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Philosophieren mit Kunst

Eine Rezension von Philipp Schulte

Ziemer, Gesa: Verletzbare Orte. Entwurf einer praktischen Ästhetik. Zürich/Berlin: diaphanes, 2008.

Philosophie und Kunst, Theorie und Praxis – in ihrem Buch Verletzbare Orte widmet sich die Philosophin Gesa Ziemer diesen Begriffspaaren mit dem Ziel, ihr Verhältnis zueinander neu zu denken. Ausgehend von Deleuze und Blumenberg zeigt die Autorin, dass Philosophieren in Bereichen der Ästhetik mehr sein kann als ein Reflektieren über Kunst, und entwickelt Vorschläge, wie mit Hilfe der Idee der Verletzbarkeit ein Denken mit Kunst vonstattengehen könnte. Dabei gilt ihr Augenmerk auch den Schnittstellen zwischen Theorie und Praxis, wenn sie zum einen nach körperlichen Aspekten im sprachbasierten System der Wissenschaft sucht und zum anderen Performancekünstler vorstellt, deren Arbeiten sich durch eine Affinität zur theoretischen Reflexion auszeichnen. Indem Ziemer ihre Veröffentlichung durch den Film augen blicke N ergänzt, vollzieht sie zugleich, worüber sie schreibt: den Versuch, Kunst und Theorie als gegenseitige Inspirationsquellen gleichberechtigt nebeneinander zu stellen. 


Philosophieren mit Kunst

Wenn Denken ins Stolpern gerät: In Platons Dialog Theätet erzählt Sokrates, wie der Denker und Astronom Thales von Milet, oft als Begründer der griechischen Philosophie bezeichnet, vertieft in Betrachtungen des Sternenhimmels nicht sieht, was da unmittelbar vor ihm ist, und unter dem Gelächter einer thrakischen Magd in einen Brunnen fällt. Über zweitausend Jahre später möchte die Philosophin und Kulturtheoretikerin Gesa Ziemer genau diesen Fehler vermeiden und entwirft in ihrem Buch Verletzbare Orte eine 'praktische Ästhetik', deren Ziel es ist, auf schöpferische Weise "mit anstatt über Kunst" (S. 21) nachzudenken. Ausgehend von Gilles Deleuze und Hans Blumenberg sowie Vorstellungen von Unbegrifflichkeit und Verletzbarkeit versucht sie, das Verhältnis von Theorie und Praxis neu zu denken. Folgerichtig ist ihrer Veröffentlichung eine DVD des von ihr mit entwickelten Films augen blicke N (Regie: Gitta Gsell) beigefügt, welche einen alternativen, künstlerischen Weg zeigt, Aspekte dieses Themenbereichs zu reflektieren.

Theorie und Praxis: Das Problem der Undarstellbarkeit

Wo Sprache an ihre Grenzen stößt, kommen auch Vernunft und Wissenschaft nicht weiter. Eingedenk dieser grundlegenden Erkenntnis untersucht Ziemer in Verletzbare Orte Texte von Deleuze und Blumenberg, die Kunst nicht erklären oder interpretieren, sondern eine philosophische Sprache entwickeln wollen, die "Differenzen erkennt und anerkennt und sie trotz aller Brüchigkeit und Störfälligkeit produktiv macht" (S. 21). Ein solcher Text soll eher parallel zu seinem Gegenstand selbst etwas schöpferisch hervorbringen. Dies versucht beispielsweise Deleuze in seinem zweibändigen Werk Francis Bacon. Logik der Sensation, bei dem im ersten Band nur Bilder, im zweiten nur Texte mit Querverweisen gesammelt sind – die Kombination von beidem bleibt dem Leser überlassen. Ein weiteres Beispiel ist sein Essay Ein Manifest weniger, in dem er über eine – besser: mit einer Shakespeare-Inszenierung des italienischen Regisseurs Carmelo Bene schreibt. Schreiben rückt hier als Schreiben in den Vordergrund, wissenschaftliches Formulieren nähert sich künstlerischer Expressivität an. Auch der Hermeneutiker Blumenberg beschäftigt sich auf seine Weise mit diesem Problem der Darstellbarkeit und verweist auf die Notwendigkeit der Metapher, welche sich immer einer objektivierenden, logischen Begrifflichkeit widersetzt "und damit auf d[em] nicht Anschauliche[n] und nicht Erfahrbare[n] des menschlichen Lebens" (S. 76) insistiert. Philosophien, die wie bei Deleuze und Blumenberg Ästhetik methodisch reflektieren, indem sie selbst ästhetisch sind, bezeichnet Ziemer als 'verletzbar'.

Denken und Körper: "Verletzbarkeit"

Weiter geht Ziemer der Frage nach, "wie metaphorisches Denken kunstpraxisnah und gegenwartsorientiert denkbar ist" (S. 99). Besonders in der Betrachtung von Inszenierungen des verletzbaren Körpers – im Gegensatz zum normierten funktionstüchtigen – sieht sie eine Möglichkeit, jenes Verhältnis zwischen unanschaulichem Begriff und Körpererfahrung zu überdenken. Wer über Körper nachdenkt, darf nicht vergessen, dass alles Denken vom Körper ausgeht. Die Einsicht, dass sich die unmittelbare Präsenz des Körpers – eines Künstlers auf der Bühne, eines Wissenschaftlers hinterm Pult – durch dieses Denken über Körperlichkeit nicht befriedigend fassen lässt, wird spätestens bei der Wahrnehmung von Körpern mit Behinderungen deutlich und erhält hier eine ethische Komponente. Um jene Borniertheit der bloßen Sprachlichkeit von Theorie und Wissenschaft aber zu umgehen, schlägt Ziemer vor, den "Reflexionsmodus der Sprache durch formale Experimente anderer Darstellungsarten zu erweitern" (S. 178). In der Absicht, "medial so vielfältig wie möglich" (S. 140) zu agieren, sieht Ziemer eine Chance, die Verletzbarkeit des Begriffes zu stärken.

Philosophie und Kunst: Der Film augen blicke N

Und so ist es erfreulich, dass Ziemer in ihrer Veröffentlichung selbst mit einer solchen medialen Vielfalt experimentiert und durch die Integration des am Zürcher Institut für Theorieentstandenen Films augen blicke N zeigt, wie sie sich ein praxisnahes Philosophieren vorstellt. Im Film kommen Performancekünstler mit Körperbehinderungen, u. a. Raimund Hoghe, Rika Esser und Ju Gosling, zu Wort; sie sprechen über die Erfahrung, sich auf einer Bühne den Blicken des Publikums zu zeigen, welche hier besser zu kontrollieren und zu problematisieren seien als in außerästhetischen Kontexten. Ziemer bleibt ihrem Vorhaben treu und berichtet zwar eindrücklich und sehr persönlich vom Entstehungsprozess des Films und ihren Begegnungen mit den Künstlern, hütet sich aber davor, wieder in ein Denken-über-Kunst zu verfallen und Interpretationsangebote zu unterbreiten.

Fazit

Ziemer hält also da an, wo sie es muss. Wenn ihre Idee eines Denkens mit Kunst nicht die Souveränität, sondern die Verletzbarkeit von Begreifen und Begriffen stärkt, kann ihre 'praxisorientierte Form der Ästhetik' eben das nicht sein: eine abgeschlossene Theorie. Das ist sympathisch, weil unideologisch, aber leider – in der Natur der Sache liegt’s – auch manchmal etwas enttäuschend. Die Frage immerhin darf gestellt werden: ob die Behauptung einer 'fertigen' theoretischen Setzung aus strategischen Gründen gerade aufgrund ihrer offensichtlichen Angreifbarkeit nicht auch viel deutlicher auf ihre eigene Verletzbarkeit verwiesen hätte. So hingegen verharrt Ziemers Entwurf im Namen des nicht-angreifbaren Ungreifbaren auf einer einigermaßen sicheren Position und regt an, sich "am Bau von Brunnen" (S. 139) zu beteiligen, statt selbst in welche zu fallen. Etwas mehr Bereitschaft, gelegentlich doch über Kunst zu denken, sich manchmal doch weiter in die Gefahr zu begeben, über die von ihr treffend angeführten Performances und nicht zuletzt über ihren eigenen Film zu stolpern, hätte der anvisierten Praxisorientiertheit ihres Konzepts und dem überzeugenden Postulat, sinnlichen Phänomenen verstärkt mit sinnlichen Reflexionsformaten zu begegnen, nur genutzt.


Gesa Ziemer: Verletzbare Orte. Entwurf einer praktischen Ästhetik. Zürich/Berlin: diaphanes, 2008. 200 S., kartoniert, mit beiliegender DVD, 24,90 Euro. ISBN: 978-3-03734-038-7


Inhaltsverzeichnis

Einblick: Philosophie der Ästhetik
9
Philosophischer Alltag 9
Verletzbare Orte 11
Die Akteure 16

I. Mit anstatt über Kunst denken: Gilles Deleuze und Carmelo Bene 19
Ästhetik als creatio continua: Perzept – Affekt – Begriff 21
Ein Manifest weniger 33
Das Theater von Carmelo Bene: Substraktionen, Variationen, (De-)Formationen 41
Page as Stage: Gegenwart, Situation, Ereignis 57

Einschub I: René Pollesch / Hallo Hotel! 69

II. Schiffbruch der Begriffe: Hans Blumenberg
71
Metapher neben Begriff 73
Praxis und Theorie 77
Ästhetische Metaphorologie 81
Unbegrifflichkeit als ästhetisches Potential 85
Blumenberg neben Deleuze 89

III. Verletzbare Körper 95
Menschlicher Körper – Begriffskörper 97
Verletzbarkeit 103
Exkurs: Performancetheorie 109
Verletzbare Blicke (disability studies) 115
Embodiment und Agency 125

Einschub II: Tim Etchells (Forced Entertainment) / A Six Thousand One Hundred and Twenty Seven Words Manifesto on Liveness in Three Parts with Three Interludes. Part 3: Honesty & Vulnerability 135

IV. Praktische Ästhetik 137
Das Lachen der Anderen 139
Public Bodies oder: Behinderung mit Zuschauer 143
Begegnungen 145
Der Film augen blicke N 159
Ästhetik gestalten 161
Critically Crip 163
Mit Bildern reflektieren 173
Ästhetik kuratieren 177

Einschub III: Meg Stuart / Disfigure Studies 185

V. Ausblick: Ästhetik der Philosophie 187
Die Entkörperung des Körpers: Jean-Luc Nancy 189

Verzeichnisse 195
(Text, Film, Theater, Audio-CD, Internet, Video)

Philosophising with Art

In her book Verletzbare Orte (Vulnerable Places) philosopher Gesa Ziemer rethinks the relation between the seeming dichotomies of philosophy/art and theory/praxis. Deleuze and Blumenberg serve as a starting point in Ziemer's argument that philosophy of art is more than just thinking about art; introducing the idea of vulnerability, she suggests that philosophical aesthetics is thinking with art. Ziemer pays particular attention thereby to intersections of theory and praxis, such as bodily aspects of the language-based humanities on the one hand, and theoretical affinities in the work of certain performance artists, on the other. By supplementing the monograph with the film Point of View, Ziemer practices what she preaches: the juxtaposition of art and theory as mutual (and equally significant) sources of inspiration.


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