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Kein Königsweg in der Königsdisziplin: Das Leben des Sportfunktionärs Carl Diem

Eine Rezension von Eva Modrey

Becker, Frank: Den Sport gestalten: Carl Diems Leben (1882-1962), Band 3: NS-Zeit. Duisburg/Essen: Universitätsverlag Rhein-Ruhr, 2009.

Was im sportlichen Treiben oft der Leichtathletik zugeschrieben wird, ist in der historischen Wissenschaft die Biographie: eine Königsdisziplin. Der Münsteraner Historiker Frank Becker widmet sich in seiner neuen Studie beidem: dem Sport und der Biographieforschung. Er hat mit seinen Ausführungen über Carl Diem eine breit angelegte Untersuchung publiziert, der es gelingt, die personelle Entwicklung des Sportfunktionärs in Verbindung zu dem Denken seiner Zeit zu setzen. Insgesamt legt Becker damit eine vielschichtige Arbeit vom 19. Jahrhundert bis zur Nachkriegszeit vor. Als erstes erschienen ist der dritte von vier Bänden, der sich der NS-Zeit widmet. In diesem wird vor allem die Haltung Carl Diems zum Regime diskutiert.  


Das Genre der Biografie erlebt seit zwei Jahrzehnten eine Renaissance. Während es im Wissenschaftsbetrieb des Nachkriegsdeutschland als antiquierte Form verschmäht wurde und man sich eher den Strukturen und Prozessen, statt einer einzelnen Person widmete, hat sich insbesondere durch Lothar Galls Biografie zu Bismarck 1997 der Knoten gelöst. Dieser in der Publizistik oft als Königsdisziplin titulierten historischen Gattung widmet sich auch Frank Becker. Der Münsteraner Historiker erzählt auf einer breiten Quellenbasis das Wirken und Leben Carl Diems. Dabei kommen Egodokumente wie Tagebucheinträge und Briefe genauso zum Tragen wie politische Schriftstücke aus verschiedenen Archiven der Bundesrepublik. Auch verliert er nie die aktuelle Forschungsliteratur und ihre Diskussionen aus dem Blick und ordnet somit in einem gut lesbaren Ton das Leben Diems in den breiten zeitgeschichtlichen Kontext ein.

Becker zeichnet auf dieser Grundlage ein differenziertes Bild der Person Diem. Er beginnt seinen dritten Teil der Biographie mit der Machtübernahme Hitlers 1933, führt den Leser über die Neuordnungen des deutschen Sports zu den Olympischen Spielen 1936 bis hin zu den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Seine Erzählung verfällt dabei aber keineswegs den Motiven des Entwicklungsromans, sondern zeigt auch die Brüche und Widersprüche des Lebens auf. So zitiert Becker zum einen die antijüdischen Aussprüche des Sportfunktionärs, ermöglicht aber gleichzeitig Einblicke in die auch während der NS-Zeit bestehenden Freundschaften zwischen Diem und jüdischen Verfolgten. Auch die Beschäftigung jüdischer Mitarbeiter im Organisationskomitee zeigt die Widersprüchlichkeit in Diems Handeln und seine unklare Position zum NS-Regime.

Einen besonderen Stellenwert im Leben Diems der Jahre zwischen 1933 und 1945, die im Fokus des vorliegenden dritten Bandes stehen, nimmt die Organisation und Durchführung der Olympischen Spiele 1936 ein. Der XI. Olympiade der Neuzeit sind bereits zahlreiche Forschungsarbeiten gewidmet, die Becker vor allem durch mediengeschichtliche Gesichtspunkte bereichern kann. Hierbei konzentriert er sich nicht nur auf die Berichterstattung der Presse, sondern stellt insbesondere die neue Rolle des Hörfunks als neuem Medium heraus: Das erste Mal war es durch eine weltweite Live-Übertragung möglich, das Geschehen in Berlin auf verschiedenen Kontinenten zeitnah mitzuerleben. Des Weiteren rekonstruiert Becker den Ablauf der Feierlichkeiten, die wie bei allen Olympischen Spielen von zahlreichen Ritualen und Traditionen geprägt sind. Er streicht dabei die Inszenierungsstrategien der deutschen Organisatoren heraus. Teilweise wäre hierbei ein Vergleich zu vorherigen Spielen hilfreich gewesen, um Neuigkeiten und Änderungen besser einordnen zu können. So wird an manchen Stellen nicht deutlich, ob vor allem innerhalb der Organisation und (Be)Werbung bei den vorherigen Gastgebern anders verfahren wurde. Auch die Feststellung, dass das Olympische Feuer erstmalig in Berlin brannte, trifft in dieser Form nicht zu (S. 118). Zwar wurde der olympische Fackellauf 1936 das erste Mal durchgeführt, aber das Olympische Feuer war bereits Teil der Zeremonien in Amsterdam 1928 und Los Angeles 1932. Dies sind aber Feinheiten, die Beckers hervorragende Darstellung und Diskussion der Olympischen Spiele 1936 nicht schmälern.

Hervorzuheben ist vor allem, dass Becker konzis eine Perspektive auf bisherige Forschungsfragen gibt und diese durch die Rolle Diems in einem neuen Licht diskutiert. So stellt er unter anderem die Frage der Propagandawirkung der Olympischen Spiele 1936. In der Forschung besteht keine Einigkeit darüber, inwiefern die Sommerspiele dem NS-Regime zur "Propagandashow" nützlich waren. Die Konzeption des Zeremoniells der Olympischen Spiele ist nationalistisch geprägt und der Charakter der Rituale gleicht in vielen Punkten der Formensprache des Nationalsozialismus. Diese ästhetischen Ähnlichkeiten machten eine direkte Zuordnung der verschiedenen Inszenierungselemente für den Zuschauer schwierig. Becker konstatiert, dass es keine Quellen gebe, die belegen, dass Diem zielgerichtet eine Werbung für den Nationalsozialismus unterstützt habe. Er stellt allerdings fest, dass der Werbungseffekt für das nationalsozialistische Deutschland schon allein auf die hervorragende Organisation zurückzuführen sei, der Diem vorstand. Sowohl in der sportwissenschaftlichen Literatur, als auch von Seiten der Sportfunktionäre wurde stets auf die perfekte Durchführung der Berliner Spiele verwiesen. Das IOC sprach München 1972 die Spiele, unter anderem sogar mit dem Verweis auf die deutsche Organisationskraft 1936 zu. Die unterschiedliche Deutung der "Nazi-Olympiade" (Richard Mandell) spiegelt auch die mehrdeutige Sichtweise auf die Rolle Diems wider.

Diese Vielschichtigkeit zeigt sich auch in dem unterschiedlichen Umgang mit der Erinnerung an Carl Diem. So sind nach ihm zahlreiche Straßen in der Bundesrepublik benannt worden. Auch in Sportlerkreisen wurden ihm posthum Ehren zu Teil. Becker schließt seine Biografie mit einer Stellungnahme zu dieser öffentlichen Debatte und gibt gleichzeitig eine Empfehlung für den Umgang mit der Erinnerung an die Person Diem. Er stellt fest, dass die Entscheidung über Änderungen der Namensgebung eine geschichtspolitische und moralische sei, die jeweils von den Betroffenen selbst entschieden werden müsste. Diese recht wage Empfehlung ist ohne Zweifel auf das ebenso divergierende Handeln von Diem zurückzuführen. Auch wenn der Leser das Bedürfnis hat, zum Schluss klare Worte zu hören. Ein klares ja oder nein gibt es von Becker nicht. Denn statt ein Schwarzweißbild zu bedienen, zeigt er vielmehr, dass die Einstellung Carl Diems zum Nationalsozialismus nicht klar umrissen war. Einen Königsweg im Umgang mit der Erinnerung an Carl Diem kann es daher nicht geben.


Frank Becker: Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Band III: NS-Zeit. Duisburg: Universitätsverlag Rhein-Ruhr, 2008. 339 S., broschiert, 19,90 Euro. ISBN 978-3-940251-42-8
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Inhaltsverzeichnis

(Band 3: NS-Zeit)

1. Der Kampf um die Neuordnung der deutschen Sportverwaltung im Frühjahr 1933

2. Die Auflösung des DRA

3. Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen

4. August 1936 – das Spektakel in Berlin

5. Auf der Suche nach neuen Aufgaben

6. Der Zweite Weltkrieg: Mittun, Distanz und Verstrickung
6.1. In den Diensten des Reichsbundes
6.2. Europäische Sportpolitik unterm Hakenkreuz
6.3. Forscher und Vortragsredner
6.4. In der "Schlacht um Berlin"

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

8. Stellungnahme zur öffentlichen Debatte um Carl Diem und Empfehlung für den Umgang mit der Erinnerung an seine Person

No Sure Path to the Pinnacle: The Life of Sports Administrator Carl Diem

As athletics is to competitive sports, so is biography to historical research: quite simply, the pinnacle. It is therefore fitting that historian Frank Becker has most recently dedicated himself to both. All told, Becker's is a multi-faceted work which examines Diem's personal and career evolution in conjunction with the dominant mentality of the times, which extend from the 19th century to the post-war era. The first volume released (chronologically, volume three of four) is devoted to the Nazi era and, above all, Carl Diem's stance on the regime.


© bei der Autorin und bei KULT_online