Yılmaz: Die politische Debatte um die türkische Schrift- und Sprachrevolution von 1928. Freiburg i. Br.: Verlag Hans-Jürgen Maurer, 2008. 347 S., kartoniert, 39,90 Euro. ISBN: 978-3-929345-54-4 
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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Vorüberlegung
1.2 Fragestellung und Abgrenzung des Themas
1.3 Aufbau und Methode der Arbeit
1.4 Forschungs- und Quellenlage

2. Die Rolle der Schrift im Modernisierungsprozess vom osmanischen Millet-System zur kemalistischen Staatsnation
2.1 Begriffsklärungen: Kulturnation – Staatsnation, Reform – Revolution, Modernisierung – Verwestlichung und Nationalismus
2.2 Sprache und Politik
2.3 Schrift und Sprache als Identitätsfaktor einer Nation
2.4 Fazit

3. Schriftrevolution
3.1 Einleitung und Begriffsbestimmung
3.2 Deutschland, USA, Griechenland und Türkei
3.3 Fazit

4. Die türkische Sprache und ihre Alphabete
4.1 Sprache
4.2 Alphabete
4.2.1 Alphabete vor Schriftrevolution
4.2.2 Das lateinische Alphabet
4.2.2.1 In der lateinischen Welt
4.2.2.2 In der türkischen Welt
4.3 Fazit

5. Sprachplanung: Schrift- und Sprachrevolution als die Konfliktquellen
5.1 Einleitung
5.2 Schrift- und Sprachreformen im türkischsprachigen Russland: Die politisch-geistige Quelle der türkischen Schriftrevolution
5.3 Vorläufer der Schrift- und Sprachrevolution vor 1928
5.3.1 Frühe Forschungen zur Normierung der Schrift und Sprache im osmanischen Reich
5.3.2 Sprachplanung seit der Proklamation der zweiten konstitutionellen Monarchie 1908 bis zur Gründung der Republik
5.3.3 Ansichten der türkischen Eliten über die Schrift- und Sprachthematik in der vorrepublikanischen Periode. Pro und Contra
5.4 Auf dem Weg zur Schriftrevolution – Ein geschichtlicher Abriss
5.4.1 Strukturen und strukturelle Erfolgsbedingungen der Revolution von 1928
5.4.2 Politiker und Sprachplaner testen von 1924 bis 1928 das türkische Volk. Eine Wartezeit
5.4.3 Die Suche nach einem neuen Alphabet
5.4.4 Der Gesetzentwurf für eine neue Schrift im Parlament
5.5 Schriftrevolution als Innovationsfaktor des Kulturwandels
5.5.1 Schrift als Instrument der Modernisierung – Die Verwestlichung von Schrift und Sprache
5.5.2 Politische Instrumentalisierung und Ideologisierung von Sprache
5.5.3 Der Weg zur türkischen Nationalsprache: Purismus oder die Sprache als Werkzeug der TDK
5.6 Diskussionen vor und nach der Schrift- und Sprachrevolution
5.6.1 Einführung
5.6.2 Protagonisten und Antagonisten der Schrift- und Sprachrevolution im Überblick
5.6.3 Resonanzen zur Schrift- und Sprachrevolution im Ausland
5.7 Ein Abriss über die Folgen der Schrift- und Sprachrevolution und die möglichen Restaurationen der Sprachpolitik
5.7.1 Allgemeines
5.7.2 Innovation und Restauration im Bildungswesen im Zuge der Schrift- und Sprachrevolution. Ist die Realisierung bilingualer Kompetenz in der Türkei noch möglich?
5.8 Fazit

6. Zusammenfassung und Beurteilung

7. Literaturnachweis
7.1. Zeitschriften: Artikel, Berichte, Seminare
7.2 Zeitungen
7.3 Internetadressen

8. Anhang

Were Illiteracy and Unlearnability the Main Reasons for Turkish Language Reform?

İhsan Bayraktarlı’s doctoral thesis Die politische Debatte um die türkische Schrift- und Sprachrevolution von 1928 (The political debate on the reform of the Turkish language and writing system of 1928) focuses on the analysis of political and linguistic aspects of Turkish writing system reform. The main topics are the study of the adoption of the Latin alphabet (1928) and the analysis of linguistic purism (1932). A detailed discussion of language planning processes in Turkey forms the core of the thesis. A contrastive comparison is carried out using similar developments in the Soviet Union and Western Europe, followed by a look at current linguistic and educational policies in Turkey.



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