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Two Cultures and Narration: Mensch, Artefakt und Biomedizin

Eine Rezension von Berenike Schröder

Breger, Claudia; Krüger-Fürhoff, Irmela Marei; Nusser, Tanja (Hg.): Engineering Life. Narrationen vom Menschen in Biomedizin, Kultur und Literatur. Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2008.

Der Sammelband Engineering Life. Narrationen vom Menschen in Biomedizin, Kultur und Literatur wurde 2008 von Claudia Breger, Irmela Krüger-Fürhoff und Tanja Nusser herausgegeben. Die grundlegenden Ideen für diese Aufsatzsammlung entstammen einem interdisziplinären Workshop an der Universität Greifswald 2006. Engineering Life beschäftigt sich mit narrativen Strategien im naturwissenschaftlichen Schreiben und Darstellen sowie mit der Thematisierung von brisanten biomedizinischen Themen in Literatur und Film. Im Mittelpunkt steht hierbei der Mensch unter der Einwirkung der modernen Technologie, oder die zunehmende "Mach- und Herstellbarkeit menschlichen Lebens" (S. 9). Die AutorInnen forschen sowohl in kulturwissenschaftlichen als auch naturwissenschaftlichen Fakultäten und beleuchten die "Narrationen vom Menschen" entsprechend interdisziplinär. 


Der Graben zwischen den ursprünglich von P.C. Snow als "two cultures" bezeichneten Kultur- und Naturwissenschaften ist längst einer Überlagerung dieser Bereiche gewichen. Entsprechend hat sich, wie die Herausgeberinnen Breger, Krüger-Fürhoff und Nusser einführend darlegen, die interdisziplinäre Forschung im Sinne eines 'narrative turn' vor allem in der Wissenschaftsgeschichte zunehmend mit rhetorischen und narrativen, 'fiktionalen' Elementen in der naturwissenschaftlichen Wissensvermittlung beschäftigt.
Die Metapher des engineering life, die den Beiträgen zugrunde liegt, verweist nun im doppelten Sinn auf das Phänomen der Konstruktion: Die Biomedizin entwirft durch technologische Innovationen wie das Klonen neue Varianten des Menschen. Literatur, Film, Ausstellungen u. a. greifen diese im Raum stehenden Möglichkeiten als kulturelle Artefakte spielerisch auf. Sie konstruieren ihrerseits fiktive Figuren, die das Menschenbild der aktuellen Technologie illustrieren und konkretisiert zur Schau stellen. Die Disziplinen eint also ihre produzierende, 'schöpferische' Tätigkeit: "Unsere Grundannahme ist", so die Herausgeberinnen, "dass in den Debatten um die Mach- und Herstellbarkeit menschlichen Lebens Wissen in symbolischen Prozessen hergestellt wird: Es werden Bilder konstruiert, Szenarien entworfen, Perspektiven eingenommen und Zusammenhänge imaginiert." (S. 9 f.)

Von der Analyse narrativer Formen versprechen sich Breger et. al. einerseits Ergebnisse in Bezug auf die Verfasstheit von biomedizinischem und humanwissenschaftlichem Wissen. Andererseits soll die Frage beantwortet werden, inwiefern naturwissenschaftliche Episteme in Literatur und Film zu ästhetischer Selbständigkeit gelangen. Zwar seien die Fragen nach narrativen Strategien der Lebenswissenschaften in den vergangenen Jahren bereits mit zunehmender Häufigkeit aufgeworfen worden, die Herausgeberinnen stellen jedoch speziell für die Biomedizin und ihre Phänomene in diesem Bereich ein Forschungsdesiderat fest.

Der Aufsatzband ist in zwei Teile gegliedert. Der erste große Abschnitt entwickelt laut Vorwort "größere historische Linien, die das Feld des modernen engineering life von unterschiedlichen Seiten her konturieren." (S. 14) So finden sich hier Beiträge, die das historische Menschenbild der Biologie und Immunologie rekonstruieren. Sie beschreiben den Entwurf des "Homo vitalis" (Kerstin Palm) – also die sich ab dem 18. Jahrhundert entwickelnden auf den Menschen bezogenen Narrative des 'Lebens' – und des "Homo immunis" (Johannes Türk) – die Vorstellung des geimpften, 'immunen' Menschen seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts –, im naturwissenschaftlichen Diskurs. Besonders hervorstechend ist Palms These, dass entgegen der dominanten Forschungsmeinung der biologische Begriff des 'Lebens' seit seiner Entstehung im 18. Jahrhundert durch bürgerliche Auffassungen von 'Maskulinität' statt wie meist angenommen von 'Weiblichkeit' geprägt ist. Des Weiteren untersucht Ulrike Vedder in ihrem Aufsatz "Scheintod, Koma, Testament. Wissenschaftliche und literarische Fiktionen an der Grenze des Todes" in überzeugender Weise die "Narrationen vom Ende des Lebens". (S. 54) Hierbei analysiert sie unter anderem E.A. Poes "The Premature Burial", Gottfried Kellers Gedicht "Lebendig begraben" sowie Jean Pauls Siebenkäs.
Etwas unklar bleibt die Zuordnung von Mariacarla Gadebusch Bondios gleichwohl faszinierendem Aufsatz "Artes mechanicae. Historische Verbindungen zwischen Medizin und Mechanik" zu dem Band, dessen erklärter Schwerpunkt bei Menschenbildern der (modernen) Biomedizin liegt. Gadebusch Bondio rekonstruiert die Verbindung zwischen Medizin und artes mechanicae anhand des Ingenieur-Begriffs in der Renaissance.
Der Beitrag "Zwischen Wiederholung und Varianz. Zur Konzeptualisierung von menschlichen Körpern in Ausstellungen" von Silke Bellanger beschäftigt sich mit dem Museumstyp des "Science Centers" vor allem anhand des "Universums" in Bremen. Sie arbeitet heraus, dass der Körper des Besuchers hier in den Betrachtungs- und Erkenntnisprozess interaktiv einbezogen wird und so Mieke Bals Interpretation von Ausstellungen als reine Narrationen im Museum der Gegenwart an ihre Grenzen stößt. Leider bleibt diese an sich hochinteressante Thematisierung von moderner, rezipientenbezogener Vermittlung naturwissenschaftlichen Wissens im Museum weitgehend ohne fassbare Ergebnisse.

Der zweite Abschnitt der Sammlung konzentriert sich nun auf einzelne kulturelle Werke und ihre Thematisierung von biomedizinischen Möglichkeiten und Praktiken. Im Mittelpunkt stehen Romane des 20. Jahrhunderts wie Konrad Loeles Züllinger und seine Zucht (1920), Kazuo Ishiguros Never let me go (2005) oder Jeffrey Eugenides Middlesex (2002) sowie der Kinofilm Species (1995). Alle AutorInnen dieses zweiten Teils demonstrieren anhand von gründlichen literaturwissenschaftlichen Analysen, dass man von einer "literarischen Anthropologie der Lebenswissenschaften" (Nicolas Pethes, zit nach S. 141) im 20. und 21. Jahrhundert sprechen kann. Naturwissenschaftliche Diskurse und biomedizinische Menschenentwürfe werden im kulturellen Artefakt mit Hilfe von narrativen Strategien integriert, neu geformt und gegebenenfalls weiterentwickelt.

Manche der äußerst wichtigen und ertragreichen Fragestellungen können im begrenzten Rahmen der jeweiligen Aufsätze hier nicht umfassend behandelt werden. Dennoch ist der vorliegende Band in seiner Gesamtheit ein Beweis für die Relevanz und Aktualität des naturwissenschaftsbezogenen narrative turn, gerade, wenn es um das faszinierende Forschungsfeld der kulturellen Rezeption von biomedizinischer Wissenschaft geht.


Claudia Breger; Irmela Marei Krüger-Fürhoff und Tanja Nusser (Hg.): Engineering Life. Narrationen vom Menschen in Biomedizin, Kultur und Literatur. Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2008 (Kaleidogramme Bd. 23). 221 Seiten, kartoniert, 22,50 Euro. ISBN: 978-3-86599-044-0


Inhaltsverzeichnis


Claudia Breger / Irmela Marei Krüger-Fürhoff / Tanja Nusser:
Engineering Life. Wissen und Narration im Zeitalter der Biotechnologie. ………………7


I

Mariacarla Gadebusch Bondio:
Artes mechanicae. Historische Verbindungen zwischen Medizin und Mechanik…………21

Kerstin Palm:
Homo vitalis. Existenzweisen des Lebens in der Biologie des 18. bis 20. Jahrhunderts…………….37

Ulrike Vedder:
Scheintod, Koma, Testament. Wissenschaftliche und literarische Fiktionen an der Grenze des Todes………….53

Johannes Türk:
Homo immunis. Zur Genese und Topologie des modernen Menschen in der Immunologie………………..71

Silke Bellanger:
Zwischen Wiederholung und Varianz. Zur Konzeptualisierung von menschlichen Körpern in Ausstellungen. ………………89


II

Tanja Nusser:
"Ueberembryonen". Züchtungsphantasien und Zellkulturen in Konrad Loeles Roman Züllinger und seine Zucht. (1920)………………..109

Christina Brandt:
Cloned Lives. Literarisches Experiment und biowissenschaftliche Narration im Klondiskurs der 1970er Jahre………………123

Irmela Marei Krüger-Fürhoff:
Verdopplung und Entzug. Erzählstrategien in Kazuo Ishiguros Klon- und Transplantations-Roman Never let me go ……………………145

Jörn Ahrens:
Hybrid Tales. Der Kinofilm Species und die Phantasie von einem invasiven Ende des Menschen………………….163

Hannah Landecker:
Die Erzählungen der Biotechnologie. Biowissenschaften und biographische Form………………..183

Claudia Breger:
Gen-erativkräfte: Poesie und Wissenschaft in Jeffrey Eugenides‘ Middlesex…………………201


Autorinnen und Autoren………………………………………………………………...219

Two Cultures and Narration: Biomedical Issues, Art and the Human Being

Engineering Life. Narrationen vom Menschen in Biomedizin, Kultur und Literatur (Engineering Life. Narrating the human being in the biomedical, cultural and literary fields) was edited in 2008 by Claudia Breger, Irmela Marei Krüger-Fürhoff and Tanja Nusser. The volume was inspired by an interdisciplinary workshop that took place at the University of Greifswald in 2006, and deals with both narrative strategies in scientific writing and with the presentation of sensitive biomedical issues in literature and film. At the crux of this discussion is modern technology's impact on humankind and the increasing possibilities of manipulating and creating human life. Being researchers from both cultural studies and the empirical sciences, the essays' authors address the subject from a duly interdisciplinary perspective.


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