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Zeitfiguren in Philosophie und Film: Bergson, Deleuze und Lynch

Eine Rezension von Regine Leitenstern

Volland, Kerstin: Zeitspieler. Inszenierungen des Temporalen bei Bergson, Deleuze und Lynch. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2009.

Mit ihrer Dissertation
Zeitspieler. Inszenierungen des Temporalen bei Bergson, Deleuze und Lynch legt Kerstin Volland eine ambitionierte, sowohl zeit- als auch medientheoretische Studie zum Verhältnis von Zeit und Film vor. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht eine Temporalität jenseits des linearen, objektiven Zeitbegriffs: die subjektive Zeit der Gedanken und Erinnerungen. Auf einen kurzen Überblick über die Diskussion zum Verhältnis von Zeit und Medien folgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Zeitkonzepten Henri Bergsons, Gilles Deleuzes und David Lynchs. Dessen Filme werden dabei nicht als Illustration der theoretischen Modelle Bergsons und Deleuzes betrachtet, Ausgangspunkt ist vielmehr ein gleichberechtigtes Verhältnis und eine wechselseitige Erhellung von begrifflichen und filmischen Zeitfiguren.  


Unserem Alltagsverständnis nach ist Zeit nicht mehr als ein Nacheinander von Ereignissen, eine sukzessive Aufeinanderfolge von Fakten. Messbar in Stunden, Minuten und Sekunden, vorstellbar als gleichförmige Gegenwartspunkte, die sich aneinanderreihen und zu einer Zeitgeraden zusammenfügen lassen. Kerstin Volland widmet sich in ihrer Dissertation einer Temporalität jenseits dieses linearen, objektiven Zeitbegriffs. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht eine Zeitlichkeit der Vernetzung und Simultaneität, die sich ausschließlich dem subjektiven Erleben offenbart: die Zeit der Gedanken und Erinnerungen. Ein derartiges Zeitkonzept diagnostiziert sie nicht nur im Denken Henri Bergsons und Gilles Deleuzes, sondern auch in den Filmen David Lynchs.

Die Auswahl liegt nahe, hat Deleuze doch sein Zeitkonzept maßgeblich auf Basis der Bergson'schen Lebensphilosophie entwickelt und scheint kein Regisseur dieses Konzept eindrucksvoller zu illustrieren als Lynch – in Filmen wie Lost Highway und Mulholland Drive, in denen die Zeit ihren linearen Verlauf verlässt und sich in labyrinthischen Erinnerungs- und Gedächtnisräumen verästelt. Als bloße Illustrationen theoretischer Modelle möchte Volland die Filme jedoch nicht begreifen, wie sie in der Einleitung ihrer Untersuchung betont (vgl. S. 11). Vielmehr geht sie von einem gleichberechtigten Verhältnis und einer wechselseitigen Erhellung von begrifflichen und filmischen Zeitkonzepten aus. Auf dieser wechselseitigen Erhellung basiert auch das doppelte Erkenntnisinteresse ihrer sowohl zeit- als auch medientheoretischen Studie: So geht es Volland nicht nur um eine vergleichende Untersuchung der Zeitfiguren Bergsons, Deleuzes und Lynchs, sondern auch um eine Analyse des Verhältnisses von Zeit und Film und dabei insbesondere um das zeitanalytische Potential des filmischen Mediums (vgl. S. 11 f.).

Methodisch greift sie dabei auf ein Verfahren zurück, dass sich als im weitesten Sinne filmisch bezeichnen lässt. Auf eine kurze Aufblende in Form eines allgemeinen Überblicks über die theoretischen Diskurse zum Verhältnis von Zeit und Medien – skizziert werden neben Bergsons und Deleuzes Ansätzen auch Theorien André Bazins, Siegfried Kracauers, Paul Virilios, Friedrich Kittlers, Jacques Derridas, Jean-François Lyotards und Richard Rortys – folgt mittels einer Art Zoomverfahren eine engere Fokussierung auf die Zeitkonzepte Bergsons, Deleuzes und Lynchs. Im Brennpunkt der Bergson'schen Zeitkonzeption steht dessen Theorie der Dauer, die dieser nicht nur in Abgrenzung zum objektiven Zeitbegriff, sondern auch zum Film bestimmt, sowie seine aus der Dauer resultierende Gegenwarts- und Vergangenheitsauffassung.
Die Nahaufnahme der Zeitkonzeption Gilles Deleuzes widmet sich dessen Kinostudien, in denen Bergsons Zeitvorstellung aufgegriffen und zugespitzt wird. Fällt bei Bergson lediglich ein Streiflicht auf den Film, begreift Deleuze Temporalität in unmittelbarer Auseinandersetzung mit dem filmischen Medium. Er entwickelt seine zeittheoretischen Überlegungen im Rekurs auf ein breites Filmspektrum und konturiert auf der Basis zeittheoretischer Überlegungen unterschiedliche Filmästhetiken. Sein Nachdenken über Zeit ist zugleich ein Nachdenken über Film und dient Volland als Brücke zur filmischen Zeitreflexion Lynchs, der sich die dritte und letzte Nahaufnahme widmet.
Dem eingangs formulierten Postulat der wechselseitigen Erhellung von Theorie und Film entsprechend, umfasst diese letzte Großaufnahme sowohl eine formal-ästhetische Untersuchung der filmischen Zeitinszenierung in Lost Highway, Mulholland Drive und A Straight Story als auch eine theoretische Analyse der in diesen Filmen inszenierten Temporalität.

Als zentrale Denkfigur aller drei Ansätze diagnostiziert Volland die Figur der Zeitspaltung. Sowohl bei Bergson und Deleuze als auch bei Lynch konstituiert sich Temporalität als fortlaufende Teilung "in eine aktuelle Seite, auf der sich die Erfahrungswirklichkeit formiert und eine virtuelle Seite, auf der sich Gedankenbewegungen und Möglichkeitsspiele zutragen – sie differenziert sich aus in eine materielle und eine geistige Dimension." (S. 180) Ob es sich bei der Zeitspaltung jedoch um das Wesen der Zeit oder aber lediglich um ein Konstrukt handelt, wird von Bergson, Deleuze und Lynch unterschiedlich bewertet, wie Volland zusammenfassend feststellt. Während Bergson die Spaltung der Zeit als Wesen des Temporalen betrachtet, die sich jeglicher medialen Repräsentation entzieht und ausschließlich kontemplativ erfahrbar ist, begreift Deleuze den Film als deren privilegierten Aufführungs- und Reflexionsort. Für Deleuze ist der Film ein Ort der Erkenntnis, der das Teilungsgeschehen der Zeit denk- und sichtbar machen kann. In Lynchs filmischem Schaffen kann die Teilung der Zeit schließlich nicht mehr als temporales Wesen verstanden werden, das der Film zur Darstellung bringt. Vielmehr muss es als Zeitformat aufgefasst werden, welches der Film erst hervorbringt. Lynchs Temporalität ist, wie Volland abschließend formuliert, eine Medienrealität, die der Film selbst produziert (vgl. S. 180 ff.).

Vollands Studie zur Inszenierung des Temporalen bei Bergson, Deleuze und Lynch überzeugt durch eine kluge, wenn auch kaum für Überraschung sorgende Auswahl des Untersuchungskorpus sowie durch schlüssige und präzise Argumentation. Darüber hinaus gelingt es Volland, die komplexen Gedankengänge Bergsons und Deleuzes nicht nur verständlich nachzuzeichnen, sondern auch gekonnt zu interpretieren und dadurch Leerstellen im Denken beider Philosophen aufzufüllen. Abgesehen von den Redundanzen, die sich leider relativ häufig in den Text einschleichen und die zum Teil sicherlich auch Deleuzes und Bergsons eigener ausschweifender Argumentationsstruktur geschuldet sind, eine sehr lesenswerte und darüber hinaus stilistisch äußerst ansprechende Untersuchung.


Volland, Kerstin: Zeitspieler. Inszenierungen des Temporalen bei Bergson, Deleuze und Lynch. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2009. 190 S., broschiert, 34, 90 Euro. ISBN: 978-3531164045


Inhaltsverzeichnis


Aufblende
1. Einleitung
2. Temporalität und Medien: Zeitinszenierung
2.1 Auftakt: Zeitmimesis und Zeitinszenierung
2.2 Zeit als Zeicheneffekt
2.2.1 Vordenker mediengeprägter Zeiterfahrung: Bergson
2.2.2 Medieninduzierte Zeitlöschung: Posthistoire
2.2.3 Der Kern der Zeitinszenierung: Zeichenabhängigkeit des Temporalen in poststrukturalistischen und postanalytischen Ansätzen
2.3 Resümee: Zeitinszenierung kontra Zeitmimesis

Zoom: Henri Bergson
3. Zeit als schöpferischer Wandel: Bergsons Dauer
3.1 Raum
3.2 Dauer
3.3 Homogene Zeit
3.4 Film
4. Gegenwart und Vergangenheit in der Dauer
4.1 Die Aufwertung der Vergangenheit
4.2 Gegenwart der Materie und geistige Realität des Vergangenen
4.2.1 Auf der aktuellen Seite der Zeit: Wahrnehmung und Gegenwart
4.2.2 Auf der virtuellen Seite der Zeit: Erinnerung und Vergangenheit
5. Resümee Bergson: Zeit und Film

Zoom: Gilles Deleuze
6. Anschlussschnitt Deleuze: die Dauer weiterdenken
7. Auf der aktuellen Seite der Zeit: 'Das Bewegungs-Bild'
7.1 Zur Affinität von Film und Dauer
7.2 Einblicke in die Dauer des Aktuellen: die Spielarten der Bewegungs-Bilder
7.2.1 Das Universum der Dauer und das a-zentrische Bildsystem
7.2.2 Die Erfahrungswirklichkeit und das zentrierte Bildsystem
7.2.3 Die Überlegenheit des Films: technische Wahrnehmung des Zeitgrundes
7.3 Zeitformen des Aktuellen im Kino des Bewegungs-Bildes
7.4 Zwischenblende: homogene Zeitinszenierung im Erzählkino
7.4.1 Homogene Zeitinszenierung und Realitätsillusion
7.4.2 Homogene Zeitinszenierung und Sinnkohärenz der Erzählung
7.4.3 Homogene Zeitinszenierung: zur Bedeutung der Montage
7.4.4 Homogene Zeitinszenierung: Effekte
8. Auf der virtuellen Seite der Zeit: das Zeit-Bild
8.1 Tendenzen und Ziele in 'Das Zeit-Bild'
8.2 Auf den Spuren des Zeit-Bildes
8.2.1 Auftakt: falsche Anschlüsse und rein optische und akustische Situationen
8.2.2 Konturierung durch Abgrenzung: Erinnerungskreisläufe
8.2.3 Einblick in das Gründungsgeschehen der Zeit: das Kristallbild
8.2.4 Nahaufnahme des Virtuellen: Vergangenheitsschichten, Gegenwartsspitzen
8.2.5 Visuelle Auslöschung der Temporalität: die Serie der Zeit
8.3 Die Ästhetik des Virtuellen im Kino des Zeit-Bildes
9. Resümee Deleuze: Zeit und Film

Zoom: David Lynch
10. Welcome in Lynchland
10.1 Zur Diskussion des Zeitfaktors im Lynch-Diskurs
10.2 Methodik der Filmanalyse: Neoformalismus und Hermeneutik
10.2.1 Die neoformalistische Komponente
10.2.2 Die hermeneutische Komponente
11. Temporalität verfilmen: Das Zeit-Kino von David Lynch
11.1 Lost Highway: Abgründe des Virtuellen
11.1.1 Lost Highway: Synopsis
11.1.2 Temporale Inszenierung: Die Ästhetik des Virtuellen am Beispiel von Lost Highway
11.1.3 Lost Highway – Interpretation: im Bildchaosmos der Medienzeit
11.2 Mulholland Drive: Erinnerungsspiele in Hollywood
11.2.1 Mulholland Drive: Synopsis
11.2.2 Temporale Inszenierung: Im Inneren eines tödlichen Augenblicks
11.2.3 Mulholland Drive – Interpretation: Erinnerung aus der Traumfabrik
11.3 The Straight Story: Auf der aktuellen Seite der Zeit?
11.3.1 The Straight Story: Synopsis
11.3.2 Temporale Inszenierung: den Ablauf der Zeit spüren
11.3.3 The Straight Story – Interpretation: die Macht des Chronos
12. Resümee Lynch: Zeit und Film

Abblende
13. Fazit: Film als zeitanalytisches Medium
13.1 Bergson, Deleuze und Lynch: ein Resümee
13.2 Der Film als Instrument der Zeitanalyse
13.3 Ausblick

Literaturverzeichnis
Inhaltsverzeichnis

Representations of Time in Philosophy and Film: Bergson, Deleuze and Lynch

Kerstin Volland's doctoral thesis Zeitspieler. Inszenierungen des Temporalen bei Bergson, Deleuze und Lynch (Playing with time: Productions of temporality from Bergson, Deleuze and Lynch) is an ambitious study of the relation between time and film. At the centre of her analysis is an idea of temporality that goes beyond the linear, objective concept of time to encompass the subjective time of thoughts and memories. Volland briefly outlines the discussion surrounding time and media before moving on to a detailed examination of the temporal concepts of Henri Bergson, Gilles Deleuze and David Lynch. Lynch’s films are thereby not seen as illustrating Bergson’s and Deleuze’s theories, but are rather placed on a level with the others for a collective explication of temporal representation in concept and practice.


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