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Narratologische Lyrik-Analyse: Eine exemplarische Einführung

Eine Rezension von Maren Conrad (Kiel)

Hühn, Peter; Schönert, Jörg; Stein, Malte (Hg.): Lyrik und Narratologie: Text-Analysen zu deutschsprachigen Gedichten vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Berlin/New York: de Gruyter, 2007.

Der Band
Lyrik und Narratologie entstand zwischen 2001 und 2004 an der Universität Hamburg im Rahmen eines Lyrik-Projekts in der DFG geförderten Forschergruppe Narratologie. Die drei Autoren liefern darin exemplarische Gedichtanalysen von insgesamt 20 Texten der deutschsprachigen Lyrik vom 16. bis hin zum 20. Jahrhundert, allerdings mit deutlichem Schwerpunkt auf Werke des 19. Jahrhunderts bis heute. Dabei erarbeiten sie beispielhaft ein narratologisch fundiertes Konzept zur Erweiterung der Interpretationsmöglichkeiten für lyrische Texte. 


Dem viel versprechenden Titel Lyrik und Narratologie entsprechend ist es das erklärte Ziel der drei Autoren, die "hoch entwickelte Erzähltheorie zu nutzen, um die Methodologie der Lyrik-Analyse, der es notorisch an theoretischen Begründungen mangelt, zu explizieren, zu präzisieren und zu erweitern" (S. 3). Die zur Anwendung kommenden erzähltheoretischen Konzepte bedienen sich dabei eines breiten Spektrums an narratologischen Untersuchungsinstrumentarien; sie sind fundiert ausgewählt und werden 'anwenderfreundlich' strukturiert und eingeführt. So unterscheiden Hühn und Schönert in ihrem Einführungskapitel beispielsweise primär zwischen der Geschehensebene (Sequentialität) und der Darbietungsebene (Medialität).
In seinen theoretischen Darstellungen und methodologischen Ansätzen basiert der Band dabei nach eigenen Angaben im Wesentlichen auf bereits erarbeiteten narratologischen Konzepten zur Interpretation von Lyrik-Texten innerhalb vorangegangener Publikationen der Autoren. Zu nennen ist hier vor allem The Narratological Analysis of Lyric Poetry. Studies in English Poetry from the 16th to the 20th Century von Peter Hühne und Jens Kiefer (2005). Die in Optik wie Titel zur Publikation von 2005 fast identische Aufmachung der vorliegenden Aufsatzsammlung weist bereits auf den Charakter der Publikation hin: Es scheint sich hier um ein für die deutsche Lyrik exemplarisch erstelltes Supplement zu den sonst eher anglistisch orientierten Arbeiten der Hamburger Forschergruppe zu handeln.

Zur Textauswahl lässt sich feststellen, dass trotz der angekündigten epochalen Breite ein deutlicher Schwerpunkt auf Werke des 19. bis in das beginnende 21. Jahrhundert gelegt wird (Ilma Rakusas "Limbo" ist von 2001). So sind von den insgesamt 20 Aufsätzen nur vier vor 1800 entstanden. Bei der Auswahl der Texte dient dabei die potentielle "Strukturanalogie zwischen Lyrik und Erzählliteratur" als Grundannahme. Auf Basis dieser Überlegung grenzen die Autoren Gedichte aus, die "kein (sequentialisiertes) Geschehen […] vermitteln" (S. 3). Hier wird also ganz im Sinne neuerer Forschungsbemühungen die klassische Gattungstrias zu Gunsten einer stringenten Analysemethode aufgeweicht.
Zugleich wird aber keine per se narrative Lyrik für die Analysen mit einbezogen. Die für das Analysevorhaben als exemplarische Texte eigentlich bestens geeigneten, weil als Gattungszwitter bereits bekannten Balladen bzw. Romanzen, sind dementsprechend überraschenderweise aus der Untersuchung ausgeschlossen. In diesem etwas ambivalenten Selektionsverfahren und auch der Textauswahl des Bandes zeigt sich bereits die zentrale Problematik der Anwendung narratologischer Analyseverfahren auf Lyrik: Sprachlich vielschichtige lyrische Texte, besonders solche des 16. bis 18. Jahrhunderts, die zusätzlich wegen ihrer zeitlichen Distanz zur Moderne auf mehr als einer Ebene einer 'Übersetzung' bedürfen, deckt die Methode nicht ab, da sie der Komplexität ihres Untersuchungsgegenstandes kaum gerecht werden kann.

Dies wird auch in den Einzelanalysen der Autoren, besonders bei den ersten Analysen Jörg Schönerts ersichtlich. Von den insgesamt zwanzig exemplarischen Analysen leistet Schönert zehn, jeweils fünf entfallen auf Malte Stein und Peter Hühn. Bei der Betrachtung der verschiedenen Aufsätze lassen sich in der jeweiligen Methodik der drei Autoren klare Unterschiede ausmachen. Steins Analysen (zu Klopstock, Goethe, Storm, Bachmann und Rakusa) bereiten dabei vor allem literaturwissenschaftliche Grundlagen auf und wenden diese handwerklich präzise und zutreffend an. In der eigentlichen Analyse freilich werden auch zahlreiche Grundlagentheorien zu Rate gezogen und zum Teil überraschend ausführlich besprochen. So geht Malte Stein beispielsweise in seiner Analyse von Storms "Geh nicht hinein" über mehrere Seiten auf die wesentlichen Merkmale von Grundlagentheorien nach Lotman, Renner, Prince und Titzmann ein (S. 162-166).
Im Gegensatz zu den beiden anderen Autoren legt Peter Hühn in seinen Gedichtanalysen (von Hölderlin, Meyer, Rilke, Benn und Celan) einen klaren Schwerpunkt auf die textimmanente Darstellung und Untersuchung der Sequentialität sowie der damit verbundenen Unterteilung der identifizierten Sequenzen in Frames und Skripte. Dieses Vorgehen macht seine Überlegungen leicht nachvollziehbar, die Komplexität der lyrischen Texte wir dadurch aber zugleich vereinfacht.
Die Gedichtinterpretationen Jörg Schönerts schließlich konzentrieren sich weniger strikt auf die Anwendung der in der Einleitung eingeführten narratologischen Analyseinstrumente und verwenden diese je nach Gedicht nur sehr vereinzelt. Vielmehr ähneln seine Beiträge klassischen Lyrikanalysen mit klarer Tendenz zu historisch-kulturwissenschaftlichen Deutungsansätzen, wenn er etwa in seiner Untersuchung zu "Lied" von Paul Schede (Melissus) einen deutlichen Schwerpunkt auf die Analyse intertextueller (Bibel-)Bezüge und bildlich-emblematischer Deutungsmöglichkeiten des Dargestellten legt.

Abschließend lässt sich feststellen, dass der Band weniger exemplarisch ist, als viel mehr den Charakter einer Einführung in die narratologische Lyrikanalyse hat. Die zusammengestellten Analysen erfüllen damit zwar nicht das Versprechen der Autoren ein für viele Vertreter der Gattung generalisierbares Instrumentarium zu bieten, statt dessen eignen sich einzelne Ausführungen und Herangehensweisen, besonders in den Beiträgen von Malte Stein, aber hervorragend als Unterrichtsmaterial für literaturwissenschaftliche Einführungs- und Proseminare. (Was sich zwar ohne Einschränkung für den Inhalt sagen lässt, gilt hier leider nicht für den Preis, der für eine studentische Investition zu hoch angesetzt sein dürfte.) An den jeweils abgedruckten und auch im Umfang sehr überschaubaren Gedichten zeigen die Autoren die gattungsübergreifenden Analysemöglichkeiten auf, die die Erzähltheorie dem wissenschaftlichen Leser anbietet und beweisen, was vielerorts in der Forschung oft zu kurz kommen mag: Nämlich wie kurze aber hochkomplexe Texte durch narratologische Analysekategorien wesentlich besser zugänglich gemacht werden können und so eine solide Basis für weiterführende Fragestellungen bieten. In den umfangreich dargestellten erzähltheoretischen Untersuchungsansätzen haben die Autoren damit ein – als Basis und Erweiterung für die darauf folgende Lyrikanalyse – sehr gut geeignetes und empfehlenswertes Lehrbuch zusammengestellt.


Hühn, Peter; Jörg Schönert und Malte Stein (Hg.): Lyrik und Narratologie: Text-Analysen zu deutschsprachigen Gedichten vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Berlin/New York: de Gruyter, 2007. 333 S., kartoniert, 98 Euro. ISBN 978-3-11-019321-3


Inhaltsverzeichnis

Peter Hühn / Jörg Schönert: Einleitung: Theorie und Methodologie narratologischer Lyrik-Analyse 1
Jörg Schönert: Paul Schede (Melissus): "Lied" 19
Jörg Schönert: Andreas Gryphius: "An die Welt" 33
Jörg Schönert: Johann Christian Günther: "An Leonoren" 45
Malte Stein: Friedrich Gottlieb Klopstock: "Die Verwandlung" 59
Malte Stein: Johann Wolfgang Goethe: "Harzreise im Winter" 75
Peter Hühn: Friedrich Hölderlin: "Andenken" 99
Jörg Schönert: Joseph von Eichendorff: "Nachruf an meinen Bruder" 113
Jörg Schönert: Heinrich Heine: "Im Hafen" 131
Jörg Schönert: Annette von Droste-Hülshoff: "Am letzten Tage des Jahres (Sylvester)" 145
Malte Stein: Theodor Storm: "Geh nicht hinein" 159
Peter Hühn: Conrad Ferdinand Meyer: "Stapfen" 175
Jörg Schönert: Friedrich Nietzsche: "Der Freigeist" 185
Jörg Schönert: Hugo von Hofmannsthal: "Manche freilich ..." 197
Peter Hühn: Rainer Maria Rilke: "Requiem" 209
Jörg Schönert: Bertolt Brecht: "Terzinen über die Liebe" 227
Jörg Schönert: Else Lasker-Schüler: "Mein blaues Klavier" 241
Peter Hühn: Gottfried Benn: "Du übersiehst dich nicht mehr – " 253
Malte Stein: Ingeborg Bachmann: "Im Zwielicht" 267
Peter Hühn: Paul Celan: "Es war Erde in ihnen" 281
Malte Stein: IlmaRakusa: "Limbo" 295
Peter Hühn / Jörg Schönert: Auswertung der Text-Analysen und Schlussfolgerungen zu den Aspekten von Narratologie, Lyrik-Theorie und Lyrik-Analyse 311


Narratological Analysis of Poetry: An Introduction

The study Lyrik und Narratologie (Poetry and Narratology) emerged from the DFG research group on narratology based in Hamburg and working from 2001 to 2004. The three authors provide exemplary analyses of twenty lyrical texts, taken from German poetry of the 16th to the 20th century, with a main focus on texts from the 19th century to the present. The essays develop a narratological method of analysis and thus seek to expand the methodology of the study of poetry.


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